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Nachgefragt bei: Dr. Veronika Hassel
Twitter weiterempfehlen  16.07.2018

Hassel: „Von unseren mittelalterlichen Autoren wissen wir fast nichts“

ESV-Redaktion Philologie
Kennt sich aus mit der Minne: Dr. Veronika Hassel (Foto: privat)
Als eine hochpoetische Kunstform sticht der Minnesang neben den für das Mittelalter typischen Heldenepen und Artusromanen heraus. Die Lieder des Minnesängers Friedrich von Hausen bilden da keine Ausnahme – auch wenn biografische und realhistorische Bezüge bislang in der Forschung dominieren.
Um den Blick auf sein Schaffen zu erweitern und den Lesern eine verlässlich edierte Werkausgabe an die Hand zu geben, widmet sich Veronika Hassel in ihrer Dissertation seinem Gesamtwerk. Darüber sprach sie mit der ESV-Redaktion.

Liebe Frau Hassel, „Friedrich von Hausen (* zwischen 1150 und 1160, genauer Geburtsort unbekannt; † 6. Mai 1190 bei Philomelium in Kleinasien) war ein deutscher Ministeriale und Minnesänger.“ So liest man bei Wikipedia, wenn man das Stichwort „Friedrich von Hausen“ eingibt. Aber was macht diesen Dichter heute noch für uns interessant, warum haben Sie sich in Ihrer Dissertation mit Friedrich von Hausen und seinem Werk beschäftigt?

Veronika Hassel: Das Werk Friedrichs von Hausen wurde in der bisherigen Forschung meist aus zwei Perspektiven beleuchtet; Friedrich selbst nimmt dabei eine Art Zwitterstellung ein. Einerseits wird er zu den frühen deutschsprachigen Minnesängern gezählt und andererseits gilt er als Vermittler der romanischen Liebeslyrik. Mir ging es bei der Betrachtung des Gesamtwerks vor allem auch darum, zu zeigen, dass Minnesang nicht eingeübt werden muss. Friedrich von Hausen kann als mittelalterlicher Autor angesehen werden, der seine Lyrik bewusst produziert hat. Und das unabhängig von der Beobachtung, dass mit Reinmar, Walther von der Vogelweide oder Heinrich von Morungen die poetologische Ausgestaltung des Minnesangs einen Höhepunkt erlebt. Damit haben wir nun zunächst einen Literaturbegriff, der sich von unserem heutigen nicht unterscheidet. Wir können also nicht nur Kontinuitäten im Umgang mit Literatur vom Mittelalter bis zur Neuzeit beobachten, sondern auch unsere eigene Position reflektieren. Und darüber hinaus sehen wir eine die politischen Grenzen überschreitende Literatur. Die Diskussion um die Funktion und Bedeutung, die Kunst und Literatur in unserer Gesellschaft einnehmen, kann durch die Erweiterung des Blickwinkels vom Mittelalter an nur gewinnen.

Seit dem 19. Jahrhundert versucht man, das Leben Friedrichs von Hausen aus den Urkunden zu rekonstruieren, in denen er als Zeuge auftritt oder die mit seiner Familie in Verbindung zu bringen sind. Insbesondere die Kreuzzugsthematik seiner Lieder wurde gern auf den biografischen und sozio-kulturellen Kontext zurückführt. Wie lässt sich dieser – eigentlich ja überholte – Zugang zu einem dichterischen Werk erklären?

Veronika Hassel: Vermutlich entspringt diese Herangehensweise – neben der anhaltenden Prominenz sozialgeschichtlich orientierter Forschungsparadigmen – einem ganz menschlichen Bedürfnis nach Information und dem Füllen von Lücken. Von unseren mittelalterlichen Autoren wissen wir so gut wie gar nichts. Über einen der herausragendsten Lyriker des deutschen Mittelalters, Walther von der Vogelweide, berichtet nur ein Eintrag in den Reiserechnungen des Passauer Bischofs Wolfger von Erla. Dort wird festgehalten, dass der cantor fünf lange Schillinge für einen Pelzmantel erhalten habe. Bei Friedrich von Hausen gestaltet sich die Situation nahezu umgekehrt. Sein Name ist in vielen Urkunden, auch im Umkreis von Kaiser Friedrich I. Barbarossa, anzutreffen, aber er wird niemals als Sänger bezeichnet.

Das in Quellen dokumentierte und lokalisierte Todesdatum, das Sie eben aus Wikipedia zitiert haben, zeigt Friedrich von Hausen als Teilnehmer des Kreuzzuges von Kaiser Barbarossa. Und gleichzeitig verwendet er in einigen seiner Lieder das Kreuzzugsmotiv. Da scheint es doch naheliegend, beides im Zusammenhang sehen zu wollen. Interessant ist aber, dass Friedrich sich in seinen Liedern eben nicht als Ministerialer und Vertrauter des Kaisers mit einem gewissen politischen Einfluss inszeniert. Denn er weist sich in seinen literarischen Verfahrensweisen explizit als Kunstschaffender aus, der sich nicht nur in den zeitaktuellen Kunst- und Liebesdiskurs einschreibt, sondern diesen aktiv mitgestaltet.

„Man muss sich der einem Werk inhärenten Fiktionalität bewusst sein“

Ich denke, dass wir auch hier eine Parallele zwischen der mittelalterlichen und der aktuellen Literaturrezeption ziehen können. Auch heute noch werden Aussagen von Ich-Erzählern in Texten auf ihre Autoren bezogen. Es erfordert also immer noch den genauen Blick des Literaturwissenschaftlers, der sich der einem Werk inhärenten Fiktionalität bewusst ist und der die poetischen Mittel ihrer absichtlichen Verschleierung beschreiben kann. Darin unterscheidet sich die Herangehensweise an mittelalterliche oder an aktuelle Literatur nicht.

Sie haben das mit insgesamt 18 Liedern recht überschaubare Œuvre Friedrichs von Hausen in Ihrer Arbeit in einer Kombination der beiden überlieferten Handschriften rezipiert und auf dieser Grundlage neu ediert. Was haben Sie anders gemacht als bisherige Editoren und was ist der Vorteil Ihrer Herangehensweise?

Veronika Hassel: Die Weingartner (oder auch Stuttgarter) Liederhandschrift und die Große Heidelberger Liederhandschrift (auch Codex Manesse genannt) sind gute 100 Jahre nach dem vermuteten Entstehungszeitraum der Lieder entstanden. Unsere heutige Beschäftigung findet noch einmal rund 700 Jahre später statt. Diese langen Zeitspannen sollten evident machen, dass es hinfällig ist, nach der einen ‚richtigen‘ Autorvariante zu suchen. Wir müssen uns jetzt also freimachen von der Genieästhetik und dem Glauben, die mittelalterlichen Autoren hätten nur eine einzige Fassung ihrer Lieder gedichtet und diese sei über die Jahrhunderte hinweg überliefert. Möglicherweise ist sie das, vielleicht gibt es aber auch Bearbeitungsstufen, die wir nicht mehr rekonstruieren können.

„Nicht mein persönliches Stilempfinden war Grundlage für meine editorischen Entscheidungen“

In meiner Edition habe ich beide Handschriften berücksichtigt und Fassungen ganzer Lieder abgedruckt. Damit habe ich sehr nah an der Überlieferung gearbeitet und mich von der strophenweisen Kompilation abgegrenzt, wie sie in der bislang maßgeblichen Ausgabe für Friedrich zu finden ist. Darüber hinaus folgt die Reihenfolge, in der die Lieder in meiner Studie angeordnet sind, derjenigen in den Handschriften. Haltlose Vermutungen mancher Forscher über Früh- oder Spätentstehungen sind in einigen Analysen zwar thematisiert, bleiben aber ohne Auswirkungen auf die dargestellten Liedaussagen.

Nicht mein persönliches Stilempfinden war Grundlage für meine editorischen Entscheidungen, sondern die Frage nach der Sinnhaftigkeit der überlieferten Lieder. In den mittelhochdeutschen Text eingegriffen habe ich nur an den Stellen, die eindeutig falsch sind. So ist etwa bei einer Strophe die einleitende Initiale nicht korrekt ausgeführt. Zusätzlich sind in die Paraphrasen der Strophen im Fettdruck Übersetzungen eingebettet und die Edition von umfassenden Analysen begleitet. Die neue Edition eignet sich somit gleich in mehrfacher Hinsicht auch für den akademischen Unterricht.

Ihre Untersuchung ist nach einem klaren Schema aufgebaut. Bitte erläutern Sie uns dies.

Veronika Hassel: Die Grundlage für dieses Schema hat Hugo Kuhn geliefert und es wurde von Helmut Tervooren und Ricarda Bauschke weiterentwickelt. Es bietet in meiner Adaption ganz grundsätzlich den Vorteil, alle Lieder im gleichen Maße zu betrachten. Zudem werden bislang weniger beachtete Lieder nicht den prominenten untergeordnet. Wo es möglich war, steht die Edition den einzelnen Liedanalysen voran. Wo ich mich aufgrund der handschriftlichen Überlieferung gegen Strophenzusammenstellungen der Forschung entschieden habe, findet sich zunächst eine Erläuterung dieser Abweichung. Der Inhaltsanalyse sind gleich mehrere Punkte gewidmet (Paraphrase, Gedankengang, Liedtyp), in denen die einzelnen Aussagen und Implikationen der Lieder dargestellt und diskutiert werden. In allen Abschnitten sind Parallelisierungen und Vergleiche mit zeitgenössischer Literatur zu finden, explizit thematisiert sind sie im Punkt zum Typenhorizont.

Die Einzelanalysen schließen mit einer Einordnung ins Œuvre, in der auch die Unterschiede zwischen den Handschriften erläutert werden. Die Anwendung dieses Schemas bietet also neben der Gleichgewichtung der Lieder auch die Möglichkeit der detaillierten Analyse. Und darüber hinaus können Aussagen über das Gesamtwerk getroffen werden. Im Kontext der anderen Lieder etwa stellt sich das berühmte Lied Friedrichs von Hausen mit dem Beginn Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden eben nicht mehr als ein eindeutiges Kreuzzugslied dar, wie es der Bezug auf die Biografie des Autors vielleicht implizieren könnte.

Sie haben viel mit Handschriften gearbeitet und sicher viel Zeit in Bibliotheken und Archiven verbracht. Spürt man bei der Arbeit mit den jahrhundertealten Handschriften noch eine besondere „Aura“?

Veronika Hassel: Die mittelalterlichen Handschriften üben definitiv eine gewisse Faszination aus. Vor allem solch eine Prachthandschrift wie der Codex Manesse mit dem großen Format und den einseitigen farbigen Miniaturen ist beeindruckend. Und das gilt tatsächlich auch für die Digitalisate, mit denen inzwischen hauptsächlich gearbeitet wird, um die Handschriften selbst zu schützen. Wenn man sich in Anbetracht der zeitgenössischen Produktionsbedingungen die lange Herstellungszeit und die hohen Kosten vor Augen führt, zeigt sich der Wert dessen, was in den Handschriften überliefert ist. Auch für die Lyriküberlieferung stellen die Sammelhandschriften gerade kein Konglomerat willkürlich abgeschriebener Lieder dar, sondern sind eine bewusste Zusammenstellung überlieferungswürdiger Autoren und ihrer Werke.

Das Werk Friedrichs von Hausen. Edition und Studien
Von Dr. Veronika Hassel

Das Buch analysiert das Gesamtwerk Friedrichs von Hausen. Es unterzieht dadurch die oftmals vorgenommenen biographischen und realhistorischen Kontextualisierungen der Lieder Friedrichs einer kritischen Revision.
- Die Edition zeigt die Lieder nach ihrer handschriftlichen Überlieferung und nicht nach den Stilkriterien eines Herausgebers.
- Neben der Edition und Interpretation bietet die Untersuchung eine Verortung Friedrichs von Hausen in den zeitaktuellen Minnediskurs.
- Entgegen der bisherigen Zentrierung der Forschung auf das Lied 'Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden' (Lied 8 / MF 47,9) werden alle Lieder des Autors analysiert.

Dr. Veronika Hassel ist seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Ricarda Bauschke-Hartung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Minnesang und Kulturtransfer.

 


(ESV/lp)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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