Die Aussprache des Deutschen unterrichten
Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus Phonetik im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, das gerade in 3. Auflage erschienen ist und in dem auf einige der grundlegenden Aspekte des Erwerbs der Phonetik eingegangen wird.
Kommunikative Sprachkompetenz verlangt eine Ausbildung [der] Grundfertigkeiten in den Kompetenzbereichen Linguistik, Soziolinguistik und Pragmatik. Obwohl die Aussprache im GeR 2020 als sogenannte phonologische Kompetenz lediglich dem Kompetenzbereich Linguistik zugeordnet ist, spielt sie in den anderen beiden Kompetenzbereichen (Soziolinguistik, Pragmatik) ebenfalls eine nicht geringe Rolle. Zur soziolinguistischen Kompetenz (darunter versteht der GeR 2020, (160) Kenntnisse und Fertigkeiten, die zur Bewältigung der sozialen Dimension des Sprachgebrauchs erforderlich sind) gehört zum Beispiel die situationsangemessene Verwendung einer höflichen Sprechweise. Auch die pragmatische Kompetenz (dazu zählen laut GeR 2020 (162) die Diskurskompetenz, die funktionale Kompetenz und die Schemakompetenz bzw. Textgestaltungskompetenz) bedingt die Berücksichtigung phonetischer Mittel. Diese Mittel spielen unter anderem eine große Rolle bei der Strukturierung von Gesprächsbeiträgen (Sprecherwechsel) oder wenn eine überzeugende Wirkung mittels passender Sprechweise erzielt werden soll (dazu vgl. auch Kap. 6.2.1).
Unter kommunikativer Sprachkompetenz versteht man die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man braucht, um in verschiedenen Situationen erfolgreich zu kommunizieren. Sie basiert somit auf erworbenen Fertigkeiten im Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben, die den Kompetenzbereichen Phonetik/Phonologie, Orthografie, Grammatik, Lexik (als sogenannte Säulen der kommunikativen Sprachkompetenz) zuzuordnen sind[.]
Grundlage für den Erwerb von Fertigkeiten sind wiederum spezielle Fähigkeiten (wie z. B. das Heraushören wichtiger phonologischer Merkmalskategorien oder die artikulatorische Umsetzung phonetischer Muster), über die Menschen entweder von Geburt an verfügen oder die sich durch äußere Einflüsse – z. B. durch Bewusstmachen und Üben – vermitteln und entwickeln lassen. Nötig ist hierbei die Vermittlung von Kenntnissen (= Wissen), z. B. zu Ausspracheregeln und zur Lautbildung, die den Erwerb von Fertigkeiten und Fähigkeiten unterstützen.
| Nachgefragt bei Prof. Dr. Ursula Hirschfeld und Prof. Dr. Kerstin Reinke | 27.04.2026 |
| „Wir plädieren dafür, Phonetik mit Grammatik- und Wortschatzarbeit zu verbinden, mit Lyrik und Musik, mit Bewegung, Spiel und Spaß“ | |
| Beim Fremdsprachenlernen stellt die korrekte Aussprache oft eine große Hürde dar – gerade, wenn Perfektion angestrebt wird. Wie können Lehrkräfte hier unterstützen? Wie korrekt muss die Aussprache wirklich sein, und was bedeutet hier korrekt? Über diese und weitere Aspekte der Aussprache, Phonetik und Phonologie im Deutsch als Fremdsprache-Unterricht haben wir mit Prof. Dr. Ursula Hirschfeld und Prof. Dr. Kerstin Reinke gesprochen. mehr … | |
[…] Das Hauptziel besteht somit in einer möglichst mühelosen Verständlichkeit bzw. Verstehbarkeit der Lernenden durch die Zuhörenden sowie darin, dass Lernende eigene Intentionen angemessen ausdrücken können. Besonders wichtig sind demzufolge interaktionale Aspekte der Kommunikation. Die Voraussetzung für eine gute Verständlichkeit wird in der Korrektheit (Grad der Präzision) sowie kommunikativen Angemessenheit der produzierten Laute und prosodischen Merkmale gesehen. Dabei wird der Einfluss diverser Ausgangssprachen als erkennbare Interferenz berücksichtigt und ggf. sogar als Ressource verstanden, die das Erkennen und Vergleichen bestimmter Ausspracheregularitäten ermöglicht (plurilingualer Ansatz). Eine wichtige Rolle wird den jeweils Zuhörenden bzw. Lehrenden als bewertende Instanzen zugemessen, von denen – je nach Niveaustufe – mehr oder weniger kompetente Unterstützung erwartet wird. Vorausgesetzt werden ausreichende fachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten der Bewertenden, damit sie eine möglichst objektive Bewertung der Ausspracheleistung überhaupt leisten können. Eine sogenannte akzentfreie Aussprache im Sinne einer muttersprachigen Norm ist offiziell nun kein Lernziel mehr. Dennoch spielt der „fremde Akzent“ als hörbarer Einfluss zuvor erworbener Sprachen immer noch eine große Rolle. Ein nicht mehr wahrnehmbarer „fremder Akzent“ wird sogar als höchstes erreichbares Lernziel auf der Sprachniveaustufe C2 angesehen (GeR 2020, 159): Skala zur Beherrschung der Phonologie allgemein). Insgesamt können die im GeR 2020 dargestellten Lernziele nun aber gegenüber dem GeR 2001 als realistischer bezeichnet werden.
[…] In der Fremdsprache laufen die in der Erstsprache entwickelten, hoch automatisierten Hör- und Sprachverarbeitungsprozesse zunächst gemäß der Erstsprache ab, so dass nicht darauf vertraut werden kann, dass die unbekannten segmentalen und suprasegmentalen Hörmuster sich völlig selbstständig entwickeln und festigen. Vielmehr ist es notwendig, sie – mit entsprechender methodisch-didaktischer Unterstützung – schrittweise aufzubauen. Um die perzeptiven Kompetenzen zu entwickeln, müssen regelmäßig und kontinuierlich ausgewählte Aspekte der Segmentalia und Suprasegmentalia gezielt bewusstgemacht werden. Das bedeutet, dass der perzeptive Fokus – meist in Verbindung mit der Entwicklung der produktiven Fertigkeiten – auf ausgewählte segmentale und suprasegmentale Formen gelegt wird (vgl. Kap. 7.1.2).
[…] Die Wirkungsproblematik muss insgesamt gezielt im Ausspracheunterricht berücksichtigt werden. Wirkungen sind ein Wahrnehmungsphänomen und sie werden permanent (meist unbewusst) auch durch auditiv empfangene Sprachsignale ausgelöst (vgl. Hirschfeld et al. 2010, 43 ff.). Lernende sollten also dafür sensibilisiert werden, wie Wirkungen gezielt hervorgerufen werden können (z. B. durch passende Akzentuierung in Äußerungen) und wie über Wirkung reflektiert werden kann. Eine Beschäftigung mit dieser Problematik kann wesentlich zur Verbesserung der Ausspracheleistung beitragen. Zudem wird damit der Erwerb der soziolinguistischen und pragmatischen Kompetenz stark unterstützt (vgl. Kap. 6.2).
| Zu den Autorinnen |
| Prof. Dr. Ursula Hirschfeld ist seit 1999 Professorin für Sprechwissenschaft mit dem Schwerpunkt Phonetik. Sie arbeitete bis 1998 am Herder-Institut der Universität Leipzig zunächst in der Forschungsabteilung, dann im Studiengang Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Forschungsschwerpunkte sind Phonologie und Phonetik des Deutschen, auch im Kontrast zu anderen Sprachen, die Entwicklung von Aussprachenormen in der deutschen Standardsprache und Phonetik in DaF/DaZ. Sie ist Autorin und Mitautorin von zahlreichen Publikationen zu diesen Themenbereichen. Prof. Dr. Kerstin Reinke ist Professorin für sprechwissenschaftliche Phonetik. Sie war von 1982 bis 2018 am Herder-Institut der Universität Leipzig im Studiengang Deutsch als Fremd- und Zweitsprache für den Fachbereich Phonetik/Phonologie/Rhetorik zuständig. Seit 2018 arbeitet sie freiberuflich ebenfalls im Fachbereich DaF/DaZ. Sie ist Autorin und Mitautorin zahlreicher Lehr- und Lernmaterialien mit dem Schwerpunkt‚ Phonetik in DaF und DaZ‘. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte im Bereich DaF/DaZ sind die Grundlagen der Phonetik/Phonologie, didaktisch-methodische Themen der Aussprachevermittlung, Phonetik aus sprachvergleichender Perspektive und Rhetorik unter interkulturellem Aspekt. |
| Phonetik im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache Dieses Lehrbuch wendet sich an Lehrende und Studierende von Deutsch als Fremd- und Zweitsprache in Deutschland und in aller Welt. Es behandelt in verständlicher, anschaulicher und anregender Darstellung für DaF/DaZ relevante Aspekte der Phonologie und Phonetik im Zusammenhang mit der Orthografie. Es informiert über den aktuellen Forschungsstand und vermittelt einen bibliographischen Überblick. |
Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache