Moderne Technologie ermöglicht fast uneingeschränkte berufliche Teilhabe von Menschen mit Diabetes
„Diese Fortschritte haben die Arbeitsfähigkeit von Menschen mit Diabetes revolutioniert“, sagt Dr. med. Wolfgang Wagener, Vorsitzender des Ausschusses Soziales der DDG und Facharzt für Innere Medizin; Diabetologe (DDG), Palliativmedizin, Sozialmedizin und Medizinethik (M.A.). „Für die meisten Betroffenen entfallen nahezu alle früheren Einschränkungen im Berufsleben: Die Lebenserwartung liegt heute fast auf dem Niveau stoffwechselgesunder Menschen, und die Zahl der Fehltage ist verglichen mit anderen Erkrankungen gering und weiter rückläufig. Wir sind heute medizinisch und technisch deutlich weiter als vor 20 oder 30 Jahren.“
Alte Denkmuster behindern Chancen
Trotz dieser Entwicklungen gelten in bestimmten Berufsfeldern wie Polizei, Bundeswehr, Zoll oder im Schienenverkehr weiterhin Ausschlusskriterien für Menschen mit Diabetes. „Diese Regelungen stammen aus einer Zeit, in der Unterzuckerungen schwer vorhersehbar waren“, erklärt Wagener. „Auf Grundlage der Gefährdungsbeurteilung (GBU) lt. § 5 Arbeitsschutzgesetz, muss heute begründet werden, warum ein Mensch mit Diabetes nicht ausgebildet oder bei entsprechender Qualifikation nicht am betreffenden Arbeitsplatz eingesetzt wird. Die Beweispflicht, dass eine Tätigkeit nicht ausgeübt werden kann, liegt also beim Arbeitgeber und dessen Betriebsärztin bzw. -arzt, mit Rücksprache der behandelnden Diabetologin bzw. Diabetologen. Ein genereller Ausschluss von Menschen mit Diabetes ohne individuelle Gefährdungsbeurteilung diskriminiert Betroffene in ihren beruflichen Möglichkeiten und ist unhaltbar.“
Wagener plädiert dafür, die arbeitsmedizinischen Eignungsrichtlinien an den Stand der Wissenschaft anzupassen – nach dem Vorbild anderer europäischer Länder wie Großbritannien oder Österreich, in denen bereits individuelle Risikobewertungen üblich sind. „Technisch und medizinisch sind wir heute weiter als viele gesetzliche Regelwerke“, so Wagener. „Diese Lücke müssen wir schließen – im Interesse der Betroffenen, aber auch im Interesse der Wirtschaft. Denn jeder Mensch mit Diabetes, der arbeitsfähig ist, stärkt unsere Leistungsfähigkeit als Gesellschaft.“ Veraltete Verordnungen fördern nicht nur die Diskriminierung und den Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen, sie verstärken zudem den Fachkräftemangel unnötig.
Erfreulich hingegen sei, dass die Verbeamtung von Menschen mit Diabetes in weiten Bereichen des öffentlichen Dienstes heute kaum noch Probleme bereitet, so Wagener.
Wissen auffrischen, Vorurteile abbauen
Auch Professorin Dr. med. Julia Szendrödi, Präsidentin der DDG, sieht Aufklärung als zentralen Hebel: Die Ärztliche Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie des Universitätsklinikums Heidelberg richtet Ihren Appell daher speziell an Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner: „Wissen schützt vor Vorurteilen. Wer versteht, was moderne Diabetestechnologie und eine individuelle Therapie leisten kann, erkennt, dass Diabetes kein Ausschlusskriterium mehr ist.
Wohlbefinden entsteht, wo Verständnis wächst
„Ein unterstützendes Arbeitsumfeld ist entscheidend für das Wohlbefinden Betroffener“, sagt Szendrödi. „Arbeit ist ein integraler Teil des Lebens – und damit auch ein Schlüssel für Gesundheit und Lebensqualität. Wer Akzeptanz und Unterstützung erfährt, bleibt länger leistungsfähig und psychisch stabil. Arbeitgeber sollten wissen, was Diabetes im Alltag bedeutet – und wie sie Beschäftigte unterstützen können.“
Politik und Gesellschaft in der Pflicht
„Wichtig ist es jetzt, veraltete Denkmuster und Vorschriften aufzubrechen. Arbeitgeber, Betriebsärzte und Entscheidungsträger sollten den wissenschaftlichen Fortschritt in der Diabetologie stärker berücksichtigen – wir müssen das Denken verändern“, so Wagener. „Nicht die Erkrankung schränkt ein, sondern die Rahmenbedingungen. Die moderne Diabetologie hat längst die Voraussetzungen geschaffen, dass Menschen mit Diabetes in nahezu allen Berufen arbeiten können. Jetzt gilt es, dieses Wissen in der Praxis umzusetzen – durch zeitgemäße Beurteilungen und Offenheit in der Arbeitswelt.“
| Über die Deutsche Diabetes Gesellschaft |
| Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ist mit mehr als 9300 Mitgliedern eine der großen medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland. Sie unterstützt Wissenschaft und Forschung, engagiert sich seit 1964 in Fort- und Weiterbildung, zertifiziert Behandlungseinrichtungen und entwickelt Leitlinien. Ziel ist eine wirksamere Prävention und Behandlung der Volkskrankheit Diabetes, von der mehr als 9 Millionen Menschen in Deutschland betroffen sind. Zu diesem Zweck unternimmt sie auch umfangreiche gesundheitspolitische Aktivitäten. |
Quelle: Pressemitteilung DDG
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