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Marcus Martin beschäftigt sich mit Troja-Texten. (Foto: privat)
Nachgefragt bei Dr. Marcus Martin

„Eines der prägendsten Momente europäischer Literatur- und Geistesgeschichte“

ESV-Redaktion Philologie
26.01.2026
Literaturgeschichte besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem Wieder- und Neuerzählen tradierter Geschichten. Ein antiker Stoff, der nicht erst in der sich auf die Nachahmung antiker Musterautoren berufenden Renaissance, sondern bereits im Mittelalter zum Gegenstand lateinischer und volkssprachlicher Dichtung wurde, ist die Troja-Sage. Genau hierzu forscht Dr. Marcus Martin, wir sprachen mit ihm über seine Faszination für das Thema und zentrale Ergebnisse seiner Arbeit.
Die umfangreiche Produktion von Troja-Texten vom 12. bis 16. Jahrhundert ist aufgrund ihrer Vielfältigkeit in mentalitätsgeschichtlicher Hinsicht besonders interessant. Dr. Marcus Martin knüpft hieran in seinem Buch Deutungsmuster des Todes in lateinischen und deutschsprachigen Troja-Texten vom 12. bis 16. Jahrhundert an und untersucht die Darstellung des Sterbens und der Bestattung von Toten in ausgewählten Troja-Texten dieses Zeitraums. 

Lieber Herr Martin, was ist das Besondere an Texten aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit über Troja?


Marcus Martin: Das Erste, was auffällt, ist die schiere Menge an lateinischen und volkssprachigen Texten über Troja sowie die Omnipräsenz des Troja-Stoffes in zahlreichen Anspielungen und Zitaten in anderen Textgattungen. Außerdem ist die Vielfältigkeit der narrativen und poetologischen Ausgestaltungsmöglichkeiten faszinierend.
Es gibt Versromane wie den Trojanerkrieg Konrads von Würzburg, der seinerseits für die Troja-Abschnitte in deutschsprachigen Reimchroniken verwendet worden ist, und Prosa-Texte wie das Bairisch-österreichische Buch von Troja. Benoît de Saint-Maure erstellte u. a. auf der Grundlage der beiden lateinischen Pseudohistoriographien der vermeintlichen Augenzeugenberichte des Dares Phrygius und Dictys Cretensins einen französischen Antikenroman, der von Guido de Columnis in lateinische Prosa übertragen wurde, ein Text, der seinerseits wieder in zahlreiche deutschsprachige Prosakompilationen Eingang gefunden hat, wodurch die ersten gedruckten Prosa-Romane Troja-Texte sind. Schließlich haben wir es hier mit einer spezifischen Erzähltradition zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert zu tun, die sich in vielen Punkten von dem uns heute eher vertrauten ‚klassischen‘, homerischen Troja-Erzählgut unterscheidet.

Welche Rolle spielen der Tod und die Todeskonzeption hier?

Marcus Martin: Die Troja-Texte schöpfen aus einem nicht-biblischen und nicht-christlichen, eben pagan-antiken Erzählstoff, der es den Autoren ermöglicht, von nicht- bzw. vorchristlichen und vorrangig diesseitig orientierten Bewältigungsstrategien menschlicher Endlichkeit zu erzählen.
Auffallend ist, dass in vielen Texten Jenseitsvorstellungen kaum eine bis keine Rolle spielen. Gleichwohl fällt auf, dass z. B. die Beschreibung der Beisetzungsrituale durchaus an christliche Riten und Praktiken erinnert, wobei die Erzählinstanzen deutlich machen, dass die Toten nach dem ‚damaligen‘ – also antiken – Brauch beigesetzt werden. Manche dieser Beschreibungen scheinen durchaus den Akzent auf diese Differenz von scheinbar christlicher Form und nicht-christlichem Inhalt des Ritus zu legen, um genau das auszustellen, dass den antiken Heroen jenseitiges Heil und ihren Hinterbliebenen jenseitsorientierter Trost fehlt.

Auszug aus: „Deutungsmuster des Todes in lateinischen und deutschsprachigen Troja-Texten vom 12. bis 16. Jahrhundert“ 16.01.2026
Troja und der Tod
Der Mensch unterscheidet sich von anderen Lebewesen unter anderem in der Hinsicht, dass er kraft seines Verstandes mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion ausgestattet ist. Dadurch verfügt er auch über ein Bewusstsein von der eigenen Endlichkeit. In der Geschichte entwickelte sich, beeinflusst durch unterschiedliche soziokulturelle oder religiöse Faktoren, eine Vielzahl von Todeskonzeptionen und  -imaginationen. Wie diese in der Literatur thematisiert werden, zeigt Marcus Martin in seinem Buch Deutungsmuster des Todes in lateinischen und deutschsprachigen Troja-Texten vom 12. bis 16. Jahrhundert. mehr …
 
In Ihrem Buch untersuchen Sie drei konkrete Figuren hinsichtlich ihres Sterbens und der Darstellung ihrer Beisetzung. Welche genau und warum gerade diese?


Marcus Martin: Aus der Vielzahl möglicher Figuren, die für eine Untersuchung hätten ausgewählt werden können, habe ich mich für die Trauer des Achilles um Patroclus, Hectors Beisetzung sowie den Tod Penthesileas entschieden. Es gab mehrere Gründe für diese Auswahl. Zunächst handelt es sich hierbei um tragende Figuren für die mittelalterliche Erzähltradition über Troja, sodass sie in jedem der untersuchten Texte vorkommen und damit ein gezielter Vergleich der Erzählstrategien der Texte möglich wurde. Mit jedem dieser Textabschnitte konnte ferner ein spezifischer Aspekt narrativer Ausgestaltung von Todeskonzeptionen und Bewältigungsstrategien menschlicher Endlichkeit beleuchtet werden. Bei Patroclus spielt die Freundschaftskonzeption eine entscheidende Rolle für die Textanalyse; Hectors Beisetzung in einem monumentalen Grab erlaubte die Beschäftigung mit der Rhetorik der Ekphrasis; und der Tod Penthesileas eröffnete schließlich die Perspektive zu der Frage, ob männliche und weibliche Heroen auf die gleiche Art und Weise sterben, beigesetzt und von der Nachwelt erinnert werden dürfen.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihrer Untersuchung der Texte?

Marcus Martin: Das wichtigste Ergebnis der Untersuchung ist, dass in den Troja-Texten vom 12. bis zum 16. Jahrhundert kein wesentlicher Wandel der diesseitig orientierten Todeskonzeption im Gegensatz zu anderen Textgattungen festgestellt werden kann, was einen Beleg gegen die bzw. eine Differenzierung der mentalitätshistorischen Thesen Ariès’ darstellt.
Die Trauer des Achilles um seinen Freund Patroclus ist in sich höchst ambivalent und stellt einen interessanten Aspekt zu vormodernen Freundschaftskonzeptionen dar. Hector erscheint in vielen Texten aufgrund der Einbalsamierung seines Leichnams und dessen öffentlicher Ausstellung in einem sakralen Raum wie ein vor-christlicher Heiliger, aber die Versatzstücke aus dem christlichen Ritus verweisen einerseits eher darauf, dass ihm lediglich das Prestige eines Heiligen gegeben werden soll, wie dies auch in der Grablegungspraxis des hochmittelalterlichen Adels festgestellt wurde (Schmitz-Esser); andererseits betont die spezifische Konfiguration der jeweiligen Grablegungsdarstellungen des Trojanischen Prinzen gerade dessen jenseitige Heillosigkeit. Schließlich tut sich die hier untersuchte Erzähltradition schwer mit dem Tod der Amazonenkönigin Penthesilea, da je nach Text einerseits ihre Anerkennung als Fürstin und tapfere Kriegerin, andererseits die patriarchale Verurteilung einer Frau, die gegen Männer das Schwert ergreift, abgelesen werden kann. Damit stellt dieses Kapitel meiner Untersuchung einen Beitrag zur vormodernen Rezeption des Amazonenmythos und zur literarischen Geschlechterkonzeptionierung dar.

Was interessiert Sie ganz persönlich an der Thematik?

Marcus Martin: Abschließend möchte ich zu dieser Frage die Perspektive gerne etwas erweitern und grundsätzlicher werden. Der Troja-Stoff bildet mit seinen zahlreichen Erzähltraditionen vielleicht eines der prägendsten Momente europäischer Literatur- und Geistesgeschichte. Mit diesen Erzähltraditionen werden – bewusst und unbewusst – Vorstellungen von Tod, Sterben und Trauer über die Jahrhunderte transportiert. Der Blick in die Literaturgeschichte lässt fragen, inwiefern und inwieweit die gegenwärtigen und auch die ganz persönlichen Auffassungen des eigenen individuellen Ablebens und des Umgangs mit dem Tod der Mitmenschen von jenen tradierten Vorstellungsmustern bestimmt sind und ob man sich von diesen Mustern bestimmen lassen möchte.

Lieber Herr Martin, wir danken Ihnen für dieses Interview!

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Zum Autor
Dr. Marcus Martin ist Mediävist und wissenschaftlicher Mitarbeiter (Postdoc) in der Abteilung Ältere Deutsche Literatur am Germanistischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Deutungsmuster des Todes in lateinischen und deutschsprachigen Troja-Texten vom 12. bis 16. Jahrhundert

Von Marcus Martin

 

Die Studie befasst sich im Wesentlichen mit zwei Fragen: Gibt es in hochmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Troja-Texten die Möglichkeit einer diesseitigen Bewältigung des Todes; inwiefern sind Wandlungen der Todeskonzeption in jener Erzähltradition identifizierbar? Beide Fragen werden anhand der Untersuchung der Trauer des Achilles um Patroclus, der Grablegung Hectors und der Tötung der Amazonenkönigin Penthesilea deutlich verneint. Obwohl die Schilderung von Trauerritualen, Einbalsamierungen und Grabmonumenten nach teils christlich geprägten Beschreibungsmustern breiten Raum einnimmt, scheitern die Figuren bei der Bewältigung ihres Verlustes.


Programmbereich: Germanistik und Komparatistik