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Nachgefragt bei: Volker Frederking, Axel Krommer, Klaus Maiwald
Twitter weiterempfehlen  26.04.2018

Frederking: „Deutschunterricht war immer schon Medienunterricht“

ESV-Redaktion Philologie
Medien werden im Unterricht vielfältig genutzt (Foto: lev dolgachov/Fotolia.com)
Auch an der Schule geht der digitale Wandel nicht vorbei. Wie viele und welche Medien gehören in den Deutschunterricht? Daüber sprach die ESV-Redaktion mit den Autoren Klaus Maiwald, Volker Frederking und Axel Krommer.
Lieber Herr Frederking, lieber Herr Krommer, lieber Herr Maiwald, twittern Sie, haben Sie ein Netflix-Abo und besitzen Sie E-Book-Reader?

Klaus Maiwald: Auch wenn sich Vorstellungen darüber, was öffentlich und was privat ist, in der Medienkultur stark gewandelt haben: Für mich als älteren Menschen ist das Privatsache.

Volker Frederking: Ja, ich benutze einen Laptop, ein Tablet und ein Smartphone.

Axel Krommer:
Twitter ist ein wichtiges Werkzeug zur professionellen Vernetzung, das ich seit Jahren intensiv nutze. Netflix, iTunes und Amazon Prime Video haben bei mir schon lange das „klassische“ Fernsehen abgelöst und eBooks lese ich mit der Kindle-App auf dem iPad.

Maiwald: „Lesen, lesen, lesen”

Wie halten Sie selber sich als Wissenschaftler und Experten, aber auch als Privatpersonen auf dem aktuellen Stand im Bereich der Medien und ihrer Pädagogik und Didaktik?

Klaus Maiwald:
Lesen, lesen, lesen.

Volker Frederking: Über analoge und digitale Medien.

Axel Krommer:
Der Diskurs über Bildung unter Bedingungen der Digitalität wird inzwischen auch auf der universitären Ebene nicht mehr ausschließlich in Printform geführt, sondern hat sich sehr stark in die Social Media verlagert. Ich versuche, mir einen möglichst informativen Mix (algorithmisch) zusammenzustellen.

Warum ist die Mediendidaktik so ein wichtiger Teil in der Aus- und Weiterbildung von (Deutsch-)Lehrenden? Und wo sehen Sie diesbezüglich in den Curricula Verbesserungsbedarf?

Klaus Maiwald:
Sprache, Texte und Kommunikation haben sich in und mit Medien schon immer und stetig verändert – z. B. schon mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert. Dieser Wandel hat sich in den letzten 30 Jahren massiv erweitert und beschleunigt. Ein rein schrift- bzw. printorientierter Deutschunterricht verfehlt diesen Wandel, ist anachronistisch. Es wäre viel wichtiger für angehende Deutschlehrende, etwas über Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund, über Serialität oder über neue Formen literarischen Lebens wie z. B. Booktuber zu wissen, als etwas über Melancholie in der Literatur des 18. Jahrhunderts.

Volker Frederking: Neben den von Klaus Maiwald angedeuteten medienkulturgeschichtlichen Zusammenhängen ist es aus meiner Sicht wichtig, dass Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer erkennen, dass Deutschunterricht immer schon Medienunterricht war, weil gesprochene Sprache und Bücher ebenso Medien bzw. mediale Formen sind wie Hörtexte, Filme, Internetseiten oder SMS-Kommunikationen. Mit den digitalen Medien haben sich die Möglichkeiten wie die Herausforderungen im Vergleich zu den nicht-elektronischen Medien lediglich erheblich erweitert. Es geht somit nicht um die Frage, ob im Deutschunterricht Medien zum Einsatz kommen – denn das geschieht schon beim rein sprach- oder buchbasierten Lehren und Lernen – , sondern welche Medien sich zur Vermittlung eines konkreten fachlichen Gegenstandes in einer bestimmten Lehr-Lern-Situation jeweils am besten eignen. Das kann einmal das Heft sein, das andere Mal die Textverarbeitung als digitale Form des Schreibens.

Axel Krommer:
Ergänzen könnte man, dass die Curricula häufig noch sehr stark der Buchkultur verhaftet sind und dass der sinnvolle Einsatz digitaler Medien dadurch häufig erschwert wird.

Krommer: „Smartphones sind Kulturzugangsgeräte”

Warum sind Sie gegen ein Handy-Verbot an Schulen?

Klaus Maiwald:
Oha, die Möglichkeit, für ein solches Verbot zu sein, wird durch die Fragestellung bereits ausgeschlossen? Ein wenig suggestiv, oder? Doch im Ernst: In einer Zeit, in der fast alle Kinder- und Jugendliche permanent (!) online sind, ist die Verbannung von Smartphones vom Schulgelände natürlich absurd. Es wäre aber zunächst zu differenzieren, was außerhalb und was im Unterricht mit Smartphones passieren soll. Und dann wäre noch einmal für den Unterricht zu differenzieren: Es kann sehr sinnvoll sein, das Smartphone z. B. als Informations- und Kommunikationstool zu nutzen. Es kann aber genauso angebracht sein, z. B. bei einem literarischen Gespräch oder während eines Referats Smartphones auszuschalten und wegzupacken.

Volker Frederking: Ich stimme Klaus Maiwald völlig zu. Es kommt auf die Situation an. Im Unterricht kann die Nutzung von Smartphones die Möglichkeit eröffnen, im Netz kurz nach einer Information recherchieren zu lassen, die im Schulbuch nicht enthalten ist. Auch für kreatives Arbeiten lässt sich ein Handy wunderbar nutzen – um die szenische Interpretation eines Buchausschnittes zu filmen, eine Fotocollage dazu anzufertigen etc.

Axel Krommer: Smartphones sind Kulturzugangsgeräte. Wenn sie als solche genutzt werden, wäre es geradezu absurd, sie ausgerechnet in der Schule zu verbieten.

Die zweite Auflage Ihrer Mediendidaktik ist 2012 erschienen. Woran haben Sie für die dritte Auflage am meisten arbeiten müssen? Welche Themen und Kapitel mussten am stärksten aktualisiert werden?

Klaus Maiwald:
Bei den audiovisuellen Medien haben wir uns von dem Teilkapitel über Musikvideoclips getrennt, die in der Medienkultur nicht mehr die Rolle spielen, die sie einmal hatten. Ich denke, dass das Kapitel über digitale Medien den stärksten Aktualisierungsbedarf hatte.

Volker Frederking: Ja, dazu kann Axel Krommer, der das Kapitel überarbeitet hat, sicherlich noch ausführlicher etwas sagen. Ich selbst fand aber auch das Kapitel 5 über Gegenstand und Begründungskontexte der Mediendidaktik Deutsch herausfordernd. Hier ging es u. a. darum, die von der Kultusministerkonferenz geprägte Wendung von den digitalen Kompetenzen aus deutschdidaktischer Perspektive zu ergänzen. Denn es geht nicht nur um den Aufbau digitaler Kompetenzen, sondern auch und vor allem darum, dass Deutschlehrerinnen und -lehrer wissen und verstehen, welche Möglichkeiten sich ihnen bieten, fachliche Kompetenzen digital wie analog zu fördern. Mit der „Mediendidaktik Deutsch“ erschließt sich dafür der notwendige Reflexionsrahmen. Hier wird der kompetente Einsatz digitaler Medien als eine reflektierte Form medialen Lernens, medialen Kompetenzaufbaus und medialer Bildung erkennbar. Mediale Bildung ist zentral, weil es eben nicht genügt, digitale Medien bedienen zu können, sondern man muss auch in der Lage sein, die Chancen und Risiken ihrer Nutzung für sich und für andere abzuschätzen.

Axel Krommer:
Die Inhalte und Gegenstände im Kapitel über digitale Medien wandeln sich am schnellsten. Hier gerät dann auch das gedruckte Buch an seine Grenzen: Eine App oder eine Plattform, die noch aktuell ist, wenn man am Kapitel arbeitet, gibt es manchmal schon nicht mehr, wenn das Buch dann Monate später aus der Druckerpresse kommt.

Um einen Blick in die Zukunft zu wagen: Haben Sie eine Vorstellung davon, was sich in den nächsten Jahren in der Mediendidaktik tun wird? Werden die Schülerinnen und Schüler in 10 Jahren überhaupt noch Schulbücher lesen oder nur noch mit digitalen Medien unterrichtet werden?

Klaus Maiwald:
Heutige Schulbücher sind in Inhalten und Aufmachung ganz wunderbar im Vergleich mit denen, die ich als Schüler hatte. Ich denke jedoch, dass Schulbücher schon immer in weitaus größerem Umfang angeschafft als systematisch genutzt wurden. Gerade Deutschlehrende pflegen eine Kultur individueller Unterrichtsmaterialhaltung, die durch digitale Medien stark begünstigt wird, was an sich nicht schlecht ist. Das schwere analoge Schulbuch wird es m. E. in 10 bis 15 Jahren nicht mehr geben, schon heute gibt es Online-Ergänzungen. Weiterhin viel lesen müssen wird man aber auch in und mit digitalen Medien.

Volker Frederking: Da hat Klaus Maiwald wieder völlig Recht. Ich ergänze deshalb lediglich einige wenige Gedanken. Zum einen glaube ich, dass das taktile Moment dazu führen wird, dass Lesen und Schreiben auch in naher Zukunft teilweise noch in analoger Form stattfinden werden: Paradigmenwechsel brauchen ihre Zeit. Zum anderen bin ich aber auch davon überzeugt, dass die besonderen Chancen, die digitale Medien für das Lesen und Schreiben, das Interpretieren und kreative Gestalten bieten, dazu führen werden, dass Deutschunterricht in den nächsten zwei Jahrzehnten zunehmend auch unter Nutzung digitaler Medien stattfinden wird.

Frederking: „Ein gutes Gespräch wird weiterhin face-to-face erfolgen”

Gleichwohl: Ein gutes Gespräch wird auch weiterhin mündlich und face to face erfolgen. Dazu muss es aber mehr bieten als die fragend-entwickelnde Form. Die ließe sich durch die Programmierung digitaler mündlicher oder schriftlicher Entsprechungen leicht ersetzen. Dies bedeutet: Die nicht-digital geprägten Phasen einer Unterrichtsstunde verlangen nach meiner Einschätzung von den Lehrenden in Zukunft eine erhöhte Aufmerksamkeit und eine besondere Qualität. Mediendidaktik Deutsch wird deshalb in Zukunft verstärkt auch die Verbindung analoger und digitaler Lehr- und Lernformen in den Blick nehmen müssen, nur dass sich nun die Begründungszusammenhänge wahrscheinlich verschieben werden. Während heute von vielen Lehrkräften noch der Mehrwert digitaler Medien als Kernfrage angesehen wird, dürfte sich im aufziehenden digitalen Zeitalter die Frage- und Argumentationslinie ins Gegenteil verkehren: Wann und wo zeigt sich ein deutlicher Mehrwert eines Lehr-Lern-Arrangements ohne oder mit nur geringer Nutzung digitaler Medien? Doch bis dahin wird es noch etwas dauern. Zunächst müssen digitale Medien nämlich überhaupt erst einmal einen festen Platz im Deutschunterricht finden.

Axel Krommer: Auch hier kann ich nur kurz etwas ergänzen bzw. verdeutlichen: Der Mehrwert digitaler Medien besteht nicht – wie man annehmen könnte – darin, dass man alte Ziele schneller erreicht, sondern dass ganz neue Zieldimensionen erschlossen werden. Wenn sich diese Entwicklung auch curricular manifestiert, werden wir in der Kultur der Digitalität nicht mehr mit gedruckten Schulbüchern arbeiten, sondern ganz selbstverständlich online und digital. Ich glaube aber nicht, dass gedruckte Bücher generell verschwinden, denn mit dem klassischen Buch und seinen drei Dimensionen sind andere Rezeptionsmodi und Lektürepräferenzen verbunden als mit der zweidimensionalen Lesefläche des eBooks.

Die Autoren
Prof. Dr. Volker Frederking, Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Erlangen-Nürnberg; zahlreiche Publikationen zur Theorie und Praxis von Medien im Deutschunterricht, zur Medienkulturgeschichte und zu mediendidaktischen Konzeptionen; Mitautor virtueller Lehr-Lern-Plattformen zur Mediendidaktik Deutsch, zu Kinder- und Jugendmedien und zur Filmdidaktik und Filmästhetik.

Axel Krommer, Akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Erlangen-Nürnberg. Zahlreiche Publikationen zu mediendidaktischen und medientheoretischen Themen, insbesondere zum Einsatz neuer Medien im Deutschunterricht.

Prof. Dr. Klaus Maiwald, Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Augsburg; Habilitation über eine „Deutschdidaktik bilddominierter Medienangebote“; zahlreiche Publikationen insbesondere zum Thema Film im Deutschunterricht; Mitautor virtueller Lehr-Lern-Plattformen zu Kinder- und Jugendmedien und Film.


Mediendidaktik Deutsch

Die Bedeutung der Mediendidaktik, die neben Sprach- und Literaturdidaktik die dritte Säule der Deutschdidaktik darstellt, nimmt stetig zu. Denn sowohl die Gegenstände als auch die Kompetenzziele des Faches Deutsch wie die Sozialisationsbedingungen unserer Schüler(innen) unterliegen anhaltend einem tiefgreifenden medialen Wandel. Diesem Wandel ist ein primär buchbasierter Deutschunterricht nicht mehr angemessen.
Der vorliegende Band gibt einen Überblick über theoretische Grundlagen, didaktische Ziele und praktische Nutzungsmöglichkeiten von Medien im Deutschunterricht.
Auf der einen Seite werden grundsätzliche Aspekte wie Medientheorie, Medienbegriff, Mediengeschichte, medienpädagogische Grundlagen und fachspezifische mediendidaktische Konzeptionen und Bildungsziele fundiert und anschaulich zugleich dargestellt. Auf der anderen Seite werden die konkreten mediendidaktischen Handlungsfelder im Deutschunterricht (d. h. auditive, visuelle, audiovisuelle und interaktive bzw. synästhetische Medien unter Berücksichtigung von ‚Social Media‘ bzw. Web 2.0.) in Theorie und Praxis erläutert.


(ESV/ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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