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Johannes Gutenberg perfektionierte im 15. Jahrhundert den Druck mit beweglichen Metalllettern – und leitete damit einen wissensgeschichtlichen Epochenumbruch ein (Foto: Gutenberg-Bibel, 1452; Signatur: GM-Ink 130, 2 – Universitätsbibliothek Mainz)
Auszug aus: „Popularisierung und Popularität im 15. und 16. Jahrhundert. Transformationen der Wissenskultur zwischen Handschrift und Buchdruck“

Phänomene des Populären und der Popularisierung in der Frühen Neuzeit

ESV-Redaktion Philologie
24.02.2026
Wie gelangt spezialisiertes Wissen an eine breite Öffentlichkeit? Diese Frage beschäftigt uns nicht nur in der Gegenwart – in einer Zeit beschleunigter Internetkommunikation, in der das Streben nach Aufmerksamkeit und möglichst vielen Klicks dominiert. In der Frühen Neuzeit, als Bücher erstmals in großer Zahl gedruckt wurden, begann sich zu zeigen, wie umkämpft Aufmerksamkeit sein kann. Zu beobachten war in jener Zeit aber auch eine Hybridisierung von Hochkultur und populären Erscheinungen. Flugblätter, Druckgraphiken und Übersetzungen brachten neues Wissen in neuen medialen Formen und Formaten unter die Leute. Popularität wurde somit zum Prüfstein des Erfolgs, und was viele lasen oder sahen, prägte, was als wichtig galt.
Der Sammelband Popularisierung und Popularität im 15. und 16. Jahrhundert. Transformationen der Wissenskultur zwischen Handschrift und Buchdruck, herausgegeben von Christian Seebald und Hans Rudolf Velten, erzählt von dieser spannenden Frühgeschichte unserer modernen Wissenskultur. Er ist im Kontext des Siegener Sonderforschungsbereichs 1472 „Transformationen des Populären“ entstanden. Lesen Sie im Folgenden einen Ausschnitt aus der Einleitung der Herausgeber.

„Populär ist, was bei vielen Beachtung findet“. Die Offenheit dieser Definition, die unbestimmt lässt, „was oder wer Beachtungserfolge erzielt und bei wem“ und „wie dies von wem und mit welchen Folgen beobachtet wird“, und insbesondere die Beschaffenheit und Wertigkeit des Populären zugunsten seiner Skalierbarkeit und Quantifizierung außer Acht lässt, ist zugleich ihr heuristischer Vorteil – gerade wenn es um Zeiträume und historische Perioden jenseits (post-)moderner Populärkulturen geht: „Woraus diese Vielen sich zusammensetzen und was von ihnen beachtet wird, bleibt demnach […] der Überprüfung durch historische Analysen überlassen.“ Im Zeichen des so definierten Populären umfasste Popularisierung alle Verfahren, welche die Popularität oder öffentliche Beachtlichkeit von Gegenständen oder Praktiken hervorbringen, d. h. sowohl institutionalisierte als auch institutionell ausgeschlossene Wissensdiskurse und Praktiken. Die Siegener Forschungsagenda unterscheidet weiterhin zwischen Popularisierungen „erster“ und „zweiter Ordnung“: Mit „Popularisierung erster Ordnung“ sind „Aushandlungen zwischen Experten und Laien“ gemeint, die im Zeichen einer „kulturelle[n] High/Low-Unterscheidung“ auf eine Verbreitung durch Vereinfachung als legitim erachteter Kultur- und Wissensbestände zielen, um für die Inklusion der Allgemeinheit „im Dienste höherer Ziele zu sorgen“, etwa indem man „das qualitativ Wertvolle bzw. ästhetisch Gelungene in zugänglicher Form unters Volk“ zu bringen sucht. Zugleich können hierunter aber auch gegenläufige Tendenzen gefasst werden wie die Versuche von Nichtexperten, gegenüber dem vermeintlichen Expertenwissen „eigene Wissensdiskurse und Praktiken zur Geltung“ zu bringen, was sie mitunter „in Konflikt mit Ansprüchen und Traditionen der Hochkultur“ geraten lässt. Dem wird eine „Popularisierung zweiter Ordnung“ entgegengestellt, die „solche Popularisierungsverfahren“ bezeichnet, „die Populäres herstellen, indem sie seine Beachtung durch viele feststellen und ausstellen“ – vor allem durch „Veröffentlichung von quantifizierten Popularitätsrelationen“ in Form von Listen, Charts, Rankings etc. –, und damit die „bestehenden Wertmaßstäbe der High/Low-Unterscheidung“ unterlaufen. Da diese „Popularisierung zweiter Ordnung“ historisch genuin mit „der zunehmenden Rationalisierung der Markt- und Meinungsforschung seit den 1920er Jahren“ in Verbindung gebracht wird, scheinen Parallelen zu den Verhältnissen des 15. und 16. Jahrhunderts – anders als bei den diversen Verfahren einer „Popularisierung erster Ordnung“ im Sinne einer „Anpassung von Expertenwissen an die Auffassungsgabe der Allgemeinheit“ bzw. einer Vermittlung „zwischen gelehrter und ungelehrter Rezeption“ – zunächst nicht indiziert; es gibt aber doch verwandte Phänomene in Gestalt von Messkatalogen im Kontext des Buchdrucks und frühen Verlagswesens des 16. Jahrhunderts, die zwar keine spezifischen Quantifizierungen bieten, aber doch gleichgerichtete Implikationen aufweisen.

[…]

„Populär ist, was bei vielen Beachtung findet“: Unter dieser Prämisse treten Fragen einer „wirkmächtigen Leitdifferenz von high culture vs. low culture“, von Elite und Masse, von Gelehrten und ,Volk‘, von Experten und Laien, die mit der normativ geprägten Programmatik einer ,Hebung‘ niedrigerer oder ,Herablassung‘ zu niedrigeren Publikumsschichten einhergehen mag, unter heuristischem Aspekt zunächst zurück. Sie wären auch für die Situation des 15. und 16. Jahrhunderts anders zu stellen und zu bewerten als etwa für das 18. oder 19. Jahrhundert, als ,Volksbildung‘ in Form „printmedialer Inklusion“ in den Fokus einer aufklärerischen Programmatik rückte, der es darum zu tun war, die breite Bevölkerung zu ihren Standards „hinaufzuziehen“, indem sie sich zu ihr „herablässt“. Anders dagegen bereits Kuhn zur Bedeutung von Popularisierung im 15. Jahrhundert: „Schichtenspezifisch nur insofern, als sie Lesen und Hören von Schriftlichkeit voraussetzt, amalgamiert sie auf hundert verschiedene Weisen Schriftkultur-Aneignung mit bisher mündlichen Traditionen und Praktiken, und das darf wiederum keineswegs als Absinken oder/und Aufsteigen von Kulturgut mißverstanden werden“. Kurz gesagt: Popularisierung verteilt und verbreitet nicht nur Wissen, sie verändert den Status dieses Wissens und erschafft dabei neues Wissen. Mit Blick auf die Druckgraphik hat Brückner Vergleichbares festgestellt: „Wie in unserer Zeit die sogenannten Massenmedien einen zuvor ungeahnten Bilderkonsum hervorrufen, so haben im 15. Jahrhundert die Möglichkeiten der graphischen Massenproduktion eine bis dahin völlig unbekannte Verbreitung von Bildgut überhaupt unter allen Schichten der Bevölkerung gebracht.“ Popularisierung ist in diesem Verständnis nicht mit Divulgation oder Trivialisierung gleichzusetzen, auch wenn Popularisierung bisweilen, auf den zweiten Blick, Tendenzen einer Trivialisierung implizieren mag, sofern man darunter denn Aspekte wie etwa Komplexitätsreduktion und Orientierung an wiederkehrenden, mithin erwartbaren und decodierbaren Mustern und Konventionen zugunsten breiterer Verfügbarkeit und stärkerer „Bedürfnisbefriedigung“ begreifen will. Und tatsächlich wird erfolgreiches Populäres bereits im 16. Jahrhundert hier und da im Zeichen der High/Low-Axiologie „unter Trivialitätsvorbehalt“ gestellt und von der Warte elitärer Deutungskompetenz aus abgewertet.

Für die Fragestellung ist freilich die Doppelbezüglichkeit der Transformationsleistung relevant, die mit Popularisierungsprozessen einhergeht. Denn sie betrifft nicht nur die sozial-, medien- und wissensgeschichtlichen Verhältnisse, auf die sie bezogen ist, sondern auch das Verständnis dessen, was „bei vielen Beachtung findet“. Vor diesem Hintergrund richtet sich das Erkenntnisinteresse dieses Bandes, unter der Voraussetzung eines erweiterten Literaturbegriffs, auf ganz unterschiedliche Texttypen und Themen diverser Kommunikations-, Wissens- und Lebensbereiche, die im 15. und 16. Jahrhundert in Handschrift und Druck vermehrt in der deutschen Schriftsprache in Umlauf gebracht und distribuiert werden, wie auch auf deren je spezifische Textualität – etwa als Neuproduktionen, Bearbeitungen, Adaptationen oder Übersetzungen –, mediale und performative Konditionen, paratextuelle Rahmungen, Adressatenbezüge, Gebrauchsformen und Funktionsweisen. Es interessieren dabei – gemäß dem Vorsatz, der „Dimension des quantitativ Populären“ verstärkt Aufmerksamkeit zu schenken – speziell Aspekte der Quantifizierung und Messbarkeit von Beachtung: in Gestalt der Bandbreite der schriftlichen Überlieferung, der Zahl von Handschriften und Druckexemplaren, der Auflagenhöhe, Reichweiten etc., ohne dass deswegen das literaturhistorisch bedeutsame Einzelphänomen notwendig in den Hintergrund treten müsste. 

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Zu den Herausgebern
PD Dr. Christian Seebald ist Literaturwissenschaftler und Mediävist an der Universität Siegen. Er lehrt deutsche Literatur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, und seine Forschungsschwerpunkte liegen u. a. in der Versnovellistik des 13. und 14. Jahrhunderts und der Mittelalter-Rezeption.

Prof. Dr. Hans Rudolf Velten ist Mediävist und lehrt deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Siegen. Er forscht u. a. zu Komik und Lachen in der Literatur des Mittelalters, zur Theatergeschichte des Mittelalters sowie im Bereicht text- und kulturwissenschaftlicher Theoriebildung. Zudem leitet er das Teilprojekt B04 „Populäres Mittelalter“ im Rahmen des Sfb 1472 „Transformationen des Populären“.

Popularisierung und Popularität im 15. und 16. Jahrhundert. Transformationen der Wissenskultur zwischen Handschrift und Buchdruck
Herausgegeben von Christian Seebald und Hans Rudolf Velten

„Populär ist, was bei vielen Beachtung findet.“
Diese These des Siegener Sonderforschungsbereichs „Transformationen des Populären“ wendet der vorliegende Band auf die Periode des Übergangs von der Handschriften- zur Buchkultur im 15. und 16. Jahrhundert an. Hugo Kuhn charakterisierte sie einst mit den Begriffen der „Literatur-Explosion“ und „volkssprachlichen Popularisierung der lateinischen Schrift-Tradition“.
Damit war eine umfassende „Literarisierung der Kultur“ gemeint, die die Verbreitung von Wissen, ein neues Verhältnis von Experten und Laien, die Entstehung des Buchmarkts und einer vom Buchdruck ausgehenden Öffentlichkeit umfasst. Der Band nimmt Kuhns vielzitierte, aber kaum je im Einzelnen spezifizierte Thesen als Ansatzpunkt, um die signifikanten Phänomene von Popularisierung und Popularität im Zusammenhang der Schriftkultur und ihrer vielfältigen Aneignungen in diesem Zeitraum erstmals auszumessen.
Die verschiedenen Beiträge widmen sich Prozessen von Popularisierung und Popularität der Umbruchzeit um 1500, die spezifische Verbindungslinien mit - wie auch Abgrenzungen von - den Verhältnissen des (post)modernen Populären erkennen lassen.



Programmbereich: Germanistik und Komparatistik