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Eine berühmte Episode der Troja-Sage: Achilles im Kampf mit Hector (Foto: matiasdelcarmine/stock.adobe.com)
Auszug aus: „Deutungsmuster des Todes in lateinischen und deutschsprachigen Troja-Texten vom 12. bis 16. Jahrhundert“

Troja und der Tod

ESV-Redaktion Philologie
16.01.2026
Der Mensch unterscheidet sich von anderen Lebewesen unter anderem in der Hinsicht, dass er kraft seines Verstandes mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion ausgestattet ist. Dadurch verfügt er auch über ein Bewusstsein von der eigenen Endlichkeit. In der Geschichte entwickelte sich, beeinflusst durch unterschiedliche soziokulturelle oder religiöse Faktoren, eine Vielzahl von Todeskonzeptionen und  -imaginationen. Wie diese in der Literatur thematisiert werden, zeigt Dr. Marcus Martin in seinem Buch Deutungsmuster des Todes in lateinischen und deutschsprachigen Troja-Texten vom 12. bis 16. Jahrhundert.
Literatur als zu jeder Zeit wirksame Praxis bietet einen reichen Fundus für kulturelle Konzepte und Vorstellungswelten. Dies betrifft naheliegenderweise auch den Tod als eines der universellen Menschheitsthemen. Martin legt nun mit seiner Monographie eine Studie vor, in der die literarische Verhandlung dieses Komplexes am Beispiel des Troja-Stoffes in historischer wie systematischer Hinsicht untersucht wird. Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus der einleitenden Hinführung zum Thema.

Der Tod ist mehr als nur eine biologische Tatsache, denn er wird seit jeher in verschiedenen Kulturen und Religionen in ein komplexes „normatives Bezugssystem“ (Sieburg 2019, 42) eingeordnet, wodurch der Gedanke an den Tod als anthropologische Konstante eine handlungsbestimmende, normative Komponente erhält. Somit unterliegen Deutungsmuster und Umgangsformen mit der Irreversibilität menschlicher Endlichkeit historisch wandelbaren „soziokulturellen Bedingungen“ (Knaeble et al 2011, 9). Für das christliche Mittelalter bedeutet dies, dass „Sterben und Tod in ein komplexes System von sozialen und transzendenten Beziehungen“ (Williams 1982, 135) eingebunden sind. Der Gedanke eines unsterblichen menschlichen Geistes ist zwar bereits Element antiker philosophischer Todesreflexion. Für Cicero etwa ist die Seele ewig (Tusc. disp. 1,23,54), ja sogar göttlichen Ursprungs (Tusc. disp. 1,26,65). Und ohne die Bindung an den Körper, der nur ihr Gefäß ist (Tusc. disp. 1,22,52), und seine Leidenschaften […] wird die Seele nach dem Tod erst ihre eigentliche Freiheit gewinnen (Tusc. disp. 1,19,44). Aber das Christentum stellt gegenüber diesem Gedanken der Unsterblichkeit der Seele insofern eine Innovation dar, als dass mit Tod und Wiederauferstehung Christi der Tod als solcher überwunden ist:

Die Glaubensgewißheit besteht darin, daß die Getauften mit Christus leben werden. Jesu Tod wird also von Paulus nie isoliert als ein Ereignis seiner privaten und individuellen Geschichte, sondern schlechterdings auch als ein Ereignis der menschlichen Geschichte überhaupt geschildert. So kann es möglich werden, daß – in einer seltsamen Überlagerung von Zeitstrukturen – der christlich Glaubende auf seinen Tod bereits zurückblickt, obwohl er seinen physischen und existentiellen Tod noch vor sich hat. (Haas 1989, 17; Hervorh. i. Orig.)

Für das Mittelalter stellt das Christentum ein Wissen bereit, dass der Tod etwas ist, das heilsgeschichtlich bereits überwunden, aber im alltäglichen Leben nicht verdrängt werden sollte, da das diesseitige Leben zu Konsequenzen im jenseitigen Leben führt hinsichtlich Auferstehung und Jüngstes Gericht: „Der Glaube an Jesus ist Glaube an das Leben, das den Tod überwindet, indem es ihn radikal ernst nimmt“ (ebd., 16).

 
Nachgefragt bei Dr. Marcus Martin 26.01.2026
„Eines der prägendsten Momente europäischer Literatur- und Geistesgeschichte“
Literaturgeschichte besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem Wieder- und Neuerzählen tradierter Geschichten. Ein antiker Stoff, der nicht erst in der sich auf die Nachahmung antiker Musterautoren berufenden Renaissance, sondern bereits im Mittelalter zum Gegenstand lateinischer und volkssprachlicher Dichtung wurde, ist die Troja-Sage. Genau hierzu forscht Dr. Marcus Martin, wir sprachen mit ihm über seine Faszination für das Thema und zentrale Ergebnisse seiner Arbeit. mehr …


Todeskonzeptionen und -deutungen können somit dabei helfen, das eigene Leben als Vorbereitung auf den Tod zu gestalten. Eine Hilfe, solche Konzeptionen des Todes zu entwerfen und Umgangsformen mit ihm zu entwickeln, stellen kulturelle und religiöse Artefakte und Praktiken bereit, wobei hinsichtlich der Literatur Artefakt und Praxis in eins zusammenfallen. Hier ist

zu betonen, dass Literatur als Produkt, Teil und Trägermedium von Kultur das Thema Tod reflektiert und das damit verbundene kulturelle Wissen reproduziert oder auch erst etabliert […]. […] Literatur hatte immer auch eine Gebrauchsfunktion, und sei es, Exempelfiguren zu konstruieren, die den Rezipienten als sinnhafte Muster der eigenen Lebensführung, aber auch der Todesbewältigung dienen konnten. (Sieburg 2019, 43)

Der literarische Text als kulturelles Artefakt ‚reproduziert‘ und ‚etabliert‘ Deutungen des Todes und stellt durch die Protagonisten spezifische Umgangsformen und Bewältigungsstrategien mit dem Tod narrativ dar, an welchen sich die Rezipierenden wiederum für ihre eigene Lebensführung orientieren können. Ferner kann das Artefakt ‚Text‘ Teil von spezifischen Praxisformen werden: Jenseitsreisen können gelesen, Gebete gesprochen, Weltgerichtsspiele aufgeführt werden. Aber man kann noch einen Schritt weitergehen und Literatur als Praxis, den Akt des Erzählens selbst als eine solche Bewältigungsstrategie menschlicher Endlichkeit begreifen, wenn man etwa an den Topos der „Dichtung als Mittel der Verewigung“ (Brandt 1986, 35 f.) denkt: „Im engeren Sinn beinhaltet dieser Topos die Behauptung, der Dichter werder [sic] durch sein Werk unsterblich“ (ebd., 35).

Dieser Topos weist nun in eine Richtung, welche Bewältigungsstrategien menschlicher Endlichkeit einschlagen können. Der Tod wird gerade nicht als das absolute Ende des Lebens verstanden, sondern ist eingebunden „in Vorstellungen des Übergangs, der Transgression“ (Sieburg 2019, 42) und damit auch der Dauer, sei es aufgrund der Unsterblichkeit der menschlichen Seele in philosophischen und religiösen Kontexten oder im Rahmen von diesseitiger memoria, welche „die Überwindung des Todes und des Vergessens durch ‚Gedächtnis‘ und ‚Erinnerung‘ [] bezeichnet“ (Oexle 1994, 297). Die menschliche Endlichkeit wird damit durch Konzeptionen der Verewigung bewältigt.

[…]

Die vorliegende Arbeit befasst sich nun aber mit den Todeskonzeptionen und Bewältigungsstrategien menschlicher Endlichkeit in Troja-Texten vom 12. bis zum 16. Jahrhundert. Damit ergibt sich aus mediävistischer Perspektive die grundsätzliche Frage, „in welchen Traditionen Konzepte in Form von Sinnstiftungs- und Bewältigungsstrategien der menschlichen Vergänglichkeit stehen, die nicht einer genuin christlichen Konzeptualisierung des Todes verpflichtet sind“ (Fahr/Felber 2018, 299), wie das in diesem Text-Korpus der Fall ist.

[…]

Der Troja-Stoff (vgl. Ebenbauer 1984) nimmt nun in dieser Auseinandersetzung eine herausragende Stellung ein:

Der Trojastoff ist in mittelalterlichen Dichtungen der verschiedensten Gattungen und Zeiträume, auch außerhalb der Antikenromane, als allgemein und selbstverständlich verfügbares Bildungsgut geradezu omnipräsent. (Lienert 2001, 103)

[…]

Diese ungeheure Relevanz des Troja-Stoffes für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Literatur und Kultur fordert geradezu Untersuchungen nach den in ihnen tradierten Todeskonzeptionen und Bewältigungsstrategien menschlicher Endlichkeit, insbesondere da die mittelalterlich-frühneuzeitliche Beschäftigung mit diesem Stoff „des christlichen Diskurses, der üblicherweise die entscheidende Referenzgröße für die Darstellung des Sterbens in literarischen Texten darstellt [, weitestgehend] [entbehrt]“ (Fahr/Felber 2018, 300). Der Troja-Stoff stellt damit eine zentrale historische, ideologische, kulturelle und literarische Bezugsgröße für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit dar und etabliert zugleich einen Diskurs über Tod und Sterben jenseits des Christentums als des „primäre[n] Kulturträger[s]“ (ebd., 299).

Sie sind neugierig geworden und möchten erfahren, wie es weitergeht? Der Titel kann hier bestellt werden.

Deutungsmuster des Todes in lateinischen und deutschsprachigen Troja-Texten vom 12. bis 16. Jahrhundert
Von Marcus Martin

Die Studie befasst sich im Wesentlichen mit zwei Fragen: Gibt es in hochmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Troja-Texten die Möglichkeit einer diesseitigen Bewältigung des Todes; inwiefern sind Wandlungen der Todeskonzeption in jener Erzähltradition identifizierbar? Beide Fragen werden anhand der Untersuchung der Trauer des Achilles um Patroclus, der Grablegung Hectors und der Tötung der Amazonenkönigin Penthesilea deutlich verneint. Obwohl die Schilderung von Trauerritualen, Einbalsamierungen und Grabmonumenten nach teils christlich geprägten Beschreibungsmustern breiten Raum einnimmt, scheitern die Figuren bei der Bewältigung ihres Verlustes.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik