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Mechthild und das „Fließende Licht der Gottheit“
Twitter weiterempfehlen  12.06.2019

Volkssprachige Mystik des Mittelalters

ESV-Redaktion Philologie
Ein Ausschnitt aus: Oratio Mechthildis in Sammelhandschrift des Gallus Oswalt (Foto: Prag, Bibliothek des Strahov-Klosters, DB IV,2, fol. 3r, Ausschnitt); © Bibliothek des Strahov-Klosters Prag
Archive auf der ganzen Welt bergen nach wie vor sensationelle Schätze: 2008 wurde in Moskau ein Fragment von Mechthilds „Fließendem Licht der Gottheit“ entdeckt. Dieser früheste Überlieferungszeuge des Textes sorgte in der Mechthild-Forschung für eine Reihe neuer Erkenntnisse.
Lesen Sie dazu einen Auszug aus der einleitenden Spurensuche des Bandes Mechthild und das ‚Fließende Licht der Gottheit‘ im Kontext. Eine Spurensuche in religiösen Netzwerken und literarischen Diskursen im mitteldeutschen Raum des 13.–15. Jahrhunderts von Caroline Emmelius und Balázs J. Nemes.

Sensationsfund in Moskau

Im Jahr 2008 ereignet sich an der Lomonossow-Universität in Moskau ein wissenschaftlicher Mauerfall eigener Art: In Beständen aus der Bibliothek des Domgymnasiums Halberstadt, die als sog. Beutegut nach dem zweiten Weltkrieg nach Moskau gelangt sind, konnte ein Fragment des „Fließenden Lichts der Gottheit“ Mechthilds (von Magdeburg) in niederdeutsch gefärbter ostmitteldeutscher Sprache identifiziert werden. Seitdem bildet es den Gegenstand intensiver Forschungsarbeit. Das Fragment ist in zweifacher Hinsicht ein Ereignis: Seine Entstehung reicht an die mutmaßliche Lebenszeit Mechthilds heran (spätes 13. Jahrhundert); es ist damit der früheste volkssprachige Überlieferungszeuge des insgesamt prekär und spät überlieferten „Fließenden Lichts“. Überdies weist seine (auch mittelalterliche?) Provenienz aus Halberstadt in den unmittelbaren Lebensraum der Verfasserin, aus dem es, abgesehen von der vielfältigen Mechthild-Rezeption in der Erfurter Kartause Ende des 15. Jahrhunderts, bislang keinen Rezeptionszeugen gab.
In der Folge dieses Neufunds ergibt die Sichtung der Bibliotheken und Archive Ostdeutschlands eine Reihe von weiteren Handschriftenfunden, die dazu beitragen, Überlieferung und Rezeption der mitteldeutschen Mystik neu in den Blick zu nehmen. Diese Neufunde verändern die Koordinaten der Forschung zur volkssprachigen Mystik entscheidend. Sie fordern dazu heraus, vermeintliche Gewissheiten und lieb gewordene Denkgewohnheiten zu einem zentralen Werk der geistlichen Literatur des Mittelalters und seiner Verfasserin neu zu überdenken und zumindest in Teilen in Frage zu stellen. [...]

Mechthild und das Kloster Helfta

Nach der Auskunft des Prologs der lateinischen Übersetzung des „Fließenden Lichts“ hat Mechthild die letzten 12 Jahre ihres Lebens in dem bei Eisleben gelegenen Zisterzienserinnenkloster Helfta verbracht, das dem Orden offiziell nicht inkorporiert, sondern der Jurisdiktion des Halberstädter Bischofs unterstellt war. Die Umstände ihrer Aufnahme sind ebenso unbekannt wie ihr im Sinne des Kirchenrechts verstandener Status im Kloster. Daher ist zu fragen, wie es um den immer wieder behaupteten, bislang im Einzelnen jedoch nicht nachgewiesenen ‚Einfluss‘ Mechthilds auf Helfta bzw. auf die dort zwischen 1289 und 1301/02 entstandene Offenbarungsliteratur steht, die mit den Namen Mechthild von Hackeborn und Gertrud von Helfta verbunden ist, an der jedoch auch eine in der Forschung als Schwester N von Helfta bezeichnete Mitschwester entscheidend beteiligt war. Diese Frage drängt sich umso mehr auf als Mechthilds Buch nach dem Ausweis der Überlieferung nicht zur Helftaer Hausliteratur gehörte, obwohl der letzte Teil des „Fließenden Lichts“ aller Wahrscheinlichkeit nach in Helfta entstanden ist. [...]

Anliegen und Ziele des Sammelbandes

Die Beiträge des vorliegenden Bandes nehmen die durch die Handschriftenfunde nach 2008 veränderte Forschungslage als Anstoß, noch einmal neu über Mechthild (von Magdeburg) und insbesondere das „Fließende Licht der Gottheit“ nachzudenken, um den religiösen, sozialen, literarischen und rezeptionsgeschichtlichen Kontext dieses Textes genauer aufzuhellen. Ihr Anliegen ist es nicht, neue Wahrheiten an die Stelle der vermeintlichen alten zu setzen, sondern die Diskussion um einen der spektakulärsten geistlichen Texte des deutschsprachigen Mittelalters auf der Basis neuer philologischer Daten mit pointierten – und dabei durchaus auch streitbaren – Thesen über die Grenzen der mediävistischen Literaturwissenschaft hinaus anzuregen.

Die HerausgeberInnen
Jun.-Prof. Dr. Caroline Emmelius arbeitet am Institut für Germanistik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie forscht u. a. zu Stimmlichkeit und Klangsemantiken in mystischen Offenbarungen und Visionen des späten Mittelalters, insbesondere zu Mechthilds „Fließendem Licht der Gottheit“ und zu den Helftaer Revelationstexten.
Dr. Balász J. Nemes ist akademischer Rat am Deutschen Seminar der Universität Freiburg. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der mittelalterlichen (Frauen-)Mystik. Er ist Leiter eines Projektes zur Mystikrezeption in der Erfurter Kartause am Ende des 15. Jahrhunderts und Mitherausgeber der in Vorbereitung befindlichen Neuedition der lateinischen Übersetzung des „Fließenden Lichts“.

Mechthild und das „Fließende Licht der Gottheit“ im Kontext
Herausgegeben von: Jun.-Prof. Dr. Caroline Emmelius, Dr. Balázs J. Nemes

Mit Beiträgen von Wolfgang Beck, Alexandra Belkind, Matthias Eifler, Caroline Emmelius, Natalija Ganina, Claire Taylor Jones, Robert E. Lerner, Sandra Linden, Almuth Märker, Balázs J. Nemes, Cornelia Oefelein, Catherine Squires, Almut Suerbaum, Jörg Voigt.

Über die Umstände von Entstehung und Rezeption eines der wichtigsten Texte der deutschen Mystik, Mechthilds „Fließendes Licht der Gottheit“ und seine lateinische Übersetzung, gab es bislang vor allem Mutmaßungen und Legendenbildungen. Diese waren insbesondere der schwierigen Überlieferung der beiden Fassungen geschuldet. Neuere Handschriftenfunde der letzten Jahre erlauben inzwischen präzisere Verortungen der beiden Texte und der Verfasserin Mechthild (von Magdeburg) im mitteldeutschen Raum. Der Band setzt hier an: Er leistet zum einen eine kritische Sichtung der gängigen Narrative, zum anderen bietet er aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven Ansätze zur Korrektur bisher gültiger Annahmen. Diese betreffen u.a. Mechthilds Status als (Laien-)Schwester im Kloster, die adligen und geistlichen Netzwerke, in denen das Kloster Helfta im 13. Jahrhundert steht; sie betreffen die intertextuellen Bezüge zwischen dem „Fließenden Licht“ und der zeitgenössischen geistlichen und weltlichen Literatur, den Sprachstand des „Fließenden Lichts“ sowie die spätmittelalterliche Rezeption der Helftaer Texte in mitteldeutschen Klöstern. Der Band stellt das „Fließende Licht“ und seine Rezeption damit erstmals in den Mittelpunkt der interdisziplinären Forschungsdiskussion.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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