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Öffentliche Literaturdidaktik
Twitter weiterempfehlen  20.02.2018

Literaturspaziergänge: Auf den Spuren Tellkamps

ESV-Redaktion Philologie
Der Weiße Hirsch in Dresden: Schauplatz des Romans (Foto: Fotolia.com/thauwald-pictures)
In Dresden spielt einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre: Uwe Tellkamps Der Turm. Aufgrund des großen Interesses gibt es nun Literaturspaziergänge, bei denen die Schauplätze des Romans besucht werden.
Lesen Sie hier einen Ausschnitt von Raphaela Knipp zu literarischen Spaziergängen als situierte Literaturvermittlung am Praxisbeispiel von Uwe Tellkamps Der Turm in Dresden aus dem neuen Band Öffentliche Literaturdidaktik.

Literaturspaziergänge

Ganz basal betrachtet, führen Literaturspaziergänge zu verschiedenen Orten im öffentlichen Raum, an denen Literatur spielt (Professor Unrat im historischen Lübeck), an denen Autoren gelebt (Goethes Weimar) und/oder die Autoren zu bestimmten Werken inspiriert haben; […] häufig überschneiden sich der handlungs- und werkbiografische Bezug auch. Literaturspaziergänge setzen damit auf das Vermittlungs- und Vergegenwärtigungspotenzial von bestimmten real-/historischen Orten und Landschaften (im populären Sprachgebrauch die so bezeichneten „Originalschauplätze“), an bzw. in denen sie literarische Texte, ihre Produktion sowie – und dies ist entscheidend – ihr Publikum gleichsam situieren. […]

Im Unterschied zu den einleitend genannten Beispielen handelt es sich bei Der Turm um einen literarischen Text der Gegenwartsliteratur, dessen Handlung einen Bezug zu einer jüngeren historischen Vergangenheit aufweist, die viele Leser des Romans noch persönlich erinnern bzw. erlebt haben. Auffallend ist außerdem der stringente Ortsbezug des Romans – zumindest gilt dies für den ersten Teil des knapp tausend Seiten umfassenden Buches: Tellkamps großflächig angelegtes Portrait des Alltagslebens in der DDR, das die Zeitspanne von 1982 bis zum Mauerfall 1989 umfasst, entfaltet sich vor der Kulisse eines spezifischen Dresdener Villenviertels, dem im Roman so bezeichneten und titelgebenden „Turmviertel“, bei dem es sich unverkennbar um den historisch signifikanten Stadtteil Weißer Hirsch am Loschwitzer Elbhang handelt. […]

Zielgruppe von Literaturspaziergängen

Literaturspaziergänge werden in der Regel von kulturellen Einrichtungen wie Literaturhäusern und -museen, städtischen oder kommunalen Tourismusbüros oder öffentlichen Institutionen wie z. B. (Volks-)Hochschulen angeboten. An welches Publikum bzw. welche Zielgruppe(n) aber richten sie sich und welche unterschiedlichen Herausforderungen in der Vermittlung gehen damit einher? Hier gilt es einige Differenzierungen zu treffen: Eine zentrale Gruppe von Adressaten bilden Leser und Literaturinteressierte im engeren Sinne. Im Falle der literarischen Spaziergänge zu Der Turm waren es sogar die Leser, auf deren Initiative hin die Führungen im Weißen Hirsch überhaupt erst entstanden sind. Bereits kurze Zeit nach dem Erscheinen des Romans im Jahr 2008 gingen bei einem Dresdener Anbieter für Stadtspaziergänge diverse Anfragen ein, ob es auch geführte Rundgänge zu „Tellkamps neuem Buch“ gäbe; die im Text beschriebenen Orte und Häuser, wie z. B. „das Haus Abendstern“ oder „die Karavelle“ „müsse es doch schließlich geben“. […]

Gleichwohl – und dies ist mit Blick auf eine öffentliche Literaturvermittlung besonders interessant – versammelt sich im Rahmen der Literaturspaziergänge aber verschiedentlich auch ein nicht-literaturaffines bzw. nur bedingt literarisch interessiertes Publikum. Darunter fallen beispielsweise an Stadtgeschichte oder Geschichte im Allgemeinen (im Falle von Der Turm insbesondere an DDR-Geschichte) interessierte Personen sowie ‚gewöhnliche‘ Städtetouristen. Letzteres gilt insbesondere immer dann, wenn die Orte, die im Rahmen literarischer Spaziergänge begangen werden, ohnehin bereits touristische Sehenswürdigkeiten sind. […]

Worauf zielen Literaturspaziergänge ab?

Die Teilnehmenden auf eine „Reise“ zu „Personen, Ereignissen und Orten“ aus dem Roman Der Turm mitzunehmen, beschreiben die Gästeführer in Dresden als die Zielsetzung der Literaturspaziergänge. Daran anschließend und das zu Beginn kurz angerissene Konzept einer situierten Literaturvermittlung aufgreifend, zielen Literaturspaziergänge primär darauf ab, literarische Texte in einem spezifischen historisch-geografischen Kontext zugänglich zu machen, wobei beide, Literatur und Ort, miteinander wechselwirken. […] Der ungefähr zwei Stunden umfassende fußläufige Turm-Spaziergang im Weißen Hirsch orientiert sich im Wesentlichen an den ersten 30 Seiten des Romans, in denen die topografische Lage des „Turmviertels“ bzw. die des Wohnviertels Weißer Hirsch ausführlich beschrieben und zentrale Parameter der Romanhandlung entfaltet werden.

Es ist konstitutiv für Literaturspaziergänge, dass diese sich intensiv auf solche Textpassagen fokussieren, die einen topografischen Bezug zum jeweiligen Ort herstellen. Der Turm stellt diesbezüglich ein besonders einschlägiges Beispiel dar: Die erzählte Romanhandlung und die Topografie Dresdens sind aufs Engste miteinander verknüpft. So finden sich im Text z. B. eine Fülle von Beschreibungen und Verweisen auf Straßen, Häuser, Denkmäler und Bauten der Stadt Dresden sowie im Speziellen des Weißen Hirschs. […]

Die Spaziergänge erweitern die Textebene um außerhalb der Sprache liegende Dimensionen des stadtraumbezogenen Hörens, Sehens, Tastens, Riechens und Schmeckens und adressieren somit letztlich ein erfahrungsbasiertes Wissen und Erleben literarischer Topografien. […]

Öffentliche Literaturdidaktik. Grundlegungen in Theorie und Praxis
Herausgegeben von: Dr. Christine Ott, Prof. Dr. Dieter Wrobel

Literaturvermittlung ist kein exklusives Anliegen der Schule. Je bedeutender lebenslanges und informelles Lernen werden, desto vielfältiger werden Zielgruppen, Situationen und Aufgaben der Literaturvermittlung. Menschen unterschiedlichen Alters, mit und ohne Literaturerfahrungen setzen sich mittels Literatur mit kulturellen, biografischen oder historischen Aspekten ihres Lebens oder ihrer Umgebung auseinander. Bibliotheken, Literaturhäuser oder Museen sind naheliegende Orte der Literaturvermittlung und des Umgangs mit Literatur, doch ist das Spektrum wesentlich breiter: Es reicht vom kulturtouristisch angelegten Literaturspaziergang bis hin zu literaturpädagogischen oder -therapeutischen Zusammenhängen, von Literaturfestivals bis zu bekannten wie unbekannten Erinnerungsorten.

Die Beiträge vermessen dieses Feld der „öffentlichen Literaturdidaktik“ und fragen nach Zielen und Zwecken, Zielgruppen und deren Interessen, Gegenständen von Literaturvermittlung, realen wie virtuellen Orten, Formaten und Verfahrensweisen sowie Qualifikationsanforderungen an die Gruppe der Vermittelnden.
Die unterschiedlichen Perspektiven verdeutlichen, dass (literatur-)didaktisches Wissen vielfältig außerhalb von Schule eingesetzt werden kann.


(ESV/lp)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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