„Es ist wichtig, an die Lebenswelt der Kinder anzuknüpfen“
Liebe Sonja, liebe Susanne, wie lernen Kinder?
Sonja Seifarth Saini: Kinder lernen auf ganz unterschiedliche Weise – mit Neugier, Freude und all ihren Sinnen. Sie entdecken die Welt, indem sie spielen, ausprobieren, beobachten, Fragen stellen und eigene Erfahrungen sammeln. Dabei lernen sie nicht nur voneinander, sondern auch miteinander und durch die Beziehungen zu den Menschen, die sie begleiten. Jedes Kind ist einzigartig und darf in seinem eigenen Tempo wachsen und lernen. Wichtig ist, dass wir ihnen mit Vertrauen, Wertschätzung und Geborgenheit begegnen, damit sie sich sicher fühlen, Neues zu entdecken, eigene Wege zu gehen und an ihren Erfahrungen zu wachsen.
Susanne Kleber: Wie alle Menschen lernen sie durch Versuch und Irrtum. Sie benötigen fehlerfreundliche Lernumgebungen und zugewandte Lernbegleiter*innen. Stetige und gemeinsame Reflexion von Entwicklungsprozessen hilft jedem Kind, seine individuellen Potentiale zu entfalten. Dies kann bspw. anhand von fotografischen Dokumentationen geschehen. Genauso wichtig ist die soziokulturelle Einbettung: Wie wohl und sicher fühlt sich das Kind? Wie sieht seine soziale Gemeinschaft aus? Welche Lebenserfahrungen hat das Kind bisher gemacht? All das und noch viel mehr bestimmt, in welchen Zeiträumen und mit welcher Intensität ein Kind welche Inhalte lernt. Diese Inhalte können zugemutet oder frei gewählt sein. Am besten lernen Kinder im praktischen Tun und wenn sie an bereits vorhandenem Wissen anknüpfen können.
Wann kann und sollte frühe Sprachförderung beginnen?
Sonja Seifarth Saini: Sprachförderung beginnt von Anfang an, denn schon Babys nehmen Stimmen und Sprachmelodien wahr und treten über Laute, Blicke und erste Zwiegespräche mit ihrer Umwelt in Kontakt. Von Geburt an können wir Kinder dabei unterstützen, Sprache zu entdecken und Freude daran zu entwickeln. Im Alltag geschieht das ganz natürlich durch gemeinsames Spielen, Singen, Vorlesen und liebevolle Gespräche. Mit dem Eintritt in eine pädagogische Einrichtung wird die Sprachförderung zunehmend bewusster und systematischer gestaltet. Dabei ist es besonders wichtig, jedes Kind in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen, an seinen Interessen anzuknüpfen und es in seinem individuellen Entwicklungstempo zu begleiten. So schaffen wir eine Umgebung, in der Kinder sich ausdrücken, Neues entdecken und ihre sprachlichen Fähigkeiten mit Freude weiterentwickeln können.
Susanne Kleber: Ich schließe mich der Antwort von Sonja gern an. Allerdings möchte ich hier insbesondere auf das inklusive Moment aufmerksam machen, wenn bspw. Sprachentwicklung verzögert ist oder Gebärdensprache als kommunikative Form gelernt und genutzt wird. Insbesondere vor dem Hintergrund der Mehrsprachigkeit steht ein Kind dann vor besonderen Herausforderungen. Hier braucht es pädagogische Fachkräfte, die selbst bereit sind, dazu zu lernen und sich neues Handlungswissen aneignen.
Wie können Familien ihr Kind schon zu Hause unterstützen?
Sonja Seifarth Saini: Die Familie ist der erste wichtige Ort, an dem Kinder Sprache erleben und entwickeln. Eltern können ihre Kinder schon im Alltag wunderbar unterstützen, indem sie miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsam Bücher anschauen, Geschichten erzählen und alltägliche Situationen sprachlich begleiten. Wichtig ist, den Kindern aufmerksam zuzuhören, ihre Gedanken und Gefühle ernst zu nehmen und ihnen genügend Zeit zu geben, sich auszudrücken. Die Familiensprache hat einen großen Wert und sollte mit Liebe und Selbstverständlichkeit gelebt werden. Als pädagogische Fachkraft ist es mir besonders wichtig, mit den Familien vertrauensvoll zusammenzuarbeiten, ihre Stärken wertzuschätzen und sie darin zu bestärken, wie viel sie selbst zur Sprachentwicklung ihres Kindes beitragen können. Denn oft sind es die kleinen, gemeinsamen Momente, in denen Kinder neue Wörter entdecken, ihren Wortschatz erweitern und Freude an Sprache entwickeln.
Susanne Kleber: Eltern sind Experten ihres Kindes. Wie sie selbst aufgewachsen sind und welche Erfahrungen sie als Kind gemacht haben, spielt in der Erziehung eine große Rolle. Aus meiner Sicht geht es beim Spracherwerb vor allem auch darum, den „Wort-Schatz“ des Kindes zu vergrößern und z. B. alltägliche Situationen wie die Vorbereitung des Essens dazu zu nutzen. Das Kind direkt einbeziehen, es mit seinen Gefühlen und Gedanken ernst nehmen und wiederkehrende, wertschätzende Kommunikationsanlässe schaffen sind wichtig für die individuelle Sprachentwicklung eines jeden Kindes. Es besteht bei Eltern häufig noch eine große Hürde, bei Unsicherheiten Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen. Niedrigschwellige Anlauf- und Beratungsstellen sind meist nicht bekannt.
| Auszug aus: „Fremdsprache Deutsch“ | 27.10.2026 |
| Spielerische Verflechtung von sprachlicher und demokratischer Bildung | |
| Bilingualität hat in unserer Gesellschaft einen festen Bestandteil und in Zeiten des Rückgangs von Sprachvielfalt eine steigende Bedeutung. Ist es daher nicht von immensem Interesse, den Spracherwerb – sei es der sukzessive bilinguale oder auch der spätere kindliche Zweitspracherwerb – für Kinder so barrierefrei und spielerisch zu gestallten wie möglich? Judica Frei de Rocha zeigt in ihrem Artikel, wie spielerisches Lernen von Deutsch als Zweitsprache möglich ist und ganz nebenbei die Demokratie in Kindergarten und Schule gestärkt wird. mehr … | |
Vor welchen Herausforderungen stehen pädagogische Fachkräfte?
Sonja Seifarth Saini: Eine große Herausforderung ist für mich, den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Bedürfnissen aller Kinder gerecht zu werden. Jedes Kind bringt seine eigene Persönlichkeit, seine individuellen Fähigkeiten und Erfahrungen mit. Gerade in sehr heterogenen Gruppen, in denen viele verschiedene Familiensprachen und Entwicklungsstände aufeinandertreffen, erfordert es viel Aufmerksamkeit und Flexibilität, jedes Kind passend zu begleiten. Gleichzeitig stehen wir vor festen Rahmenbedingungen, was Zeit, Personal und finanzielle Mittel betrifft. Auch der hohe bürokratische Aufwand und die Zusammenarbeit mit den Familien müssen mit der eigentlichen pädagogischen Arbeit vereinbart werden. Das kann im Alltag herausfordernd sein, denn der Wunsch, jedem Kind gerecht zu werden, ist oft größer als die vorhandenen Möglichkeiten. Umso wichtiger finde ich es, klare Prioritäten zu setzen, im Team zusammenzuarbeiten und die Bedürfnisse der Kinder immer wieder in den Mittelpunkt zu rücken.
Susanne Kleber: Pädagogische Fachkräfte können auf einen Fundus an theoretischem Wissen und praktischem Know-how zurückgreifen, wenn sie mit den ihnen anvertrauten Kinder interagieren und kommunizieren. Diese Wissensbasis wird auf den Prüfstand gestellt mit jedem neuen Kind, das einer pädagogischen Fachkraft anvertraut wird. Nicht selten bringen Eltern hohe Erwartungen an die institutionelle Kinderbetreuung, -erziehung und -bildung (Kindertagespflegepersonen, Krippen, Kindergärten, Horte und Grundschulen) mit. Diese gilt es zu besprechen und in einem Realitäts-Check zu klären. Nur eine gelingende Zusammenarbeit mit Eltern schafft die Voraussetzung für das langfristige Ausschöpfen der facettenreichen Entwicklungsmöglichkeiten in einer heterogenen Kinder- bzw. Schüler*innen-Gemeinschaft.
Können Bilderbücher und Lieder helfen?
Sonja Seifarth Saini: Auf jeden Fall! Bilderbücher und Lieder sind wunderbare Möglichkeiten, die Sprachentwicklung von Kindern zu unterstützen. Beim gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern kommen wir ins Gespräch, lernen neue Wörter kennen und können Geschichten mit eigenen Erfahrungen verbinden. Lieder, Reime und Fingerspiele fördern das Sprachgefühl, den Rhythmus und das Sprachverständnis. Besonders schön finde ich, dass Kinder dabei ganz spielerisch und mit viel Freude lernen können. Bilder und Melodien helfen ihnen, Wörter leichter zu verstehen und sich einzuprägen. Außerdem schaffen diese gemeinsamen Momente Nähe und Gemeinschaft. Wichtig ist mir dabei, die Bücher und Lieder passend zu den Interessen und dem Entwicklungsstand der Kinder auszuwählen und ihnen Raum zu geben, selbst aktiv zu werden.
Susanne Kleber: Ja, selbstverständlich. Die Palette an unterschiedlichen analogen und digitalen Medien für Kinder ist groß – manchmal zu groß. Das bedeutet zum einen, den Überblick zu behalten und zum anderen thematisch passende und dem kindlichen Entwicklungsstand angemessene Medienangebote vorzuhalten. Genauso wie das begleitende Sprechen in alltäglichen Situationen sind Lieder und Reime gut geeignet, sich wiederkehrende Wortgruppen und grammatikalische Regeln sowie Besonderheiten einer Sprache einzuprägen. Auch das gemeinsame Anschauen von Bilderbüchern und das Vorlesen von – später selbst ausgewählten – Büchern stärkt den Spracherwerb. Eine kleine Auswahl von Liedtexten, Büchern und Musik-CD's sollte in jedem Gruppen- oder Klassenraum zu finden sein. In Kooperation mit Bibliotheken oder deren Zweigstellen kann das Angebot immer wieder erneuert werden, ohne viel Geld für Neuanschaffungen ausgeben zu müssen. Häufig entstehen daraus auch Projekte, wie bspw. Bücher selbst herstellen.
Was ist euer ganz persönlicher Tipp für guten Unterricht?
Sonja Seifarth Saini: Für mich beginnt guter Unterricht damit, dass Kinder sich angenommen fühlen und neugierig sein dürfen. Wir sind nicht nur Wissensvermittler, sondern auch Lernbegleiter, Vertrauenspersonen und manchmal einfach jemand, der zuhört und ermutigt. Mir ist wichtig, an die Lebenswelt der Kinder anzuknüpfen und ihnen die Möglichkeit zu geben, eigene Fragen zu stellen, mitzugestalten und selbstständig zu lernen. Gleichzeitig möchte ich sie darin bestärken, Verantwortung zu übernehmen, andere Perspektiven kennenzulernen und respektvoll miteinander umzugehen. Denn Bildung bedeutet für mich nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern Kinder auch dabei zu begleiten, selbstbewusste, selbstständige und empathische Persönlichkeiten zu werden.
Susanne Kleber: Immer wieder die eigene Haltung und den eigenen Anspruch überprüfen, sich kollegiales Feedback einholen und die Heterogenität der uns anvertrauten Kinder als großen Schatz begreifen. Das soziale Gefüge innerhalb einer Gruppe bestimmt maßgeblich deren Erfolg als Lerngemeinschaft. Wenn ein Kind bspw. sprachbegabt ist, muss es keine Glanzleistungen in Mathematik vollbringen. Es kann jedoch einem Kind beim Aneignen von Sprache helfen und selbst von einem anderen Kind Unterstützung bei mathematischen Aufgaben erhalten. Diese Potenziale zu nutzen und Stärken zu stärken, erfordert von pädagogischen Fachkräften genaues Beobachten und Wahrnehmen. Notwendig ist auch ein gutes Classroom-Management und nicht zuletzt die eigene Freude an der täglichen pädagogischen Arbeit sowie am eigenen beruflichen Wachsen.
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| Die Herausgeberinnen |
| Sonja Seifarth Saini ist Grundschullehrkraft und Doktorandin am Institut für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und Interkulturelle Studien der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sie verfügt über Auslandserfahrung, u. a. durch eine zweijährige Tätigkeit an der Deutschen Schule Tokyo Yokohama (DSTY). Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Didaktik des Deutsch als Fremd- und Zweitsprachenunterrichts, sprachsensiblem Fachunterricht, Multiprofessionalität, Unterrichtsentwicklung sowie interkulturellen Bildungs- und Schulkontexten. Dr. Susanne Kleber ist promovierte Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt auf Qualitätsentwicklung von Bildungseinrichtungen. Seit über 20 Jahren arbeitet sie in der frühkindlichen Bildung, im Hochschulkontext und in Schulen in freier Trägerschaft. Seit vier Jahren leitet sie die Laborschule Dresden als Teil eines innovativen Teams. Stationen als ifa-Fachberaterin in Polen sowie als Kindergartenleiterin in Ecuador und Japan verbanden sie mit früher Sprachförderung, Mehrsprachigkeit und Inklusion. Ihre Erfahrungen im Bereich DaF/DaM basieren u. a. auf der Immersionsmethode, projektorientiertem Arbeiten und selbstorganisiertem Lernen. |
Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache