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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Thomas Klinkert
Twitter weiterempfehlen  27.09.2017

Klinkert: „Dieses Studium ist nur dann sinnvoll, wenn man gerne und leidenschaftlich liest“

ESV-Redaktion Philologie
Professor Thomas Klinkert führt seine Studierenden auch an die Literatur der unmittelbaren Gegenwart heran. (Foto: privat)
In Frankreich ist gerade das Leben nach der sogenannten rentrée wieder erwacht, der Alltag verlagert sich vom Strand in die Städte, vom Müßiggang ins Arbeitsleben. Professor Thomas Klinkert spricht im Interview mit der ESV-Redaktion über französische Gegenwartsliteratur, die Romanistik und die Lust am Lesen.
Lieber Herr Klinkert: Der Sommer ist vorbei, die Schulen und die Universitäten beginnen, und in der rentrée littéraire erschienen über 500 neue Bücher. Haben Sie schon einen Favoriten unter den zahlreichen Neuerscheinungen im französischen Bücherherbst?

Thomas Klinkert: Ich bin gerade dabei, mich durch die „Liste Goncourt“ zu arbeiten. Das sind 15 Romane, die von der Académie Goncourt Anfang September für den prestigeträchtigen Prix Goncourt nominiert wurden. Wenn im November von der Académie der diesjährige Preisträger bekannt gegeben wird, dann möchte ich über eine hinreichende Kenntnis der 15 Texte verfügen, um die Entscheidung nachvollziehen zu können. Im Moment stehe ich noch am Anfang, habe erst zwei Texte gelesen: Olivier Guez: La disparition de Josef Mengele und Éric Vuillard: L’ordre du jour. In beiden spielen die NS-Zeit und der Umgang mit ihr eine wichtige Rolle. Ein Blick auf die Klappentexte zeigt, dass sie diesbezüglich keine Einzelfälle sind; die NS-Zeit wird heute in Frankreich mehr denn je reflektiert. Es verspricht also spannend zu werden.

„Es ist ein Experiment, Studierende an die Literatur der unmittelbaren Gegenwart heranzuführen“

Sie sind Professor für Französische Literaturwissenschaft. Raten Sie Ihren Studenten zur Lektüre aktueller französischsprachiger Literatur?

Thomas Klinkert: Die eben erwähnte Selbstverpflichtung, mich durch die 15 Goncourt-Texte zu arbeiten, steht im Zusammenhang eines Seminars, das ich an der Universität Zürich im laufenden Semester halte. Ziel des Seminars ist es, die Studierenden an die Literatur der unmittelbaren Gegenwart heranzuführen. Es handelt sich um ein Experiment, da man die Texte ja zu Beginn des Semesters überhaupt noch nicht kennt. Wenn man einen Gegenwartsbegriff zugrunde legt, der nicht nur die Aktualität der rentrée littéraire umfasst, sondern die letzten Jahrzehnte, dann gehören zu den wichtigsten Autoren, die ich in meinen Vorlesungen behandle und zur Lektüre empfehle, etwa Nathalie Sarraute, Claude Simon, Jorge Semprún, Georges Perec, Patrick Modiano oder Michel Houellebecq.

Haben Sie eine Lieblingsepoche in der französischen Literaturgeschichte? Welches Werk aus dieser Zeit sollte man, Ihrer Meinung nach, auch als Nicht-Romanist gelesen haben?

Thomas Klinkert: Es gibt mehrere Epochen, mit denen ich mich gerne beschäftige: Neben dem 20. Jahrhundert mit Autoren wie Marcel Proust, Guillaume Apollinaire, André Gide, Samuel Beckett oder Jean Genet interessiert mich besonders das 19. Jahrhundert mit Madame de Staël, Stendhal, Balzac, Flaubert, Baudelaire, Zola, Rimbaud.

Ich habe aber auch in anderen Epochen Lieblingsautoren: Madame de Lafayette und Molière aus dem 17. Jahrhundert, Jean-Jacques Rousseau und Denis Diderot aus dem 18. Jahrhundert, um nur einige zu nennen. Es gibt nicht das eine einzige Werk, das man gelesen haben muss, weil nämlich die französische Literatur durch einen enormen Reichtum gekennzeichnet ist, dem man durch ein einziges Werk nicht gerecht werden könnte. Aber angenommen, man dürfte nur einen Text auf eine einsame Insel mitnehmen, dann würde ich, da man auf einer solchen Insel ja viel Zeit haben wird, einen besonders umfangreichen und komplexen Text mitnehmen, der zugleich eine Art Summe der französischen Literatur ist: Prousts À la recherche du temps perdu. Wenn man in diesen monumentalen Roman eindringt, dann erfährt man sehr viel über die französische Gesellschaft, Kultur, Geschichte und Literatur, aber auch über die menschliche Psyche und über Prinzipien der Ästhetik. Allerdings ist der Text nicht gerade einfach zu lesen.

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Auch hierzulande startet bald das neue Semester: Was empfehlen Sie Studienanfängern der Literaturwissenschaft als Vorbereitung auf die ersten Semesterwochen?

Thomas Klinkert: Ich sage meinen Studierenden immer, dass sie ihre Zeit vor allem dazu nutzen sollen, möglichst viele literarische Texte zu lesen. Einen besseren Rat kann man, glaube ich, nicht geben. Dieses Studium ist nur dann sinnvoll, wenn man gerne und leidenschaftlich liest. Die Früchte der eigenen Lektüren kann man aber erst ernten, wenn man sich auch wissenschaftliches Denken und die damit verbundenen Analysefähigkeiten aneignet. Dazu sollte man das Studium ebenfalls nutzen.

Im Oktober findet der Romanistentag in Zürich statt. Das Motto lautet: „Dynamik, Begegnung, Migration“. Wie dynamisch ist die deutsche Romanistik? Ist beispielsweise ein zeitgenössischer, umstrittener Autor wie Michel Houellebecq auch Stoff in Seminaren an deutschsprachigen Universitäten?

Thomas Klinkert: Das Programm des Romanistentages lässt die enorme Dynamik der Romanistik erkennen. Dies äußert sich schon in den Sektionstiteln, die sich mit literaturwissenschaftlichen, linguistischen, fachdidaktischen und kulturwissenschaftlichen Themen befassen. Das Rahmenthema „Dynamik, Begegnung, Migration“ wird dabei in vielen Facetten ausgelotet, geographisch, historisch, sprachgeschichtlich, kultur- und gendertheoretisch usw. und gibt Anlass zu neuartigen Fragestellungen. Auch Michel Houellebecq spielt übrigens in mehreren Vorträgen eine Rolle. Das gilt auch für die romanistische Lehre.

Ihre „Einführung in die französische Literaturwissenschaft“, die jetzt in 5. Auflage erscheint, hat bereits vielen Studierenden als Studienbegleiter gute Dienste geleistet. Was macht Ihre Einführung so zeitlos gut?

Thomas Klinkert: Ob sie tatsächlich gut ist, vermag ich natürlich nicht zu sagen. Ein Vater kann ja seine eigenen Kinder auch nicht neutral und objektiv sehen. Wenn ich von Studierenden immer wieder positive Rückmeldungen erhalten habe, so erkläre ich mir diese dadurch, dass ich beim Schreiben des Buches vor knapp 20 Jahren, als ich selbst noch ein Nachwuchswissenschaftler war und zahlreiche Einführungskurse hielt, aus der praktischen Erfahrung schöpfen konnte. Ich hatte einerseits das Ideal, dass es gut und wichtig sei, sich die theoretischen und methodologischen Grundlagen der Literaturwissenschaft auf fundierte Weise anzueignen.

Andererseits war mir klar, dass es dazu einer gewissen Anstrengung bedarf, die nicht jede oder jeder Zwanzigjährige ohne weiteres freiwillig zu erbringen bereit ist. Ich habe daher versucht, mich in meine potentiellen Leserinnen und Leser hineinzuversetzen, und mich gefragt, was sie von dem verstehen können, das ich ihnen vorsetze. Dabei hat mir übrigens auch meine Frau, die selbst Literaturwissenschaftlerin ist, als kritische Erstleserin des Manuskripts wichtige Hinweise gegeben. Noch etwas möchte ich ergänzen: Es hat mir große Freude bereitet, dieses Buch zu schreiben. Vielleicht ist davon beim Lesen ja etwas zu spüren.

Das Buch
Das Buch Einführung in die französische Literaturwissenschaft erscheint in 5. Auflage Ende September im Erich Schmidt Verlag. Sie können es bequem hier bestellen.

Der Autor
Professor Dr. Thomas Klinkert
ist ordentlicher Professor für Französische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a.: Erzählen und Muße, Literatur und Wissen, Literaturtheorie, Tod und Gedächtnis in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Er hat Studien zu Marcel Proust, Samuel Beckett, Claude Simon, Jorge Semprún, Primo Levi, Paul Celan u.a. verfasst. Als Erster Vorsitzender des Deutschen Romanistenverbands lädt er Anfang Oktober 2017 zum Romanistentag nach Zürich ein.

(ESV/vh)

Programmbereich: Romanistik

 
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