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Nachgefragt bei: Dr. Gabriele Radecke
Twitter weiterempfehlen  25.05.2018

Radecke: „Die wohl prominenteste Korrespondenz im deutschen Realismus“

ESV-Redaktion Philologie
Kennt sich aus mit Fontane und Storm: Dr. Gabriele Radecke (Foto: Privat)
1852 reiste Theodor Storm nach Berlin und lernte dort Theodor Fontane kennen; eine Begebenheit, aus der sich ein 35 Jahre währender Austausch ergab. Gabriele Radecke veröffentlicht ihre kritische Edition des gesamten Briefwechsels nun im Taschenbuchformat. Sie sprach darüber mit der ESV-Redaktion.
Liebe Frau Radecke, 2011 erschien die Kritische Ausgabe zum Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Theodor Fontane. Jetzt erscheint der Briefwechsel in preisgünstiger attraktiver Ausgabe als Taschenbuch. Was hat Sie dazu bewogen?

Gabriele Radecke: Der Briefwechsel zwischen Storm und Fontane ist wohl die prominenteste Korrespondenz im deutschen Realismus. Beide Autoren sind auch heute noch sehr beliebt und werden nicht nur innerhalb der literatur- und kulturwissenschaftlichen Fachwissenschaft rezipiert, sondern gerade auch von einem allgemeinen Publikum gelesen. Fontanes und Storms Werke gehören nach wie vor zum Kanon der Weltliteratur und werden auch in der Schule von der Unter- bis zur Oberstufe behandelt. Ebenso lesenswert sind ihre Briefe, die mitunter einen großen Unterhaltungswert haben. Deshalb ist es sinnvoll, diese Edition nun noch einmal zwischen den beiden Jubiläumsjahren, dem 200. Geburtstag von Storm (2017) und von Fontane (2019), in einer preiswerten kartonierten Ausgabe vorzulegen, die man sich für die Privatbibliothek auch leisten kann.

Was macht den Briefwechsel zwischen Storm und Fontane so interessant? Kann er uns, abgesehen von seiner literaturhistorischen Bedeutung, noch weitere Aufschlüsse über die Zeit Storms und Fontanes geben?

Gabriele Radecke: Wir erfahren viel über das literarische Leben in Berlin und über den Freundeskreis Theodor Fontanes, etwa über das Bemühen, ein belletristisches Jahrbuch zu etablieren, für das Storm als Autor gewonnen werden konnte. Wir erfahren zudem Näheres über die geselligen Treffen in Berlin und in Potsdam, bei denen auch manchmal die Ehefrauen dabei waren und wo man sich gegenseitig aus den eigenen Texten vorgelesen hat. In Fontanes und Storms Briefgesprächen werden aber nicht nur ästhetische Fragen thematisiert, sondern auch aktuelle politische und gesellschaftliche Themen berührt. Der Briefwechsel gibt darüber hinaus noch Einblicke in die Briefkultur des 19. Jahrhunderts.

„Beide Schriftsteller haben verschiedene Beigaben mitgeschickt ”

So haben beide Schriftsteller, wie es damals üblich war, mit ihren Briefen die verschiedensten Beigaben mitgeschickt: Briefe an andere Personen, Zeitungsausschnitte oder auch ihre druckfrischen Werke. In der Edition des Briefwechsels werden diese unterschiedlichsten Briefbeigaben, von denen noch einige heute überliefert sind, nun erstmals ermittelt und kommentiert. Interessant dabei ist, dass nicht nur Fontane Storms Gedichte und Erzählungen gelesen hat, sondern dass auch umgekehrt – was weniger bekannt ist –, Storm sich für Fontanes mittleres und spätes Werk interessierte, wie etwa für seinen ersten Roman Vor dem Sturm oder auch für das bis heute sehr beliebte schottische Reisebuch Jenseit des Tweed.

Die beiden Theodors pflegten zwischen 1852 und 1887, also 35 Jahre lang bis zu Storms Tod, einen Austausch nicht nur auf literarischer, sondern auch auf persönlicher Ebene. War das Verhältnis zwischen beiden mehr als nur reines Netzwerken?

Gabriele Radecke: Insbesondere die Briefe, die bis zu Storms Übersiedelung nach Potsdam im November 1853 geschrieben wurden, lassen sich eher als eine literarische Geschäftskorrespondenz bezeichnen, in denen es tatsächlich vorwiegend um die Etablierung der eigenen Texte und um die Kontaktpflege ging. Mit Storms zweitem Berlin-Aufenthalt im September 1853 ist der Umgang der beiden Männer dann etwas vertrauter geworden. So liest man in den Briefen zunehmend auch private Mitteilungen, wie etwa über Storms gesundheitliche Sorgen oder auch über seine existentielle Not, denn Storm war ja in Potsdam lediglich als Gerichtsvolontär ohne Gehalt tätig und somit auf die finanzielle Unterstützung seines Schwiegervaters angewiesen. In Fontanes Briefen hingegen ist zu lesen, dass er ein großer Bewunderer besonders von Storms Gedichten, etwa Abschied oder auch Im Herbste, gewesen ist.

Storm und Fontane haben zwar nach Storms Umzug nach Heilgenstadt im Jahre 1856 zumindest gelegentlich ihre Korrespondenz fortgesetzt. Von einem Freundschaftsbriefwechsel wird man allerdings nicht sprechen können, da es auch in den späten Jahren weniger um private Anliegen ging, als vielmehr um literarisch-kollegiale Gefälligkeiten, wie etwa um Fontanes Rezensieren der Gesamtausgabe von Storms Werken oder um Fontanes Unterstützung bei der Übersetzung von Storms Immensee ins Englische. Dass die beiden Männer eher eine professionelle und distanzierte Beziehung pflegten, verdeutlicht einmal mehr die Anrede „Sie“, die sie bis zuletzt beibehielten.

„Menschlich schwierige und vielschichtige Beziehung”

Das Storm-Bild in der Literaturwissenschaft wurde über ein halbes Jahrhundert lang von Fontanes recht negativen Schilderungen in seinem autobiographischen Werk Von Zwanzig bis Dreißig geprägt. Kann uns der Briefwechsel diesbezüglich ein differenzierteres Bild vermitteln?

Gabriele Radecke: Wenngleich Fontane in Von Zwanzig bis Dreißig damit endet, dass er Storm „als Lyriker“ nicht nur schätzt, sondern ihn zu den „drei, vier Besten, die nach Goethe kommen“, zählt, so bleibt dennoch der negative Eindruck dieses Storm-Kapitels nach wie vor bestehen. Im Unterschied zur Autobiographie Von Zwanzig bis Dreißig, für die Fontane sich die Briefe Storms noch einmal vorgenommen hat und die er dann lediglich in gekürzter und zugespitzter Fassung wiedergibt, geben uns die aufeinander bezogenen Briefe der beiden Schriftsteller zusammengenommen einen unvermittelten Einblick in die menschlich schwierige und vielschichtige Beziehung Storms und Fontanes.

Mit der Kommentierung in der Edition ist nun der Versuch einer Kontextualisierung unternommen worden, indem weitere, auch unveröffentlichte Quellen hinzugezogen wurden. Dieses Verfahren wurde gewählt, um zu einer Relativierung der einzelnen Briefaussagen beizutragen und somit eine Grundlage für eine ausgewogene Lektüre des Briefwechsels zu bieten. Mit der Neuedition des Briefwechsels zwischen Storm und Fontane wird es vielleicht zudem gelingen, auch das Storm-Kapitel in Fontanes Von Zwanzig bis Dreißig neu zu lesen und etwas differenzierter zu interpretieren.

Wird es neben der Neu-Veröffentlichung zum Fontanejahr noch weitere Aktivitäten wie Lesungen und Vorträge geben?

Gabriele Radecke: Ja. Bislang sind drei Veranstaltungen geplant: am 13. Oktober 2018 eine kommentierte Lesung auf der Frankfurter Buchmesse, am 13. Dezember 2018 ein Vortrag im Literaturmuseum „Theodor Storm“ in Heiligenstadt sowie am 5. April 2019 eine kommentierte Lesung in der ESV-Akademie in Berlin. Wir informieren über diese und weitere Veranstaltungen im Internet auf der Website der ESV-Akademie sowie auf der Website der Theodor Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen.

Die Herausgeberin
Dr. Gabriele Radecke, geb. 1967, Literatur- und Editionswissenschaftlerin. Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Göttingen und Leiterin der dortigen Theodor Fontane-Arbeitsstelle. Herausgeberin der Großen Brandenburger Ausgabe zu den Werken und Briefen Theodor Fontanes und der digitalen Edition von Theodor Fontanes Notizbüchern. 2017 wurde sie mit dem Preis des Stiftungsrats der Universität Göttingen in der Kategorie „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ ausgezeichnet.

Theodor Storm – Theodor Fontane Der Briefwechsel

Herausgegeben von: Dr. Gabriele Radecke

Der Briefwechsel zwischen Theodor Fontane und Theodor Storm ist wohl der prominenteste Briefwechsel des deutschen Realismus. Er ist eine wichtige Quelle für die Beschäftigung mit den beiden Autoren und wird hier in einer textkritischen, nach neuen editorischen Standards erarbeiteten und umfangreich kommentierten Edition erstmals als Sonderausgabe im Taschenbuch vorgelegt.

Die 104 Briefe, die zwischen Dezember 1852 und Oktober 1887 geschrieben wurden, informieren nicht nur über die existentiellen Sorgen Storms und Fontanes; sie berühren auch zentrale literarische und politische Themenbereiche und geben Einblicke in das gesellschaftliche und kulturelle Leben um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Briefe werden ergänzt durch Rezensionen und Essays von Storm und Fontane, wie etwa Fontanes „Erinnerungen an Theodor Storm“. Neben der Forschungsliteratur sind auch unveröffentlichte Archivalien aus Storms und Fontanes Nachlass genutzt worden, die die subjektiven Aussagen der Briefe relativieren und kontextualisieren.


(ESV/ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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