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Nachgefragt bei: Professor Ralf Junkerjürgen und Professor Helmut C. Jacobs
Twitter weiterempfehlen  02.08.2018

Junkerjürgen: „Was könnte es Ansprechenderes geben als die Malerei?“

ESV-Redaktion Philologie/Pa
Eines der im Band besprochenen Bilder: Ignacio Zuloaga: El palco de las presidentas (1945) (© Museo Ignacio Zuloaga, Pedraza de la Sierra)
Bis heute ist der Flair von Spaniens Goldenem Zeitalter, dem Siglo de Oro, spürbar. Moderne Ausstellungen widmen sich neben Velázquez oder Picasso vermehrt weniger beachteten Künstlern wie Vidal, Rosales oder Checa. Zur spanischen Malerei äußern sich Prof. Dr. Ralf Junkerjürgen und Prof. Dr. Helmut C. Jacobs im Interview.
Lieber Herr Jacobs, lieber Herr Junkerjürgen, welchen Stellenwert hat die spanische Malerei heute?

Helmut C. Jacobs: Die Begeisterung des an spanischer Kultur interessierten Publikums ist sehr groß, sicherlich auch aufgrund der vielen Ausstellungen über die spanische Malerei und bedeutende spanische Maler, beispielsweise die großen Ausstellungen der letzten Jahre über das Goldene Zeitalter oder bedeutende Meister wie Goya, Zurbarán und Sorolla. In der Wissenschaft stand doch meist die italienische Kunst im Vordergrund, aber die Aktivitäten der Carl Justi-Vereinigung haben die Aufmerksamkeit auch in der Kunstgeschichte auf Spanien gelenkt. Außerdem sind in den letzten Jahren viele Untersuchungen zur spanischen Malerei, aber auch zu interdisziplinären Themenstellungen entstanden wie zu den Bildgedichten über spanische Gemälde, beispielsweise solche von Picasso oder Goya.
 
Wie sehen Sie die spanische Malerei im Vergleich z. B. zur deutschen?

Helmut C. Jacobs: Hier sind die Einflüsse der spanischen Malerei auf die deutsche und umgekehrt besonders interessant. Maler wie Caspar David Friedrich und die Landschaftsmalerei in der deutschen Romantik haben die spanischen Romantiker, die es ja erst noch zu entdecken gilt, sehr beeinflusst; umgekehrt sind spanische Maler wie Velázquez, Goya, Picasso, Dalí und viele andere geradezu Kraftfelder, durch die sich deutsche Maler bis in die aktuelle Gegenwart anregen lassen. Ermöglicht nicht die Malerei einen für beide Länder fruchtbringenden kulturellen Austausch?
 
Guernica ist eines der bekanntesten Bilder Picassos. Wie war Ihre persönliche erste Begegnung mit dem Bild? Es ist ja sehr beeindruckend, schon alleine durch seine Größe.

Ralf Junkerjürgen: Die meisten haben Guernica schon in hundert Reproduktionen gesehen, bevor sie das Original im Reina Sofía von Madrid bewundern. Das Erstaunliche ist aber, dass das Bild trotz seiner Popularisierung weiterhin ungeschwächt seine Aura ausstrahlt – allein schon durch seine Größe und seine herausragende Stellung im Saal des Museums.

„Ein lebendiges Kunstwerk und ein Stück europäischer Geschichte“

Wir haben es schon vor einigen Jahren erstmals gesehen, aber das erste Mal ist in diesem Fall eigentlich nur eine Initialzündung, um immer wieder dorthin zu gehen, wenn es sich ergibt, um eben Guernica ein weiteres Mal zu betrachten. Man steht nicht nur vor einem lebendigen Kunstwerk, sondern auch vor einem Stück europäischer Geschichte, wie der diesbezügliche Beitrag im Band eindrucksvoll darlegt. Überhaupt hat man nach der Lektüre all der Aufsätze eigentlich Lust, alle Bilder noch einmal zu sehen.

Helmut C. Jacobs: Auch ich habe die persönliche Begegnung mit dem Gemälde als besonderes Erlebnis empfunden. Keine Reproduktion ersetzt diese Begegnung mit dem Original. So ist es mir übrigens auch mit Mirós Bauernhof ergangen, den ich in einer Miró-Ausstellung in Wien gesehen habe, und das genau in der Zeit, als ich mein Buch über dieses Gemälde geschrieben habe. Ein einmaliger Zufall!

Noch ist Ferienzeit und der ein oder andere möchte der sommerlichen Hitze in ein kühles Museum entkommen. Haben Sie für unsere LeserInnen einen Ausstellungstipp für die nächste Reise nach Spanien?

Ralf Junkerjürgen: Bei Spanien denkt man immer an die großen hauptstädtischen Museen wie den Prado und das Reina Sofía und vergisst dabei den ungeheuren regionalen Kunstreichtum des Landes. Hier gibt es wahre Juwelen zu entdecken. Von Madrid aus gut zu erreichen ist das Museum für abstrakte spanische Kunst in Cuenca, spektakulär gebaut mit hängenden Balkonen über einer Schlucht. Ein Geheimtipp ist auch der kleine Ort Pedraza im Norden von Madrid, denn dort befindet sich in einer Burg mit großartigem Ausblick eine zwar kleine, aber hochkarätige Auswahl der Werke Zuloagas.

Und wer sich den Norden Spaniens bereist, sollte in Oviedo haltmachen, wo vor wenigen Jahren das Kunstmuseum beeindruckend renoviert wurde und eine sehr breite Sammlung ausstellt. Auch lohnt sich der Weg nach Bilbao, allerdings weniger wegen der Touristenattraktion Guggenheim, sondern um das regionale Museum der schönen Künste zu entdecken, das eine ausgezeichnete Sammlung beherbergt. Und diese Liste könnte man noch lange fortführen.

Helmut C. Jacobs: Das will ich zwar nicht tun, aber dennoch etwas hinzufügen: das Museo Sorolla in Madrid mit seiner einmaligen Atmosphäre einer Künstlervilla der Jahrhundertwende … und wenn man schon einmal dort ist: gleich fußläufig davon sollte man auch das Museo Lázaro Galdiano nicht verpassen: Es birgt unerwartete Überraschungen.

Sie haben einen Band zu spanischer Malerei veröffentlicht. Welchen Künstler oder welche Künstlerin hätten Sie gerne noch aufgenommen, wenn Sie mehr Platz gehabt hätten?

Ralf Junkerjürgen:
Eine Auswahl, wie wir sie vorgenommen haben, ist notwendigerweise unvollständig, nicht nur weil man immer Maler vermissen wird, sondern auch weil andere Bilder der analysierten Künstler ebenfalls in Frage gekommen wären. Was die Maler angeht, so hatten wir zum Beispiel noch Joaquim Sunyer mit seinem Bild Mediterráneo auf der Liste. Aber dann hätten wir die 500 Seiten-Grenze gesprengt, und irgendwo musste man den schmerzlichen Schnitt dann leider machen.

Helmut C. Jacobs: Es gibt noch viel zu entdecken: Ich denke beispielsweise an Gemälde von Antonio Carnicero, Goyas bis heute unterschätzter Zeitgenosse, oder an den Maler Valeriano Domínguez Bécquer, den Bruder des berühmten spätromantischen Dichters Gustavo Adolfo Bécquer.
 
Sie sind beide primär Literatur- und Kulturwissenschaftler, nicht von Haus aus Kunsthistoriker. Woher kam die Idee, einen Band zur spanischen Malerei zu planen?

Ralf Junkerjürgen: In einer vorrangig visuellen medialen Umgebung wie der unseren, deren Auswirkungen in den letzten Jahren auch unter den Studierenden überdeutlich geworden sind, schien es uns sinnvoll, das Spektrum an kulturwissenschaftlich analysierbaren Gegenständen zu erweitern. Was könnte es dabei Ansprechenderes geben als die Malerei? Zumal das Niveau der spanischen Malerei herausragend ist und sogar Literaten wie Unamuno zu der Aussage veranlasste, sie stehe weit über der Qualität der Literatur des Landes. Dennoch fristete die spanische Malerei in der Romanistik ein Schattendasein. Daher war es uns ein Anliegen, auch mit Hilfe der Kunsthistoriker unter den Autorinnen und Autoren, hier eine Bresche zu schlagen. Es ist uns aber nie darum gegangen, uns selbst zu Kunsthistorikern zu erklären oder welche zu werden. Unser Interesse liegt eindeutig auf den kulturhistorischen Kontexten der Bilder. Sie eröffnen uns auf einprägsame und konzentrierte Weise einen Zugang zu Epochen, Denk- und Vorstellungsweisen, die bis in die Gegenwart hineinwirken. In dieser Hinsicht ergänzen die Beiträge unserer Meinung nach in vieler Hinsicht die kunsthistorischen Arbeiten, die in der Regel andere Schwerpunkte setzen.

„Für mich war interdisziplinäre Forschung immer am interessantesten“

Helmut C. Jacobs: Die Trennung der Disziplinen gibt es, in größeren Zeiträumen bemessen, doch noch gar nicht so lange. Für mich war interdisziplinäre Forschung immer am interessantesten: Wie will man Bildgedichte verstehen, ohne Kenntnisse der jeweiligen Gemälde? Ein umfassender Blick eröffnet neue Horizonte, dazu nur ein Beispiel: Die Autoren der Generation von 1898 gelten alle als düster und melancholisch, aber das Bild ändert sich sofort, wenn man mit dem Maler Sorolla und dessen Freund, dem Romanautor Vicente Blasco Ibáñez, auch die helle, positive Sichtweise auf den Beginn des 20. Jahrhunderts miteinbezieht.


Meisterwerke der spanischen Malerei in Einzeldarstellungen

Prof. Dr. Ralf Junkerjürgen, Prof. Dr. Helmut C. Jacobs

Der Band bietet anhand von 32 Beispielen erstmals ein in deutscher Sprache abgefasstes, umfangreiches Panorama der spanischen Malerei, das vom Siglo de Oro bis in die Gegenwart reicht.
Die Sammlung lädt ein zur vertiefenden Betrachtung von Meisterwerken weltweit berühmter Maler wie El Greco, Goya, Picasso, Miró oder Dalí. Sie ermöglicht zugleich die Entdeckung von im deutschsprachigen Raum weniger bekannten Künstlern wie Sánchez Cotán, Juan Pantoja, Rosario Weiss, José de Madrazo, Lluïsa Vidal, Isabel Quintanilla oder Miquel Barceló.
Die Beiträge, die von ausgewiesenen Spezialisten aus Deutschland, Österreich und Spanien verfasst wurden, liefern mit jeder Einzeldarstellung auch eine Einführung in das Werk der jeweiligen Künstler und eröffnen über Literaturhinweise die Möglichkeit einer weiteren Auseinandersetzung. Flankiert werden sie jeweils von einer farbigen Abbildung des besprochenen Werkes.

Ralf Junkerjürgen ist Professor für romanische Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Spanien an der Universität Regensburg. Er hat bereits zahlreiche Publikationen zur spanischen Kulturgeschichte veröffentlicht.

Helmut C. Jacobs ist Professor für Hispanistik an der Universität Duisburg-Essen. Er hat zahlreiche Publikationen zur spanischen Malerei veröffentlicht, darunter zu Goya, Joan Miró und Joaquín Sorolla.

Programmbereich: Romanistik

 
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