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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Dietmar Goltschnigg
Twitter weiterempfehlen  12.01.2016

„Witziger Satiriker, kompromissloser Pazifist, ethischer Sprachmetaphysiker“

ESV-Redaktion Philologie
Kennt sich aus mit Karl Kraus: Prof. Dr. Dietmar Goltschnigg (Foto: privat)
Karl Kraus (1874–1936) war das multimediale „Ereignis“ der Wiener Moderne: Publizist, Satiriker, Lyriker, Dramatiker, Sprachrichter, scharfer Kritiker der Presse. Dietmar Goltschnigg hat einen umfassenden Band zur Rezeption von Kraus herausgebracht und gibt im Interview mit der ESV-Redaktion einen Einblick.
Was hat Sie zu diesem Buch über Karl Kraus inspiriert und wie lang haben Sie an dem Band gearbeitet?

Dietmar Goltschnigg: Karl Kraus ist nach Heine der umstrittenste und streitbarste deutschsprachige Autor jüdischer Abstammung. Sein Essay „Heine und die Folgen“ von 1910 hat das negative Heine-Bild bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Trotz der Ablehnung Heines lässt sich Kraus unter vielen Gesichtspunkten mit Heine vergleichen, was die Satire, die Polemik, den wortspielerischen Witz, den Journalismus, den – oft ironischen – Umgang mit dem Judentum u. a. anbelangt. An dem vorliegenden Band habe ich ca. vier Jahre gearbeitet.

Wenn man den von Ihnen zusammengestellten Textkorpus mit insgesamt 154 Beiträgen von 114 Autoren betrachtet, die zwischen 1892 und 1945 über Karl Kraus geschrieben haben, kann man in diesen Stellungnahmen eine allgemeine Tendenz feststellen? Wie wurde Kraus rezipiert und was ist der Schwerpunkt dieser Auseinandersetzung mit dem berühmten Herausgeber der „Fackel“?

Dietmar Goltschnigg: Ablehnung, besonders im Hinblick auf den ihm zugeschriebenen jüdischen Antisemitismus oder die Parteinahme für den Austrofaschismus, und Zustimmung, besonders zum witzigen Satiriker, kompromisslosen Pazifisten, ethischen Sprachmetaphysiker, halten sich die Waage. Weitere Schwerpunkte in den Beiträgen zu Kraus bilden sein kritisches Verhältnis zu den Jungwiener Autoren und zur Psychoanalyse, der von ihm dargestellte dialektische Zusammenhang von „Sittlichkeit und Kriminalität“, der Plagiatjäger und selbst des Plagiats Beschuldigte und vor allem der faszinierende, in 700 Auftritten begeistert applaudierte Rezitator.

Kraus hat einmal von sich selbst gesagt, er sei so populär, dass einer, der ihn beschimpfe, populärer werde als er selbst. Man könnte den Eindruck gewinnen, als habe Kraus geradezu darauf spekuliert, durch seine provokante Art den eigenen Bekanntheitsgrad zu fördern. Inwiefern würden Sie die teils sehr aggressiven Stellungnahmen zum Autor als Ergebnis gelungener Selbstinszenierung interpretieren?

Dietmar Goltschnigg: Karl Kraus war sich seiner „polemischen Kraft“ sehr bewusst und hat sie gezielt in seinen vielen Polemiken zur produktiven Entfaltung gebracht. Hinzu kommt seine vielfach ironisch selbstinszenierte Eitelkeit, die ihm von vielen Gegnern vorgeworfen wurde.

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Welche Motive sehen Sie in Kraus’ oft schonungslosem Umgang mit den kleinen und großen Übeln der Welt oder, wie Alfred Polgar es ausdrückte, „in seiner Reinigungsmission, zu der er sich berufen fühlte, die Flecken, die ihm sein Welt-Traumbild verhäßlichten, die großen und die winzigsten, mit der scharfen Säure seines Hohnes und Witzes anzugehen“?

Dietmar Goltschnigg: Eines der Hauptmotive des „größten deutschen Satirikers“ (Canetti) war der unerbittliche Kampf gegen die Korruption in Presse, Börse und Politik, gegen die verlogene öffentliche Moral, gegen die Justiz, gegen das herrschende, patriarchalische Sexualstrafrecht, dessen Liberalisierung er einforderte, besonders im Hinblick auf die Befreiung der Frau von allen Sexualverboten, hier allerdings aus von „Männerphantasien“ dominierten Motiven: „Des Weibes Sinnlichkeit ist der Urquell, an dem sich des Mannes Geistigkeit Erneuerung holt.“

Was, denken Sie, ist die Ursache dafür, dass Karl Kraus – im Unterschied zu Schriftstellern, die sich gleichartiger Medien und Genres bedient haben wie z. B. Tucholsky – trotz ähnlicher stilistischer Brillanz und gewitzter Provokation heute jenseits des germanistischen Fachdiskurses weitgehend in Vergessenheit geraten ist?

Dietmar Goltschnigg: Diesem Befund würde ich widersprechen: Die Sprach- und Kulturkritik von Kraus erfreut sich nach wie vor großer Aktualität, auch in der politischen Öffentlichkeit, was sich in vielen literarischen und publizistischen Beiträgen, die in meinen zweiten Band aufgenommen werden, belegen lässt. Der oft verantwortungslose Umgang von Politikern und Medien mit Worten, die Taten gebären, ist bis in die Gegenwart ein häufig behandeltes Thema. Übrigens wird noch immer auch die Kontroverse zwischen Kraus und Tucholsky in einigen Beiträgen behandelt. Schriftsteller der jüngeren Generation wie Daniel Kehlmann bekennen sich respektvoll zu Kraus als ihrem „großen Bruder“. Seine Aktualität spiegelt sich auch darin, dass seit einigen Jahren, seit 2007, die ganze „Fackel“ im Internet zugänglich ist.

Sie haben eine Fortsetzung des ersten Bandes Ihrer Kraus-Rezeption, wieder im Erich Schmidt Verlag, angekündigt. Wann wird dieser zweite Band erscheinen und womit wird er sich beschäftigen?

Dietmar Goltschnigg: Texterfassung von 128 Beiträgen und Stellenkommentare sind abgeschlossen. Der einleitende Darstellungsteil wird noch etwa ein Jahr Arbeitszeit beanspruchen, so dass 2017 der zweite Band im gleichen Umfang wie der erste erscheinen kann. Die thematischen Schwerpunkte werden sich nur wenig von jenen des ersten Bandes unterscheiden, da – wie gesagt – viele ihre Aktualität nicht eingebüßt haben, was beispielsweise zuletzt auch das hundertste Gedenkjahr 2014 an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit dem Blick auf die einzigartige Weltkriegstragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ eindringlich unter Beweis stellt. In vielen Beiträgen wird dieses gigantische Werk nicht nur als Darstellung des Ersten, sondern auch als Prophetie des Zweiten Weltkriegs gesehen.

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(ESV/ln)

Zum Autor
Dietmar Goltschnigg ist Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die Wirkungsgeschichte von Georg Büchner, Heinrich Heine und Karl Kraus, ferner deutsch-/österreichisch-jüdische Literatur und interdisziplinäre Themen (Zeit, Angst, Plagiat, Fälschung, Urheberrecht u. a.).

Zum Band
Das Buch „Karl Kraus im Urteil literarischer und publizistischer Kritik. Texte und Kontexte, Analysen und Kommentare. Band 1: 1892–1945“ ist im Erich Schmidt Verlag erschienen. Sie können es bequem über die Website bestellen.

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