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Auszug aus: ZfdPh-Sonderheft „Rückwärtsvorgänge“
Twitter weiterempfehlen  20.01.2020

Ilse Aichingers „Spiegelgeschichte“ als Beispiel einer rückwärts gewandten Erzählung

ESV-Redaktion/MD
Wenn die Zeit sich rückwärts wendet (Foto: Mikhail Leonov – stock.adobe.com)
Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft: Diese Abfolge wird zumeist als gegeben hingenommen, für private Pläne ebenso wie bei der Suche nach Relationen von Ursache und Wirkung. Aber wären zeitliche Vorgänge nicht auch anders herum denkbar?
Rückwärtserzählungen beispielsweise sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die zeitliche Abfolge eines Geschehens umkehren und somit gewohnte lineare Muster unterlaufen. Den Hintergründen solcher Umkehrungen der zeitlichen Abfolge – nicht nur in der Literatur, sondern auch im Medium Film oder bei (Entstehungs-)Vorgängen – widmet sich das Sonderheft der Zeitschrift für deutsche Philologie „Rückwärtsvorgänge“.

Wie sich eine solche Rückwärtsgewandtheit literarisch darstellen lässt und welche Wirkung ein solches erzählerisches Verfahren entfaltet, zeigt Hannah Markus in ihrem Beitrag „Schnell, solang du noch tot bist“ exemplarisch an Ilse Aichingers „Spiegelgeschichte“ auf, aus dem Sie im Folgenden einen Auszug lesen:


Untrennbar sind in Ilse Aichingers berühmter „Spiegelgeschichte“ von 1949 Form und Inhalt miteinander verbunden. In gegenchronologischen Stufen führt das Retronarrativ eine Sterbende zurück zu ihrer Geburt, wobei die Ereignisse durch den Rücklauf relativiert und in ihren Bewertungen spiegelverkehrt werden. […] Was hier [an dieser Geschichte] von so hoher Faszinationskraft ist, dass sich ganz unterschiedliche Erkenntnisinteressen daran knüpfen lassen, ist wohl, dass Form und Inhalt in der „Spiegelgeschichte“ untrennbar (und in dieser Konsequenz für einen erzählenden Text eher ungewöhnlich) miteinander verbunden sind: Das Leben einer jungen Frau, die an einer verpfuschten Abtreibung stirbt, wird in knapp umrissenen Stationen in umgekehrter Reihenfolge wiedergegeben.

„Alles ist im Spiegel“

Die Sprechinstanz appelliert dabei direkt mittels der Du-Form an die Sterbende, ihr Leben rückwärts laufen zu lassen, vom drohenden Tod wieder hin zur eigenen Geburt, und so aus dem Ende einen Anfang zu machen, der zugleich wiederholt, was schon stattgefunden hat und es dabei doch in ein neues Licht taucht: „Alles ist im Spiegel“ (SpG, 70), heißt es, und als solches wird das Geschehen auch spiegelverkehrt – die Wertungen verändern ihre Vorzeichen im Rückwärtsdrang der Erzählung. Dabei präsentiert die Sprechinstanz die zeitlich vollzogene Rückwärtsbewegung, als handle es sich um eine Vorwärtsbewegung: „Bis morgen sind die welken Blüten frisch und schließen sich zu Knospen“ (SpG, 65). Diese Retronarration erweist sich bei genauerer Analyse als hochkomplexes und die Lesenden enorm forderndes Verfahren, das Zeitvorstellungen, Logik und Erzählnormen an ihre Grenzen bringt. Symptomatisch verweisen darauf schon die mit Vehemenz geführten Debatten in der Forschungsliteratur darüber, wie die retrograde Darstellung der „Spiegelgeschichte“ konstruiert ist, wann der Rücklauf einsetzt, zu welchem Ziel er gelangt und wer spricht.

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Gegenchronologie: Stufen-Erzählung oder Lebensfilm

Es ist problemlos möglich, die „Spiegelgeschichte“ in Erzählstufen einzuteilen, die im Erzählen gegenchronologisch vom Begräbnis bis zur Geburt abgeschritten werden, wobei die Detailliertheit der einzelnen Stufen ebenso differiert wie der Zeitabschnitt, den sie jeweils umfassen – mal werden Jahre in wenigen Sätzen umrissen, mal werden kurze Vorgänge fast minutiös skizziert. Für die Analyse in Chronologie gebracht, ist mit den Erzählstufen das Leben einer jungen Frau umrissen: von ihrer Geburt (1) über die frühe Kindheit (2), den Tod der Mutter (3), die Trauer um sie (4), die Schuljahre (5), die erste Begegnung mit dem jungen Mann und späteren Kindsvater (6), die Spaziergänge entlang des Flusses während der ersten Phase der Verliebtheit (7), die Entjungferung im ‚verdammten Haus‘ (8), die Mitteilung über die Schwangerschaft seitens der jungen Frau und die Nennung der Engelmacherin seitens des jungen Manns (9), die Abtreibung durch ‚die Alte‘ (eventuell in zwei Sequenzen, vorher/nachher, also 10a und 10b zu unterteilen) und das Krankenlager im eigenen Bett (11), über den Krankenhausaufenthalt (12), die Aufbahrung in der Leichenhalle (13), die Fahrt im Leichenwagen zum Friedhof (14) bis hin zum Begräbnis (15). Hingegen gelingt es nicht, die Geschichte selbst tatsächlich von hinten nach vorn zu lesen, da eben nicht, wie es z. B. Ulrich Gerlach behauptet, in „genauer chronologischer Revision“ erzählt wird.

Aufbrechen der Retronarration

Ein Teil der Erzählstufen ist nämlich in sich überhaupt nicht oder nur ansatzweise gegenchronologisch konstruiert, so etwa die erste bzw. in der Erzählungslogik die letzte Stufe:
Es ist der Tag deiner Geburt. Du kommst zur Welt und schlägst die Augen auf und schließt sie wieder vor dem starken Licht. Das Licht wärmt dir die Glieder, du regst dich in der Sonne, du bist da, du lebst. Dein Vater beugt sich über dich. (SpG, 74)
Mindestens der Teilsatz „Du kommst zur Welt“ hätte in einer durchgängig rückwärtserzählten Passage nach „Dein Vater beugt sich über dich“ folgen müssen, während die Abfolge in der Spiegelgeschichte an dieser Stelle jedoch chronologisch bleibt. Auch die erste Begegnung des Liebespaars lässt sich nur ansatzweise als Retronarration begreifen.
Als das Mädchen auf dem Weg zum Markt stolpert, kommt ihr der junge Mann zu Hilfe: Er hat die Jacke nur lose umgeworfen und lächelt und dreht die Mütze und weiß kein Wort zu sagen. Aber ihr seid sehr fröhlich in diesem letzten Licht. Du dankst ihm und wirfst ein wenig den Kopf zurück, und da lösen sich die aufgesteckten Zöpfe und fallen herab. ‚Ach‘, sagt er, ‚gehst du nicht noch zur Schule?‘ Er dreht sich um und geht und pfeift ein Lied. (SpG, 72)
Denkbar wäre zwar, dass der Mann zu Beginn der Begegnung pfeifend dem jungen Mädchen entgegen geht, doch die Bewegung der zunächst aufgesteckten und dann sich lösenden Zöpfe ist nicht gegenchronologisch zu denken. (Sie weist indes metaphorisch auf die nächste Stufe der Rückwärtserzählung voraus, denn während die Steckfrisur die junge Erwachsene kennzeichnet, markieren die herabhängenden Zöpfe das Schulmädchen.)

Rückwärtsdrang der Geschichte

Weitgehend chronologisch erzählte Passagen wie die genannten offenbaren, ob nun intendiert oder nicht, dass der Rückwärtsgang der „Spiegelgeschichte“ keine bloß ‚technische‘ Spielerei ist, in der möglichst perfekt versucht würde, eine Erzählung von hinten nach vorn laufen zu lassen, gleichsam einen Lebensfilm verkehrt herum abzuspulen. Die übergeordnete Bewegung vom Ende auf den Anfang hin ist – wie zu zeigen sein wird – so elementar für das Erzählte wie für das Erzählen selbst. Solche in sich weitgehend chronologisch ablaufenden Sequenzen wie die genannten haben allerdings Seltenheitswert in der „Spiegelgeschichte“. Anders, als es etwa Erika Greber annimmt, ist die Mehrheit der Episoden konsequent retrograd erzählt, auch wenn die von Wilfred Barner treffend als „visuell eindrücklich[ ]“ und „fast strategisch über die Erzählung verteilt“ charakterisierten Kurzsequenzen besonders auffallen, da sie den Rück-Gang im wörtlichen Sinn vor Augen führen:
Dann bewegt sich der [Trauer-]Zug die Mauern entlang wieder zurück. (SpG, 63)

Bis morgen sind die welken Blüten frisch und schließen sich zu Knospen. (SpG, 65)

Sie tragen dich ins Haus und die Stiegen hinauf. Du wirst aus dem Sarg gehoben. […] Und da haben sie dich schon ins Bett zurückgelegt. Und sie haben dir das Tuch wieder um den Mund gebunden. (SpG, 65)
Die Häufung von Temporaladverbien in solchen Sequenzen wie „schon“, „erst“, „wieder“ und „nochmal“ bewirkt dabei einen teleologischen Zug in den einzelnen Stufen der Retronarration; die Einzelschritte erscheinen geradezu zwingend eingebunden in einen vorbestimmten Ablauf. Vergleichbares findet sich auch in vielen längeren Sequenzen, deren Geschehnisse sich, wiewohl weniger plakativ, ebenfalls als konsequent retrograd lesen lassen. Diese Passagen sind für eine Analyse des Erzählverfahrens besonders bedeutend, denn wenn man die Geschehnisse hier versuchsweise ‚vorwärts laufen‘ lässt, offenbart sich im Vergleich, wie entscheidend die Umwertungen, die innerhalb des Texts durch die Verkehrung der Zeitrichtung entstehen, für die „Spiegelgeschichte“ sind.


Die Sigle SpG bezieht sich auf Ilse Aichinger: Spiegelgeschichte, in: Dies.: Werke. Taschenbuchausgabe in 8 Bänden, hg. v. Richard Reichensberger, Bd. 2: Der Gefesselte. Erzählungen I, Frankfurt/Main, S. 63-74.


Zur Person
Mona Körte, die Herausgeberin des ZfdPh-Sonderheftes 138, ist Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld. Zu ihren Forschungsinteressen gehören Figuren der Inversion in Literatur und Kunst. 2017 hat sie zum verkehrten Gesicht in Dante Alighieris „Inferno“ publiziert.

Rückwärtsvorgänge

herausgegeben von Prof. Dr. Mona Körte

Rückwärtserzählungen sind durch die Umkehrung der zeitlichen Abfolge eines Geschehens definiert und bilden einen Sonderfall nicht kausal-kohärenten Erzählens. In ihnen gerät die erzählte Welt als eine Konstellation raumzeitlicher Elemente aus den Fugen, wodurch Zeit nicht mehr wie so oft den eher unscheinbaren Hintergrund einer Handlung bildet.


Solche Inversionen kommen in Literatur, Kunst und Wissenschaft immer wieder zum Einsatz und verursachen kraft ihrer Drehung einigen Wirbel. In Geschichtsphilosophie und historischen Wissenschaften ist retrogrades Erzählen eine kritische Alternative zu zielfixierten Verlaufsgeschichten. In Literatur, Film und Musikvideo wird es dort produktiv, wo der Chronologie oder mehr noch der Korrelation bestimmter Ereignisse misstraut wird und Raum für anders zu denkende Zusammenhänge entstehen soll.

Die Beiträge des komparatistisch und interdisziplinär ausgerichteten Sonderhefts loten die poetologischen und epistemologischen Bedingungen des Rückwärtserzählens aus und untersuchen das Besondere der Inversion an Einzelfällen aus Literatur, Kunst und Wissenschaft.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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