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Ein „Bildmoment“ der Wiedervereinigung an der Berliner East Side Gallery (Foto: Pixabay – betexion).
Auszug aus: Bildmomente der Erinnerung an 1989/90

Erinnerung an 1989/90: Mangelwirtschaft und massive Ostalgie

ESV-Redaktion Philologie
11.08.2020
Nach dem Mauerfall-Jubiläum 2019 jährt sich am 3. Oktober 2020 nun auch die Wiedervereinigung zum 30. Mal: ein guter Anlass, um zurückzublicken und zu fragen, welche Veränderungen dieser historische Meilenstein mit sich gebracht hat. Nicht nur an soziologischen Daten und Fakten lässt sich die Wiedervereinigung ablesen, sondern auch an der deutschen Literatur, in welcher die Ereignisse 1989/90 vielfach aufgegriffen, angerissen oder auch parodiert werden.
Angesichts dieser vielfältigen Bezugnahmen stellt sich die Frage: Welche Bilder bleiben letztlich in Erinnerung? Dieser Frage geht Prof. Dr. Volker Wehdeking in seinem jüngsten Buch „Bildmomente der Erinnerung an 1989/90“ nach. Dabei blickt er zurück bis zu DDR-Schriftsteller*innen wie Wolf Biermann und Christa Wolf, berücksichtigt aber auch aktuelle Neuerscheinungen von Ingo Schulze und Lutz Seiler. Für einen ersten Eindruck können Sie hier einen Auszug lesen, der dem Kapitel zu Seilers Roman „Stern 111“ entnommen ist:


Der aus Ostthüringen (Culmitzsch, später Gera) stammende Seiler war Germanistik-Student in Halle und arbeitete nach 1990 einige Jahre als Kellner in Berlin, Erfahrungen, die in den neuen Roman Stern 111 einfließen. Der 1963 geborene Autor begann als Lyriker und mit Kurzprosa, erhielt 2007 für die Erzählung „Turksib“ den Ingeborg-Bachmann-Preis und erlebt seit seinem Roman-Debüt mit Kruso (2014, vgl. Kap. 4.3) einen steilen Aufstieg in der Leserwahrnehmung, verwöhnt auch mit Literaturpreisen und im Feuilleton.

Der Titel des Romans, Stern 111, bezieht sich auf ein DDR-Transistorradio von 1964 und auf den Stern von Bill Haley im Walk of Fame in Los Angeles, der im Roman als Sehnsuchtsort der Eltern der Bischoff-Familie aus Gera fungiert. Mit Stern 111 setzt Seiler den Hiddensee-Roman [Kruso, 2014] fort, der im Sommer 1989 auf der Insel spielt. Die beiden Hauptfiguren Edgar und Kruso tauchen nun im underground von Prenzlauer Berg wieder auf, während des anarchischen Umbruchs im Winter 1989/90 in den Kellern instandbesetzter Häuser an der Rykestraße und begleitet von russischen Generälen. Als die Generäle Berlin am 31. August 1994 nach einer Abschiedsparade für immer verlassen, endet auch der Roman. Der in geschichtlichen Dingen und in Bezug auf die Artefakte der Ostberliner Mauerfall-Zeit sehr genaue Schriftsteller notiert den historischen Moment der abziehenden russischen Besatzer mit dem Text eines Liedes von Gennadi Luschetzki: „Wir ziehen ab, doch unsre Lieder werden bleiben / Die Pflicht erfüllt! Leb wohl, Berlin! / Unsre Herzen heimwärts ziehn“ (S, 517).

Die Hauptfigur Carl Bischoff gerät in diese düstere Kellerlandschaft Berlins, als ihn die Eltern für einen Umzug in den Westen verlassen. „‚Unsere Eltern sollen es einmal besser haben.‘ Etwas stimmte nicht mit diesem Satz“ (S, 31). Carl fährt die Eltern zum Grenzübergang in Herleshausen. Ab jetzt, und als er Gera verlassen hat, leben die Eltern in der Illusion, Carl hüte die Wohnung in Gera. Tatsächlich hat der Sohn Carl, Mitte zwanzig, keine Lust, als Statthalter und Nachhut den Wohnsitz in Gera, wo auch seine geliebte Freundin und Kunststudentin Effi lebt, beizubehalten; er geht nach Ostberlin. Dorthin lässt er fortan die Telegramme, Briefe und Karten seiner Eltern über eine befreundete Postangestellte weiterleiten. […]

Im Kellergewölbe der „Assel“, so genannt nach dem zahlreichen Ungeziefer der neuen Behausung in Prenzlauer Berg, wo der Sohn mit einem Dutzend Mitbewohnern, „Das kluge Rudel“ genannt, und einem Oberhirten, „Hoffi“, im kalten Winter Schutz und Aufnahme findet, leben sie alle wie im „U-Boot“ (S, 123). Carl wird mit seinem Pkw „Shiguli“ (einer Art in Sibirien gefertigtem „Fiat“) zum illegalen Taxichauffeur, und als gelernter Maurer ist er der Gruppe von Guerillakämpfern um leerstehende Häuser willkommen. Man verwandelt im Frühjahr 1990 die „Assel“ in eine Keller-Kneipe, und die Ziege „Dodo“ hilft als geliebtes Haustier der in düsterem Glanz geschilderten Staub- und Drecklandschaft mit ihrer Milch der Gruppe bei der Ernährung.

Nachgefragt bei Prof. Dr. Wehdeking 24.07.2020
Prof. Dr. Wehdeking über „frische Bilder für die kulturelle Erinnerung“
Die Wiedervereinigung von DDR und BRD jährt sich 2020 zum dreißigsten Mal. Pünktlich zu diesem für die deutsche Geschichte bedeutsamen Jubiläum erscheint Prof. Dr. Volker Wehdekings Buch „Bildmomente der Erinnerung an 1989. Das Narrativ der Friedlichen Revolution in Post-DDR-Prosa, -Lyrik und -Film“ im Erich Schmidt Verlag. Darin betrachtet er mediale Verarbeitungen der Wende, von kritischen Stimmen in der DDR über Mauerfall und Wiedervereinigung bis hin zu den Auswirkungen in die gesellschaftliche Gegenwart hinein. mehr …

Carl holt seine Geraer Freundin Effi nach, die einen kleinen Jungen mitbringt, verliert sie aber an einen Poetenfreund und resigniert, als sie im Sommer 1990 nach Kreta abdriftet. In einer rührenden Szene wird die Ziege Dodo 1994 in einen Tierpark verabschiedet. Der ‚Hirte‘ Hoffi ist vom Dach gefallen und stirbt, gänzlich abgemagert. Carl darf in der „Assel“ Kellner bleiben und erhält einen vorübergehenden Wohnvertrag. […] Carl will Schriftsteller, lieber noch Dichter werden und feilt an seinen zwanzig Gedichten mit experimentellem Et-Zeichen.

Als Kruso, genannt der „Commandante“, einen Leitfaden für den Treppenkampf gegen die anstehende rasante Renovierung des Berliner Viertels an die anarchische Gruppe übergibt, bei der es um „Wurfmaterial“ und „ausgehängte Fensterflügel“ geht (S, 244), beweist Carl sein poetisches Talent:

Die riesenhaften Flügel“, dachte Carl, das war Baudelaire, nein, eigentlich George. Plötzlich schmerzte ihn das Bild des zu Boden taumelnden Fensterflügels. Er hatte das Gedicht vom Albatros lange nicht begriffen. Anders gesagt: Das Gleichnis hatte ihn verstimmt. Es war so plump wie der Vogel und trotzdem schrecklich. Er war kein Albatros und würde es nie sein. Er war auch keiner der Matrosen, die den Vogel quälten, er hasste sie. Er war kein Dichter, und er war kein Maurer. Er war jetzt Kellner einer Untergrundkneipe, in einem Haus, das beschützt werden musste, mit taumelnden Flügeln: „Wenn ihr sie flach werft, segeln sie taumelnd durch die Luft“. Die Verteidigung des Hauses hatte seine Zerstörung zur Folge. […] Was war ein Haus? Ein großes versteinertes Schiff, mit dem man reden konnte. (S, 244)

Dennoch ist Seiler, bei aller Präzision, mit der er die DDR-Produktpalette der anhaltenden Mangelwirtschaft in diesem Roman erinnert und mit der er noch einmal massiv Ostalgie übt, nicht ohne Nüchternheit, wenn er politisch summiert, Carls Gruppe als „Freie Republik Utopia“ und deren „Autonome-Aktion“ habe bei den Kommunalwahlen „sagenhafte 0,1 Prozent erzielt“, also „2890 Stimmen“ (S, 236). Die Themen und Motive dieses farbenreich geschilderten Übergangs nach der Friedlichen Revolution verschweigen nicht den Preis für eine solche prekäre Kellerexistenz. […]

Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass die Lektüreerfahrung des ersten Romandrittels, beständig unter Ungeziefer in der Dunkelheit und Kälte, üblen Gerüchen und mit Bildern von düsterem Glanz, den Leser*innen einiges abverlangt. Wo im Hiddensee-Roman die Meeresbilder leuchten, sind die schwarzen Bilder nicht nur magisch, sondern eher deprimierend, und die skurrilen Gestalten in diesem zweiten Teil eines Gesamtkunstwerks gewöhnungsbedürftig. Ein letzter Besuch Berlins durch Carl, in einer Art Epilog im Mai 2009, zeitigt für den aus Los Angeles Zurückgekehrten das Bild abrissbereiter, halbdunkler Räume. Er legt ein Ohr ans Tor an der Belforter Straße und hört das „unterirdische Meer“ (S, 507).

Die Sigle S bezeichnet Lutz Seilers Roman „Stern 111“ (Berlin 2020).


Haben wir Ihr Interesse geweckt? Mehr über die Nachwende-Literatur und Lutz Seilers Romane erfahren Sie in Volker Wehdekings Band „Bildmomente der Erinnerung an 1989“.

Zum Autor
Dr. Volker Wehdeking ist emeritierter Professor für Literaturwissenschaft und Medien an der Hochschule der Medien Stuttgart. Seine Veröffentlichungen und Forschungsschwerpunkte liegen in der deutschen und US-Literatur seit 1945, vor allem zur Gruppe 47, zum Mauerfall und Umbruch danach, zur Mentalitätsgeschichte sowie zu Intermedialität und Film.

Bildmomente der Erinnerung an 1989
von Prof. Dr. Volker Wehdeking

Der Rückblick auf die Friedliche Revolution in Post-DDR-Prosa, -Lyrik und -Film erlaubt drei Dekaden nach dem Mauerfall ein erstes Resümee über das Narrativ dieser Epochenzäsur. Die Studie verbindet den visual turn unserer bildintensiven Gegenwart mit dem kulturellen Gedächtnis in Texten über den Umbruch 1989/90.

‚Magische‘ Bildmomente werden sowohl in der Lyrik als auch in der Erzählprosa und im Film herausgearbeitet, beispielsweise anhand von Volker Brauns und Kerstin Hensels Lyrik, von Uwe Tellkamps „Der Turm“ (2008), Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2011) sowie in Petzolds Film „Barbara“ (2012).

Daraus ergibt sich zum einen die Beobachtung, dass Elemente des Diktatur- und Identitätsnarrativs allmählich zu einer Synthese kommen. Zum anderen zeigt sich, dass jene Bilder, die zu verblassen drohen, aus ungewöhnlicher Perspektive wiederbelebt werden. An die Stelle von historisch ‚typischen‘ Protagonisten treten vermehrt originelle Individuen in ungewöhnlichen Familienkonstellationen. Ost- und West-Sicht nähern sich in der letzten Dekade zunehmend an, während die Leistung der Mitteldeutschen bei der Selbstbefreiung und der anschließenden Neuorientierung im Alltag deutlicher hervortritt.  

(LS/MD)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik