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Nachgefragt bei: Dr. Christine Ott und Prof. Dr. Dieter Wrobel
Twitter weiterempfehlen  23.02.2018

Wrobel: „Literatur findet nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln statt“

ESV-Redaktion Philologie
Plädoyer für ein Leben voll Literaturdidaktik: Dr. Christine Ott, Prof. Dr. Dieter Wrobel (Fotos: Privat)
Lernprozesse hören nicht automatisch mit dem Ende unserer Schulzeit auf, vor allem Literatur begleitet viele ihr ganzes Leben. Wie kann eine Literaturdidaktik nach oder außerhalb der Schule aussehen? Dr. Christine Ott und Prof. Dr. Dieter Wrobel im Interview mit der ESV-Redaktion.
Liebe Frau Ott, lieber Herr Wrobel, üblicherweise ist die Literaturdidaktik vor allem auf den Literaturunterricht in der Schule ausgerichtet. Inwieweit unterscheidet sich Ihr Ansatz einer „öffentlichen Literaturdidaktik“ hiervon?

Dieter Wrobel:
Ganz grundsätzlich wollen wir den Blick ausweiten auf jene Institutionen und Zusammenhänge, in denen außerhalb von Schule Literatur vermittelt bzw. mit Literatur umgegangen wird. Und da gibt es viele, sehr disparate Möglichkeiten, die unterschiedliche Lebensphasen betreffen. Dies reicht von der außerschulischen Jugendarbeit über literatur- und kulturvermittelnde Einrichtungen wie VHS, Bibliotheken, Theater bis hin zur literaturgestützten Begleitung von Menschen bei Krankheit, zur Bewältigung extremer Lebenssituationen oder während der letzten Lebensphase.

„Literatur erfasst auch alltagskulturelle Texte“


Wir wollen den Blick auf die Gemeinsamkeiten und die jeweiligen Besonderheiten der Vermittlungs- und Verwendungssituationen legen und fragen, was Literaturdidaktik zur Professionalisierung dieser Kontexte beitragen kann. Der Hauptunterschied zur Schule besteht darin, dass in der Schule auf der Basis von Lehrplänen gearbeitet wird, während in den nicht-schulischen Vermittlungs- und Verwendungszusammenhängen vor allem die Ziele, die Interessen der Literatur Nutzenden und die Aufgaben bzw. die Ansätze der Literatur Vermittelnden höchst disparat sind. Wobei wir immer von einem weiten Literaturbegriff ausgehen: Literatur findet nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln statt, sondern umfasst auch Filme, Theateraufführungen und auch alltagskulturelle Texte wie Songs.

Welchen Anteil haben denn die Schulen am Aufbau literarischer Praxis und sind sie dabei aktuell – noch – auf dem richtigen Weg?

Christine Ott:
Die Schulen sind eine Institution neben anderen literaturvermittelnden Institutionen, wie Bibliotheken, Kinos und so weiter. Für den Schulunterricht liegen uns die ausführlichsten und noch dazu gründlich evaluierte Modelle vor, wie unterschiedlichen Lerntypen und wie angesichts heterogener Motivationslagen Literatur vermittelt werden kann. Die schulbezogene Literaturdidaktik hat sich außerdem längst für Literatur abseits der Hochkultur geöffnet, das heißt sie betrachtet auch sogenannte Trivialliteratur, Comics, Kinderliteratur als relevante literarische Vermittlungsgegenstände, und sie hat das Potenzial medial unterschiedlicher Realisierungen von Literatur, wie Graphic Novels, Slam Poetry, Computerspiele, für literarisches Lernen herausgearbeitet.

Allerdings ist zu beobachten, dass in der schulischen Realität vor allem mit Blick auf die medialen Repräsentationsformen noch größere Zurückhaltung geübt wird. Bibliotheken dagegen räumen beispielsweise dem Gaming einen zunehmend zentraleren Stellenwert in ihrem Medienangebot und in ihrer Vermittlungsarbeit ein, bieten Kurse zum selbständigen Entwickeln von Computerspielen an, in denen nicht nur Programmierarbeit geleistet wird, sondern auch narratologisches Wissen für die Plotentwicklung benötigt wird.

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Gibt es eine universelle Literaturdidaktik, die immer funktioniert?

Christine Ott:
Unserer Ansicht nach gibt es keine universelle Literaturdidaktik, aber eine Reihe Fragen, die sich Literaturvermittlerinnen und -vermittler bei der Konzeption von Vermittlungsangeboten stellen könnten oder auch sollten, beziehungsweise Fragen, die sich für die Analyse bestehender Praktiken des Umgangs mit Literatur in didaktischer Hinsicht anbieten, unter anderem: Zu welchem Zweck wird mit Literatur umgegangen? Wer soll erreicht werden, also Frage der Zielgruppen und Nutzung? Was ist Gegenstand der Vermittlung beziehungsweise bei weniger strukturierten Umgangsweisen: der Auseinandersetzung? Welches Format, welche Vermittlungsstrategien werden gewählt oder wie wird Literatur in informellen Zusammenhängen genutzt?

Ein Standardrezept zu propagieren – in der Art: man nehme den Text x und wenn man nur genug von y hinzugibt, dann ist die Vermittlung erfolgreich –, liegt uns allerdings fern.

Dieter Wrobel: Wie jede Fachdidaktik ist auch Literaturdidaktik quasi das Gegenteil der Suche nach universeller Gültigkeit. Denn Didaktik ist weder eine Rezeptwissenschaft noch reine Methodologie. Es geht vielmehr darum, Literatur Vermittelnde dafür zu sensibilisieren, begründet ausgewählte Texte und Menschen in konkreten Lebenssituationen miteinander in Kontakt zu bringen und so einen Dialog, eine Reflexion zu initiieren. Insofern kann man vielleicht von übertragbaren Ausgangsfragen sprechen, nicht aber von universell gültigen Antworten darauf.

„Lernprozesse auch über Schule und Ausbildung hinaus“

Wie ändert sich Literaturdidaktik durch den Ansatz des lebenslangen Lernens?

Christine Ott:
Der Ansatz des lebenslangen Lernens macht deutlich, dass Lernprozesse auch über Schule und Ausbildung hinaus alle Altersgruppen erfassen, also auch Personen mittleren und hohen Alters. Durch diese altersbezogene Erweiterung potentieller Lerngruppen rücken auch stärker informelle Lernprozesse ins Blickfeld, weil lebenslanges Lernen nur zum Teil in formellen Lernsituationen, wie zum Beispiel in einem VHS-Kurs, stattfindet.

Eine öffentliche Literaturdidaktik, wie wir sie vorschlagen, sollte auch die nicht-institutionalisierten, nicht-strukturierten und nicht-professionalisierten Formen des Umgangs mit Literatur zu ihrem Gegenstandsbereich machen. Erst so wird zum Beispiel der private intergenerationelle Austausch über Literatur als Ort literarischen Lernens sichtbar. Wir glauben, dass sich solche informellen Lernprozesse und damit verbundene Motivationslagen für die Modellierung strukturierter Vermittlungsangebote nutzbar machen lassen. Dafür muss ich sie aber erst einmal kennen.

Was sind einige klassische Beispiele der Literaturvermittlung? Und was sind ganz neue Wege? Helfen hier die sogenannten Neuen Medien?

Dieter Wrobel:
Außerhalb von Schule wird Literatur üblicherweise im Theater oder im Kino vermittelt. Hier werden Texte inszeniert, sichtbar gemacht und hierzu häufig in ein anderes Medium transferiert. Üblich sind auch lehrgangs- beziehungsweise kursartig organisierte Vermittlungssituationen etwa in der VHS.

Die Nutzung solcher Angebote setzt allerdings einiges voraus, vor allem das Interesse und die Bereitschaft, sich in solchen Situationen, an solchen Orten und in solchen Vermittlungsformaten einzufinden. Um derartige Hürden abzusenken, scheinen diejenigen Vermittlungsformate vielversprechend zu sein, die niedrigschwellig angesiedelt sind und Literatur anders kontextualisieren.

Zu nennen wären hier beispielsweise Verbindungen von Literaturvermittlung und touristischen Angeboten wie Literaturspaziergänge, die eine Outdoor-Didaktik nutzen, oder Literaturfestivals, bei denen eine Vielzahl unterschiedlicher Vermittlungsformate zeitgleich bespielt werden oder das Sichtbarmachen von Literatur im Stadtbild. Gerade das letztgenannte Beispiel zeigt, dass auch Neue Medien hierbei eine große Rolle spielen können: Wenn etwa an Lebens- oder Arbeitsstätten von Schriftstellern die allseits bekannten Hinweis- oder Gedenktafeln um QR-Codes ergänzt werden, ist dies eine Möglichkeit, eine informelle Vermittlungssituation mittels Neuer Medien zu gestalten.

Zu den Personen
Dr. Christine Ott, wissenschaftliche Assistentin/Akademische Rätin a. Z. am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur der Universität Würzburg sowie in der öffentlichen Literaturvermittlung tätig. Arbeitsschwerpunkte: außer- und nicht-schulische Literatur- und Sprachvermittlung, Diversität in Sprache und Literatur, sprachbasierte Kulturanalysen und Bildungsmedienforschung.

Prof. Dr. Dieter Wrobel, Inhaber des Lehrstuhls für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Würzburg; Mitherausgeber der Zeitschrift „Praxis Deutsch“. Arbeitsschwerpunkte: Literaturdidaktik, Leseforschung und -förderung, Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts und ihre Didaktik, Bildungsmedienforschung.
 
Öffentliche Literaturdidaktik. Grundlegungen in Theorie und Praxis

Literaturvermittlung ist kein exklusives Anliegen der Schule. Je bedeutender lebenslanges und informelles Lernen werden, desto vielfältiger werden Zielgruppen, Situationen und Aufgaben der Literaturvermittlung. Menschen unterschiedlichen Alters, mit und ohne Literaturerfahrungen setzen sich mittels Literatur mit kulturellen, biografischen oder historischen Aspekten ihres Lebens oder ihrer Umgebung auseinander.

Die Beiträge des Buches vermessen das Feld der „öffentlichen Literaturdidaktik“ und fragen nach Zielen und Zwecken, Zielgruppen und deren Interessen, Gegenständen von Literaturvermittlung, realen wie virtuellen Orten, Formaten und Verfahrensweisen sowie Qualifikationsanforderungen an die Gruppe der Vermittelnden.
Die unterschiedlichen Perspektiven verdeutlichen, dass (literatur-)didaktisches Wissen vielfältig außerhalb von Schule eingesetzt werden kann.

 


(ESV/lp)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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