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Nachgefragt bei: Jun-Prof. Dr. Caroline Emmelius und Dr. Balázs J. Nemes
Twitter weiterempfehlen  17.06.2019

Emmelius: „Mechthild, eine mulier religiosa des 13. Jahrhunderts“

ESV-Redaktion Philologie
Der Bibliothekskatalog der Erfurter Kartause, Beginn der Signaturengruppe I mit Visionsliteratur (Foto: Erfurt, BA, Hs. Hist. 6, fol. 118r); © Bistumsarchiv Erfurt
Immer wieder fordern Handschriftenfunde zum Überdenken vermeintlicher Gewissheiten und lieb gewordener Denkgewohnheiten zu Werken und Verfassern der mittelalterlichen Literatur heraus. Wir sprachen mit Jun.-Prof. Dr. Caroline Emmelius und Dr. Balázs J. Nemes über Mechthild (von Magdeburg).
Liebe Frau Emmelius, lieber Herr Nemes, wer war Mechthild und wo lebte sie?

Caroline Emmelius:
Tja, wenn wir das so genau wüssten! Mechthild war eine mulier religiosa des 13. Jahrhunderts, zunächst möglicherweise eine Begine – also eine religiös, aber nicht klausuriert lebende Frau. Als ältere Frau ist sie den Zisterzienserinnen in Helfta beigetreten, vermutlich eher als Laienschwester denn als Chorschwester. Der Helftaer Lebensabschnitt ist belegt, wo sie vorher gelebt hatte, ist hingegen nicht sicher. Magdeburg ist möglich, aber nicht zwingend.

Im Grenzsaum zwischen niederdeutschem und hochdeutschem Gebiet

In welcher Sprache und für wen schrieb Mechthild?

Caroline Emmelius: Die ältere Forschung hat – ausgehend von Überlegungen zum überlieferten Text, aber auch unter Einfluss der These, dass Mechthild in Magdeburg gelebt habe –, angenommen, die ‚originalen‘ Aufzeichnungen habe Mechthild in ihrer Muttersprache vorgenommen und diese sei Niederdeutsch gewesen. Niederdeutsche Textzeugnisse Mechthilds gibt es allerdings nicht. Auch die neueren Überlieferungszeugen aus dem mitteldeutschen Raum zeigen hauptsächlich mitteldeutschen Dialekt mit wenigen niederdeutschen Eigenheiten. Hier wird man davon ausgehen müssen, dass die Schreiber dieser Texte hochdeutsch schreibende niederdeutsche Muttersprachler waren – im Grenzsaum zwischen niederdeutschem und hochdeutschem Gebiet nichts Ungewöhnliches. Über die Sprache des „Fließenden Lichts“ und die seiner Autorin ist damit aber noch nichts Definitives ausgesagt. Auch hier bleiben Fragezeichen.

Balázs J. Nemes:
Die Hörer und Leser des „Fließenden Lichts der Gottheit“ können wir hingegen besser fassen. Mechthild definiert als Zielpublikum des Textes ‚geistliche Leute‘: also religiös lebende Laien ebenso wie Ordensleute und Kleriker, jeweils Männer wie Frauen. Die Rezeption des „Fließenden Lichts“ und seiner lateinischen Übersetzung, der „Lux divinitatis“, zeigt, dass das in etwa hinkommt: Während die lateinische Übersetzung vor allem bei den Dominikanern und Kartäusern kursiert, wird der volkssprachige Text sowohl von Nonnen als auch von religiös interessierten Laien der städtischen Oberschicht gelesen.

Handschriftenfunde: die ältesten Textzeugen des „Fließenden Lichts“

Im Jahr 2008 wurde ein neues Fragment von Mechthilds „Fließendem Licht der Gottheit“ gefunden. Wie wirkt(e) sich dieser Fund auf die Forschungslage aus?

Balázs J. Nemes:
Die Fragmente des „Fließenden Lichts“ in der Moskauer Handschrift (aus ehemals Halberstädter Beständen) zeigen erstmals die Rezeption des deutschen Textes in der Region seiner mutmaßlichen Entstehung. Zugleich sind sie die ältesten Textzeugen des „Fließenden Lichts“, sie führen fast bis an die Lebenszeit Mechthilds heran. Bis zu ihrer Auffindung und Identifizierung gab es nur die oberdeutsche Überlieferung des Textes, ausgehend von einer Bearbeitung, die Mitte des 14. Jahrhunderts in Basel entstand.

Sie versprechen mit Ihrem Band eine Neubewertung der bislang als gültig angesehenen Fakten zu Mechthild und dem „Fließenden Licht“. Was fassen sie darunter?

Caroline Emmelius:
Der Band stellt Mechthild und ihren Text sehr stark in den Kontext des Klosters Helfta und seiner Literatur, weil die Zeit in Helfta zu den wenigen verbürgten Nachrichten über Mechthild gehört. Die Beiträge versuchen diesen Kontext näher auszuleuchten: historisch, sozial, über die regionale Verbreitung der Helftaer Texte und die Beziehungen, die sich zwischen dem volkssprachigen „Fließenden Licht“ und den lateinischen Texten der Helftaer Nonnen ausmachen lassen. Hier ergeben sich viele neue Einsichten.

Der Band ist in vier große Sektionen unterteilt. Welchen Themen und Fragestellungen widmen sich diese Großkapitel?

Balázs J. Nemes: Der Band führt ordensgeschichtliche, kodikologische, literatur- und sprachwissenschaftliche Überlegungen zum „Fließenden Licht“ und den lateinischen Helftaer Revelationstexten zusammen. Das bilden die vier Sektionen ab: Sie beschäftigen sich mit den sozialen und geistlichen Netzwerken, in die das Kloster Helfta und seine Akteure eingebunden sind (I), mit der Rezeption der Mechthildschen Texte und der Helftaer Literatur im md. Raum (III), mit Fragen zur genaueren literaturgeschichtlichen Bestimmung und Einbindung des „Fließenden Lichts“ (II) und nicht zuletzt mit der Sprache seiner Überlieferungszeugen (IV). Wir hoffen, damit einen aktuellen Forschungsstand und Anknüpfungspunkte für weitere Forschung zu bieten.

Die HerausgeberInnen

Jun.-Prof. Dr. Caroline Emmelius arbeitet am Institut für Germanistik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie forscht u. a. zu Stimmlichkeit und Klangsemantiken in mystischen Offenbarungen und Visionen des späten Mittelalters, insbesondere zu Mechthilds „Fließendem Licht der Gottheit“ und zu den Helftaer Revelationstexten.

Dr. Balázs J. Nemes ist akademischer Rat am Deutschen Seminar der Universität Freiburg. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der mittelalterlichen (Frauen-)Mystik. Er ist Leiter eines Projektes zur Mystikrezeption in der Erfurter Kartause am Ende des 15. Jahrhunderts und Mitherausgeber der in Vorbereitung befindlichen Neuedition der lateinischen Übersetzung des „Fließenden Lichts“.

Mechthild und das „Fließende Licht der Gottheit“ im Kontext

Herausgegeben von Jun.-Prof. Dr. Caroline Emmelius und Dr. Balázs J. Nemes

Mit Beiträgen von Wolfgang Beck, Alexandra Belkind, Matthias Eifler, Caroline Emmelius, Natalija Ganina, Claire Taylor Jones, Robert E. Lerner, Sandra Linden, Almuth Märker, Balázs J. Nemes, Cornelia Oefelein, Catherine Squires, Almut Suerbaum, Jörg Voigt

Über die Umstände von Entstehung und Rezeption eines der wichtigsten Texte der deutschen Mystik, Mechthilds „Fließendes Licht der Gottheit“ und seine lateinische Übersetzung, gab es bislang vor allem Mutmaßungen und Legendenbildungen. Diese waren insbesondere der schwierigen Überlieferung der beiden Fassungen geschuldet. Neuere Handschriftenfunde der letzten Jahre erlauben inzwischen präzisere Verortungen der beiden Texte und der Verfasserin Mechthild (von Magdeburg) im mitteldeutschen Raum. Der Band setzt hier an: Er leistet zum einen eine kritische Sichtung der gängigen Narrative, zum anderen bietet er aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven Ansätze zur Korrektur bisher gültiger Annahmen. Diese betreffen u.a. Mechthilds Status als (Laien-)Schwester im Kloster, die adligen und geistlichen Netzwerke, in denen das Kloster Helfta im 13. Jahrhundert steht; sie betreffen die intertextuellen Bezüge zwischen dem „Fließenden Licht“ und der zeitgenössischen geistlichen und weltlichen Literatur, den Sprachstand des „Fließenden Lichts“ sowie die spätmittelalterliche Rezeption der Helftaer Texte in mitteldeutschen Klöstern. Der Band stellt das „Fließende Licht“ und seine Rezeption damit erstmals in den Mittelpunkt der interdisziplinären Forschungsdiskussion.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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