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Die Beschäftigung mit historischen Ereignissen ermöglicht es, ein gründlicheres Verständnis von Sprachen in ihrer Geschichte und Gegenwart zu entwickeln. (Foto: alejomiranda – stock.adobe.com)
Auszug aus: „Einführung in die spanische Sprachwissenschaft. Ein Lehr- und Arbeitsbuch“

Das Spanische in Amerika: Geschichte und sprachliche Variation

ESV-Redaktion Philologie
15.01.2026
Haben Sie sich schon einmal gefragt, in welcher Weise historische Prozesse die Vielfalt von Sprachen bedingen? Mit der Kolonialisierung ab dem späten 15. Jahrhundert breitete sich das Spanische über den amerikanischen Kontinent aus. Doch wie entwickelte sich dabei die heutige Vielfalt seiner Varietäten? Wie lassen sich Spuren indigener Sprachen und Parallelen zu südspanischen Dialekten wie des Andalusischen im Spanischen des amerikanischen Raums verstehen?
Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus dem nunmehr bereits in 8., neu bearbeiteter und erweiterter Auflage im Erich Schmidt Verlag erschienenen Band Einführung in die spanische Sprachwissenschaft. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Darin werden die historisch-politischen Hintergründe der kolonialen Eroberung jener amerikanischen Gebiete durch das spanische Königreich behandelt, die heute den hispanophonen Teil Amerikas konstituieren. Im Weiteren wird dargelegt, wie sich sprachliche Varietäten im spanischsprachigen Amerika und auf der Iberischen Halbinsel voneinander unterscheiden und wie sie sich in diachroner Perspektive herausgebildet haben.

Das Spanische in Amerika
Zum geschichtlichen Hintergrund


Die Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt eröffnete Europa und seiner Ge­schichte eine neue Dimension, und nicht umsonst lässt die Geschichtswissenschaft die abendländische Neuzeit mit diesem Ereignis und der Wende vom 15. zum 16. Jh. beginnen. Mit der Phase der europäischen Expansion begann auch der neuzeitliche europäische Kolonialismus.

Der Genuese Christoph Kolumbus (span. Cristóbal Colón) unternahm im Auftrag der „Katholischen Könige“ seine erste Entdeckungsreise mit der Absicht, auf dem westlichen Seeweg über den Atlantischen Ozean die Ostküste Asiens bzw. Indien zu erreichen. Er brach am 3. August 1492 mit drei Schiffen vom südspanischen Hafen Palos auf, und nach einem Halt auf den Kanarischen Inseln (seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts z. T. unter spanischer Herrschaft, 1477 durch Vertrag an die spanische Krone) stieß er am 12. Oktober 1492 auf die erste Insel der Neuen Welt, eine Insel der Bahama-Gruppe, die er San Salvador taufte. Auf der Weiterfahrt entdeckte er die Inseln Kuba und Hispaniola (Haiti), welche der Ausgangspunkt für weitere Entdeckungen und Eroberungen werden sollten. Auf seiner zweiten Reise gründete er 1496 mit Santo Domingo (Hispaniola) die erste spanischsprachige Stadt der Neu­en Welt. Auf der dritten Reise erreichte Kolumbus 1498 nahe der Orinocomündung auch erstmals das südamerikanische Festland. Auf seiner vierten und letzten Fahrt (1502–1504) entdeckte er die Ostküste Mittelamerikas. 1506 starb Kolumbus in Valla­dolid und war überzeugt, Indien („Las Indias“) auf der Westroute entdeckt zu haben.

Im Staatsvertrag von Tordesillas (1494) grenzten Spanien und Portugal ihre Inter­essensphären hinsichtlich ihrer kolonialen Expansion jenseits des Atlantiks durch Modifizierung früherer päpstlicher Entscheidungen ab. Der festgelegte Demarka­tionslängengrad bildete die Grundlage für die Entstehung der Kolonialreiche der Spanier und Portugiesen (Brasilien, entdeckt im Jahre 1500) in Amerika. Der Auf­bau des spanischen Imperiums in Amerika war die Voraussetzung dafür, dass Hi­spanoamerika spanischsprachig werden konnte. Es macht heute den Hauptteil der „Romania nova“ aus.

Der Name Amerika wurde von dem deutschen Kartographen Martin Waldseemüller 1507 in Anlehnung an den Vornamen des florentinischen Entdeckers und Seefahrers Amerigo Vespucci geprägt und verbreitet.

Die Geschichte der Entdeckung und Eroberung Hispanoamerikas kann man in fol­gende Etappen einteilen:

1. Etappe: 1492–1519. Der Schwerpunkt dieser Phase liegt im Bereich der Antillen: Besitznahme von Hispaniola, Puerto Rico, Jamaika, Kuba. Von hier aus erfolgten Er­kundungsfahrten an die Küste von Venezuela und nach Mittelamerika. Von Panama aus erreichte Núñez de Balboa 1513 den Pazifik. Spanische Konquistadoren drangen auch nach Nordamerika (z. B. Florida) und im Süden bis zum Río-de-la-Plata-Gebiet vor. In Yucatán entstanden erste Kontakte mit der Mayakultur.

2. Etappe: 1519–1531. Das Hauptereignis dieser Epoche ist zwischen 1519 und 1521 die Eroberung des von Moctezuma beherrschten Aztekenreiches (von Kuba aus) unter der Führung von Hernán Cortés. 1521 wurde die Hauptstadt Tenochtitlán zerstört und an der gleichen Stelle Mexiko(-Stadt) gegründet. Cortés wurde zum Gouverneur von „Nueva España“ ernannt. 1527 wurde dort die erste Audiencia (Ge­richts- und Verwaltungsbehörde), 1535 das erste Vizekönigreich eingerichtet. An die Unterwerfung des Aztekenreiches, bei der die Spanier erstmals mit einer indigenen Hochkultur Altamerikas in enge Berührung kamen, was sich auch sprachlich in der Übernahme von Lehnwörtern (span. indigenismos) auswirkte, schloss sich die Ent­deckung und Eroberung Guatemalas (unter Pedro de Alvarado) und weiterer Gebiete Mittelamerikas an.

3. Etappe: 1531–1556. In diese Phase fällt die Eroberung der Andenhochländer, ins­besondere des ausgedehnten Inkareiches – einer weiteren altamerikanischen Hoch­kultur – unter der Führung von Francisco Pizarro, der 1531 von Panama aus nach Süden aufbrach, 1532 in Cajamarca den Inkahäuptling Atahualpa überraschend ge­fangen nehmen konnte und ihn, obwohl dieser gewaltige Mengen an Gold als Löse­geld beibrachte, dann ermorden ließ. 1533 zogen die Spanier in die heilige Stadt Cuzco ein. 1535 wurde Lima als Hauptstadt von „Nueva Castilla“ gegründet. Von Peru ausgehend – Peru wurde 1542 Vizekönigreich – eroberten die Spanier unter Belalcá­zar einen weiteren Teil des Inkareiches, das heutige Ecuador mit seiner Hauptstadt Quito, und drangen von dort weiter in das Reich der Chibcha im heutigen Kolumbien vor, wohin von Norden her bereits Jiménez de Quesada mit seinen Eroberern gelangt war. 1538 wurde in „Nueva Granada“ Santa Fe de Bogotá gegründet. Diego de Almag­ro, ein Partner Pizarros, unternahm Züge in das heutige Bolivien (Alto Perú), nach Nordwestargentinien und ins nördliche Chile. Pedro de Valdivia leitete 1540 (Grün­dung von Santiago 1541) die Eroberung Chiles gegen den erbitterten Widerstand der Araukaner ein (vgl. Ercillas Epos „La Araucana“, 1569–1589), der bis ins 19. Jh. andauerte. Die von Spanien ausgegangene Expedition des Pedro de Mendoza in die Río-de-la-Plata-Region führte zu einer ersten Gründung von Buenos Aires (1536), das 1541 jedoch wieder aufgegeben werden musste und dann 1580 neu gegründet wurde. 1537 erfolgte die Gründung von Asunción (im heutigen Paraguay). 1545 wurden die Silberadern von Potosí (Bolivien) entdeckt.

Anders verlief die anfängliche Kolonisierung des heutigen Venezuela: Das Augsbur­ger Handelshaus der Welser hatte 1528 von Kaiser Karl V. das Privileg zur Ausbeu­tung des Landes erhalten. Das Unternehmen scheiterte 1546 mit dem Rückzug der Welser aus Venezuela. Somit wurde das Land keine deutsche, sondern eine spanische Kolonie.

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Nachgefragt bei Prof. em. Dr. Wolf Dietrich und Prof. Dr. Volker Noll 15.01.2026
„Übung führt zur Meisterschaft“
Damit der Überblick behalten wird, ist das Zurateziehen einer guten Einführung in das weite Feld der spanischen Sprachwissenschaft notwendig, selbst für fortgeschrittene Studierende. Insbesondere die Sprachgeschichte – nicht immer das Lieblingsthema von Lernenden – wird in manchem Seminar vernachlässigt. Dabei ist sie für ein umfassendes Verständnis des Spanischen essenziell und hilft dabei, bestimmte grammatikalische Strukturen besser zu verstehen. mehr …


Zur Entstehung des amerikanischen Spanisch: Indigenismo, Andalucismo, Antiandalucismo

Häufig wird dem „amerikanischen Spanisch“ das „europäische Spanisch“ gegenüber­gestellt. Diese Bezeichnungen sind jedoch irreführend, wenn man darunter Varietä­ten des Spanischen verstehen wollte, deren Besonderheiten jeweils exklusiv auf die jeweiligen Kontinente beschränkt sein sollen. Fast alle Charakteristika des amerika­nischen Spanisch (oder Hispanoamerikanischen) existieren jedoch auch im Spani­schen Europas, nämlich überwiegend im Südspanischen, insbesondere im Andalu­sischen, und auch im Spanischen der Kanarischen Inseln, nicht aber im Spanischen des Zentrums und Nordens der Pyrenäenhalbinsel. Daher empfiehlt es sich – wenn es um die Hervorhebung der Unterschiede geht – anstatt von „europäischem“ oder „peninsularem Spanisch“ zu sprechen, definitorisch „standard-kastilisches Spanisch“ zugrunde zu legen. Für Südspanisch, kanarisches Spanisch und amerikanisches Spa­nisch schlug D. Catalán die Bezeichnung „español atlántico“ vor. In gewissen Kontex­ten wird auch „überseeisches Spanisch“ verwandt.

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Die sprachliche Variation offenbart sich am unmittelbarsten in der Lautung. Oft reichen wenige gesprochene Worte, um einen Sprecher nach regionaler Herkunft zuzuordnen. Für das Spanische in Amerika bedeutet dies: Die sprachlichen Gemeinsamkeiten auf phonischem Gebiet und hier maßgeblich im Konsonantismus (vgl. IV.11.3.1) zwischen einem Andalusier und einem Sprecher des amerikanischen Spa­nisch (besonders der Tieflandzonen) sind offensichtlich. Man hat sie bereits Ende des 17. Jh. vergleichend kommentiert. Somit schien es folgerichtig, für diese Besonderheiten des amerikanischen Spanisch andalusischen Ursprung anzunehmen.

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Die nach den Vorstellungen Henríquez Ureñas später als Antiandalucismo-These be­zeichnete Position, nach der die Übereinstimmung sprachlicher Fakten in Andalu­sien und in Hispanoamerika als parallele, voneinander unabhängige Entwicklungen interpretiert wurde, überzeugte auch einen so bekannten Hispanisten wie Amado Alonso. Nach Henríquez Ureña sind z. B. klimatische Verhältnisse, Bevölkerungszu­sammensetzung, Bildungsgrad, der Kontakt mit den amerindischen Sprachen und eine eventuelle Isolation von Gebieten als Faktoren in die Betrachtungen einzubezie­hen. In Bezug auf die regionale Verteilung der sprachlichen Merkmale unterscheidet Henríquez Ureña tierras altas und tierras bajas.

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Sie sind neugierig, wie es weitergeht? Der Titel kann hier vorbestellt werden.

Über die Autoren
Wolf Dietrich: Emeritierter Professor für Romanische Philologie an der Universität Münster. Schwerpunkte in der synchron beschreibenden Sprachwissenschaft sowie in den Bereichen Sprachkontakt und Sprachgeschichte.

Volker Noll: Professor für Romanische Philologie an der Universität Münster. Schwerpunkte u.a. im amerikanischen Spanisch und in sprachhistorischen Fragestellungen.

Einführung in die spanische Sprachwissenschaft. Ein Lehr- und Arbeitsbuch
Von Volker Noll und Wolf Dietrich

Diese Einführung ermöglicht einen sicheren und gründlichen Einstieg in den sprachwissenschaftlichen Teil des Spanischstudiums, der sich sowohl für die Anforderungen des Bachelor-Studiums als auch für weitergehende Ansprüche in den Masterstudiengängen eignet. Das Buch bietet einen Überblick über das Spanische als romanische Sprache und seine Verbreitung in der Welt, es erörtert Grundbegriffe der allgemeinen Sprachwissenschaft, verfolgt zentrale Fragestellungen in ihrer Geschichte und stellt die wichtigsten sprachlichen Phänomene des Spanischen von heute vor. Weitere Themengebiete sind die Entwicklung des Spanischen in Europa und die Herausbildung des amerikanischen Spanisch. Zu allen Bereichen werden bibliographische Hinweise sowie Übungsanregungen zur selbständigen Bearbeitung geboten, die eine gezielte Vertiefung des Stoffes ermöglichen.

Für die Neuauflage wurde der Band bibliographisch und im Hinblick auf den heutigen Stand der Linguistik aktualisiert sowie inhaltlich leicht erweitert.

Programmbereich: Romanistik