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Für seine Studie zu den sprachlich-kommunikativen Anforderungen in der Tourismusbranche hat Michael Seyfarth unter anderem in Hotellerie, Gastronomie und öffentlichen Verkehrsmitteln geforscht. (Foto: privat)

Seyfarth: „Der Tag an der Seite eines Busfahrers war ebenso ein Highlight wie das Interview mit einem Gastronom“

ESV-Redaktion Philologie
16.07.2020

Es ist schön, wenn einem auf Reisen in der Ferne plötzlich in der eigenen Sprache weitergeholfen werden kann. Aber gibt es eigentlich DIE eine Sprache des Tourismus? Oder wie gestaltet sich in den unterschiedlichen Servicebereichen der Tourismusbranche kommunikatives Handeln? Werden hinter dem Tresen einer Bar und dem Steuer eines Busses immer die gleichen sprachlichen Werkzeuge benötigt? Wir haben unseren Autor Michael Seyfarth im Interview gefragt, wie er den Fragen nach diesen sprachliche Erfordernissen auf den Grund gegangen ist, um wichtige Grundsteine zur Entwicklung von Lehrplänen auf diesem Gebiet zu legen.

Lieber Herr Seyfarth, das im Juli 2020 erscheinende Werk „Sprachlich-kommunikative Anforderungen in tourismusbezogenen Serviceberufen im Kontext der empirisch fundierten Curriculumentwicklung“ ist eine überarbeitete Fassung Ihrer Dissertation, die Sie 2019 verteidigt haben. In der Einleitung konstatieren Sie eine Lücke, was Lehr- und Lernmaterialien für Beschäftigte in der Tourismusbranche anbelangt. Wie sind Sie auf diese Lücke gestoßen bzw. wie haben Sie bemerkt, dass in der Branche ein Bedarf am Ausbau der Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten besteht? Kurzum, wie sind Sie auf die Idee zu Ihrer Promotion gekommen?

Seyfarth: Die Bereiche Curriculumentwicklung und Analyse von Lehr- und Lernmaterialien haben mich schon im Studium besonders interessiert. In meiner Masterarbeit hatte ich mich mit Touristenführer*innen beschäftigt. Dass bei vielen Lehr- und Lernmaterialien undifferenziert von „Deutsch für den Tourismus“ gesprochen wurde, ohne die Unterschiede in den Tätigkeitsbereichen mit Blick auf Sprachniveau und sprachlich-kommunikative Handlungen zu berücksichtigen, hatte mich verwundert und in mir den Wunsch wachsen lassen, diese Spezifika systematisch zu untersuchen.

Sie haben für Ihre Forschungen empirisch gearbeitet und waren bei Ihren Beobachtungen im Feld in verschiedenen Servicebereichen der Tourismusbranche vor Ort. An welchen Orten waren Sie überall? Was war bei diesen empirischen Forschungen der überraschendste oder vielleicht sogar auch persönlich schönste Moment?

Seyfarth: Neben der Dokumentenanalyse waren Interviews und Beobachtungen ganz zentral – in der Gastronomie, der Hotellerie, in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Ticketverkauf und in der Touristeninformation. Es war faszinierend, diese Berufe aus einer neuen Perspektive kennenzulernen. Der Tag an der Seite eines Busfahrers war dabei ebenso ein Highlight in diesem Prozess wie das Interview mit einem Gastronom, der mit strahlenden Augen von seiner Arbeit sprach und mich kurzzeitig daran hat zweifeln lassen, dass ich meine Zukunft wirklich in der Wissenschaft verbringen will und nicht lieber in der Gastronomie.

Auszug aus: Sprachlich-kommunikative Anforderungen in tourismusbezogenen Serviceberufen 06.07.2020
Sprache und Kommunikation in den Servicebereichen des Tourismussektors
Jede*r kennt die Situation: Man ist im Urlaub und möchte sich zur nächsten Sehenswürdigkeit durchfragen, einen Restauranttipp bekommen, wissen, wann der nächste Bus fährt oder einfach nur nett plaudern – und dann fehlen einem die Worte. mehr …

Ihre Arbeit hat gezeigt, dass sich lokal und branchenabhängig sehr viele Spezifika für die sprachlich-kommunikativen Anforderungen ergeben. Kann man Ihrer Meinung nach dann überhaupt von einer „Sprache des Tourismus“ sprechen?

Seyfarth: Ganz klar: Nein. Die Anforderungen hängen stark davon ab, ob Nicht-Muttersprachler/innen in Deutschland arbeiten und nicht nur mit Reisenden, sondern auch Kolleg/innen u.A. in der Zielsprache kommunizieren, oder im Ausland die Anforderungen auf den Kontakt mit deutschsprachigen Reisenden beschränkt sind. Sie hängen aber auch davon ab, wie die Unternehmen strukturiert sind und welche Aufgaben zur jeweiligen Tätigkeit gehören. Allerdings gibt es auch klare Tendenzen und Schnittmengen. Der in meiner Untersuchung entstandene Szenarienkatalog bietet hier einen guten Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen, aber auch für notwendige Reflexionen bei der Entscheidung zur Gestaltung von Kursen und Lehr- und Lernmaterialien.

Warum ist die Tourismusbranche gerade für Ihren Bereich, Deutsch als Fremdsprache bzw. Deutsch als Zweitsprache, interessant? Gibt es im nichtdeutschsprachigen Ausland Bedarf an Personal, das mit deutschsprachigen Tourist*innen auf Deutsch kommuniziert? Was wären beispielsweise konkrete Anwendungsfelder für Lehrmaterialien, die basierend auf Ihrer Dissertation entwickelt wurden?

Seyfarth: Auch in Zeiten wachsender Bedeutung des Englischen – es gibt Regionen, die sich im Zusammenhang mit Gesundheits-, Erinnerungs-, aber eben auch Massentourismus auf deutschsprachige Reisende ausgerichtet haben und in denen Sprachkenntnisse von Beschäftigten von unternehmerischem Interesse sein können. Im deutschsprachigen Raum bieten gerade die im Projekt betrachteten Berufe häufig das Potenzial für die berufliche Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Die Ergebnisse lassen sich aber auch auf andere Fremdsprachen übertragen und wären hier für den Kontext der beruflichen Bildung in Deutschland interessant.

War es Ihnen nach Ihren Forschungen im Urlaub überhaupt noch möglich, den Wissenschaftler zu Hause zu lassen und selbst nur Tourist zu sein? Fiel es Ihnen manchmal schwer, diese Brille abzusetzen?

Seyfarth: Ich habe 4 Jahre als DAAD-Lektor in Russland gearbeitet. Die vielen Dienstreisen brachten mich immer wieder insb. mit Hotellerie und Gastronomie in Kontakt. Ich habe mich tatsächlich immer wieder dabei erwischt, innerlich die Gespräche mit dem in der Dissertation entstandenen Szenarienkatalog abzugleichen. Jede Reise war ein kleiner Validierungsprozess, der sicher die Reflexion zu meinen Ergebnissen bereichert hat.

Lieber Herr Seyfarth, vielen Dank für das Interview!

Wenn auch Sie mehr über die sprachlichen und kommunikativen Herausforderungen erfahren wollen, denen Beschäftigte im Service der Tourismusbranche begegnen, empfehlen wir Ihnen Michael Seyfarths Studie „Sprachlich-kommunikative Anforderungen in tourismusbezogenen Serviceberufen im Kontext der empirisch fundierten Curriculumentwicklung“.

Zum Autor
Dr. Michael Seyfarth lehrt am Fachbereich Methodik/Didaktik am Herder-Institut der Universität Leipzig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Curriculumentwicklung, fach-/berufsbezogene kommunikative Handlungskompetenz sowie Analyse und Entwicklung von Lehr- und Lernmedien.

Sprachlich-kommunikative Anforderungen in tourismusbezogenen Serviceberufen

von Dr. Michael Seyfarth

Kurskonzepte, Prüfungen sowie Lehr- und Lernmaterialien für tourismusbezogene Serviceberufe sind bislang nur in begrenztem Umfang auf einer empirisch begründeten Basis entstanden. Der vorliegenden Band stellt ein Modell zur empirisch fundierten Curriculumentwicklung vor, das bestehende Ansätze, wie z. B. Sprachbedarfsanalysen, Sprachgebrauchsanalysen, textlinguistische Untersuchungen und Diskursanalysen, miteinander in Beziehung setzt.

Am Beispiel von Arbeitsplätzen in tourismusbezogenen Serviceberufen wird ein Design zur Ermittlung sprachlich-kommunikativer Anforderungen vorgestellt, das neben einer Analyse berufsrelevanter Dokumente auch auf Interview- und Beobachtungsdaten zurückgreift. Das Ergebnis ist ein Szenarienkatalog, der aus der Perspektive des Deutschen als Fremdsprache aufgezeigt, welche sprachlich-kommunikativen Anforderungen den Kontakt von Beschäftigten zu Reisenden prägen.

Damit bietet der Band Grundlagen für vergleichbare Projekte zur Ermittlung sprachlich-kommunikativer Anforderungen, die weiterführende Untersuchung der kommunikativen Realität von tourismusbezogenen Serviceberufen und eine Reflexionsgrundlage für curriculare Entscheidungen in konkreten regionalen und institutionellen Kontexten.

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache