„Übung führt zur Meisterschaft“
Lieber Herr Dietrich, lieber Herr Noll, Ihre „Einführung in die spanische Sprachwissenschaft“ erscheint nun bereits in achter Auflage. Was hat sich seit den letzten Auflagen verändert?
Wolf Dietrich: Zum einen verändern sich die äußeren Gegebenheiten, z. B. die Sprecherzahlen der romanischen Sprachen bzw. des Spanischen in den verschiedenen Ländern durch Bevölkerungszuwachs oder ‑schwund, zudem durch Prestigeverlust bei kleineren romanischen Sprachen. Veränderungen gibt es immer auch durch das Einarbeiten neu erschienener Literatur sowie das Streichen der veralteten. Wichtiger sind natürlich Veränderungen in linguistischen Theorien und Methoden, von denen einige zeitbedingt beliebter werden, andere in den Hintergrund treten. Uns kam es darauf an, wichtige, klassisch gewordene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, um so ein ausgewogenes Bild für Studierende zu erstellen, die ja nicht primär an den jüngsten, manchmal nur modischen Entwicklungen interessiert sein dürften. Neu hinzugekommen in dieser Einführung ist die Textlinguistik.
Ihre Einführung deckt naturgemäß unterschiedliche Bereiche der Sprachwissenschaft ab. Welchen haben Sie in Ihrem Buch am stärksten fokussiert und warum?
Wolf Dietrich: Wir möchten die unabdingbaren Grundlagen linguistischer Analyse und historischer Sprachbetrachtung bieten, die in einem Studium, das ja weit mehr ist als die Erlernung der Sprache, behandelt werden sollten. Diese Grundlagen sind nicht erst heute gelegt worden, sondern gehen bis auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Da es für eine Einführung in die Materie nicht sinnvoll sein kann, mehrere existierende Sprachtheorien und Methoden wie zur Auswahl nebeneinander zu präsentieren, haben wir den Fokus auf die Grundlagen der durch Saussure begründeten funktionalen Linguistik gelegt, wie sie von der Prager Schule und von dem bedeutenden Linguisten Eugenio Coseriu aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Der zweite Fokus liegt auf der historischen Analyse des Spanischen, der historischen Lautentwicklung sowie den Etappen der spanischen Sprachgeschichte in Europa und Amerika.
Die Linguistik kann insbesondere als Sprachanalyse betrachtet werden. Inwiefern ist diese synchron bzw. diachron?
Volker Noll: Dies sind methodische Betrachtungsebenen. Die synchrone Analyse untersucht das Funktionieren einer Sprache in einem bestimmten kürzeren Zeitraum, in der Gegenwart z. B. die Gesetzmäßigkeiten, die das Spanische steuern. Die diachrone Betrachtungsweise nimmt die sprachlichen Veränderungen über größere Zeiträume in den Blick. Alle Sprachen ändern sich natürlicherweise ständig, wenn auch nicht im gleichen Maße und in allen Bereichen. Die sprachinternen Veränderungen betreffen z. B. den sukzessiven Wandel in Phonetik und Grammatik. Die Sprachgeschichte beschreibt Veränderungen durch äußere sprachliche Einflüsse, die Herausbildung einer Schriftsprache, die Bildung von Akademien, die Ausdehnung des Sprachgebiets usw. Nur die Berücksichtigung beider Betrachtungsebenen erlaubt eine vernünftige Interpretation gegebener sprachlicher Phänomene.
| Auszug aus: „Einführung in die spanische Sprachwissenschaft. Ein Lehr- und Arbeitsbuch“ | 15.01.2026 |
| Das Spanische in Amerika: Geschichte und sprachliche Variation | |
| Haben Sie sich schon einmal gefragt, in welcher Weise historische Prozesse die Vielfalt von Sprachen bedingen? Mit der Kolonialisierung ab dem späten 15. Jahrhundert breitete sich das Spanische über den amerikanischen Kontinent aus. Doch wie entwickelte sich dabei die heutige Vielfalt seiner Varietäten? Wie lassen sich Spuren indigener Sprachen und Parallelen zu südspanischen Dialekten wie des Andalusischen im Spanischen des amerikanischen Raums verstehen? mehr … | |
Welches Thema bereitet Studienanfängerinnen und -anfängern ihrer Erfahrung nach am meisten Probleme?
Volker Noll: Nach unseren Erfahrungen ist und bleibt das Thema der Lautanalyse ein Problemfeld. Studierende heute tun sich damit ebenso schwer wie die Menschen früherer Jahrhunderte, die Laut und Buchstaben zunächst nicht auseinanderhalten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die Phonetik in der Wissenschaft völlig etabliert. Darüber hinaus schärft die Beschäftigung mit dem Komplex Phonologie/Phonetik den Blick auf die Feinheiten der Aussprache, er ist ein Ansatz für die diatopischen Varietäten (z. B. das amerikanische Spanisch) und bildet die Grundlage für das Verständnis, wie die Sprache Bedeutungen differenziert.
Wie lässt sich den Schwierigkeiten beim Erlernen von Phonologie und Phonetik gut begegnen?
Wolf Dietrich: Wie bei allen Dingen führt Übung zur Meisterschaft. Es gibt Linguisten, die behaupten, dass es wichtigere Dinge als die Lautanalyse gebe. Aber ein Linguist, der diesen Bereich völlig ausblendet, ist wie ein Arzt, der die Knochen des menschlichen Körpers nicht zur Kenntnis nehmen will. Damit das Üben gut klappt, braucht es natürlich eine zuverlässige Beschreibung der Fakten und der Analyseverfahren.
Zum Abschluss: Was hebt Ihre Einführung gegenüber den anderen Einführungen in die (spanische) Sprachwissenschaft hervor?
Volker Noll: Ein wichtiges Kriterium ist einerseits die Beschränkung auf das Machbare. Auch in unserer Einführung müssen Lehrende aus dem Stoff das auswählen, was sie glauben, in einem Semester schaffen zu können. Wenn man die Menge an Stoff beliebig erhöht, macht es dies der Person, die die Einführung hält, nicht leichter. Die Studierenden wiederum sollten nicht überfrachtet werden. Andererseits haben wir uns bemüht, über das Pflichtminimum hinaus Möglichkeiten zu bieten, die auch in einer späteren Phase des Studiums noch oder gerade erst dann verwertbar sind. Die Einführung bietet somit nicht zuletzt gleichermaßen ein linguistisches Repetitorium für das Masterstudium. Ein Unterschied zu anderen Einführungen in die spanische Sprachwissenschaft ist übrigens die regelmäßige und vor allem nunmehr aktualisierte Neuauflage unseres Buches.
Vielen Dank für Ihre spannenden Antworten!
Sind Sie neugierig geworden? Sie können die Einführung hier bestellen.
| Über die Autoren |
| Wolf Dietrich: Emeritierter Professor für Romanische Philologie an der Universität Münster. Schwerpunkte in der synchron beschreibenden Sprachwissenschaft sowie in den Bereichen Sprachkontakt und Sprachgeschichte. Volker Noll: Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Universität Münster. Schwerpunkte u. a. im amerikanischen Spanisch und in sprachhistorischen Fragestellungen. |
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Einführung in die spanische Sprachwissenschaft Diese Einführung ermöglicht einen sicheren und gründlichen Einstieg in den sprachwissenschaftlichen Teil des Spanischstudiums, der sich sowohl für die Anforderungen des Bachelor-Studiums als auch für weitergehende Ansprüche in den Masterstudiengängen eignet. Das Buch bietet einen Überblick über das Spanische als romanische Sprache und seine Verbreitung in der Welt, es erörtert Grundbegriffe der allgemeinen Sprachwissenschaft, verfolgt zentrale Fragestellungen in ihrer Geschichte und stellt die wichtigsten sprachlichen Phänomene des Spanischen von heute vor. Weitere Themengebiete sind die Entwicklung des Spanischen in Europa und die Herausbildung des amerikanischen Spanisch. Zu allen Bereichen werden bibliographische Hinweise sowie Übungsanregungen zur selbständigen Bearbeitung geboten, die eine gezielte Vertiefung des Stoffes ermöglichen. |
Programmbereich: Romanistik