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Nachgefragt bei: Antje Rüger
Twitter weiterempfehlen  29.10.2019

Rüger: „Unabhängig von der Sprache ist der Einstieg in ein Studium eine große Herausforderung für junge Menschen“

ESV-Redation Philologie/LP
Beliebt: Studieren an deutschsprachigen Hochschulen (Foto: pure-life-pictures – stock.adobe.com)
Zunehmend werden die deutschspachigen Hochschulen attraktiver für internationale Studierende. Warum das so ist, wie man sich am besten auf ein Studium in Köln, Basel oder Wien vorbereitet und wo man weitere Informationen findet, verrät uns Antje Rüger im Gespräch mit der ESV-Redaktion.
Klar wird dabei: Sprache ist wichtig, aber auch eine Portion Abenteuerlust gehört dazu, wenn man sich für ein Studium in einem fremden Land entscheidet.

Liebe Frau Rüger, warum interessieren sich immer mehr internationale Studierende für ein Studium an einer deutschsprachigen Hochschule?


Antje Rüger
: Es ist tatsächlich so, dass seit den späten 1990er Jahren die Zahl der internationalen Studierenden an deutschsprachigen Hochschulen sehr stark gestiegen ist. Vor kurzem titelten wichtige Medien wie Tagesschau und Spiegel Online, dass die Bundesrepublik Deutschland nun Frankreich als „Studienland der Wahl“ überholt habe. Seit dem Jahr 2016 ist demnach Deutschland das nichtenglischsprachige Land, in das die meisten Studierenden aus dem Ausland kommen. Inzwischen ist etwa jede/r zehnte Studierende in Deutschland aus dem Ausland. Im Master- und Promotionsstudium ist der Anteil internationaler Studierender mit 18% bzw. 24% besonders hoch. In Österreich und der Schweiz liegt der Anteil von Bildungsausländer/innen noch höher – jeweils bei etwa einem Viertel aller Studierenden.
Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig: Einerseits ist die weltweite Mobilität in den letzten Jahrzehnten generell leichter und für mehr Menschen möglich geworden. Es gibt jederzeit und an nahezu jedem Ort die Möglichkeit, sich über Studienoptionen in den deutschsprachigen Ländern zu informieren. Durch Mobilitätsprogramme wie „Erasmus“ hat sich die Zahl temporärer Studienaufenthalte enorm erhöht. Etwa 33.000 Studierende kommen beispielsweise jährlich mit einem Erasmus-Stipendium in die Bundesrepublik Deutschland. Im Bereich des Hochschulmarketing wurden in der letzten Zeit sehr große Anstrengungen unternommen: Durch Bildungsmessen, umfangreiche Internetportale wie https://www.study-in-germany.de/de/ oder persönliche Informationen durch Vertreter/innen von Mittlerorganisationen (DAAD, OeAD, Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, Goethe-Institut u. a.) sind die Studienangebote der deutschsprachigen Länder vermutlich deutlich bekannter geworden.

Besonders gefragt: Ingenieurwissenschaften in Deutschland

Auch Absolvent/innen deutschsprachiger Hochschulen tragen offensichtlich dazu bei, dass diese im Ausland einen guten Ruf haben. Das ist oft auch an wirtschaftliche Entwicklungen gekoppelt: Besonders viele internationale Studierende gibt es in den Ingenieurwissenschaften in Deutschland, da wohl die Marke „Made in Germany“ gerade in technischen Bereichen nach wie vor für gutes Know-How und eine fundierte Ausbildung steht. Sowohl an Universitäten (28 %) als auch an Fachhochschulen (47 %) sind die Ingenieurwissenschaften in Deutschland das Fachgebiet, in das sich Studienanfänger/innen aus dem Ausland im Jahr 2018 am häufigsten einschrieben. Und natürlich ist es sicherlich für Studieninteressierte aus dem Ausland attraktiv, dass bis auf wenige Ausnahmen für ein Studium an Hochschulen der deutschsprachigen Länder keine Studiengebühren zu zahlen sind.

Welche Möglichkeiten gibt es für Studierende aus dem Ausland, die in deutschsprachigen Ländern studieren wollen?

Antje Rüger
: Besonders im postgradualen Bereich gibt es eine ganze Reihe von Stipendienmöglichkeiten und die Anerkennung vorheriger Studienabschlüsse wird von den einzelnen Hochschulen geprüft. Erleichtert wird der Übergang von einem Land in ein anderes vor allem auch durch eine höhere Vergleichbarkeit durch Credit-Point-Systeme und z. B. für Europa durch vergleichbare Studienabschlüsse (Bachelor und Master im Bologna-Hochschulraum).  Viele Studierende kommen aber auch direkt nach der Schule für ein Bachelor- oder Diplom-Studium an eine deutschsprachige Hochschule.

Notwendig: eine dem Abitur oder der Matura gleichgestellte Hochschulzugangsberechtigung

Die konkreten Möglichkeiten richten sich nach dem Bildungssystem im Herkunftsland. In einigen Fällen muss vor der Aufnahme eines Studiums eine dem Abitur oder der Matura gleichgestellte Hochschulzugangsberechtigung erworben werden. Das kann in Deutschland z. B. an Studienkollegs erfolgen. Diese kooperieren zunehmend auch mit ausländischen Partnern, so dass es teilweise möglich ist, diese sprachliche und fachliche Studienvorbereitung bereits im Heimatland zu absolvieren.
Auch andere Initiativen wie die „Studienbrücke“ des Goethe-Instituts und Anstrengungen an deutschen Auslandsschulen sowie Schulen des Partnerschul-Netzwerkes (PASCH) tragen dazu bei, dass ein Übergang von einer Schule im Ausland an eine deutschsprachige Hochschule erleichtert wird.

Fremdsprache Deutsch, Heft 61 18.10.2019
Wege in ein Studium auf Deutsch
Seit einigen Jahrzehnten steht das Thema Internationalisierung ganz oben auf der Liste der Kernziele der Hochschulen in den deutschsprachigen Ländern. Welche damit verbundenen sprachlichen Anforderungen sind zu erfüllen und wie kann ein erfolgreicher Studieneinstieg für internationale Studierende ermöglicht werden? mehr …


Was sind die größten Herausforderungen für neue Studierende, die direkt von der Schule kommen?

Antje Rüger
: Unabhängig von der Sprache ist der Einstieg in ein Studium eine große Herausforderung für junge Menschen: Sie müssen wesentlich selbstständiger sein und nicht nur ihr Lernen, sondern oft auch ihr alltägliches Leben in einer neuen Umgebung mit neuen Konventionen ohne die gewohnte Unterstützung der Familie meistern. Im Studium an einer deutschsprachigen Hochschule gibt es viele Freiheiten, die aber auch mit der Notwendigkeit einhergehen, eigenständig wichtige Entscheidungen zu treffen, sich genau zu informieren, eigene Wege zu finden.

Zeitmanagement, Mut und Abenteuerlust

Oft gibt es keinen festen Stundenplan, sondern man muss sich selbst einen Zeitplan erstellen. Die Lehrveranstaltungen im Studium sind Angebote, Lernen wird nicht verordnet, sondern von den jungen Studierenden wird erwartet, dass sie selbst erkennen, was sie machen müssen. Das ist für viele eine völlig neue Lebens- und Lernerfahrung.
Es gehört Mut und eine gewisse Abenteuerlust dazu, wenn man dies alles noch dazu in einer fremden Sprache und in großer Entfernung von vertrauten Menschen bewältigen möchte.

Wie kann der Übergang von der Schule zur Universität einfacher gestaltet werden?

Antje Rüger
: Natürlich kann eine gute fachliche und sprachliche Vorbereitung helfen. Sie gibt vor allem Selbstvertrauen und Sicherheit, dass man die neuen akademischen Anforderungen bewältigen kann. Das Studienfach sollte entsprechend der eigenen Stärken und Fähigkeiten gewählt werden.

Es ist aber mindestens genauso wichtig, dass Studieninteressierte sich der neuen Lebensherausforderungen bewusst sind und sich mit großer Offenheit auf alles Neue einlassen. Die jungen Menschen sollten auch vorher schon Gelegenheiten haben, die notwendige Eigenständigkeit zu trainieren, z. B. durch die Mitwirkung in sozialen, sportlichen oder kulturellen Initiativen, wo sie Verantwortung für andere und sich selbst übernehmen müssen, durch kürzere selbst organisierte Reisen usw.

Hilfreich: Unterstützungsangebote an den Hochschulen

Eine genaue Information über das, was die angehenden Studierenden an der Universität erwartet, halte ich für sehr wichtig. Neben einer möglichst umfassenden Online-Recherche (Erfahrungsberichte, institutionelle Webseiten zu Studieninhalten, Berufsperspektiven, Arbeitsschwerpunkten der Lehrenden …) sind dafür sicherlich persönliche Kontakte und Hinweise aus erster Hand hilfreich.
An den deutschsprachigen Hochschulen gibt es ganz unterschiedliche Unterstützungsangebote für neue internationale Studierende, teilweise auch schon vor dem eigentlichen Studienbeginn: Buddy-Programme oder Tutorien, Einführungskurse zu fachlichen Themen sowie Studierstrategien und Arbeitsformen im Studium, studienvorbereitende und -begleitende Sprachkurse, Orientierungsprogramme der akademischen Auslandsämter, studentische (Willkommens-)Initiativen und Lerngruppen, Angebote von Fachschaftsräten, soziale und finanzielle Hilfen durch das Studentenwerk usw. Diese Angebote sind von Hochschule zu Hochschule sehr unterschiedlich organisiert. Je mehr man davon weiß, desto leichter ist es, auch die passende Unterstützung zu finden.

Sollten die sprachlichen Aspekte im Vordergrund stehen, oder sind andere Kompetenzen ebenso wichtig bzw. sogar wichtiger?

Antje Rüger
: Wie sicher schon aus den vorherigen Antworten deutlich geworden ist, halte ich ein Studium für internationale Studierende an einer deutschsprachigen Hochschule vor allem für eine komplexe neue Lebenserfahrung, die zunächst eine Reihe an soft skills erfordert und weiter fördert.

Aber auch die sprachliche Vorbereitung ist ohne Zweifel sehr wichtig. Selbst wenn man einen englischsprachigen Studiengang wählt – für das Leben in einem deutschsprachigen Land benötigt man auch gute Deutschkenntnisse, um nicht sozial isoliert und von vielen interessanten Erfahrungen ausgegrenzt zu werden.

Ich würde also die sprachlichen von den anderen, eher persönlichkeitsbezogenen Kompetenzen nicht so scharf trennen. Sie bedingen sich gegenseitig, denn: Wenn ich zwar im Leben gut klarkomme, aber sprachlich das Studium nicht bewältige, werde ich nicht glücklich und meine Ziele nicht erreichen.

Eine Herausforderung: die Wissenschaftssprache

Im Studium stellen sich eine Reihe sprachlicher Anforderungen, die in keiner Sprachprüfung für den Hochschulzugang nachgewiesen werden müssen. Schon in der Muttersprache, aber umso mehr in der Fremdsprache ist es schwierig, einer 90-minütigen Vorlesung zu folgen, dabei parallel zum mündlichen Vortrag die PowerPoint-Folien zu lesen und das wirklich Wichtige mitzuschreiben. Neben dem Fachwortschatz gibt es wissenschaftssprachliche Formulierungen, die zwar aus der Alltagssprache bekannt erscheinen, im akademischen Kontext aber andere Bedeutungen haben bzw. nur in einer spezifischen Weise kombiniert werden können. Hinzu kommt, dass auch in der Wissenschaftssprache zwischen mündlichen und schriftlichen Konventionen unterschieden werden muss. Es gibt sprachliche Handlungen, die im Alltag nur wenig vorkommen, die aber für die Wissenschaftskommunikation (und auch schon im Studium) sehr wichtig sind, z. B. das Argumentieren und das Wiedergeben von Gedanken anderer Autor/innen.

Außerdem – und hier spielen auch die soft skills wieder eine große Rolle – gibt es im Studium viele ganz unterschiedliche Kommunikationssituationen. Es kommt darauf an, permanent zu erkennen, welche Rolle man gerade einnimmt und welche Erwartungen man dabei erfüllen muss. Sich in Gruppenarbeiten oder Seminardiskussionen aktiv einzubringen, obwohl man die einzige Person ist, die nicht Deutsch als Muttersprache spricht, erfordert Kraft und Selbstvertrauen. In einer Sprechstunde oder mündlichen Prüfung z. B. muss man ein Gespür dafür entwickeln, was genau der/die Lehrende erwartet: Wie kann ich mein Anliegen präzise vorbringen sowie kurz und knapp, aber ausreichend  ausführlich begründen? Wie provokant ist die Frage gemeint und in welcher Form kann ich widersprechen?


Zu solchen neuen – auch sprachlichen – Anforderungen im Studium gibt es im Heft 61 von „Fremdsprache Deutsch“ genauere Überlegungen sowie methodisch-didaktische Vorschläge aus der Praxis.

Fremdsprache Deutsch Heft 61 (2019): Studieren auf Deutsch
Themenheftherausgebende: Christian Fandrych, Antje Rüger und Melanie Brinkschulte

Das Interesse an einem Studium in einem deutschsprachigen Land wächst weltweit. Neben Masterstudiengängen werden auch grundständige Studiengänge für internationale Studierende immer attraktiver. Das liegt an der steigenden Mobilität junger Menschen, aber auch am guten Ruf der Hochschulen. Diese haben sich in den letzten Jahrzehnten auch stark um die Internationalisierung bemüht, unter anderem, indem sie die Betreuungs- und Unterstützungsangebote für inter-nationale Studierende ausgebaut und vielfältige Kontakte mit Partnerhochschulen geknüpft haben.

Das vorliegende Heft versucht aufzuzeigen, welche Wege es zu einem Studium in einem deutschsprachigen Land gibt und insbesondere, welche sprachlich-kommunikativen Anforderungen mit einem solchen Studium verbunden sind. Es enthält eine Vielzahl an praktischen Tipps, Beratungs- und Informationsangeboten. Im Mittelpunkt des Heftes stehen die sprachlich-kommunikativen Kompetenzen, auf die es in einem Studium ankommt, und praktische Vorschläge, wie diese vermittelt bzw. erworben werden können. Zur Sprache kommen wichtige rezeptive und produktive Kompetenzen im Hochschulkontext (Hören bzw. Hör-Sehverstehen; Lesen, verschiedene Schreibanforderungen, Gesprächs- und Vortragskompetenzen) ebenso wie die verschiedenen Rollen, Erwartungen und kommunikativen Anforderungen, mit denen sich (zukünftige) Studierende konfrontiert sehen.
Das ganze Heft, einzelne Artikel als Download und Suchfunktionen finden Sie unter www.fremdsprachedeutschdigital.de.

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
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