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Dr. Karim Fathi
Nachgefragt bei: Dr. Karim Fathi, Resilienz- und Konfliktforscher

Konsequenzen aus der Corona-Krise

ESV-Redaktion Arbeitsschutz
19.05.2021
Was Menschen und Organisationen in der VUKA-Welt stressfähiger und „zukunftsfitter“ macht, erläutert Dr. Karim Fathi, Resilienz- und Konfliktforscher, der ESV-Redaktion Arbeitsschutz im Interview.

Was genau erforschen Sie und inwiefern betrifft das unsere Arbeitswelt?

Fathi: Psychische Stresserkrankungen am Arbeitsplatz, inklusive Burnout, nehmen seit über zwei Jahrzehnten laufend zu. Die Halbwertszeit, also der Lebenszyklus von Unternehmen, war noch nie so kurz. Noch nie waren gesellschaftliche Herausforderungen so komplex.

Als Resilienz- und Konfliktforscher befasse ich mich mit der Frage, was Menschen und kollektive Systeme (Gruppen, Organisationen, Städte und Gesellschaften) in der VUKA-Welt[1], stressfähiger und „zukunftsfitter“ macht.

Wie ist Multiresilienz und wie kann diese in Unternehmen aussehen?

Fathi: Resilienz ist die Fähigkeit eines Systems, Krisen zu bewältigen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Im gesellschaftlichen Kontext wird der Resilienzbegriff nur auf „Einzelkrisen“ angewandt – z.B. „Resilienz im Klimawandel“, „Resilienz in der Wirtschaftskrise“, „Cybersecurity“. Mit dem „Multiresilienz“-Begriff mache ich darauf aufmerksam, dass wir lernen müssen, viele Probleme und Krisen gleichzeitig zu managen. Ergänzend zu bestehenden Resilienzkonzepten, zielt Multiresilienz darauf ab, aus einer abstrakteren, systemischen Perspektive, allgemeine, auf vielfältige Krisenarten anwendbare kollektive Grundkompetenzen zu entwickeln. Für kollektive Systeme, wie Gesellschaften und Unternehmen, gilt: Je besser die interne Kommunikation, desto höher die Eigenkomplexität, desto höher die kollektive Intelligenz, desto flexibler und variabler die kollektive Fähigkeit, auf unterschiedliche Probleme und Krisen in der VUKA-Welt zu reagieren.

Anders als im geselllschaftlichen Kontext gibt es für Betriebe bereits einige Konzepte, die an Multiresilienz herankommen, weil sie allgemein fit gegen unterschiedliche Krisen machen. Dazu gehören vor allem ISO:22316[2] oder das Konzept der Hochzuverlässigkeitsorganisationen[3] oder die Fünfte Disziplin von Peter Senge[4]. Würde die Führung diese Prinzipien beherzigen, wären Unternehmen multiresilienter. Zu den wichtigsten Prinzipien zählen:

1) Verbesserte interne Kommunikation (virtuell und analog);
2) dezentrale Entscheidungsfindungssysteme nach den Prinzipien der Managementkybernetik (z.B. dem Viable Systems Model[5]);
3) zeiteffiziente Entscheidungsfindungmethoden;
4) gemeinsame Vision;
5) fehlerfreundliche Unternehmenskultur;
6) komplexitätsangemessene Prozessmanagementsysteme (z.B. Hochadaptives Projektmanagement[6]);
7) eine Resilienz fördernde Unternehmenskultur und Führung.

Es muss nicht das Rad neu erfunden werden, Multiresilienz integriert bestehende Konzepte.

Wie wird sich Ihrer Prognose nach das new normal entwickeln? Was wird sich verändern, was bleiben?

Fathi: Ein paar Gedanken: Sobald die Pandemie überwunden ist, wird sich wohl das menschliche Miteinander weitgehend auf das Niveau von vor der Pandemiezeit einpendeln. Tourismus und Eventmanagement werden wieder aufblühen. Vielleicht erleben wir sogar „Goldene 20er Jahre“. Ergänzend dazu, werden immer bessere immersive Technologien weiterhin ermöglichen, virtuell „dabei zu sein“. Im Berufs- und Privatleben wird es ein höheres Bedürfnis für Keimfreiheit geben, einige Hygienemaßnahmen werden bestehen bleiben, Schutzmasken werden wir spätestens in der Grippesaison noch öfter im öffentlichen Raum sehen. In Ostasien war all dies auch lange nach der ersten Coronakrise 2003 zu beobachten.

In vielen Unternehmen wird es bestimmt auch nach der Coronakrise mehr Raum für Homeoffice geben, womit sich der New Work-Trend weiter fortsetzen wird, obgleich ich mir nicht vorstellen kann, dass alle Unternehmen gänzlich auf Homeoffice umstellen werden. Sicherlich wird es aber weniger Bedarf nach großen Büros geben, da viele Arbeitsplätze ins Home- oder Remoteoffice ausgelagert werden. Der digitale Wandel schreitet unaufhaltsam voran, was bedeutet, dass die Welt bereits unmittelbar nach der Coronakrise eine digital vernetztere, zugleich auch digital anfälligere sein wird.

Die Welt nach der Coronakrise wird wohl keine wesentlich andere sein. Sie wird nur ein paar Schritte weiter, hinsichtlich bestehender (Mega-)Trends sein.

Welche Veränderungen bzw. Zukunftstrends sehen Sie in der näheren Zukunft auf uns zukommen?

Fathi: Ich glaube, dass mehrere, miteinander verschränkte Megatrends, Wandel auf vielen Ebenen vorantreiben. Mit der Coronakrise werden sich einige davon beschleunigen. Unter anderem könnten könnten folgende drei für Betriebe bedeutend sein:

  1. Digitalisierung: Der digitale Wandel schreitet voran, wurde sogar von der Coronakrise größtenteils gefördert. Wissensarbeit vollzieht sich immer mehr in cyberphysischen Systemen, mit immer leistungsfähigeren immersiven Technologien und KI-Systemen. Kommunikation, z.B. in Meetings, wird komplexer und virtuell und physisch zugleich stattfinden.
  2. Glokalisierung: Die Welt wird immer vernetzter und interdependenter, mit zahlreichen Nebenfolgen. Zugleich lässt sich seit Jahren in vielen Ländern auch eine Rückbesinnung auf das Lokale beobachten. Leistungsfähigere KI-Systeme werden die internationale Kommunikation hinreichend beeinflussen und vereinfachen. Immer bessere Simultanübersetzungssysteme werden es vielleicht nicht mehr nötig machen, viele Sprachen lernen zu müssen.
  3. Gesundheit: Mit weltweit steigender Lebenserwartung bleibt Gesundheit von zentraler Bedeutung. Es ergeben sich besondere Bedarfe in der Behandlung von Zivilisationskrankheiten, mit steigender Tendenz vor allem die Vorbeugung und Behandlung psychischer Stresserkrankungen (insbesondere Burnout und Depression). Letzteres wird angesichts des globalen Zeit-, Konkurrenz- und Konsumdrucks weiterhin ein brennenderes Thema bleiben.
Es warten auch weitere globale Herausforderungen, z.B. ökologische Krisen, insbesondere der Klimawandel, politische Krisen, sehr wahrscheinlich auch unerwünschte Nebenfolgen infolge der nächsten technologischen Entwicklungen. Multiresilienz wird relevanter denn je.

Vielen Dank!

[1] Eine VUKA-Welt beschreibt eine Welt, die von hoher Volatilität (Vergänglichkeit), Unsicherheit (Unvorhersehbarkeit), Komplexität (Unüberschaubarkeit), Ambiguität (Mehrdeutigkeit) der Phänomene geprägt ist.
[2] Seit 2017 gibt es eine ISO-Norm zu unternehmerischer Resilienz. Diese Norm beschreibt einen kurzen Leitfaden mit mindestens 9 Faktoren.
[3] Dieses Konzept beschreibt mehrere Faktoren, die dazu beitragen, wie so genannte „Hochzuverlässigkeitsorganisationen“, also Organisationen, die per se mit hoher Unsicherheit umgehen müssen (z.B. Feuerwehrteams oder Spezialeinheiten), effektiv performen.
[4] In seinem berühmten Buch „Die fünfte Disziplin“ beschrieb der MIT-Professor bereits in den 1990er Jahren, fünf Prinzipien, um Unternehmen fitter im Umgang mit Komplexität und Krisen zu machen.
[5] Dieses „Modell lebensfähiger Systeme“ liefert eine Art Blaupause mit allgemeinen Prinzipien, die soziale Systeme, wie Unternehmen oder Gesellschaften, fitter im Umgang mit Komplexität macht.
[6] Dies bezeichnet eine Methode für „resilientes Projektmanagement“, um souveräner mit extrem hoher Planungsunsicherheit und unvorhergesehenen Ereignissen umzugehen.


Dr. Karim Fathi ist Berater, Coach, Trainer, Forscher und Autor zu den miteinander verschränkten Themen Konflikt, Kommunikation und Resilienzförderung. U.a. ist er Partner der DENKBANK, Mitbegründer der Akademie für Empathie und geschäftsführender Gesellschafter von PROTECTIVES. Seit 2019 ist er Berater im Zukunftskreis des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Als Forscher und Autor setzt er sich vor allem mit der Frage auseinander, wie sich Problemlösungskompetenzen von Teams, Organisationen und vor allem Gesellschaften durch die Stellschrauben „Achtsamkeit“ und „Kommunikation“ signifikant verbessern lassen. 


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