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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Christian Fandrych
Twitter weiterempfehlen  15.02.2016

„Zugewanderten Menschen die Teilhabe an der deutschsprachigen Gesellschaft ermöglichen“

ESV-Redaktion Philologie
Mit Engagement am Herder-Institut: Prof. Dr. Christian Fandrych (Foto: Privat)
Wie können wir den Menschen, die zu uns kommen, eine Teilhabe an der deutschen Gesellschaft ermöglichen? Und welche Rolle spielt hier die Sprache? Prof. Dr. Christian Fandrych vom Herder-Institut im Gespräch mit der ESV-Redaktion.
Die große Zahl Geflüchteter stellt die deutschsprachigen Länder vor komplexe Aufgaben. Wie kann man trotz zuweilen schwierigster Rahmenbedingungen die notwendige Sprachförderung unterstützen?

Christian Fandrych: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Wir erleben derzeit eine Vielzahl von Maßnahmen, Initiativen und Aktivitäten, die versuchen, auf die insgesamt sehr unübersichtliche Situation zu reagieren. Es ist einerseits sehr ermutigend, wie viele Ehrenamtliche sich engagieren, wie viele Initiativen entstanden sind und wie sehr Sprachförderung auch in der Öffentlichkeit als eine zentrale Maßnahme thema­tisiert wird. Manchmal scheint es aber gleichzeitig so zu sein, als entdecke die Öffentlichkeit und die Politik erst jetzt, dass Sprachförderung von Migranten und Geflüchteten eine zentrale gesellschaft­liche Aufgabe ist – dabei hat das Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache schon seit langer Zeit darauf hingewiesen und auch Konzepte zur Sprachförderung und zur Entwicklung von Mehrsprachigkeit an den Schulen entwickelt.

Auf diesen Konzepten und auf dieser Expertise müssen wir aufbauen, und die Entscheidungsträger müssen diese Expertise auch nutzen. Das soll nicht heißen, dass wir für die gegenwärtige besondere Situation bereits alle Lösungen oder Antworten parat hätten. Aber zentral ist, dass die fachliche und professionelle Expertise, die in diesem Bereich schon existiert, genutzt wird. Hierfür ist es wichtig, dass sich die Entscheidungsträger mit Vertretern des Faches Deutsch als Fremd- und Zweitsprache zusammensetzen und sinnvolle und realistische Sprachförderszenarien entwickeln, und dass die Sprachfördermaßnahmen auch qualitativ hochwertig sind. Dazu gehört auch die Einstellung und angemessene Bezahlung ausgebildeter Lehrerinnen und Lehrer. Bei beidem – bei der fachlichen Abstimmung und bei der Qualitätssicherung der angebotenen Maßnahmen – besteht noch ein riesengroßer Nachholbedarf.

Kann Integration ohne Deutschkenntnisse gelingen: Welche Rolle spielt die Sprache Ihrer Meinung nach in diesem Kontext?

Christian Fandrych: Statt von Integration spreche ich lieber von dem Ziel, den zugewanderten Menschen die Teilhabe an der deutschsprachigen Gesellschaft zu ermöglichen. Sie sollen Teil einer offenen und demokratischen Gesellschaft werden können, und dabei spielt Sprachkompetenz eine zentrale Rolle.

Man sollte hier „Sprache“ allerdings nicht nur als eine Art oberflächliches Instrument begreifen; sprachliches Handeln ist elementar auch soziales und gesellschaftliches Handeln. Viele gesellschaftliche Konventionen spiegeln sich in Sprache, sind in sprachliche Routinen „geronnen“. Das sieht man beispielsweise sehr gut in der Schule: Man muss in der Mathematik nicht nur gut rechnen können, sondern auch Texte interpretieren, etwa bei Textaufgaben. Es wird erwartet, dass man in den Fächern „mitarbeitet“, also eigenständige Beiträge leistet, an Diskussionen teilnimmt, sich eine eigene Meinung bildet. Das wird auch benotet.

Dies ist keineswegs selbstverständlich für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche, und sie müssen das Ausdrucksinventar mit den sozialen Routinen erwerben. Ähnlich ist es in allen Bereichen des Lebens: Sprache und mit Sprache verbundenes soziales Handeln gehören ganz eng zusammen. Insofern spielt Sprache eine ganz zentrale Rolle in diesem Prozess.

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Freiwillige Helfer mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen geben Sprachunterricht. Das bürgerschaftliche Engagement ist sehr zu begrüßen – dennoch stellt sich die Frage: Wie ist hier Qualität zu gewährleisten?

Christian Fandrych: Das ist in der Tat eine große Herausforderung. Es ist wirklich sehr ermutigend, wie viele Ehrenamtliche aus allen Gesellschaftsgruppen, und keineswegs nur in den größeren Städten, sich auch in der Spracharbeit engagieren! Über diese vielen Initiativen hört man leider nicht immer genug in der Öffentlichkeit, dabei ist das Engagement in ganz Deutschland wirklich beeindruckend.

Natürlich können aber engagierte Freiwillige ohne entsprechende Ausbildung nicht einfach den Bedarf an gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern decken. Die wenigsten haben aber auch diesen Anspruch. Wichtig ist, den Ehrenamtlichen die Vielzahl an Möglichkeiten und Wegen aufzuzeigen, wie auch niedrigschwellige Angebote gemacht werden können. Sie können etwa eine Vielzahl von Aktivitäten in verschiedenen Kontexten anbieten, die dann immer auch mit Sprache zu tun haben und somit der Sprachförderung dienen – von Spielen und Sportaktivitäten über kreative Aktivitäten bis hin zur Unterstützung im Alltag.

Angesichts der großen Fluktuation gerade in den Erstaufnahmelagern, aber auch der Heterogenität in der Gruppe der Geflüchteten, können sie zudem in der individuellen Förderung und Unterstützung eine wichtige Rolle spielen, etwa auch zusätzlich zum Sprachunterricht. Der Sprachunterricht selbst allerdings sollte so weit wie irgend möglich von qualifizierten Kräften erteilt werden – und auch im Rahmen von entsprechenden angemessenen Arbeitsverträgen.

Sie sind Direktor des Herder-Instituts in Leipzig. Welche Ideen hat das Institut, die Sprachvermittlung für Geflüchtete zu verbessern?

Christian Fandrych: Schon seit dem Jahr 2013 bieten wir eine berufsbegleitende Weiterbildung für Deutsch als Zweitsprache für Lehrerinnen und Lehrer an sächsischen Schulen an, seit dem Wintersemester 2015/2016 auch ein zusätzliches Fach „Deutsch als Zweitsprache“ für Lehramtsstudierende. Mein Kollege Claus Altmayer hat schon im November wichtige Akteure an der Universität Leipzig zu einem Treffen eingeladen, um eine universitäre Vernetzung zu erreichen. Im Januar dieses Jahres hat das Herder-Institut dann in Leipzig ein fachpolitisches Treffen aller universitären Institute in Deutschland veranstaltet, das auch eine fachpolitische Resolution zu dieser Thematik verabschiedet hat.

Auf einem „Forum für Ehrenamtliche“ haben wir kürzlich in der Spracharbeit tätige Ehrenamtliche im Raum Leipzig und Umgebung eingeladen, um uns mit ihnen über die Herausforderungen und den Unterstützungs- und Beratungsbedarf auszutauschen und die Vernetzung der verschiedenen Initiativen zu fördern, auch mit der Stadt Leipzig. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Herder-Instituts bieten zudem 14-tägig eine „DaZ“-Sprechstunde zur Beratung von Ehrenamtlichen an. Wie man sieht, engagieren wir uns auf den unterschiedlichsten Ebenen bei dieser Thematik – und freuen uns auch über das Engagement unserer Studierenden, die u. a. mit der Initiative mitSprache ehrenamtlich aktiv sind.

Mit dem Heft für Lernende mit Migrationshintergrund möchten Sie Orientierungshilfen und praktische Hilfestellungen geben. Was sind hier die wichtigsten Punkte?

Christian Fandrych: Wichtig war uns, dass wir einerseits möglichst vielfältige praxisnahe Orientierungshilfen anbieten, andererseits aber auch einige wichtige generellere Überlegungen und Prinzipien für die Spracharbeit mit Geflüchteten anbieten. Wesentlich ist es, die überaus heterogenen Ausgangsbedingungen der Lernenden ernst zu nehmen – wir haben es mit den unterschiedlichsten Altersgruppen zu tun, mit sehr verschiedenen Ausgangssprachen, mit unterschiedlichen Bildungs- und Sprachbiographien, mit unterschiedlichen Situationen, Kontexten und Institutionen. Wie kann man diese verschiedenen Lernbedingungen, Anforderungen und Bedürfnisse berücksichtigen, wie kann man dabei aber auch auf die Erkenntnisse und Prinzipien guter Praxis zurückgreifen, die im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache erarbeitet wurden?

Wo kommen Fremdsprachenlehrerinnen und -lehrer an ihre Grenzen, wo sind sie auf Kooperation angewiesen? Viele Geflüchtete brauchen natürlich auch in anderen Bereichen dringend Unterstützung und Beratung, etwa, weil sie von dem, was sie erlebt haben, stark traumatisiert sind und auch jetzt unter schwierigen Bedingungen leben. Neben diesen allgemeineren Überlegungen wollen wir viele Beispiele und Hilfestellungen für unter­schied­lichste Anforderungen und Praxisbereiche geben, die inspirieren und anregen sollen und auch Orientierung bei der Auswahl von geeigneten Materialien und Konzepten. Das reicht von der Alphabetisierung über Modelle zur Integration von Geflüchteten in den Schulunterricht bis hin zu ehrenamtlicher Arbeit außerhalb von Deutschkursen.

Wie kam es zu diesem Sonderheft, worauf wurde bei der Zusammenstellung besonderer Wert gelegt?

Christian Fandrych: Die Zeitschrift „Fremdsprache Deutsch“ hat in der Vergangenheit bei wichtigen fachlichen Ent­wick­lungen und Herausforderungen immer wieder Sonderhefte herausgebracht. Besonders das Sonderheft „Deutschunterricht mit Aussiedlern“ aus dem Jahr 1991 ist vergleichbar – es reagierte auf die plötzlich enorm angestiegene Zahl von Aussiedlern aus Mittel- und Osteuropa nach dem Mauerfall und die Herausforderung, die das für den Deutschunterricht bedeutete.

Unser Teammitglied Rainer E. Wicke war damals auch Autor und regte das aktuelle Sonderheft vor der letzten Herausgebersitzung an – was sofort auf breite Zustimmung stieß. Sehr schnell wurde klar, dass dieses Sonderheft nur in einer gemeinsamen, sehr kurzfristigen Anstrengung aller Herausgeberinnen und Herausgeber realisierbar sein würde, und so haben wir es in wirklich rekordverdächtiger Zeit arbeitsteilig umgesetzt, unterstützt durch die ganz besondere Anstrengung des Verlages. Ohne die äußerst professionelle Arbeit der Autorinnen und Autoren, die in diesem engen Zeitrahmen ihre Beiträge zielgruppengerecht verfasst haben, wäre das Heft natürlich nicht zustande gekommen – die Reaktionen auf unsere Autorenanfragen waren überwältigend. Das zeigt, dass auch hier das Engagement sehr groß ist.

Es kam uns bei der Auswahl der Autoren und bei der Zusammenstellung der Beiträge besonders darauf an, den Praktikerinnen und Praktikern in der Spracharbeit mit Geflüchteten ein möglichst vielfältiges Angebot zu machen, das ihnen Orientierung und Anregungen gibt und sie vielleicht auch in ihrer Arbeit ermutigt. Die schulischen Kontexte stehen dabei im Vordergrund, aber auch die ehrenamtliche Arbeit, die Weiter- und Fortbildung und curriculare Fragen werden angesprochen. (ESV/lp)

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Zum Heft
Im Ende Februar erscheinenden Sonderheft der Zeitschrift Fremdsprache Deutsch zum Thema „Deutschunterricht für Lernende mit Migrationshintergrund“, herausgegeben vom Vorstand des Goethe-Instituts und Christian Fandrych, Britta Hufeisen, Imke Mohr, Ingo Thonhauser, Rainer E. Wicke und Ulrich Dronske als korrespondierendem Mitglied der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, finden Sie viele Artikel zum aktuellen Thema. Sie können das Heft bequem hier bestellen.

Zur Person
Christian Fandrych ist Professor für Deutsch als Fremdsprache am Herder-Institut der Universität Leipzig.

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
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