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Legendarisches Erzählen: Optionen und Modelle in Spätantike und Mittelalter
Twitter weiterempfehlen  22.08.2019

Märtyrerlegenden und ihre Funktion im Mittelalter

ESV-Redation Philologie
Die Heilige Felicitas und ihre sieben Söhne sowie der Heilige Andreas (Copyright: Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart, Cod. hist. fol. 415, f. 77r.)
Märtyrerlegenden: Gläubige Christen wählen lieber Folter und Tod als Christus Jesus zu verleugnen. Was heute befremdlich erscheint, hatte im Mittelalter die Funktion, die Menschen in ihrer Glaubensfestigkeit zu stärken.
Die Märtyrer sollten den Gläubigen Vorbild sein in ihrer bedingungslosen Treue zu Gott. Die Märtyrerlegende geht ursprünglich auf die Erzählung von Stephanus aus der Apostelgeschichte zurück. Das Forschungsnetzwerk „Legendarisches Erzählen im Mittelalter“ hat nun im Erich Schmidt Verlag einen Band mit den wichtigsten Ergebnissen seiner Arbeit herausgegeben: Legendarisches Erzählen. Optionen und Modelle in Spätantike und Mittelalter. Lesen Sie hier Auszüge über die Geschichte des Stephanus gemäß der Apostelgeschichte und eine Verarbeitung des Stoffes in der Legendensammlung Legenda aurea (13. Jahrhundert), die einen ganz eigenen Schwerpunkt setzt: die Verbindung von Märtyrer und Prediger.

Apostelgeschichte

In der Apostelgeschichte hat der Zeugenbegriff Schlüsselcharakter. Nirgends im Neuen Testament kommt das Wort [...] [Zeuge] häufiger vor als hier. [...] [Zeuge] bezeichnet in diesem Text zunächst den Status und die Aufgabe der Apostel. Vor seiner Himmelfahrt sagt Christus zu den Aposteln: „[I]hr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde.“ (Apg 1,8; Elb.). […]

Stephanus wird von den Aposteln zum Dienst an der Gemeinde eingesetzt. Vom Geist erfüllt (Apg 6,5) wirkt er Wunder (Apg 6,8) und behält in religiösen Streitgesprächen die Oberhand. Daraufhin werden Männer angestiftet, die ihn der Gotteslästerung bezichtigen. Es kommt zum Prozess vor dem Synedrium. Bestochene Zeugen sagen gegen ihn aus. Als die Gerichtsversammlung auf ihn blickt, sehen sie „sein Angesicht wie eines Engels Angesicht.“ (Apg 6,15; Elb.). Stephanus hält nun eine lange Rede über die Geschichte des Volkes Israel und seinen Umgang mit den Propheten, beginnend bei Abraham, mit einem längeren Exkurs über Moses, bis zu Salomon. Diese Rede nimmt knapp zwei Drittel der gesamten Stephanus-Episode ein. Ihr Argument mündet in den Vorwurf, dass das Synedrium Jesus ermordet hat, so wie die Vorväter die Propheten verfolgt haben. Der Rat ist empört. Stephanus erhält eine Vision, die er verkündet: „Siehe, ich sehe die Himmel geöffnet und den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen!“ (Apg 7,56; Elb.).

Daraufhin entsteht ein Tumult, der Rat hält sich die Ohren zu und der Prozess endet in einer Art Lynchjustiz: Ohne dass von einem formellen Urteil etwas gesagt wird, treibt man Stephanus zur Stadt hinaus und steinigt ihn. Gemäß der Vorschrift in Dtn 17,7 sind es die Prozesszeugen, die die Steinigung eröffnen. Nach seinem Tod wird Stephanus von frommen Männern begraben. Mit dem Prozess beginnt die Verfolgung der Kirche in Jerusalem, die zuerst von Saulus betrieben wird, der auch eine Rolle beim Prozess gegen Stephanus spielt: Zu seinen Füßen legen die Zeugen ihre Kleider ab, bevor sie Stephanus steinigen.       

Legenda aurea       

Auch bei Jacobus, der die Legende gegenüber Jean de Mailly erheblich ausweitet, ist Stephanus zuallererst Märtyrer. Doch ist hier nicht nur die Reduktion der biblischen Erzählung auf dieses Modell zu beobachten, sondern zugleich eine produktive Bezugnahme und Umdeutung. Jacobus beginnt seine Legenden stets mit einer oft schon traditionellen Namensetymologie des Heiligen, die allegorisch-moralisch deutet. Die Bedeutung des Namens gibt Jacobus mit corona an. Er führt sie darauf zurück, dass er principium martyrii (Begründer des Martyriums; LA I, 8, S. 206, Z. 2) gewesen sei.

Im Folgenden demonstriert Jacobus musterhaft, wie die Stephanus-Geschichte für die Predigt aufbereitet werden kann. Das Thema bildet nicht das Bibelwort, sondern die Namensetymologie, es folgt die narratio und mit ihr schon einhergehend die divisio, die bei Jacobus nicht nur die Makrostruktur, sondern auch die Mikrostruktur der Rede prägt. Der Handlungsgang folgt der Apostelgeschichte. Jacobus kommentiert und erklärt sie hinsichtlich des sensus litteralis. Außerdem ordnet er sie in ein Zahlenraster ein, bei dem die Dreizahl, aber auch die Vierzahl eine wichtige Rolle spielt: triplici modo würden die Juden Stephanus angreifen: durch Disputation, Zeugenvorführung und Folter. Dreiteilig werde jeder Kampf dargestellt: Kampfbeginn, Hilfeleistung, Erringen des Siegs. Der Kampf gehört zur Konzeption des Märtyrers, dessen Tod als Triumph über den Widersacher und über den Tod gedeutet wird. Anhand der Schemata Angriff und Kampf geht Jacobus den Text durch und schließt dabei unter jedem Punkt weitere drei- oder vierteilige Schemata an. […]

Schon Jean bezeichnet die Rede des Stephanus als sermo. Jacobus aber erzählt Stephanus als Prediger, der nicht nur im Martyrium, sondern auch mit den Waffen der Sprache gegen die Verfolger kämpft und mit Gottes Hilfe den Sieg davonträgt. Auf diese Weise stellt Jacobus ein Spiegelungsverhältnis zwischen der Krone der Märtyrer und sich selbst bzw. dem Prediger her, dem er diese Legende als Muster an die Hand gibt. In der imitatio des protomartyr geht der Prediger in der Legenda aurea voran. In den Legendaren der Dominikaner ist somit das Martyrium als selektionsleitendes und strukturbildendes Thema vor die Zeugenschaft getreten. Jacobus nutzt die mit ihm verbundene Kampftopik in seiner Aufbereitung der Legende für die Predigt, um eine Verbindung zwischen dem Heiligen und dem Priester als Instanzen der Heilsvermittlung herzustellen, und um eine Anschlussoption für die Adressaten der Predigt zu schaffen. Stephanus, der Christusimitator, wird als imitabile präsentiert, nicht materialiter im Blutzeugnis, aber moraliter in seiner Glaubensstärke. 

Die Autorinnen und Autoren
  • Julia Weitbrecht, Juniorprofessorin für deutsche Literatur des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Forschungsschwerpunkte: Legenden, Jenseitsreisen und Visionsliteratur, Tierfabel und -epik.
  • Maximilian Benz, Oberassistent für Ältere deutsche Literatur an der Universität Zürich. Forschungsschwerpunkte: Latinität und Volkssprache, Reiseliteratur, höfische Literatur im 12. und 13. Jahrhundert.
  • Andreas Hammer, akademischer Oberrat/Lehrstuhlvertretung an der Universität zu Köln. Forschungsschwerpunkte: Literarische Konzepte von Heiligkeit, Editionsphilologie, mediävistische Mythosforschung. 
  • Elke Koch, Professorin für Ältere deutsche Literatur und Sprache an der Freien Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte im Bereich der religiösen Literatur: Legenden, Theorie religiösen Erzählens, liturgische Feiern, geistliche Spiele.
  • Nina Nowakowski, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut III der Fakultät für Humanwissenschaften der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Forschungsschwerpunkte: Versnovellistik, religiöse Literatur.
  • Stephanie Seidl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Stuttgart. Forschungsschwerpunkte: Mittelalterliche Hagiographie, höfischer Roman in komparatistischer Perspektive, althochdeutsche Literatur.
  • Johannes Traulsen, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte: Legendarische Literatur, Karlsepik.

Legendarisches Erzählen

Von JProf. Dr. Julia Weitbrecht, Dr. Maximilian Benz, PD Dr. Andreas Hammer, Prof. Dr. Elke Koch, Dr. Nina Nowakowski, Dr. Stephanie Seidl, Dr. Johannes Traulsen

Legenden gelten gemeinhin als Schemaliteratur, die mit einem begrenzten Arsenal an Erzählbausteinen das Leben heiliger Personen darstellt. Dabei verfügt die mittelalterliche Hagiographie über eine Vielzahl an Möglichkeiten des Erzählens von Heiligkeit. Dieses Buch nimmt daher die Pluralität und Variabilität der im Mittelalter existierenden Optionen in den Blick, indem es Spezifika des legendarischen Erzählens als ein Wechselverhältnis von variablen Heiligkeitsmodellen und flexiblen religiösen Funktionalisierungen beschreibt.

Den Ausgangspunkt bilden die deutschsprachigen Heiligenerzählungen des Mittelalters, doch eröffnen sich im Horizont der lateinischen Vorlagen Perspektiven auf langwellige Prozesse der Genese und Transformation von Heiligkeitsmodellen seit der Spätantike.

Der Band legt damit ein methodisches Angebot für künftige Arbeiten zum legendarischen Erzählen vor, um dessen charakteristische Vielfalt weiter zu erschließen.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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