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Englische Pragmatik
Twitter weiterempfehlen  11.01.2019

Pragmatik: Sprechen bedeutet handeln

ESV-Redaktion Philologie
Ein vielbeforschtes Feld in der Linguistik: die Pragmatik. (Foto: Feng Yu/Fotolia.com)
Linguistische Pragmatik untersucht kommunikative Handlungen, mit denen Menschen sich verständigen. Die Erforschung dieser Disziplin zeigt, wie wirkungsvoll und geschickt Sprache sein kann.
Sie beschäftigt sich dabei vor allem mit impliziten Äußerungen, also dem Zwischen-den-Zeilen-Lesen und dem Verhältnis der Gesprächsteilnehmer zur Äußerung.  Die Pragmatik versucht dabei, die (oft versteckte oder verborgene) Intention eines Sprechers aufzudecken. Lange Zeit hatte die Pragmatik Schwierigkeiten, sich neben den anderen Kerndisziplinen der Linguistik zu etablieren. Ab den 1960er Jahren begannen jedoch die Philosophie und Soziologie, dieses Teilgebiet für ihre Forschung zu nutzen. Besonders durch den Beginn der linguistischen Höflichkeits- und Identitätsforschung ab den 1970er Jahren dann erfuhr die Pragmatik auch in anderen Forschungsgebieten eine größere Beachtung.

Lesen Sie dazu einen Ausschnitt aus der im Februar neuerscheinenden 3. Auflage der „Englischen Pragmatik“, die Prof. Dr. Wolfram Bublitz gemeinsam mit Dr. Christian R. Hoffmann überarbeitet hat. In Kapitel 16 widmen Sie sich der sogenannten Höflichkeitsforschung und ihren verschiedenen Lesarten:

16 Höflichkeit und Angemessenheit

Da lob ich mir die Höflichkeit. (Wilhelm Busch)

16.1 Höflichkeit(en): Eine erste Begriffsklärung

16.1.1 Nicht-linguistische und linguistische Lesarten

Was genau lobt denn Wilhelm Busch in seinem vielzitierten Aperçu? Doch mutmaßlich ein rühmliches Verhaltensprinzip, das einwandfreie Manieren, tadelloses Benehmen und die Achtung der geltenden Etikette fordert und denjenigen, der danach handelt, als gesellschaftlich wohlgelitten erscheinen lässt. Man sollte nun meinen, dass ein Benimmkodex und das daran geknüpfte Prinzip der Höflichkeit Soziologen und Sozialpsychologen interessiert, nicht aber Linguisten.

Tatsächlich jedoch boomt seit den 1970er Jahren die Höflichkeitsforschung auch in der Pragmatik, ohne allerdings zu einem einheitlichen Ansatz oder gar zu einer allgemein anerkannten Definition von Höflichkeit geführt zu haben. Im Gegenteil, die einschlägige Fachliteratur ist von diversen Höflichkeiten bevölkert, die den jeweiligen beschreibungstheoretischen und kulturspezifischen Hintergrund ihrer Vertreter reflektieren. Die Vagheit des Höflichkeitsbegriffs ist zudem eine Folge seiner Omnipräsenz: Wir alle, Lieschen Müller und The Average Joe, Gesellschaftskritiker und Benimmexperten, Soziologen und Linguisten führen ihn beständig im Munde, meinen aber Unterschiedliches damit. Die störende Überfrachtung des Höflichkeitsbegriffs, die eine Folge der unzulässigen Vermischung von alltagssprachlich-impressionistischen und fachsprachlich-analytischen Aspekten ist, verlangt nach einer Klärung. Ein erster Schritt hat darin zu bestehen, deutlich zwischen dem nicht-linguistischen und dem linguistischen Verständnis zu trennen. In einem zweiten Schritt muss der linguistische Höflichkeitsbegriff auf seine Tragfähigkeit als Analyseinstrument und seine Erklärungskraft innerhalb konkurrierender Theorien untersucht werden.

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Der erste Schritt fällt nur im Hinblick auf die Angabe der Extension des Höflichkeitsbegriffs in seiner alltags- und objektsprachlichen Verwendung einigermaßen leicht. Verbreitet sind Zuordnungen wie die folgenden:

  • Höflichkeit als Form: das ‚Zauberwort‘ bitte/please, die korrekte Anrede;
  • Höflichkeit als gesellschaftliche Norm: Benimmregeln, Knigge, courtesy rules;
  • Höflichkeit als gruppenspezifischer Code: Verhaltenskodex in einer Gruppe;
  • Höflichkeit als Strategie: Mittel zum Zweck, interessegeleitet;
  • Höflichkeit als Ausdruck der Identität: zur Beförderung des langfristigen, fortwährenden, positiv besetzen Persönlichkeitsbildes;
  • Höflichkeit als Ausdruck des Image: zur Beförderung des temporären, unbeständigen, situationsspezifischen und interaktiv konstruierten Selbstbildes.

„Say Please!“

Diese Liste kursierender Lesarten ist auf den ersten Blick ausgesprochen vage und uneinheitlich. Die Spanne der Gleichsetzungen reicht von ‚Höflichkeit ist das Befolgen formaler, rein regulativer Anweisungen (Say please!, Sag Sie!)‘ bis hin zu ‚Höflichkeit ist ein Hilfsmittel für identitätsstiftende und imagebefördernde Verhaltensweisen‘. Auffällig ist die gemeinsame Wirkungsbezogenheit der Lesarten. Gemeint ist in jedem Fall nicht nur eine Einstellung (‚Sie ist ein ausgesprochen höflicher Mensch.‘) oder eine Handlungsweise (‚Diesmal hat er sich betont höflich verhalten.‘), sondern auch eine Wirkung (‚Dies ist ein höflicher Brief.‘).

Die entsprechenden Einstellungen und Handlungsweisen zielen allein auf den gewünschten höflichen Effekt ab. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass Höflichkeit kein sprachinternes Merkmal ist. Darin liegt auch der Grund für die Schwierigkeit, Höflichkeit als linguistische Kategorie und metasprachliches Beschreibungskonstrukt zu definieren. Sprachliche Mittel und Strategien sind nicht per se höflich (auch das sog. Zauberwort bitte/please kann unter Umständen barsch und unhöflich wirken). Sie können jedoch in entsprechenden Kontexten eine Wirkung hervorrufen, die in diesem objekt- und alltagssprachlichen Sinn als höflich empfunden wird.

Keineswegs ist systemisch und a priori festgelegt, dass bestimmte Mittel einer Sprache intrinsisch, aus sich heraus, höflich sind, andere dagegen nicht. Wohl aber lässt sich empirisch feststellen, dass manche sprachlichen Mittel besser geeignet sind als andere, eine höfliche Wirkung zu erzielen. (Der Umkehrschluss, dass die Präsenz dieser Mittel Höflichkeit garantiert, trifft natürlich nicht zu.) Soll eine höfliche Wirkung erreicht werden, tendieren Sprecher eher zu bestimmten Mitteln als zu anderen. Sie bevorzugen etwa interrogativische gegenüber imperativischen Direktiva (und, im Deutschen, Modalpartikel). Da die Form-Funktionszuordnung, wie bereits mehrfach betont, dem Primat des Aushandelns im Kontext untergeordnet ist, kommt auch die umgekehrte Konstellation vor: imperativische Direktiva als die ‚höflichere‘ und interrogativische Direktiva als die ‚unhöflichere‘ Variante. 


Englische Pragmatik

Autoren: Professor Dr. Wolfram Bublitz, Dr. Christian R. Hoffmann

Die Sprachwissenschaft hat nicht nur mit syntaktischer Wohlgeformtheit und phonetischem Wohlklang zu tun, sondern auch mit dem angemessenen Gebrauch von Sprache. Die Pragmatik befasst sich mit den Prinzipien dieses Gebrauchs. Sie untersucht, wie wir mit Sprache handeln, um uns in Szene zu setzen, unsere Interessen durchzusetzen, Mitmenschen zu beeinflussen oder Gefühle kundzutun. Nicht immer tun wir dies direkt. Statt explizit zu sagen, was wir meinen, spielen wir darauf an, legen es nahe, unterstellen es oder lassen es nur durchblicken.

Prof. Dr. Wolfram Bublitz: Professor i.R. für Englische Sprachwissenschaft (zuletzt Universität Augsburg). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Pragmatik, die Text- und Diskursanalyse sowie die Computervermittelte Kommunikation.

Dr. Christian R. Hoffmann: Akademischer Rat am Lehrstuhl für englische Sprachwissenschaft (Universität Ausgburg). Sein Forschungsinteresse gilt neben der Pragmatik, der (kritischen) Diskurslinguistik, der Korpusstilistik sowie der sprachlichen Analyse von Film- und Fernsehsprache.


 

 


(ESV/pa)

Programmbereich: Anglistik und Amerikanistik

 
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