Spielerische Verflechtung von sprachlicher und demokratischer Bildung
Judica Frei de Rocha
An der Deutschen Schule La Paz »Mariscal Braun« wurde im Jahr 2015 ein intensives zweisprachiges Immersionsprogramm eingeführt. Dieser Wechselerfolgte vor dem Hintergrund einer veränderten Schülerschaft (ca. 90 % der Schüler:innen sind spanischsprachig): In La Paz – wie auch in Südamerika insgesamt – besuchen zunehmend weniger deutsche Erstsprachler:innen eine deutsche Schule. Aus diesem Grund entschied sich die Schule für einen Immersionsansatz, um insbesondere Schüler:innen mit Spanisch als Erstsprache (L1) und Deutsch als Zweitsprache (L2) einen intensiveren und kontinuierlichen Kontakt mit der Zielsprache Deutsch zu ermöglichen (vgl. Steinlen et al. 2023).
Dieser Artikel zeigt auf, wie Deutschlernen im Kindergarten und in der Grundschule durch die Immersionsmethode nicht nur sprachliche Kompetenzen, sondern auch die Persönlichkeitsbildung und soziale Integration fördert. Wenn Kinder in bedeutungsorientierten, authentischen Kommunikationssituationen die L2 verwenden, erfolgt der Lernprozess nicht nur rezeptiv, sondern vor allem durch Interaktion mit anderen. Durch Nachfragen, das Aushandeln von Bedeutung und das gemeinsame Klären von Inhalten entwickeln sie ein besseres Verständnis sprachlicher Strukturen und erweitern kontinuierlich ihren Wortschatz sowie ihre kommunikativen Kompetenzen. Gleichzeitig spielt die aktive Sprachproduktion eine zentrale Rolle. Durch → Partizipation bringen Kinder regelmäßig eigene sprachliche Äußerungen in der L2 hervor, erproben diese und entwickeln sie schrittweise weiter. Durch dieses sprachliche Handeln erweitern und festigen sie ihre Ausdrucksmöglichkeiten. Diese sprachlich-kognitiven Entwicklungen können sich auch positiv auf die Erstsprache(L1) auswirken und die Ausdrucksfähigkeit in beiden Sprachen stärken.
Spracherwerb ist immer auch ein sozialer Prozess. Kinder lernen, Gefühle zu benennen, Konflikte zu lösen und Verantwortung zu übernehmen – wichtige Schritte für eine stabile Persönlichkeitsentwicklung. Soziale Werte wie Respekt, Empathie und Verantwortung werden im Kindergarten nicht abstrakt behandelt, sondern im gemeinsamen Handeln – etwa durch Teilen, gegenseitige Unterstützung und bewusstes Zuhören – konkret erfahrbar und regelmäßig thematisiert, wobei dies sowohl nonverbal als auch sprachlich in der Zweitsprache (L2) Deutsch erfolgt.
Um wiederkehrende Konfliktsituationen aus dem Alltag aufzugreifen, werden Stabpuppen wie »Pia« und »Ruben« gezielt eingesetzt. Dabei verbinden sie nonverbale Elemente gezielt mit sprachlichem Inputin der Zweitsprache Deutsch (L2). Am Beispiel des Schubsens beim Aufstellen in der Reihe spielen die Erzieher:innen zunächst das unangemessene Verhalten bewusst vor: Eine Puppe drängelt sich nach vorne und schubst, die andere reagiert verärgert. Anschließend wird die Szene erneut gespielt, diesmal mit einer angemessenen Handlungsalternative. Die Figuren formulieren dabei einfache, sprachlich klare Sätze wie: »Ich möchte auch vorne stehen« oder »Bitte schubs mich nicht«. Ein besonders wirksames Beispiel ist die Ruhe-Ecke: Sie ist ein geschützter Bereich mit Kuscheltieren, Büchern und Atemübungen, die mithilfe von Visualisierungen (z. B. Bildkarten oder einfachen Schrittfolgen) gezielt angeleitet werden und den Kindern helfen, diese selbstständig umzusetzen, Stress abzubauen und ihre Selbstregulation zu entwickeln (Abb. 1). Geschichten wie »Das Farbenmonster« von Anna Llenas bieten zusätzliche Anlässe, Gefühle differenziert auszudrücken. Durch die farbliche Zuordnung von Emotionen (z. B. Gelb steht für Freude, Blau für Traurigkeit und Rot für Wut) wird Kindern der Zugang zu abstrakten Gefühlsbegriffen erleichtert. Im Morgenkreis werden Fragen wie »Wie fühlt sich das Monster?« oder »Wann warst du schon einmal wütend?« aufgegriffen. Dabei lernen die Kinder einfache sprachliche Musterwie »Ich bin traurig, weil …« oder »Ich fühle mich wütend, wenn …« kennen.
| Nachgefragt bei Sonja Seifarth Saini und Susanne Kleber | 27.10.2026 |
| „Es ist wichtig, an die Lebenswelt der Kinder anzuknüpfen” | |
| Heute wird immer früher mit sprachlicher Bildung begonnen. Als Lehrkraft im Bereich DaZ oder DaF kommen viele Fragen auf: Welche Methoden ermöglichen einen nachhaltigen Spracherwerb? Wie lassen sich individuelle Bedürfnisse und unterschiedliche sprachliche Vorraussetzungen berückstichtigen? Gibt es einen richtigen Zeitpunkt, um mit der Sprachförderung zu beginnen oder kann man gar zu früh mit der Sprachförderung beginnen? Über diese und weitere Punkte haben wir mit Sonja Seifarth Saini und Susanne Kleber gesprochen. mehr … | |
Sprache fungiert hierbei als zentrales Medium: Nur wer sich sprachlich äußern kann, ist in der Lage, Gefühle zu teilen, Kompromisse zu verhandeln oder Verantwortung zu übernehmen. Wenn Kinder diese Fähigkeiten auf Deutsch erwerben, verbinden sie soziale Kompetenzen mit der Zweitsprache – ein doppelter Gewinn.
Partizipation bedeutet, Kinder aktiv in Entscheidungen einzubeziehen und ihnen die Möglichkeit zugeben, ihren Alltag entsprechend ihren Fähigkeiten mitzugestalten. Durch Mitsprache, Mit Verantwortung und gemeinsame Entscheidungsfindung erfahren sie, dass ihre Meinungen wahrgenommen und berücksichtigt werden.
Partizipation wird in unserer Einrichtung systematisch aufgebaut. Im ersten Kindergartenjahr begegnen die Kinder zunächst einfachen Formen der Demokratiebildung, etwa durch Abstimmungen mit Muggelsteinen oder Handzeichen. Dabei erleben sie grundlegende Prinzipien wie Mehrheitsentscheidungen und gemeinsames Aushandeln auf einer starkhandlungsorientierten Ebene. Gleichzeitig sammeln sie im immersiven Alltag erste kontinuierliche Erfahrungen mit der deutschen Sprache.
Die Kinderkonferenz findet im zweiten Kindergartenjahr statt, wenn die Kinder bereits etwa ein Jahr intensiven Kontakt zur Zweitsprache Deutsch (L2) hatten. In der Vorbereitung malen sie ihre Anliegen zunächst angeleitet auf vorbereitete Blätter.
Der Beginn mit der Immersionsmethode bereits im Kindergarten kann – unter der Voraussetzung einer kontinuierlichen und qualitativ gesicherten Umsetzung – über den reinen Spracherwerb hinauswirken und eine Grundlage für weitere Bildungsprozesse legen. Die durchgängige sprachliche Begleitung unterstützt dabei nicht nur den Aufbau kommunikativer Kompetenzen, sondern kann sich auch förderlich auf fachliche Lernprozesse sowie auf soziale und personale Entwicklungen auswirken.
Ein bedeutsamer Meilenstein für das Immersionskonzept der Deutschen Schule La Paz war die Auszeichnung mit dem Deutschen Schulpreis im Jahr 2019,über den ein dokumentarischer Filmbeitrag auf YouTube abrufbar ist (QR-Code in der Randspalte).FAZIT Frühes Deutschlernen erweist sich somit als umfassendes Bildungskonzept, das Kinder stark, selbstbewusst und sprachlich kompetent in ihre Zukunft begleitet. Die Verbindung von Spracherwerb und Demokratiebildung schafft eine solide Grundlage für lebenslanges Lernen und gesellschaftliche Teilhabe.
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| Die Autorin |
| Judica Frei de Rocha leitet den Kindergarten der Deutschen Schule La Paz und verfügt über langjährige Erfahrung in frühkindlicher Bildung sowie in bilingualen Bildungsprogrammen. Sie war am Aufbau und an der Umsetzung des Immersionskonzepts beteiligt und begleitet dessen Weiterentwicklung. 2018 wirkte sie an einer Sprachstandserhebung zur Evaluation der Methode mit. Zudem war sie am Bewerbungsverfahren für den Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung beteiligt, mit dem die Deutsche Schule La Paz 2019 ausgezeichnet wurde, und war 2023 Teil eines Peer-Review-Teams in Costa Rica. |
Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache