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Vielfältige Herausgeberinnen: Almut Ketzer-Nöltge und Mihaela Markovic (Foto: Eigene Fotoaufnahmen, bearbeitet mit den Apps GridArt und Airbrush (unter Einsatz von KI))
Nachgefragt bei Almut Ketzer-Nöltge und Mihaela Markovic

„Es ist wichtig, einen Unterricht zu gestalten, der Vielfalt zulässt“

ESV-Redaktion Philologie
22.04.2026
Sprache wird an jeglichen unterschiedlichen Orten verwendet, die wir uns nur vorstellen können. So kann auch an das Lernen von Sprache herangegangen werden: Eine Vielfalt an verschiedensten Lernorten kann für den Spracherwerb nicht nur förderlich sein, sondern auch völlig neue Möglichkeiten bedeuten. Dabei können über das bekannte Klassenzimmer hinaus ungewöhnliche Orte wie das Schwimmbad, aber auch digitale Räume gemeint sein.
Im Interview geben die Herausgeberinnen Almut Ketzer-Nöltge und Mihaela Markovic von Heft 74 Vielfältige Lernorte der Zeitschrift Fremdsprache Deutsch einen Einblick auf ihre Perspektive zu Lernorten der Gegenwart und Zukunft.

Liebe Almut Ketzer-Nöltge, liebe Mihaela Markovic, hat das Klassenzimmer als Lernort ausgedient?

Almut Ketzer-Nöltge: Nein, sicher nicht. Das Klassenzimmer ist und bleibt – insb. bei Kindern und Jugendlichen – der wichtigste Lernort. Schließlich findet dort nicht nur Lernen im Sinne von Aneignung von Wissen statt, sondern auch soziales Lernen. Und im Idealfall ist ein Klassenzimmer ja auch ein geschützter Raum, in dem Lernende Neues ausprobieren, Fertigkeiten erproben können, uvm.

Mihaela Markovic: Allerdings verändern sich seine Gestaltung, die eingesetzten Methoden sowie damit auch seine Funktion und Rolle. Wie unser Heft 74 „Vielfältige Lernorte“ zeigt, wird das Klassenzimmer bereits häufig durch hybride und digitale Medien sowie außerschulische Lernorte ergänzt und mit ihnen vernetzt. Dadurch wird es weniger als isolierter Raum verstanden, sondern als erweiterbarer Ort, an dem vielfältige Lernformate weiterentwickelt und umgesetzt werden können.

Was ist der ungewöhnlichste Lernort, den Sie sich vorstellen können?

Almut Ketzer-Nöltge: Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, ob im Schwimmbad, auf dem Mond einfach an verschiedenen Orten in der eigenen Stadt. Überall kann Lernen und auch Sprachenlernen stattfinden. Durch digitale Technologien kann ich sogar an zwei Orten gleichzeitig sein, z. B., wenn ich in einem virtuellen Austausch bei mir zu Hause sitze, aber gleichzeitig durch meine Austauschpartnerin Zugang zu einem weit entfernten Ort bekomme. Lernort verstehen wir in unserem Heft nämlich gar nicht nur als physischen oder materiellen Ort. Auch digitale oder innere, geistige Orte, wie unsere Vorstellungskraft, können Lernorte sein: literarische Geschichten oder fiktive Zukunftsszenarien.

Warum ist es wichtig, auch mal anderswo zu unterrichten?

Mihaela Markovic: Der Wechsel von Lernorten eröffnet im Fremdsprachenunterricht neue Möglichkeiten für authentisches, handlungsorientiertes Lernen und sorgt zugleich für Abwechslung. Neue Umgebungen, Interaktionspartner und Kommunikationsanlässe fördern die Motivation und eröffnen neue Lernwege. Außerschulische und digitale Lernorte ermöglichen es, Sprache in realitätsnahen Kontexten zu verwenden und zu erproben. Dadurch wird das Lernen stärker anwendungsbezogen, sinnhaft und oft auch erkundbar, es weckt auch NEUgierde.

Almut Ketzer-Nöltge: An neuen Lernorten können sich auch Anwendungsmöglichkeiten für das Gelernte zeigen, die den Lernenden vorher gar nicht bewusst oder zugänglich waren, z. B. wenn sie die deutsche Sprache dafür nutzen, mit anderen Menschen zu kommunizieren, wie bei einem Sprachcafé oder wenn sie beim Sport (Kung-Fu) Anweisungen auf Deutsch direkt in Bewegung und Reflexion über sich selbst umsetzen.

Haben sich Lernorte durch die Corona-Pandemie und damit das Digitale geändert?

Almut Ketzer-Nöltge: Sicherlich. Denn einerseits sind digitale Infrastrukturen geschaffen worden, die nun vielen Lehrenden und Lernenden zugänglich sind und damit auch im Unterricht und für das Selbstlernen genutzt werden können. Aber auf der anderen Seite ist vielen durch diese starken Beschränkungen in der Corona-Pandemie deutlich geworden, wie wichtig es ist, in die Welt hinauszugehen und eben nicht nur vor digitalen Geräten zu sitzen. Spannend wird es, wenn beides miteinander kombiniert wird, z. B. bei digitalen Schnitzeljagden durch die eigene Stadt oder beim Entkommen aus einem Educational Escape Room.

Mihaela Markovic: Meine Beobachtung ist, dass die Corona-Pandemie die Digitalisierung von Lernprozessen etwas beschleunigt und insbesondere im Bereich virtueller Austausche (Virtual Exchanges) neue Projekte angestoßen. Formate wie diese haben mehr an Bedeutung in unterschiedlichen Bildungskontexten gewonnen. Lernende konnten trotz eingeschränkter Mobilität und physischer Kontakte international vernetzt arbeiten und authentische Kommunikationssituationen erleben. Nachhaltig ist eine stärkere Bekanntheit solcher Projekte sowie eine größere Offenheit in der Praxis zu verzeichnen.

Auszug aus: „Fremdsprache Deutsch“ 27.04.2026
Vielfältige Lernorte als Möglichkeit des Spracherwerbs
Wo lernen wir am besten? Ob im Klassenzimmer, in der Bibliothek, auf einer sonnigen Parkbank oder doch digital – es gibt unzählige Lernorte, die je ihre Vor- und Nachteile bringen. Auch Zeit, Lern- und Lehrmethoden und besonders andere Personen tragen zum Einfluss bei, den der gewählte Lernort auf unseren Spracherwerb hat. All das ist natürlich individuell und für jede und jeden sehr unterschiedlich, was für Lernende und Lehrenden wiederum bedeutet, dass es eben nicht den einen perfekten, besten Lernort gibt. Stattdessen können wir uns fragen, welche Möglichkeiten Lernenden durch vielfältige Lernorte eröffnet werden können. mehr …

Welche Rolle spielt KI?

Mihaela Markovic: Im Kontext vielfältiger Lernorte erweitert KI (insbesondere Chatbots) die Möglichkeiten des Fremdsprachenlernens. Sie macht Lernprozesse ortsunabhängiger und flexibler, da sie als Unterstützung, Feedbackgeber oder Gesprächspartner jederzeit verfügbar sind. So entstehen neue, auch informelle Lernräume jenseits des Klassenzimmers. Gleichzeitig bleibt es entscheidend, diese digitalen Lerngelegenheiten didaktisch sinnvoll einzubetten und mit anderen Lernmedien, etwa Lehrwerken, zu verknüpfen. Wichtig ist vor allem, dass Lernende lernen, KI kritisch zu bewerten und bewusst zu nutzen. Ergebnisse müssen hinterfragt, sprachlich geprüft und sinnvoll in den eigenen Lernprozess integriert werden.

Gibt es den perfekten Lernort?

Mihaela Markovic: Ein klares Nein. Einen „perfekten“ Lernort gibt es meines Erachtens nicht, zumindest nicht perfekt und passend für alle, da Lernprozesse individuell, kontextabhängig und dynamisch sind. Entscheidend ist vielmehr die Passung an die Bedarfe und Bedürfnisse der Lernenden, auch an Individuen. In diesem Sinne entsteht Qualität weniger durch den Ort selbst, sondern durch die didaktische Gestaltung. Lehrkräfte sind, wie unser Heft zeigt, sehr kreativ darin, neue Lernorte zu gestalten.

Wie könnte Lernen in der Zukunft aussehen?

Almut Ketzer-Nöltge: Genau darüber habe ich mir – gemeinsam mit Christine Becker, Dietmar Rösler und Tamara Zeyer – Gedanken gemacht. Entstanden ist dabei ein etwas anderes Format, als wir es in von der Fremdsprache Deutsch kennen: Eine fiktive Geschichte über ein paar Jugendliche, die in 2050 an einer Deutschen Schule lernen, wird kombiniert mit einem Podcast, in dem wir über die didaktischen und gesellschaftlichen Aspekte der Story diskutieren. Dabei geht es darum, wie sich Lernorte verändern, wenn virtuelle und körperliche Präsenz durch Technik gemischt werden können. Zudem thematisieren wir, wie sich individuelles Lernen mit sozialem Lernen durch zwischenmenschliche Interaktion ergänzen können. Am Ende unserer Geschichte gibt es eine spannende Wendung, die zeigt, dass es trotz aller Technik doch immer um soziale Interaktionen zwischen Lernenden und zwischen Lehrenden / Lernbegleiter:innen und Lernenden geht.

Was ist Ihr ganz persönlicher Tipp für guten, effektiven Unterricht?

Mihaela Markovic: Beteiligung und Inklusion in einer vertrauensvollen, offenen Lernumgebung. Für mich ist es wichtig, einen Unterricht zu gestalten, der Vielfalt zulässt, auch in dem Sinne, dass jede und jeder immer Fragen stellen darf und dass Gedanken, Wünsche oder Rückfragen aktiv wahrgenommen und aufgegriffen werden. Die transparente Gestaltung von Lernzielen und Erwartungen sowie die aktive Einbindung der Lernenden bei der Unterrichtsgestaltung bieten eine gute Grundlage.

Almut Ketzer-Nöltge: Wichtig ist immer, die Lernenden dort abzuholen, wo sie stehen und sie bei ihren Interessen zu packen, sie neugierig zu machen. Und natürlich ihnen Gelegenheiten zu bieten, Sprache anzuwenden und zu erproben. Dafür ist es hilfreich, nicht nur in den Grenzen des Klassenzimmers zu denken, sondern Lernräume in allen Dimensionen zu öffnen. Wir hoffen, dass unser Heft dafür Inspiration bieten kann.

Zu den Herausgeberinnen
Almut Ketzer-Nöltge ist Professorin für Deutsch als Fremdsprache mit Schwerpunkt Spracherwerb in mehrsprachigen Kontexten an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind technikgestütztes Lehren und Lernen, kognitive Sprachverarbeitung und Lehrendenprofessionalisierung.

Mihaela Markovic
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität München und setzt seit mehreren Jahren virtuelle Austausche in ihren Hochschulseminaren um. Sie ist Doktorandin am Herder-Institut der Universität Leipzig und promoviert zum Thema virtuelle Austausche im Fremdsprachenbereich. Sie war an der Konzeption und Umsetzung der Plattform VE-Collab beteiligt.


Fremdsprache Deutsch Heft 74 (2026): Vielfältige Lernorte

Wer Sprachen lehrt, baut Brücken zu neuen (Sprach-)Welten – und wer Sprachen lernt, betritt Räume, die nicht durch die vier Wände eines Klassenzimmers begrenzt sind. Das Themenheft „Vielfältige Lernorte“ zeigt, wie Sprachlehren und -lernen gelingen kann, wenn der Unterrichtsraum geöffnet und durch digitale, virtuelle und soziale Kontexte räumlich wie zeitlich erweitert wird. Denn gerade im Fach Deutsch als Fremdsprache eröffnen solche erweiterten Lernorte große Chancen und Potenziale: Sie ermöglichen authentische Begegnungen und reale Sprechanlässe, knüpfen an unterschiedliche Lebenswelten an und ergänzen den Unterricht um digitale und kreative Erfahrungen.
Im Mittelpunkt stehen praxisnahe Beiträge, die zeigen, wie solche Settings gestaltet, umgesetzt und reflektiert werden können. Die Beispiele reichen von digitalen Stadtrallyes über Sprachencafés bis zu Visionen des schulischen Fremdsprachenlernens im Jahr 2050. Die Beiträge des Heftes beinhalten zudem umfangreiche multimediale Zusatzmaterialien (z. B. Podcasts, Video-Tutorials), ganz im Sinne eines erweiterten, dynamischen Verständnisses von (digitalem) Publizieren.
Das Heft lädt dazu ein, Lernorte neu zu denken und Sprache überall lebendig werden zu lassen.

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache