Stressdiagnosen bei Berufstätigen auf Höchststand
Doch was ist es, was Berufstätige mental immer stärker zu belasten scheint? Neben privaten sowie gängigen beruflichen Stressoren wie etwa einem zu hohen Arbeitspensum und ständigen Überstunden, einem geringen Gehalt und Existenzängsten oder Konflikten mit Kolleg:innen und Vorgesetzten misst KKH-Ärztin Aileen Könitz der modernen Arbeitsweise mit Laptop und Smartphone ebenfalls eine Rolle zu. Damit einher geht die Frage: Bedeuten mobiles Arbeiten und zeitliche Flexibilität wirklich Freiheit oder Druck durch permanente Selbstorganisation und Verantwortung ohne klare Grenzen?
„Ich bezeichne es gern als den unsichtbaren Stress der Unklarheit“, sagt die KKH-Expertin für psychiatrische Fragen. „Moderne Arbeit kann erschöpfen, obwohl sie flexibler geworden ist. Arbeit stresst heute nicht nur, weil sie grundsätzlich als zu viel erlebt wird, sondern auch, weil vieles unentschieden, diffus und ungeklärt bleibt. Nicht nur die Arbeit selbst setzt viele Menschen unter Druck, sondern das permanente Interpretieren: Wer ist zuständig? Was wird erwartet? Was darf ich ablehnen? Muss ich nonstop erreichbar sein? Wann ist etwas genug? Auf welchem Kanal soll ich kommunizieren?“, erläutert Könitz. Flexibles Arbeiten kann also dann Stress auslösen, wenn klare Regeln fehlen, wenn Zuständigkeiten, Prioritäten oder Erwartungen unausgesprochen bleiben und die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen. „Diese ständige Unklarheit kann es erschweren, sich nach der Arbeit gedanklich zu distanzieren und zur Ruhe zu kommen. Auf Dauer kann dies zu Anspannung und mentaler Erschöpfung führen“, sagt die Expertin.
„Fragmentiertes“ Arbeiten – Top oder Flop?
Die Mittagspause für den Hausputz oder das Fitnessstudio verlängern, nachmittags die Kinder zum Sport begleiten und dafür abends nochmal für ein paar Stunden den Laptop aufklappen – in vielen Fällen trägt diese Flexibilität zu einer besseren Work-Life-Balance bei. Diese sogenannte Arbeitszeitfragmentierung, sprich das Aufbrechen des Arbeitstages in mehrere kurze Phasen, kann aber auch zu einem stärkeren Zeit- und Leistungsdruck führen. Denn: Ein häufiger Wechsel zwischen Arbeit und Privatleben bedingt zum einen, dass die damit einhergehenden unterschiedlichen Rollen einmal mehr Zeit und Energie kosten können. Zum anderen entstehen durch eine Ausweitung der Arbeitszeit auf die Abendstunden verkürzte Ruhezeiten und ein längerer wöchentlicher Arbeitszeitrahmen. Das kann kurzfristig die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, den Schlaf und das Wohlbefinden insgesamt beeinflussen und langfristig sogar schwerere gesundheitliche Probleme wie Belastungsreaktionen, chronische Erschöpfung und einen Burnout nach sich ziehen.
Care-Arbeit ist keine Pause!
„Das Aufweichen von Arbeitszeitgrenzen und die Möglichkeit, die Arbeitszeit für private Verpflichtungen zu unterbrechen, kann zwar grundsätzlich die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben fördern. Das trägt aber nur dann zu einer besseren Work-Life-Balance bei, wenn die Rahmenbedingungen klar definiert sind“, erläutert Aileen Könitz. „Das gilt vor allem, wenn Berufstätige ihren Job zugunsten von Care-Arbeit für die Familie unterbrechen. Denn dann machen sie keine Erholungspause, sondern arbeiten unbezahlt weiter.“ Unternehmen sollten daher klare Strukturen schaffen, an denen sich Arbeitnehmer:innen orientieren können. Dazu gehören verbindliche zeitliche Obergrenzen für die Arbeitstage und klare Regeln für Ruhezeiten im Job. Führungskräfte können die Erholung von Mitarbeitenden fördern, indem sie Pausen und freie Zeiten bewusst respektieren. Um eine ständige Erreichbarkeit zu vermeiden, sind außerdem klare Kommunikationsregeln wichtig. Dazu gehört etwa, den Austausch auf bestimmte Zeiten und Kanäle zu begrenzen.
Berufstätige können darüber hinaus auch selbst viel dazu beitragen, flexibles Arbeiten positiv zu nutzen und sich vor den negativen Folgen zu schützen. Dazu gehören etwa feste Arbeits- und Pausenzeiten, die eine klare Trennung zwischen Job, Familie und Freizeit ermöglichen, sowie das bewusste Abschalten digitaler Geräte nach Feierabend. Für die eigene Gesundheit seien zudem regelmäßige Bewegung, Entspannungstechniken und soziale Aktivitäten wichtig, betont Aileen Könitz. Diese trügen zu einem gesunden Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben und somit auch zum Stressabbau bei.
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Hintergrundinformationen
Ausgewertet wurde die Zahl der Kalendertage mit ärztlichem Attest von pflichtversicherten und freiwillig versicherten Mitgliedern der KKH Kaufmännische Krankenkasse mit Krankengeldanspruch aufgrund der Diagnose F43, vornehmlich F43.0 (akute Belastungsreaktion) und F43.2 (Anpassungsstörungen) nach ICD-10, neu für das Jahr 2025 – ohne Arbeitslose und Rentner. Der einfacheren Lesbarkeit halber wird teils nur von Stressdiagnosen, Belastungsreaktionen oder stressbedingten Belastungen gesprochen. Genannt sind die Fehltage pro 100 Versichertenjahre, also pro 100 Mitglieder, die im gesamten Auswertungszeitraum (jeweiliges Jahr) bei der KKH versichert waren. Teils wird der Einfachheit halber von 100 Versicherten beziehungsweise 100 Berufstätigen oder Arbeitnehmer:innen gesprochen.
| Über die KKH |
| Mit rund 1,5 Millionen Versicherten, einem Haushaltsvolumen von rund 8,7 Milliarden Euro und rund 4.000 Mitarbeitenden zählt die KKH Kaufmännische Krankenkasse als eine der größten bundesweiten Krankenkassen zu den leistungsstarken Trägern der gesetzlichen Krankenversicherung. |
Quelle: Pressemitteilung KKH
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