250. Geburtstag E.T.A. Hoffmanns – Eine Würdigung
Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann wird am 24. Januar 1776 in Königsberg, das damals zu Ostpreußen gehörte, geboren. Er stirbt am 25. Juni 1822 in Berlin im Alter von 46 Jahren. Vor knapp vier Jahren wurde seines 200. Todestages gedacht – unter anderem mit einer faszinierenden Ausstellung in der Staatsbibliothek Bamberg, dem Deutschen Romantik-Museum Frankfurt am Main und der Staatsbibliothek zu Berlin.
Aus tiefer Bewunderung für Mozart tauscht Hoffmann 1805 seinen allzu preußisch anmutenden dritten Vornamen Wilhelm gegen Amadeus ein und verwendet fortan selbst das Akronym E.T.A., unter dem er heute allgemein bekannt ist. Die Kindheit ist geprägt von der Trennung der Eltern und infolgedessen von der Erziehung durch die Familie Doerffer im Elternhaus der Mutter. Früh schon erhält Hoffmann dort Zeichen- und Musikunterricht, und 1792 beginnt er mit sechzehn Jahren ein Jurastudium, das er 1795 beendet. Der Beruf des Juristen bot ihm – trotz zeitweiliger finanzieller Nöte – eine gewisse Sicherheit, insbesondere in seinen letzten Jahren erlangte er Anerkennung in diesem Metier. Seine juristische Karriere führt ihn über Stationen in Berlin, Posen, Plock und Warschau schließlich wieder nach Berlin. Dort erfährt seine Laufbahn ihren Höhepunkt: Hoffmann arbeitet zunächst am Berliner Kammergericht, wo er sich einiges Ansehen verschafft, und wird 1819 zum Mitglied der „Immediat-Untersuchungs-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ ernannt.
Von Beginn an aber galt sein eigentliches Interesse den Künsten, und E.T.A. Hoffmann erweist sich schon früh als genialischer Geist zwischen Literatur, zeichnerischer Betätigung und Musik. Bekanntheit erlangte er in der musikalischen Sphäre nicht nur als zeitweiliger Musikdirektor und Dirigent am Bamberger Theater sowie als Theater-Kapellmeister in Leipzig, sondern auch als bedeutender Musikkritiker; berühmt ist insbesondere seine Kritik zu Beethovens 5. Symphonie, in der er das „Romantische“ in der Musik zu fassen versuchte. Aber auch Hoffmanns eigene Kompositionen, allen voran die Oper Undine, dürfen nicht unerwähnt bleiben. In einem Brief an seinen Freund Theodor Gottlieb von Hippel vom 23. Januar 1796, mithin einen Tag vor seinem zwanzigsten Geburtstag, bringt Hoffmann dieses Grenzgängertum auf eindrückliche – und humorvolle – Art und Weise zum Ausdruck:
Morgen ist Sonntag, das hat seine vollkommne Richtigkeit […] – Da muß ich zu Bette gehen – denn wisse nur, Sonntag blühn bei mir die Künste und Wissenschaften, und dazu muß ausgeschlafen werden. Im Ernste geredt. Die Wochentage bin ich Jurist und höchstens etwas Musiker, Sonntags am Tage wird gezeichnet und Abends bin ich ein sehr witziger Autor bis in die späte Nacht – Noch die letzte Szene des Posa mit Carlos und dann zu Bette – Himmel schon halb 12.
(Zit. nach: Schlodder, Benjamin, „Jurist, Musiker, Zeichner, Schriftsteller: Der Grenzgänger E.T.A. Hoffmann“, in: Unheimlich Fantastisch – E.T.A. Hoffmann 2022: Begleitbuch zur Ausstellung, hg. v. ders., Christina Schmitz, Bettina Wagner u. Wolfgang Bunzel, Leipzig 2022, S. 45–52, hier S. 45)
Der Erich Schmidt Verlag hat seit vielen Jahren eine besonders enge Beziehung zu E.T.A. Hoffmann und seinem Werk. Seit 1992 erscheint im ESV das E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch, das Fachorgan der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft: 2025 konnte bereits der 33. Band publiziert werden. Darüber hinaus sind in unserer Reihe „Philologische Studien und Quellen“ einige Monographien und Sammelbände erschienen, die sich mit unterschiedlichen Ansätzen und aus verschiedenen Perspektiven einen Weg durch das ‚fantastische‘ – im doppelten Wortsinn – Werk Hoffmanns bahnen.
Wussten Sie, dass Hoffmanns literarische Welten bis heute einen ungeheuer anregenden Quell nicht nur für (Neu-)Interpretationen, sondern gleichermaßen für vielfältige inter- und transmediale Adaptionen darstellen? Diesem Komplex widmet sich der 2025 publizierte Sammelband E.T.A. Hoffmann – Rezeption, Adaption, Interpretation. Darin geht es um die anhaltende Faszinationskraft und internationale Breitenwirkung Hoffmanns, von Polen bis in die USA, von Übersetzungen und dem Hörspiel bis hin zu Graphic Novels und dem Film. Der Band sei zum Beispiel all jenen wärmstens empfohlen, die mehr darüber erfahren möchten, inwiefern einer der einflussreichsten Filmemacher unserer Zeit, der Anfang 2025 verstorbene David Lynch, von E.T.A. Hoffmanns unheimlichem Universum beeinflusst wurde. Aber auch mit Blick auf gesellschaftlich virulente Debatten unserer Zeit wie die Frage nach den Chancen und potentiellen Gefahren der gegenwärtigen KI-Entwicklung erweisen sich Hoffmanns Texte immer wieder als stimulierende intellektuelle Bezugspunkte. So findet sich beispielsweise in der jüngsten Ausgabe des E.T.A. Hoffmann-Jahrbuchs ein Beitrag, der einen Bogen von einer der bekanntesten und meistinterpretierten Erzählungen Hoffmanns, Der Sandmann (1816), bis hin zu aktuellen KI-Anwendungen spannt.
Es besteht kein Zweifel daran, dass Hoffmanns Texte auch weiterhin rege rezipiert werden. Gerade die kalte Jahreszeit ist dafür geeignet, sich den meisterhaften Werken Hoffmanns, ihrem Zauber und ihrem Witz, ihrer satirischen Verve und ihrer unnachahmlichen Atmosphäre (neu) zu widmen und sich – in eine warme Decke gewickelt – von ihnen einen wohligen Schauer über den Rücken fahren zu lassen. Der 250. Geburtstag Hoffmanns bietet hierfür einen weiteren guten Anlass.
| E.T.A. Hoffmann – Rezeption, Adaption, Interpretation Herausgegeben von Stephanie Großmann, Ingrid Lacheny, Dennis Schäfer und Bettina Wagner
E.T.A. Hoffmanns künstlerisches Gesamtwerk steht in der Tradition einer umfassenden medienübergreifenden Rezeptionsgeschichte. So wie sein künstlerisches Schaffen bereits zu Lebzeiten zwischen Literatur, Musik und Zeichnung oszilliert, werden seine Texte in ihrer Rezeption einerseits kontinuierlich in klassische Medien wie Illustration, Oper und Übersetzung eingebunden und erschließen sich andererseits immer wieder neue mediale Formate wie Film, Graphic Novel und Hörspiel. |
| E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 33 (2025) Herausgegeben von Claudia Liebrand und Thomas Wortmann
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