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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Susanne Riegler und Prof. Dr. Swantje Weinhold
Twitter weiterempfehlen  18.09.2018

„Das tatsächliche Lehrerhandeln im Unterricht in den Blick nehmen“

ESV-Redaktion Philologie
Swantje Weinhold und Susanne Riegler: Aktuelle Unterrichtspraxis beim Rechtschreiben untersucht (Fotos: privat)
„Professionalität für den Deutschunterricht erforschen und entwickeln“ lautet das Motto der Tagung „Symposion Deutschdidaktik“, die aktuell in Hamburg stattfindet. Gerade ist im Erich Schmidt Verlag ein auf empirischen Untersuchungen beruhender Band zum Rechtschreibunterricht erschienen. Im Interview mit der ESV-Redaktion äußern sich die Herausgeberinnen Susanne Riegler und Swantje Weinhold dazu.
Liebe Frau Riegler, liebe Frau Weinhold, fast wöchentlich erreichen uns zum neuen Schuljahresbeginn Meldungen über Lehrermangel an deutschen Schulen und über Quereinsteiger, die kein pädagogisches Fachstudium absolviert haben. Die Lehrer- und Elternverbände sehen dies sehr kritisch. Wenn man nun daran denkt, dass die jüngsten Bildungstrends über erhebliche Mängel bei den Rechtschreibkompetenzen der Schüler klagen, fragt man sich, ob es hier einen Zusammenhang gibt. Sie haben nun einen Sammelband herausgegeben, der nach der Unterrichtspraxis hinsichtlich der Rechtschreibvermittlung fragt. Was war der Anlass für dieses Buch?

Susanne Riegler: Der Anlass war die erfreuliche Situation, dass sich aktuell die fachdidaktische Forschung verstärkt der Untersuchung der domänenspezifischen Lehrerprofessionalität zuwendet. Sie fragt in diesem Zusammenhang danach, welches fachliche und fachdidaktische Wissen und welche Einstellungen Lehrkräfte über die Rechtschreibung und den Rechtschreibunterricht haben, wie sich dieses in Fortbildungen oder Kooperationen weiterentwickeln lässt, welches Material Lehrkräfte wie und warum im Unterricht einsetzen und wie sie beispielsweise Rechtschreibgespräche führen.

Für Ihre Frage nach einem möglichen Zusammenhang zwischen den Ergebnissen des jüngsten Bildungstrends und dem Mangel an (Fach-)Lehrkräften sind die Untersuchungen, die in unserem Band vorgestellt werden, daher von großer Bedeutung, denn wir wissen aus anderen Unterrichtsfächern, dass der Umfang und das Zusammenspiel von fachlichem und fachdidaktischem Wissen erheblichen Einfluss auf die Unterrichtsqualität haben.

Ein Schwerpunkt des Bandes liegt auf empirischen Forschungen, in denen die Autorinnen des Buches die Vermittlungspraxis des Rechtschreibunterrichts in der Realität untersuchen. Was ist das Neue daran?

Swantje Weinhold: In der bisherigen Forschung zum Schriftsprach- und Orthographieerwerb standen vor allem die Schülerinnen und Schüler im Fokus. Ihre Leistungen und die Frage, wie sich ihre Rechtschreibkompetenzen entwickeln, wurden – auch in Abhängigkeit verschiedener didaktisch-methodischer Konzepte – untersucht. Neu ist an unserem Band zum einen die Hinwendung der Aufmerksamkeit auf die Lehrpersonen und darauf, welche Forschungsfragen sich aus spezifisch orthographiedidaktischer Perspektive für die empirische Unterrichts- und Lehrerforschung ergeben.

„Über Rechtschreibunterricht wissen wir noch zu wenig“

Neu ist auch, dass mehrere Untersuchungen in unserem Band das tatsächliche Lehrerhandeln und die Unterrichtspraktiken in den Blick nehmen. Sie fragen also danach, wie Rechtschreibunterricht ist – denn darüber wissen wir bisher noch zu wenig – und (zunächst einmal) nicht danach, wie er sein sollte. Darüber hinaus zeigt der Band das breite Spektrum der methodologischen und methodischen Zugänge auf, die sich mit dem empirischen Blick auf Lehrerprofessionalität und Rechtschreibunterricht verbinden.

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Das Buch ist in vier große Themenblöcke aufgeteilt. Können Sie bitte kurz erläutern, was sich hinter den Rubriken verbirgt?

Susanne Riegler: Es gibt drei Beiträge, die Einblicke in das Professionswissen und die Überzeugungen von Rechtschreiblehrkräften geben. Sarah Jagemann konturiert hier die Notwendigkeit, sich grundlegend über Fragen der Modellierung domänenspezifischen Professionswissens zu verständigen, und stellt unter der Bezeichnung „schriftsystematische Professionalität“ eine neue, eindimensionale Modellierung von Lehrerprofessionalität im Kontext des Schriftsystems zur Diskussion. Maja Wiprächtiger-Geppert und ich beleuchten in unserem Beitrag empirische Befunde zum Professionswissen von Lehrpersonen im Bereich der Doppelkonsonantenschreibung. Im Mittelpunkt stehen dabei Tafelbilder, die die befragten Lehrpersonen zur Erläuterung der Doppelkonsonantenschreibung angefertigt haben. Jana Tressel zeigt in ihrer Interviewstudie auf, welche unterschiedlichen Überzeugungen Grundschul- und Gymnasiallehrkräfte zu dem Verhältnis der beiden Lernbereiche Rechtschreiben und Textschreiben haben.

In der zweiten Rubrik haben wir Beiträge zu „Lehrerhandeln und Praktiken im Rechtschreibunterricht“ gebündelt. Hier liegt der Fokus, wie in der vorherigen Frage bereits angesprochen, auf der Untersuchung der tatsächlichen Unterrichtspraxis. Maja Wiprächtiger-Geppert und ich zeigen in unserem Beitrag, wie videographierter Rechtschreibunterricht hinsichtlich seiner methodischen Gestaltung und inhaltlichen Strukturierung differenziert beschrieben werden kann. Romina Schmidt verfolgt mit ihrer Untersuchung das Anliegen, dem „Praktiken-Arrangement-Geflecht“ von Rechtschreibunterricht auf die Spur zu kommen, an dem didaktische Artefakte ebenso wie Lehrpersonen maßgeblich beteiligt sind. Und Barbara Geist geht in dieser Rubrik anhand von ausgewählten Szenen aus audio- und videographierten Rechtschreibgesprächen in den Klassen 1 bis 5 mit vorrangig diskursanalytischem Interesse der Frage nach, wie Kinder in Rechtschreibgesprächen Schreibungen erklären und wie die Lehrperson sie darin unterstützt.

„Rechtschreibunterricht mittels rekonstruktiver Videoanalysen vergleichend ausgewertet“

Die Frage nach der „Entwicklung der professionellen Handlungskompetenz von Rechtschreiblehrkräften“ steht im Zentrum der dritten Rubrik. Hier finden sich Beiträge, die sich im weiteren Sinne mit Fortbildungsformaten und ihren Wirkungen beschäftigen. Anke Reichardt fragt danach, welche Elemente einer Fortbildung Lehrpersonen in ihren Unterricht integrieren und ob und wie sie diese ggf. adaptieren. Dazu wurde Rechtschreibunterricht vor und nach dem Besuch einer Fortbildung videographiert und mittels rekonstruktiver Videoanalysen vergleichend ausgewertet. Swantje Weinhold stellt hier ein Kooperationsmodell von Wissenschaftlerinnen, Studierenden und Lehrpersonen zur Entwicklung des Rechtschreibunterrichts in der Primarstufe vor. Der Beitrag erläutert die strukturelle und inhaltliche Konzeption an der Schnittstelle von Fortbildungs-, Entwicklungs- und Transitionsforschung und gibt Einblick in die Arbeitsweise des Entwicklungsteams. Tina Waschewski untersucht dieses Kooperationsmodell, indem sie der Frage nachgeht, wie die Zusammenarbeit in einer ‚Community of Practice‘ die Unterrichtspraxis von Lehrpersonen verändert.

Der Band wird abgeschlossen mit einer Studie in der Rubrik „Forschende Weiterentwicklung der Praxis“. Svea Corban stellt in ihrem Beitrag dar, wie sie im Rahmen ihres Dissertationsprojekts „didaktische Materialien für einen strukturorientierten schriftsprachlichen Anfangsunterricht“ entwickelt und im eigenen Unterricht erprobt.

In dem Band ist auch die Rede von einem neuen Kooperationsmodell zwischen Wissenschaftler(inne)n an der Universität, Studierenden und Lehrpersonen an der Schule, das einer besseren Theorie-Praxis-Verzahnung dienen soll. Können Sie uns dazu mehr berichten?

Swantje Weinhold: Dieses Kooperationsmodell ist im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung des BMBF entwickelt worden und zeichnet sich durch die innovative Besonderheit aus, dass in dieser „community of practice“ Lehrkräfte, Wissenschaftlerinnen und Studierende gemeinsam und kontinuierlich über einen Zeitraum von jeweils 1,5 Jahren (ihren) Rechtschreibunterricht in der Primarstufe beobachten, analysieren und schriftsystematisch weiterentwickeln. Auf diese Weise wird ein enger fachlicher Austausch möglich, in dem die Bedarfe der Lehrkräfte für adaptives Handeln in sehr heterogenen Lerngruppen gemeinsam herausgearbeitet und „maßgeschneidert“ bearbeitet werden können.

Und für die Studierenden wird durch die Einbindung in das Entwicklungsteam das Nebeneinander (und bisweilen Gegeneinander) der Lehrerbildungsphasen ein Stück weit überwunden. Sie sind von Beginn an mit ihrer Expertise über den Lerngegenstand Schriftsprache, den sie in ihrem Studium aktueller und viel intensiver bearbeiten können als Lehrkräfte im Beruf, an den Beobachtungsprozessen, der Entwicklung von Unterrichtsmaterialien und an der Planung und Umsetzung von Unterricht (im Rahmen von Praktika) beteiligt.

Rechtschreiben unterrichten

Herausgegeben von Prof. Dr. Susanne Riegler und Prof. Dr. Swantje Weinhold

Schülerinnen und Schüler aller Schulstufen weisen wiederkehrend schlechte Rechtschreibleistungen auf. Dadurch rücken verstärkt der Rechtschreibunterricht und das Wissen und Handeln der unterrichtenden Lehrkräfte in den Fokus der orthographiedidaktischen Forschung. Allerdings wurden bislang weder die tatsächliche Praxis des Rechtschreibunterrichts noch Wissen und Überzeugungen der Lehrpersonen hinreichend erforscht.

Susanne Riegler ist Professorin für Grundschuldidaktik Deutsch an der Universität Leipzig und arbeitet zurzeit gemeinsam mit Prof. Dr. Maja Wiprächtiger-Geppert, FHNW an einem Projekt zu „Professionellen Lehrerkompetenzen und Unterrichtshandeln im Lernbereich Rechtschreibung (Profess-R)“.

Swantje Weinhold ist Professorin für Deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Leuphana Universität Lüneburg und forscht derzeit im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ zur phasenübergreifenden Professionalisierung (angehender) Rechtschreiblehrkräfte.
(ESV/ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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