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Fachsprache muss präzise sein – so beugt man Missverständnissen vor. (Foto: Elnur – stock.adobe.com)

Fachsprachenunterricht für Fremdsprachler

ESV-Redaktion Philologie
14.01.2020
Buon giorno! The topic of today’s lecture will be die Vermittlung von Kenntnissen einer fremdsprachlichen Fachsprache. – Kommunikation ist komplex, schon in der eigenen Erstsprache. Wie kann man dann Berufstätigen, Schülern und Schülerinnen sowie Studierenden effektiv die Fachsprache einer Fremdsprache beibringen?
Mehrsprachigkeit und Internationalität sind nicht erst seit dem 20. Jahrhundert Teil des menschlichen Zusammenlebens, auch wenn sich beide Prozesse in den letzten Jahren in ihrer Intensität und Vielfältigkeit gesteigert haben. In der Theorie können wir überall auf der Welt leben und arbeiten, doch damit solche Vorstellungen nicht an den Bedingungen der Realität scheitern, ist es notwendig, die Fachsprache des jeweiligen Berufes und Landes zu beherrschen. Professor Dr. Thorsten Roelcke legt nun mit der 4., neu bearbeiteten und wesentlich erweiterten Auflage des Bandes „Fachsprachen“ (GrG 37) unter anderem methodische Ansätze vor, wie die Vermittlung einer fachlichen Fremdsprache erfolgreich gelingen kann. Lesen Sie dazu einen Auszug aus dem Buch. 

Wozu fremde Fachsprachen?

Die Aneignung einer fremden Sprache folgt oftmals spezifischen Anforderungen in Ausbildung und Beruf. Wichtige Beispiele für den Erwerb von fachlichen Fremdsprachen und ihrer entsprechenden Anwendungsfelder sind beispielsweise die folgenden (vgl. Kniffka/Roelcke 2016b, 83):
  • Studierende und Berufstätige der ganzen Welt erwerben eine Fremdsprache, um außerhalb ihres Heimatlandes ein Studium zu absolvieren oder eine Arbeitsstelle anzutreten; neben oder statt der internationalen Lingua franca Englisch kann dies jeweils auch die Verkehrssprache des betreffenden Landes sein.
  • In zahlreichen postkolonialen Gesellschaften sind das Englische oder das Französische noch immer Verwaltungs- und Bildungssprache; in manchen afrikanischen oder asiatischen Ländern bildet eine Zweitsprache das Medium, in dem der fachliche Unterricht in den höheren Schulen oder an den Universitäten erteilt wird. [...]
  • Länder, die einen hohen Anteil an Migranten zeigen (so zum Beispiel Australien oder Kanada, in jüngerer Zeit aber auch Deutschland) stehen vor der Aufgabe, Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund in der Sprache der Mehrheit zu beschulen; hierbei bildet eine Zweitsprache das Fundament des Lehrens und Lernens. [...]
In diesem Abschnitt (Kap. 7.4) werden zunächst einige wesentliche Aspekte der Didaktik des fachsprachlichen Unterrichts in einer Fremdsprache erörtert […]. Der fremdsprachliche Fachsprachenunterricht richtet sich ursprünglich an (mehr oder weniger stark spezialisierte) Experten im Bereich der Erwachsenenbildung; doch ist (wie diese Beispiele zeigen) fremd- bzw. zweitsprachlicher Fachsprachenunterricht für Laien inzwischen auch von wachsender Bedeutung. Der fremdsprachliche Fachsprachenunterricht für Experten findet in aller Regel nicht an allgemeinbildenden Schulen, sondern an Universitäten oder weiterbildenden Institutionen statt. Die Ziele der fremdsprachlichen Fachsprachenausbildung bestehen dabei in der Herstellung oder Verbesserung der Rezeptions- und Produktionskompetenz in der betreffenden Fachsprache in Wort und Schrift. Der Abbau von Kommunikationsbarrieren ist hier ebenfalls zu den Ausbildungszielen zu rechnen, da eine mangelnde Kompetenz fachlicher Fremdsprachen (insbesondere des international dominierenden Englischen) die Bereitschaft zur Teilnahme an internationalen Tagungen oder zur Mitarbeit in internationalen Projekten sinken lässt. Der fremdsprachliche Fachsprachenunterricht für Experten hat der Sache nach zwei verschiedenen Anforderungskomplexen zu genügen: Zum einen demjenigen des Fach- und zum anderen demjenigen des Fremdsprachenunterrichts, wobei die fremdsprachlichen Vorkenntnisse des Lernenden zu berücksichtigen sind.

Die Anforderungen an den Fachsprachenunterricht für Fremdsprachler mit Sprachvorkenntnissen sind hierbei prinzipiell mit denjenigen an den Fachsprachenunterricht für Erstsprachler zu vergleichen. Da bei dem Lernenden Kenntnis und Kompetenz der betreffenden Allgemeinsprache vorausgesetzt werden können, setzt diese Form der fremdsprachlichen Fachsprachenausbildung wie die erstsprachliche Fachsprachenausbildung mehr oder weniger unmittelbar an der fachsprachlichen Kommunikation selbst an und hat deren Besonderheiten Rechnung zu tragen. Sie baut ebenfalls auf den inhaltlichen und methodischen Grundlagen des allgemeinen Fachsprachenunterrichts auf, wobei dieser unter Umständen in der betreffenden Erst- und nicht in der Fremdsprache erfolgen mag. In einem weiteren Schritt kommen dann spezifische Schulungen zur Semantik, Grammatik und Pragmatik auf der lexikalischen, syntaktischen und textuellen Ebene in der entsprechenden fachlichen Fremdsprache selbst hinzu. Diese Vorgehensweise wird jedoch mit abnehmenden sprachlichen Vorkenntnissen der Lernenden zunehmend problematisch, sodass an den Unterricht ohne solche Vorkenntnisse gesonderte Anforderungen zu stellen sind.

Nachgefragt bei: Dr. Gianluca Cosentino 24.05.2019
Cosentino: „Muttersprachliche Intonationsmuster werden übertragen“
Im modernen Fremdsprachenunterricht wird viel Wert auf die Aussprache der Wörter gelegt: Wir wollen korrekt verstanden werden. Vernachlässigt wird dabei oft die Prosodie. Über Satzmelodie, Tempo, Pausen und Akzente sprachen wir mit Dr. Gianluca Cosentino. mehr …

Fremdsprachler ohne Sprachvorkenntnisse

Diese Anforderungen an den Fachsprachenunterricht für Fremdsprachler ohne Sprachvorkenntnisse richten sich zunächst einmal an den Erwerb der fremdsprachlichen Kenntnis und Kompetenz selbst. Hierbei sind wiederum zwei verschiedenartige Wege denkbar. Der erste dieser Wege besteht darin, zunächst eine umfassende Ausbildung im allgemeinsprachlichen Bereich der betreffenden Fremdsprache zu gewährleisten, um hieran anschließend eine spezielle Ausbildung im fachsprachlichen Bereich vornehmen zu können. Diese Spezialausbildung umfasst dann die fachsprachlichen Besonderheiten der betreffenden Fremdsprache im Allgemeinen sowie diejenigen innerhalb des einzelnen Fachbereiches im Besonderen. Hierbei ist eine kontrastive Unterrichtsmethode denkbar, die zum einen Vergleiche zwischen fremdsprachlicher Allgemein- und Fachsprache und zum anderen solche zwischen fremd- und erstsprachlicher Fachsprache zieht. So wünschenswert eine solche Ausbildung auch erscheinen mag: Sie erweist sich jedoch als derart zeit- und kostenaufwendig, dass sie vornehmlich solchen Berufsgruppen vorbehalten bleibt, deren Tätigkeit mehr dem fachsprachlichen und weniger dem fachsachlichen Bereich gilt und somit eine möglichst breit fundierte sprachliche Ausbildung erfordert; dies gilt zum Beispiel für Terminologen oder für Übersetzende und Dolmetschende. Im Falle anderer Berufsgruppen ist eine andere Art der Ausbildung erforderlich.

Dieser zweite Weg eines Fachsprachenunterrichtes für Fremdsprachler ohne Sprachvorkenntnisse setzt auf die Vermittlung einer Auswahl fachsprachlich relevanter fremdsprachlicher Erscheinungen. Diese Auswahl bilden all diejenigen Besonderheiten, die in der betreffenden fremdsprachlichen Fachsprache eine hohe Vorkommenshäufigkeit aufweisen oder eine große Bedeutung haben. Die Grundidee einer solchen auswahlorientierten fremdsprachlichen Fachsprachenausbildung besteht also darin, die Lernenden auf möglichst unmittelbarem Weg mit denjenigen sprachlichen Erscheinungen schnell vertraut zu machen, die innerhalb der Fachkommunikation der betreffenden Sprache von Bedeutung sind; die übrigen fremdsprachlichen Erscheinungen bleiben danach einem weiterführenden Fachsprachenstudium vorbehalten. Dieser selektive Ansatz der fachsprachlichen Ausbildung sollte weder von sprachwissenschaftlicher noch von sprachdidaktischer Seite her vorschnell abgeurteilt werden, steht hierbei doch das Ziel eines möglichst zeit- und kostengünstigen Erwerbs von Sprachkenntnissen im Vordergrund, mit denen eine möglichst unmissverständliche Fachkommunikation zu gewährleisten ist. Eine solche Rationalisierung des fachlichen Fremdsprachenerwerbs ist etwa im Falle von mehr oder weniger kurzfristigen wirtschaftlichen oder institutionellen Verhandlungen sowie bei nationalen wissenschaftlichen Projektplanungen mit internationaler Beteiligung von großer Bedeutung.

Der Autor
Professor Dr. Thorsten Roelcke ist Leiter des Fachgebiets und des Masterstudiengangs „Deutsch als Fremd- und Fachsprache“ sowie Wissenschaftlicher Leiter der „Zentraleinrichtung Moderne Sprachen“ (ZEMS) an der Technischen Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen fachlicher Kommunikation, Deutsch als Fremdsprache sowie Geschichte der deutschen Sprache.

Fachsprachen

Von Thorsten Roelcke

Die moderne Welt ist durch eine zunehmende Spezialisierung von Kenntnissen und Tätigkeiten geprägt. Diese Entwicklung schafft täglich neue Bedingungen und Herausforderungen für die Kommunikation in einzelnen fachlichen Bereichen wie im Alltag. Vor diesem Hintergrund führt der Band in die theoretischen und methodischen Grundlagen sowie in die empirischen Ergebnisse der älteren und jüngeren Erforschung fachsprachlicher Verständigung ein und regt zu einer selbständigen Beschäftigung mit diesem wichtigen Gebiet der angewandten Sprachwissenschaft an.

Das Buch umfasst systematische, pragmatische und historische Gesichtspunkte der deutschen Fachsprachen. Neben der begrifflichen Bestimmung und Gliederung von Fachsprachen und einem geschichtlichen Überblick geht es auch um deren Eigenschaften in Wortschatz und Grammatik sowie um die fachsprachliche Ausbildung in Schule und Beruf. Einige wissenschaftssprachliche Persiflagen, ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein umfangreiches Register runden diesen Band zu einer umfassenden Einführung in den sich zunehmend differenzierenden Bereich wissenschaftlicher und professioneller Verständigung ab. In der 4. Auflage wurden über Aktualisierungen und Korrekturen im gesamten Text hinaus insbesondere die Kapitel zur Theorie, zur Systematik und zur Didaktik von Fachsprachen überarbeitet und erweitert; diejenigen zur terminologischen Normung und zur Lexikographie wurden gekürzt und zusammengefasst.

 

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik