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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack, Nina Dembowski und Diana Müller
Twitter weiterempfehlen  17.06.2019

Wandern und Nutzung digitaler Endgeräte sind kein Widerspruch mehr

ESV-Redaktion Management und Wirtschaft
Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack, Nina Dembowski und Diana Müller (Fotos: Roman Brodel, Lisa Roy, Foto Peters ltd)
Wer sich gerne in der Natur bewegt und gut zu Fuß ist, geht wandern. Dazu braucht es wenig: Gutes Schuhwerk, wetterfeste Kleidung, Proviant, eventuell Kartenmaterial – für viele Wanderer die Grundausstattung. Doch die Kommerzialisierung hat auch das Wandern erreicht. Wandern ist zur Ware geworden.
Wir sprachen mit Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack, Nina Dembowski und Diana Müller, Herausgeber des Buches „Ware Wandern – Zwischen Natur und Kommerzialisierung“ über aktuelle Trends des Wandertourismus.

Herr Prof. Quack, Frau Dembowski, Frau Müller, wo hört eigentlich der Spaziergang auf und wo beginnt die Wanderung?

Heinz-Dieter Quack: Spaziergang und Wandern lassen sich nicht trennscharf voneinander abgrenzen, die Übergänge sind eher fließend. So werden aus Sicht von einem Teil der Wanderer bereits Gehzeiten von einer Stunde als Wanderung eingeordnet, für einen anderen Teil der Wanderer ist dies jedoch noch ein Spaziergang. Zudem wird das Spazierengehen mit dem Begriff Wandern verbunden. Trotz dieser subjektiven Vorstellungen konnten aus fachlicher Sicht wesentliche Charakteristika zur Abgrenzung des Spaziergangs von der Wanderung identifiziert werden: Wanderungen weisen z. B. eine Dauer von mehr als einer Stunde auf, setzen eine entsprechende Planung voraus und finden mit angepasster Ausrüstung statt.

Warum erfreut sich das Wandern heute – in Zeiten hoher globaler Mobilität – wieder so großer Beliebtheit?

Nina Dembowski: Mit Phänomenen wie der globalen Mobilität oder der Beschleunigung des Alltags sind auch Gegentrends wie die Sehnsucht nach Heimat oder Entschleunigung verbunden.

Auszeit und Rückbesinnung

Wandern verbindet beide letztgenannten Aspekte und bildet den Rahmen für die eigene Auszeit oder die Rückbesinnung auf sich selbst. Das Erleben der Natur bei der Wanderung ist dafür nicht nur förderlich, sondern bildet nach wie vor das Hauptmotiv für Wanderungen.

Wie hat sich der Wandertourismus eigentlich entwickelt: Wann wurde das Wandern zur Ware?

Diana Müller: Ein ganz bestimmtes Datum kann man hier natürlich nicht festmachen, zumal Wandern im Grunde schon immer gewisse ökonomische Effekte im Zielgebiet durch Ausgaben der Wanderer für Verpflegung und Übernachtung erbracht hat. Häufig findet man jedoch in Berichten für Deutschland das Jahr 2001. In diesem Jahr wurde der Rothaarsteig eröffnet – er gilt als der erste in Deutschland streng nach touristischen Kriterien entwickelte Wanderweg, da hier sowohl Wegekriterien aus touristischer Sicht wie auch Qualitätskriterien für Wandergastgeber und ein professionelles, eigenes Projektbüro für den Weg etabliert wurden.
 
Bestimmte Regionen sind seit Jahrzehnten als Wanderdestinationen berühmt, etwa der Schwarzwald, der Harz oder der Rennsteig. Zunehmend entdecken aber auch andere Regionen wie das Wendland an der Elbe, das Havelland in Brandenburg oder Regionen entlang des Grünen Bandes den Wandertourismus. Was können solch junge Wanderregionen von den traditionellen Wanderdestinationen lernen?

Heinz-Dieter Quack: Etablierte Regionen mit langer Wandergeschichte haben oft neben ihrer Bekanntheit und dem entsprechenden Image den Vorteil, dass die Einheimischen die touristische Entwicklung mittragen und begrüßen. So findet sich hier häufig eine hohe Tradition gerade im Ehrenamt bei der Entwicklung und Pflege von Wanderwegen. Neueinsteiger stehen vor der Herausforderung, zunächst für Akzeptanz von Tourismus Sorge zu tragen. Von Vorteil kann jedoch durchaus sein, dass die neuen Wanderwege konsequent entlang aktueller Qualitätskriterien entwickelt werden können und nicht auf tradierte Wegeführungen o.ä. Rücksicht genommen werden muss.

Wandern ist auch ein Lebensgefühl, ein Lifestyle. Outdoor-Läden und deren Angebote erfreuen sich größter Beliebtheit. Stehen Ausrüstungshype und Markenwahn noch mit dem eigentlichen Wandern in sinnvoller Verbindung?

Schaffung von Bewusstsein

Nina Dembowski: Es schafft Bewusstsein. Durch eine stärkere Beachtung von Wanderbekleidung – um die es hier ja hauptsächlich geht – durch unterschiedliche Zielgruppen wird nicht nur eine spezifische Ausstattung in den Blickwinkel nicht-wandernder Personen gerückt, sondern auch ein Lebensstil in den Alltag projiziert. Menschen, die sich für qualitativ hochwertige (Wander-) Kleidung entscheiden bzw. daran interessiert sind, sind potenziell auch Outdoor-Liebende – zumindest suggerieren sie dies.

Die Digitalisierung macht auch vor dem Wanderer keinen Halt, es ist schon von „Wandern 4.0“ die Rede. Was erwartet den Ruhe und Natur suchenden Wanderer bei dieser Entwicklung?

Diana Müller: Für jüngere Wandernde sind Ruhe bzw. Natur und Nutzung digitaler Endgeräte draußen kein Widerspruch mehr. Als durchaus vorteilhaft können sich erweisen, die Wanderer digital in Echtzeit über Ausflugsmöglichkeiten, Öffnungszeiten und Angebote von Wanderhütten am Weg oder auch über kurzfristig notwendig gewordene Wegesperrungen bzw. Wegeänderungen zu informieren.

Zu den Autoren

Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack lehrt Destinationsmanagement an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften und leitet das Forschungszentrum Wandern & Gesundheit des Deutschen Wanderinstitutes. Er ist Mitglied der wissenschaftlichen Leitung bei PROJECT M und beim Europäischen Tourismus Institut (ETI) sowie Projektleiter des Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes.

Nina Dembowski, B. A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften und Projektassistentin des Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes. Während des Studiums beschäftigte sie sich maßgeblich mit der Interaktion von relevanten Stakeholdern zur strategischen Weiterentwicklung von Destinationen. Während ihres Masterstudiums bearbeitete sie erstmals ein Projekt zum Thema Wandern.

Dipl.-Ing. (FH) Diana Müller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften und bearbeitet vornehmlich Projekte der Arbeitsgruppe „Wandern“ unter Leitung von Professor Quack. In ihrer Dissertation analysiert sie das Erleben von Besuchern in historischen Gärten und Parks am Beispiel von Schloss Sanssouci in Potsdam.

Urlaubszeit ist Wanderzeit – dazu kommen Klimawandel, Extremwetterlagen wie Dürren oder Starkregen, Artenschwund: Was sollte dem Wanderer im Sommer 2019 auf seiner Wandertour bewusst sein?


Heinz-Dieter Quack: Dass eine gute Vorbereitung, gemäß dem Sprichwort „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung“, essentiell ist. Der Wanderer sollte sich darüber bewusst sein, dass es zu den genannten Schwankungen in der Wetterlage kommen kann und sich dementsprechend ausstatten – auch das Anlesen von Verhaltensweisen bei Extremwetterlagen ist sinnvoll. Zusätzlich ist das bewusste Verhalten in den betretenen Naturräumen in Hinblick auf einen aktiven Beitrag der Wanderer zum Arten- und Naturschutz ein weiterer wesentlicher Aspekt.

Und wie lassen sich Wandermuffel und -skeptiker davon überzeugen, auf eine Wanderung zu gehen?

Nina Dembowski: Durch einen motivierten Wanderpartner. Neben der Ausstattung mit gutem Wanderequipment und einer soliden Verpflegung ist der Wanderpartner derjenige, der bei einer Wanderung einen Mehrwert schafft. Natürlich können für bestimmte Zielgruppen aber auch moderne Gadgets wie beispielsweise Apps motivierend wirken.

Wie nehmen Sie selbst Ihre eigenen Wandererlebnisse wahr: Noch als Naturerlebnis oder doch nur noch als Kommerzialisierung?

Diana Müller: Wandern ist Natur erleben. Durch Wanderinfrastruktur und Serviceeinrichtungen haben wir das große Glück, gemütlich und komfortabel wandern zu dürfen. Wir müssen uns um Sicherheit, schlechte Rahmenbedingungen usw. kaum Gedanken machen. Beim Wandern heißt Kommerzialisierung, einerseits Qualität und Sicherheit einzuhalten und zu erhöhen, aber auch die Erlebnisbreite und –tiefe zu intensivieren.


Ware Wandern

Herausgegeben von: Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack, Nina Dembowski, Diana Müller

Der viel zitierte Aufruf Zurück zur Natur! spricht noch immer viele Wanderer besonders an. Doch wie passt dieser romantische Leitgedanke eigentlich zur Kommerzialisierung des Wandertourismus? Oder profitiert der Wanderer selbst am meisten von der Entdeckung des Wandermarktes?

Wie sich Wandern als „Ware“ entwickelt hat, welche Impulse dabei für die (Regional-)Wirtschaft und ihre Akteure entstehen und welche Auswirkungen das auf individuelle Wandererlebnisse hat, erfahren Sie in diesem Buch. Im Fokus u.a.

  • Der deutsche Wandermarkt: aktuelle Erkenntnisse, Daten und Zielgruppen
  • Wanderwegeinfrastruktur und ihre Refinanzierung sowie die Themen Markenbildung und Gütesiegel
  • Ausrüstung und Wandern und damit verbundene Fragen z.B. zu Lifestyle und Sicherheit
  • Wanderkultur im Wandel u.a. am Beispiel von Reiseführern und neue Perspektiven durch Wandern 4.0

Ein fachlich vielseitiger Querschnitt zu Potenzialen und Zukunftsaussichten für Wanderdestinationen und ihre wandernden Besucher.


(ESV, uw)

Programmbereich: Management und Wirtschaft

 
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