„Die ‚Écriture de la perte‘ bewahrt das Verlorene im Modus der Erinnerung“
Liebe Frau Corbineau-Hoffmann, wie schon der Titel verrät, verknüpfen Sie in Ihrem Buch Literaturgeschichte und -theorie – zwei Gegenstände, die oft getrennt voneinander behandelt werden. Weshalb sind diese in Ihren Augen dennoch miteinander verwandt
Angelika Corbineau-Hoffmann: Verwandt sind beide dadurch, dass sie sich auf denselben Gegenstand, die Literatur, beziehen. Ein bekanntes Zitat aus Kants Kritik der reinen Vernunft lautet: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Ähnlich verhält es sich mit der Beziehung von Literaturgeschichte und Literaturtheorie. Sie können oder, nach meiner Auffassung, sollten sich gegenseitig befruchten. Auf welche Weise das geschieht, hängt von der jeweiligen Fragestellung ab. Ich habe versucht, diese Verbindung und wechselseitige Befruchtung am Beispiel von Verlusten darzulegen.
Sie untersuchen die Literaturgeschichte des Verlusts fragmentarisch entlang der Jahrhunderte. Wie haben Sie entschieden, welche Werke Sie analysieren?
Angelika Corbineau-Hoffmann: Da Vollständigkeit angesichts des Themas nicht möglich war, habe ich mich entschlossen, ältere Werke der Weltliteratur in historischer Perspektive mit solchen aus neuerer Zeit zu kombinieren. Dabei spielten auch persönliche Vorlieben sowie die bei mir vorhandenen Lektürekenntnisse eine Rolle. Leserinnen und Leser sind ausdrücklich eingeladen, meine Auswahl zu erweitern.
Sie gehen immer wieder auf das Konzept einer ‚Écriture de la perte‘ ein. Was genau bedeutet dieser Begriff für Sie?
Angelika Corbineau-Hoffmann: Etwas darstellen zu wollen, das es nicht (mehr) gibt, konfrontiert die Literatur mit einer Leerstelle. Die ‚Écriture de la perte‘ bezeichnet die Art und Weise, wie die Texte auf ein solches ‚blanc‘ reagieren: Sie schöpfen aus ihm eine große Freiheit. Gegen die Leere gerichtet, entwickelt die ‚Écriture de la perte‘ eine kaum gebändigte Fülle, in der das Verlorene durch die Fiktion wiederersteht. Konsequenz aus einem Verlust, ist die ‚Écriture de la perte‘ ein Kampf gegen die Leere: Sie bewahrt das Verlorene im Modus der Erinnerung.
| Auszug aus: „Im Modus des ‚Nicht-mehr‘. Fragmente einer Literaturgeschichte des Verlorenen und einer Theorie der Fiktion“ | 13.03.2026 |
| Der literarische Text als Ausweg aus dem Verlust | |
| Die Leere, die ein Verlust hinterlässt, ist schwer zu füllen. Eine Bewältigungsstrategie ist es, in fiktionale Welten einzutauchen, in denen jemand einen Verlust erleiden muss. Die Identifizierung mit Protagonisten und Protagonistinnen sorgt nicht nur für Ablenkung, sondern kann gleichzeitig helfen, den eigenen Schmerz zu verarbeiten. Dies ist nicht nur ein subjektiver Eindruck, sondern wird auch theoretisch unterfüttert. mehr … | |
Sie thematisieren in Ihrem Buch Verluste verschiedenster Art, wie den Verlust von Natur, Ort, Zeit oder Identität. Warum ist es wichtig, sich mit dem zu beschäftigen, was nicht (mehr) existiert?
Angelika Corbineau-Hoffmann: Verluste haben Folgen, in der Literatur wie im Leben: Sie trennen uns definitiv von Objekten, Personen, Erfahrungs- und Lebensräumen. Wie Ihre erste Frage die Philosophie auf den Plan rief, kann nun die Psychologie helfen, die Reaktionen auf Verluste zu erhellen: Bei Freud bedingt die Trauer über einen Verlust eine Strategie der Bewältigung; entsprechend vollzieht sich auch durch die ‚Écriture de la perte‘ eine ‚Verlustarbeit‘, die uns (mit dem Beistand der Literatur) helfen kann, Verluste zu bewältigen. Wenn wir die Verluste unseres Lebens verdrängen, erleiden wir wiederum ‚Verluste‘.
Inwiefern bedingt oder bewirkt der Verlust bzw. das ‚Nicht-mehr‘ Fiktion?
Angelika Corbineau-Hoffmann: Hier sprechen Sie eine zentrale These meines Buches an. ‚Fiktion‘ impliziert, wie ‚Verlust‘, einen defizitären Zustand, fehlt doch einem fiktionalen Text der ‚Sitz im Leben‘ – sprachwissenschaftlich formuliert: der unmittelbare (Referenz-)Bezug zu einer außersprachlichen Realität. Wenn also die Fiktion Verlorenes aufruft, folgt sie damit ihrer eigenen Beschaffenheit. Angesichts dieses doppelten Verlusts – einmal thematisch, das andere Mal theoretisch – eröffnet sich ein Freiraum der Gestaltung, von dem die ‚Écriture de la perte‘ mit der genannten Fülle reagiert. Und dies scheint mir auch der Grund dafür zu sein, dass so viele bedeutende Werke der Literatur dem Thema ‚Verlust‘ gewidmet sind.
Da, wie Sie selbst sagen, die vorliegende Untersuchung nur im Modus des Fragmentarischen möglich war, bleiben auch hier Leerstellen. Was erhoffen Sie sich angesichts dieser Unabgeschlossenheit vom Dialog mit Ihren Leserinnen und Lesern?
Angelika Corbineau-Hoffmann: Wir waren bei der Freiheit: Über sie verfügt die Leserin bzw. der Leser meiner Studie in hohem Maße. Auch ich habe bei der Arbeit insofern davon profitiert, als mir die unhintergehbare Fragmentarität meiner Darstellungsweise viele Möglichkeiten der Wahl meiner Texte erschloss. Wie oftmals für die Geisteswissenschaften, gilt auch hier, dass Vollständigkeit vielleicht ein fernes Ziel, nicht aber eine realistische Perspektive ist. Am Ende sind, in einem performativen Rezeptionsprozess, Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, die Fragmentarität durch eigene Lektüren zu relativieren – in aller Freiheit. Und vielleicht fällt es ihnen, literaturgestützt, dann auch leichter, die unvermeidlichen Verluste, die das Leben bringt, zu bewältigen.
Vielen Dank für diesen interessanten Einblick!
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| Zur Autorin Angelika Corbineau-Hoffmann ist emeritierte Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaft und Literaturtheorie an der Universität Leipzig. Ihre Schwerpunkte sind Literaturtheorie, komparatistische Thematologie und Comparative Arts. Ihre Publikationen, davon einige im Erich Schmidt Verlag, umfassen einführende Werke für Studierende und literarhistorische Studien. |
| Im Modus des ‚Nicht-mehr‘. Fragmente einer Literaturgeschichte des Verlorenen und einer Theorie der Fiktion Von Angelika Corbineau-Hoffmann Der Versuch, Verlust und Fiktion zusammenzudenken, ist angesichts der tradierten Trennung von Literaturgeschichte und Literaturtheorie zumindest riskant, wenn nicht verfehlt. Und doch: in Relation zueinander betrachtet, zeigen beide eine unverhoffte Verwandtschaft, denn sie basieren auf einem elementaren Mangel. In vier voneinander unabhängigen Teilen, die jeweils über eine bildgestützte Einleitung verfügen und unabhängig voneinander rezipiert werden können, wird herausgestellt, dass jener Mangel schöpferische Potenziale freisetzt, indem das Verlorene durch die Fiktion als eine neue und nunmehr unverlierbare Welt wiederersteht: In der Fiktion sind wir sicher vor Verlusten. Literarisch Interessierte erhalten einen Einblick in die Leistungen fiktionaler Texte, die uns in neue, von uns mitgeschaffene Welten (ent)führen. Die Bedeutung des hier erprobten Ansatzes weist über die Möglichkeiten einer Einzelstudie hinaus und kann deshalb nur in fragmentarischer Form zur Darstellung kommen; sie möchte dazu einladen, weitergedacht zu werden. |
Programmbereich: Germanistik und Komparatistik