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Flucht führt zur Verfremdung des Alltags und der Suche nach einer neuen Identität (Foto: bettysphotos/stock.adobe.com)
Auszug aus: „Das Schicksal des Begehrens“

Exil damals – Flucht heute

ESV-Redaktion Philologie
24.06.2026
Anna Seghers‘ Roman „Transit“ erzählt von Menschen auf der Flucht vor Verfolgung, von Verlust, Fremdheit und der Suche nach einem neuen Leben.
Die literaturwissenschaftliche Studie zeigt, wie der Roman Flucht als tiefen Einschnitt in die eigene Biografie begreift, als Herausfallen aus vertrauten Lebenszusammenhängen. Gerade darin liegt seine anhaltende Aktualität: Die Erfahrung von Entwurzelung, Unsicherheit und Hoffnung prägt bis heute die Lebenswege von Millionen Menschen.
Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus dem Band „Das Schicksal des Begehrens“ von Dr. Ulrich Dronske. Es geht um das literarische Zusammenspiel zwischen Flucht, Identität und Liebe, das anhand von Anna Seghers‘ Roman „Transit“ behandelt wird.

„Es ist vielleicht an der Zeit angesichts der andauernden Flüchtlingskrise, die keine von Flüchtlingen ausgelösten Krise ist, sondern eine der diffundierenden politischen, ökonomischen und/oder ökologischen Systeme sowie der gegen die Flüchtlinge sich wappnenden kapitalistischen Metropolen, es ist vielleicht an der Zeit, sich an literarische Texte zu erinnern, die Vertreibung, Flucht, Exil thematisieren, und zwar aus der Sicht der Vertriebenen, Flüchtenden, Exilierten selbst und nicht aus der Perspektive derer, die den eigenen Nationalstaat, das eigene Terrain, die eigene Kultur, den eigenen Wohlstand gegen die angeblich bedrohlich anströmenden, von Elend und/oder Tod Bedrohten verteidigen. Diese angesichts der nach Europa fliehenden Fremden sich einstellende neue Homogenisierungssehnsucht in den Staaten der EU und darüber hinaus, dieser um sich greifende (Kultur-)Rassismus, der auf dem alten Kontinent den Inländer zumindest vor dem islamischen oder schwarzafrikanischen Ausländer zu bewahren sucht, diese tödliche Abwehr der abertausenden Rettung Suchenden, die auf der Flucht durch die Sahara oder übers Mittelmeer oder in den Lagern nordafrikanischer Staaten elendiglich zugrunde gehen, all das geht zumindest in Deutschland einher mit der Verdrängung der Erinnerung an jene wie auch immer stigmatisierten Opfer aus dem eigenen Staatsvolk, die in den Gefängnissen, den Lagern, den KZs und auf den Schlachtfeldern niedergemacht oder angesichts der selektiven Prozeduren der Aufnahmeländer bei der Flucht selbst vernichtet wurden: die Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Zwangsarbeiter, Behinderten und Antifaschisten aller Couleur. Anna Seghers’ Roman Transit verdeutlicht in einem Kaleidoskop absurder und/oder tödlicher Exilschicksale die Perversionen des gegen die Flüchtlinge etablierten Reglements. Schon dies macht diesen Roman so wertvoll für die heutigen Leserinnen und Leser.

[…] 

Nachgefragt bei Dr. Ulrich Dronske 22.06.2026
„Ein magisch-mythisch aufgeladener Erzählraum, der auf Liebe zentriert ist, in der Abenteuer, Tod und Begehren miteinander verschmelzen“
Unter Exilliteratur fassen wir Werke von Autorinnen und Autoren, die aufgrund politischer, religiöser oder rassistischer Verfolgung gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und im Ausland zu leben. Zentrale Themen sind Flucht, Identitätssuche, und Heimatverlust. Es sind Themen, die heute wieder sehr aktuell sind. mehr …

2.1 Exterritorialität

Die Flucht selbst ist definiert durch ein erzwungenes und von Gefahren begleitetes Austreten aus einem vertrauten Alltag, die Flucht vor dem Dritten Reich geschieht zumeist durch das Verlassen der Heimat mitsamt den damit gegebenen geografischen, kulturellen, sprachlichen und sozialen Verschiebungen. Die Flucht wie das Exil liegen deshalb strukturell außerhalb eines in seinen Ereignis- und Erlebnisketten sich haltenden Lebensstromes. Sie markiert einen massiven Einschnitt in die bisherige Lebenspraxis, ihren vorerst definitiven Zusammenbruch. Sie ist nicht nur im fremden Frankreich entschiedene Fremdheit, sie erscheint nicht nur fernab der Heimat als ein unversöhntes Außen. Die Flucht ist fremd und äußerlich in dem Maße, wie sie das in den bisherigen Erlebnissen und Aktivitäten gewordene Eigene und Innere suspendiert, weil sie für die Bewältigung der neuen Erfahrungen unverbindlich geworden sind. Das macht die Fluchtorte des Romans strukturell zu Orten, die denen des Abenteuers analog sind, nämlich zu Exklaven im eigenen Leben. Marseille eignet sich hierzu in besonderem Maße, weil diese Stadt gleichsam über den Rand der alten Welt auf einen anderen Kontinent hinausgeschoben, also eine exotische Exklave auf dem europäischen Festland zu sein scheint, wenn sie auf den Erzähler bei der ersten Begegnung „so kahl und so weiß wie eine afrikanische Stadt“ (T, 41) wirkt. Hinzu kommt bezogen auf die südfranzösische Metropole der rein transitäre Charakter dieses Fluchtpunkts, der ihn von einem gesicherten Exil unterscheidet. Das fiktive Marseille des Romans als Zwischenstation vieler Fluchtrouten, als Knotenpunkt, als Verteilerstation, die durchlaufen werden muss, um das nächste oder das definitive Fluchtziel zu erreichen, ist ein von der Flucht und auf die Flucht zugeschnittener gefährlicher Ort, der in dem aufs offene Meer verweisenden Hafen sein narratives Zentrum besitzt und in Transit zusammen mit den von Fliehenden bevölkerten Bars, Restaurants, Pizzerien, Cafés, mit den für den Aufenthalt zuständigen Behörden und für die Visa relevanten Konsulaten seine reduzierte Topografie findet. Dies führt zu einem sozial und geografisch eng umgrenzten Flucht-Raum, der gegenüber der einheimischen Marseiller Bevölkerung, ihrem Alltag und ihrer Arbeitswelt weitgehend abgeschottet und auf eine eigene von Bürokratie und Repression zusammengezwungene Flüchtlingswelt eingedampft ist. Im Marseille der Exilierten hat folglich die Normalität und Alltäglichkeit der in derselben Stadt lebenden Einheimischen einen marginalen Status, d. h. die Normalität und Alltäglichkeit der Marseiller bilden inmitten des von ihnen beherrschten Stadtalltags für den Exilierten ein verdrängtes, unbekanntes Außen. Dies zeigt sich beispielhaft an einer Stadtwahrnehmung des Ich-Erzählers, die sich bei ihm kurz vor seiner letzten Begegnung mit Marie einstellt:

[…] dann lief ich über den Belsunce. Die Netze waren zum Trocknen gelegt. Ein paar Frauen, die ganz verloren aussahen auf dem riesigen Platz, flickten an den Netzen. Das hatte ich noch nie gesehen. Um das zu sehen, worauf es ankommt, muss man bleiben wollen. (T, 270)

Erst für den Bleiben-Wollenden wird das für den Exilort Essentielle, dessen gesellschaftliche Normalität sichtbar. In diesem Sinne vollzieht die transitäre Situation, d. h. das Abenteuer in Permanenz, eine doppelte Exterritorialisierung: die Veräußerlichung des eigenen Lebenszusammenhangs und die Auslöschung der fremden gesellschaftlichen Normalität am Fluchtort, die als ausgeblendete den Abenteurer gleichwohl direkt und überall umgibt.“

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Zum Autor
Dr. Ulrich Dronske war Herausgeber der Zeitschrift Begegnung und hat an Deutsche Schulen im Ausland gearbeitet. Er war korrespondierendes Mitglied im Herausgeberkreis von Fremdsprache Deutsch, hatte zahlreiche Publikationen zu Döblin, Schnitzler, Horváth sowie vor allem zur österreichischen und kroatischen Gegenwartsliteratur und literaturwissenschaftliche und literarische Texte aus dem Kroatischen ins Deutsche übersetzt. Zur Zeit ist er pensionierter Regierungsschuldirektor.


Das Schicksal des Begehrens
Zu Anna Seghers’ Roman „Transit“ mit zwei Nachträgen zu „Überfahrt“ und zu „Aufstand der Fischer von St. Barbara“

Von Ulrich Dronske


Anna Seghers hat ‚Transit‘ selbst als „Liebes- und Abenteuergeschichte“ bezeichnet. Davon ist in den Texten über ‚Transit‘ nur selten die Rede. ‚Liebe‘ und ‚Abenteuer‘ aber stehen im Zentrum dieses Buches, sie sind mit ihren dynamischen, grandiosen und magisch-mythischen Anteilen in den Begriff des Begehrens eingebunden. Die hier praktizierte Lektüre macht deutlich, dass die am Romanende sich einstellende Vision einer das Begehren ausgrenzenden solidarischen Gemeinschaft bereits durch die radikale Formung des Erzählvorgangs dekonstruiert wird. Sie plädiert deshalb für ein offenes Verständnis des Seghers’schen Exilwerks, in dem das Verhältnis von Begehren und Solidarität neu auszutarieren wäre. Dies gilt in je unterschiedlicher Weise auch für ‚Überfahrt‘ und ‚Aufstand der Fischer von St. Barbara‘.
Die Lektüre dieser Texte greift auf theoretische Aussagen von Simmel (zum Abenteuer), von Lacan (zum Begehren) und von Girard (im Zusammenhang mit der Figur des Dritten) zurück. Dadurch soll der Blick für die im Text sich ausgestaltenden Subjektkonstellationen geschärft werden, ohne diese zu pathologisieren.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik