'';
leer  Ihr Warenkorb ist leer
Juris Allianz ESV Akademie ESV Campus ESV Open Der ESV auf Twitter
 
Nachgefragt bei: Dr. Pembe Sahiner
Twitter weiterempfehlen  12.06.2018

Sahiner: „Mehrsprachige Lernende müssen die Schrift in zwei Sprachen zeitgleich erwerben“

ESV-Redaktion Philologie
Grundschülerinnen lernen oft mit einer Anlauttabelle (Foto: Sahiner)
Lesen und Schreiben gehören zu den grundlegenden Fähigkeiten, die Kinder in der Schule erwerben. Doch wie werden sie am besten gelernt? Bestehen Unterschiede bei ein- und mehrsprachigen Kindern? Dr. Pembe Sahiner im Interview mit der ESV-Redaktion.
Liebe Frau Sahiner, wie lernen Kinder heutzutage Lesen und Schreiben?

Pembe Sahiner:
Das gängige Hilfsmittel, das im Unterricht genutzt wird, ist die Anlauttabelle. Sie ist zum einen kindgerecht aufgebaut und man kann innerhalb kurzer Zeit erste Wörter eigenständig schreiben. Dies bleibt jedoch hauptsächlich Kindern vorbehalten, deren phonologische Bewusstheit fortgeschritten ist. Schwächere Schreiberinnen und Schreiber können mit der Anlauttabelle schlecht umgehen und benötigen Hilfestellungen. Darüber hinaus habe ich beobachtet, dass für den Umgang mit der Anlauttabelle kaum Zeit eingeräumt wird. Aus der sprachstrukturellen Perspektive gibt es Anlauttabellen unterschiedlicher Qualität. Einige evozieren falsche Eindrücke über die Strukturen der deutschen Sprache in den Laut-Schrift-Beziehungen.

Gibt es einen idealen Weg, Kindern Lesen und Schreiben beizubringen?

Pembe Sahiner: Der Schriftspracherwerb kann bereits vorschulisch angebahnt werden. Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten seitens der Erzieher und Eltern, Zugänge zu schaffen. Das wichtigste ist derartige Zugänge zur Welt der Sprache und Schrift bereit zu halten. Zur Förderung der phonologischen Bewusstheit bzw. Sprachbewusstheit als Grundlage des Schrifterwerbs helfen besonders Gedichte und Lieder. Derartige Medien müssen bereit gehalten und eingesetzt werden.

Welche Unterschiede bestehen beim Schreiben lernen von Erstsprachlern und Zweitsprachlern?

Pembe Sahiner: Es gibt da eigentlich kaum Unterschiede. Es sei denn, der Schüler lernt auch in seiner Herkunftssprache lesen und schreiben. Der Türkischunterricht ist da das beste Beispiel in NRW. Aufgrund des unterschiedlichen zeitlichen Umfangs können bei schwächeren Lernenden Phasenverschiebungen auftauchen. Stärkere Lernende übertragen das im Schriftspracherwerb erworbene Wissen aus dem Deutschunterricht in den Herkunftssprachenunterricht und zeigen auf beiden Seiten Erfolge.

„Kinder sind in der Lage, Sprachsysteme getrennt zu erwerben”


Gibt es Unterschiede beim Lernen im Deutschen bzw. im Türkischen?

Pembe Sahiner: Es gibt keine Unterschiede. Kinder sind in der Lage, Sprachsysteme getrennt zu erwerben. Die Unterschiede werden seitens der Erwachsenen erst dann initiiert, wenn auf beiden Seiten Zugänge in den Rahmenbedingungen, zum Beispiel Zeitaufwand, unterschiedlich gehalten oder gar verweigert werden.

Sie haben für Ihre Publikation im Erich Schmidt Verlag eine Fallstudie gemacht. Wie genau sah diese aus?

Pembe Sahiner: Ich habe mehrere Schülerinnen und Schüler zwei Jahre begleitet, als sie Lesen und Schreiben gelernt haben. Ihre Schreibproben habe ich hinsichtlich der Progression analysiert. Zudem habe ich Aufnahmen erstellt und analysiert, die ich in Lautschrift (nach IPA) transkribiert habe. Ich habe die Fortschritte im Deutsch- und Herkunftssprachenunterricht Türkisch verglichen.

Welche didaktischen Schlussfolgerungen kann man aus Ihrer Analyse ziehen?

Pembe Sahiner: Es ist erforderlich, dass mehrsprachige Schülerinnen und Schüler parallel die Schrift in zwei Sprachen zeitgleich erwerben können. Hierzu muss der Status des Herkunftssprachenunterrichts angehoben werden.

Wie haben Sie persönlich Lesen und Schreiben gelernt? Was folgern Sie daraus heute?

Pembe Sahiner: Mittels der Anlauttabelle und der Wahrnehmung von Sprache. Da ich im Bergischen Land aufgewachsen bin, habe ich nicht nur Standardvarianten erworben, sondern vorrangig die Umgangssprache. Hierzu gehörte auch das Plattdeutsche. In der Form macht man Sprachdivergenzerfahrungen. Diese fördern die Sprachbewusstheit. Hierauf muss auch in der Didaktik ein Augenmerk gelegt werden. Derartige Besonderheiten zeigen sich bei all denjenigen Schülerinnen und Schüler, die in so einem sprachlichen Umfeld aufwachsen. Eine Trennung zwischen Lernenden mit und ohne Migrationshintergrund – eine sehr undifferenzierte Zuschreibung – ist nicht ausschlaggebend. Eher das sprachliche Umfeld.

Zur Autorin
Pembe Sahiner (Lehrkraft für besondere Aufgaben, TU Dortmund, Arbeitsstelle Deutsch als Zweitsprache), Tochter eines Gastarbeiters, ist in Deutschland bilingual Deutsch und Türkisch aufgewachsen. Sie hat neben dem Regelunterricht den „muttersprachlichen Ergänzungsunterricht“ (heute: Herkunftssprachenunterricht) besucht. Beruflich beschäftigt sie sich der Biographie naheliegend mit bilingualem Spracherwerb, Didaktik des Erst- und Zweitsprachenerwerbs und Sprachkontakt (u. a. Kontakttürkisch, Pontusgriechisch).

 
Vokalschreibung bei bilingual deutsch-türkischen Grundschüler/innen. Eine Fallstudie

Wie entwickelt sich die Vokalschreibung bei bilingualen Grundschüler/innen?
Untersuchungen zum bilingualen Schrifterwerb von Grundschüler/innen müssen die Fähigkeiten in der Erst- und Zweitsprache berücksichtigen. Auch wenn der Schrifterwerb in der Herkunftssprache mit dem Regelunterricht nicht koordiniert ist: Die Kinder lernen parallel Lesen und Schreiben. Darüber hinaus zeigen sie metasprachliche Fähigkeiten.

In diesem Buch bekommen Sie Einblicke in gesteuerte und ungesteuerte Lerneraktivitäten, Entwicklung von Lese- und Schreibstrategien, Erwerbsprozesse (in Abhängigkeit der Rahmenbedingungen), individuelle metasprachliche Auseinandersetzungen. Besonders das Können und die Schwierigkeiten und Rückfalle im Schrifterwerb stehen im Fokus.

Die vorliegende Erwerbsstudie behandelt alle relevanten Aspekte des Schrifterwerbs in den ersten beiden Grundschuljahren. Dabei berücksichtigt sie die Besonderheiten der Mehrsprachigkeit fähigkeitsorientiert, um Didaktisierungen zu verbessern.


(ESV/lp)

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
Zurück
 
Als Nettopreise angegebene Preise verstehen sich zuzüglich Umsatzsteuer. Alle Nettopreise, also auch die Monatspreise, wurden aus den Bruttopreisen errechnet. Daher kann es wegen Rundungsungenauigkeiten bei einer Rückrechnung zu Abweichungen um wenige Cent kommen.




© 2019 Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. KG, Genthiner Straße 30 G, 10785 Berlin
Telefon (030) 25 00 85-0 | Telefax (030) 25 00 85-305 | E-Mail: ESV@ESVmedien.de