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Eine radikale Dekonstruktion des Romans: Dr. Ulrich Dronske bietet einen neuen Lektüreansatz zu „Transit“ (Foto: privat)
Nachgefragt bei Dr. Ulrich Dronske

„Ein magisch-mythisch aufgeladener Erzählraum, der auf Liebe zentriert ist, in der Abenteuer, Tod und Begehren miteinander verschmelzen“

ESV-Redaktion Philologie
22.06.2026
Unter Exilliteratur fassen wir Werke von Autorinnen und Autoren, die aufgrund politischer, religiöser oder rassistischer Verfolgung gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und im Ausland zu leben. Zentrale Themen sind Flucht, Identitätssuche und Heimatverlust. Es sind Themen, die heute wieder sehr aktuell sind.
Anna Seghers’ Roman „Transit“ wird in der Regel zur Exilliteratur gezählt – doch ist sein Inhalt damit schon in Gänze beschrieben? Die literaturwissenschaftliche Studie von Dr. Ulrich Dronske rückt eine oft übersehene Dimension von Anna Seghers Werk in den Mittelpunkt: Liebe, Abenteuer und Begehren.
Ausgehend von theoretischen Impulsen von Simmel, Lacan und Girard eröffnet die Untersuchung eine überraschende Perspektive auf die Figurenkonstellationen und Erzählstrukturen des Romans. Wir sprachen mit dem Autor über die Besonderheit von „Transit“, seine persönliche Faszination für das Werk und den Hintergrund seiner theoretischen Auseinandersetzung damit.

Lieber Herr Dronske, warum ist es gerade heute wichtig, über Exilliteratur zu sprechen?

Es gibt ja nicht die Exilliteratur. Aber über „Transit“ zu sprechen, lohnt sich heute angesichts des Massenphänomens Flucht und der weit verbreiteten offenen oder versteckten Fremdenfeindlichkeit auf jeden Fall. Einfach, weil man hier Verfolgung, Flucht und Exil aus der Perspektive der Verfolgten, Flüchtenden und Exilierten miterleben kann und nicht aus der Sicht derer, die das eigene Land, den eigenen Kontinent zur Wagenburg auszubauen gedenken. Die Aktualität von „Transit“ hat ja schon der gleichnamige Film von Christian Petzold (2018) betont, der die Romanhandlung in die Gegenwart Frankreichs verlegte.

Was hat Sie dazu gebracht, den Roman „Transit“ von Anna Seghers genauer untersuchen zu wollen?

Ich habe den Roman das erste Mal zu Beginn meines Germanistikstudiums gelesen. Und seitdem immer wieder einmal. „Transit“ hat mich schon beim ersten Lesen tief berührt, nicht gerade wegen der Exilthematik, sondern wegen dieser so ungewöhnlichen Liebesbeziehung zwischen dem Ich-Erzähler und Marie. Und in der Sekundärliteratur wurde und wird meist nur auf Außerliterarisches referiert: „Transit“ als literarische Chronik des Exils, als literarischer Nachtrag zur Expressionismusdebatte, manchmal sogar als literarische Verarbeitung des Hitler-Stalin-Paktes. Es gibt eine geniale Interpretation von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“, in der die Germanistikprofessorin Helga Gallas einleitend konstatiert, dass die literaturwissenschaftlichen Analysen des Kleist-Textes und das Rezeptionserlebnis ihrer Student*innen offensichtlich nichts miteinander zu tun haben. So ist es mir mit meinem Leseerlebnis und den wissenschaftlichen Lektüren von „Transit“ auch ergangen, und das wollte ich mit meinem Text verändern. 

Ist „Transit“ für Sie ein mustergültiger Vertreter der Exilliteratur, falls es so etwas geben kann?

Das gibt es natürlich nicht. Unabhängig davon aber wäre die Antwort: Ja und nein. Ja, weil „Transit“ mit Recht ein Lesebuch des Exils genannt wird, insofern der Roman um seine Liebesgeschichte herum und durch sie hindurch ein mehrschichtiges Bild des Exils entwirft und so eine vielfach facettierte Szenerie der Verfolgung, Verzweiflung und Vernichtung erinnernd aufbewahrt. Aber der Roman tut dies in einem magisch-mythisch aufgeladenen Erzählraum, der auf eine Liebe zentriert ist, in der Abenteuer, Tod und Begehren miteinander verschmelzen. Und das ist zumindest ungewöhnlich für einen Exilroman. 

Auszug aus: „Das Schicksal des Begehrens“ 24.06.2026
Exil damals – Flucht heute
Anna Seghers’ Roman „Transit“ erzählt von Menschen auf der Flucht vor Verfolgung, von Verlust, Fremdheit und der Suche nach einem neuen Leben. Die literaturwissenschaftliche Studie zeigt, wie der Roman Flucht als tiefen Einschnitt in die eigene Biografie begreift, als Herausfallen aus vertrauten Lebenszusammenhängen. Gerade darin liegt seine anhaltende Aktualität: Die Erfahrung von Entwurzelung, Unsicherheit und Hoffnung prägen bis heute die Lebenswege von Millionen Menschen. mehr …

Sie greifen im Buch auf die Theorien von Simmel, Lacan und Girard zurück. Auf was genau und warum?

Simmel hat einfach einen brillanten Text über den – eher männlich aufgefassten – Abenteurer verfasst, der begriffsanalytisch die zentralen Momente des Abenteurertums auffächert. Und damit lässt sich die dynamische ebenso wie die mythisch-religiöse Seite des Ich-Erzählers in ihren verschiedenen Aspekten sehr gut nachvollziehen.

Der Rückgriff auf Lacan ist demgegenüber viel problematischer, nicht nur, weil wir hier stark hermetischen Texten aus dem psychoanalytischen Diskurs begegnen, sondern auch, weil ich mich weitgehend nur auf die Lacansche Konzeption des Spiegelstadiums bezogen habe. Aber über das Spiegelstadium lassen sich verschiedene, bislang nur isoliert aufgefasste Textelemente von „Transit“ zusammenbinden: Der permanente Rekurs auf die Augen der Protagonist*innen, die Bedeutung des Motivs des Spiegels bzw. der Spiegelung, also die wichtige Rolle des Visuellen in diesem Roman, die grandiosen Subjektposen des Ich-Erzählers, seine magischen Anteile und natürlich seine starke Sehnsucht nach umfassender Anerkennung, all das sind narzisstische Affektionen, die sich primär im imaginären Register bewegen. Damit soll keiner psychoanalytischen Literaturbetrachtung Vorschub geleistet werden, wohl aber lässt sich so der Wahrnehmungs- und Erlebnisraum des Erzählers deutlich konturieren.

Und Girard? Da geht es nicht um dessen theoretische Positionierung, sondern um eine von diesem Autor gelieferte begriffliche Folie, über die ich die paradoxale Figur des Dritten in „Transit“ dadurch transparent machen wollte, dass ich zeige, wie die Figur des toten Schriftstellers Weidel die Girard‘schen Konstellationen als anwesend-abwesender Dritter durchkreuzt.

Sie haben sich außerdem noch intensiv mit dem Erzähler-Text von Walter Benjamin auseinandergesetzt.

Ja, ich liebe diesen Autor, ich liebe seinen empfindsamen, seinen manchmal kindlichen und manchmal sakralen Kommunismus. Das gilt auch für seinen Erzähler-Text mit dieser tiefen Sehnsucht nach einem ganzheitlichen Lebensprozess, aus dem sich eine vom mündlichen Vortrag getragene Erzähl-Kunst erhebt, die sich von den Lebens- und Arbeitsrhythmen seiner Rezipienten noch nicht abgelöst hat. Der Benjaminsche Erzähler ist natürlich ein Phantasma, das nichtsdestotrotz der „Transit“-Interpretation von Lutz Winckler wirkliche Tiefe verleiht, aber überwiegend den Blick auf den Roman trivialisiert. Allen „Transit“-Lektüren, die mit diesem Benjamin-Text arbeiten, entgeht die radikale Exzentrik des Erzählvorgangs, die allermeisten tendieren dazu, die sich durchhaltende heterogenisierende Drift des Romans durch eine zum Romanende hin anklingende einfache antifaschistisch-solidarische Botschaft stillzustellen. Dies ergibt sich aus bestimmten theoretischen Prämissen des Benjamin-Textes, den ich deshalb noch einmal dekonstruktiv – d.h. auf seine präsenzlogischen und phonozentrischen Implikationen hin – gelesen habe. Benjamins Erzähler-Text ist und bleibt beeindruckend, aber er taugt wenig als Hintergrund für die „Transit“-Lektüre.

Wie steht es um die Frauendarstellung im Roman und in Anna Seghers’ Werk im Allgemeinen?

Ja, das sollte man sich wirklich einmal näher ansehen. Es ist schon bemerkenswert, wenn eine Autorin die Handlung ihrer Romane überwiegend aus der Perspektive männlicher Handlungsträger entwickelt. Außerdem: Nahezu alle Frauenfiguren in den von mir analysierten Texten spielen in ihren Beziehungen eine untergeordnete Rolle, die vom Text nicht kritisch reflektiert, sondern eher positiv inszeniert wird. Und mit der braven Herta aus „Die Überfahrt“, die in der Perspektive des Textes auf eine durchaus glückliche Zukunft an der Seite von Triebel hoffen darf, muss man einfach Mitleid haben.

Was ist Ihre ganz persönliche Lieblingsstelle in „Transit“?

Eigentlich die erste Begegnung des Ich-Erzählers mit Marie, die Peter von Matt so treffend als „Liebesschlag“ bezeichnet hat, weil sich hier ein unbedingtes Begehren nach Anerkennung ebenso unvermittelt wie irrational ausformuliert. Und natürlich das Ende: an der Wand der Pizzeria der abgerissene Fetzen vom Schatten einer Frau, die nie mehr sich zeigen wird, ein ewiges Warten, das nichts mehr erwartet, und ein ewiges Suchen, das nichts mehr findet.

Lieber Herr Dronske, wir danken Ihnen für dieses Interview!
 
Wenn Sie das Buch über den Roman „Transit“ von Anna Seghers lesen möchten, geht es hier entlang.

Zum Autor
Dr. Ulrich Dronske war Herausgeber der Zeitschrift Begegnung und hat als Fachberater der ZfA in Kroatien das sog. DSD-Programm organisiert. Er war korrespondierendes Mitglied im Herausgeberkreis von Fremdsprache Deutsch, hatte zahlreiche Publikationen zu Döblin, Schnitzler, Horváth sowie vor allem zur österreichischen und kroatischen Gegenwartsliteratur und literaturwissenschaftliche und literarische Texte aus dem Kroatischen ins Deutsche übersetzt. Zur Zeit ist er pensionierter Regierungsschuldirektor.


Das Schicksal des Begehrens 
Zu Anna Seghers’ Roman „Transit“ mit zwei Nachträgen zu „Überfahrt“ und zu „Aufstand der Fischer von St. Barbara“

Von Ulrich Dronske

Anna Seghers hat ‚Transit‘ selbst als „Liebes- und Abenteuergeschichte“ bezeichnet. Davon ist in den Texten über ‚Transit‘ nur selten die Rede. ‚Liebe‘ und ‚Abenteuer‘ aber stehen im Zentrum dieses Buches, sie sind mit ihren dynamischen, grandiosen und magisch-mythischen Anteilen in den Begriff des Begehrens eingebunden. Die hier praktizierte Lektüre macht deutlich, dass die am Romanende sich einstellende Vision einer das Begehren ausgrenzenden solidarischen Gemeinschaft bereits durch die radikale Formung des Erzählvorgangs dekonstruiert wird. Sie plädiert deshalb für ein offenes Verständnis des Seghers’schen Exilwerks, in dem das Verhältnis von Begehren und Solidarität neu auszutarieren wäre. Dies gilt in je unterschiedlicher Weise auch für ‚Überfahrt‘ und ‚Aufstand der Fischer von St. Barbara‘.
Die Lektüre dieser Texte greift auf theoretische Aussagen von Simmel (zum Abenteuer), von Lacan (zum Begehren) und von Girard (im Zusammenhang mit der Figur des Dritten) zurück. Dadurch soll der Blick für die im Text sich ausgestaltenden Subjektkonstellationen geschärft werden, ohne diese zu pathologisieren.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik