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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Wolfram Bublitz und Dr. Christian R. Hoffmann
Twitter weiterempfehlen  21.01.2019

Hoffmann: „Unsere Gesprächspartner erwarten ein ganz bestimmtes, situationsangemessenes Rollenverhalten von uns“

ESV-Redaktion-Philologie
Zwei Experten auf dem Gebiet der Pragmatik: Prof. Dr. Wolfram Bublitz und Dr. Christian R. Hoffmann (Fotos: privat)
Was zwischen den Zeilen steht, ist oft das, was wir wirklich mit einer Aussage meinen. Solche Fälle untersucht die linguistische Disziplin der Pragmatik. Wolfram Bublitz und Christian R. Hoffmann äußern sich hierzu im Interview mit der ESV-Redaktion.

Lieber Herr Bublitz, was ist das Besondere an der Pragmatik gegenüber den anderen linguistischen Kerndisziplinen?


Wolfram Bublitz: Anders als andere linguistische Kerndisziplinen (wie zum Beispiel die Phonologie, die Syntax oder die Semantik) befasst sich die Pragmatik nicht mit den jederzeit und außerhalb realer Kontexte geltenden Regeln des Sprachsystems, sondern mit den im jeweiligen Kontext gültigen Prinzipien des Sprachgebrauchs, nach denen wir uns richten, um rational, zielorientiert und angemessen miteinander zu kommunizieren.

Die Pragmatik ist die wissenschaftliche Theorie der Beschreibung der von allen kompetenten Benutzerinnen und Benutzern einer Sprache beherrschten Kunst des Zwischen-den-Zeilen-Lesens, also der Fähigkeit, etwas zu verstehen, was nicht explizit gesagt (oder geschrieben), wohl aber gemeint ist.

Die Pragmatik beschäftigt sich mit den impliziten sprachlichen Äußerungen, also mit dem, was zwischen den Zeilen steht. Können Sie uns dafür einige Beispiele nennen?

Wolfram Bublitz: Die folgenden Beispiele sehen völlig anders aus als diejenigen, die uns aus den grammati­schen Lehrbüchern vertraut sind.

Cyndy und ihre Tochter Linnea nähern sich einem Buchladen

Cyndy: there is an outlet book store
Linnea: no
Cyndy: why not
Linnea: I’m tired

Joe und seine Ehefrau Cyndy essen zu Mittag

Joe: do you need the car tonight
Cyndy: we have to practice for the Walt Disney World Choral Festival

Während wir Außenstehende nicht ohne Weiteres verstehen, was die Beteiligten gemeint haben, haben diese offen­sichtlich keinerlei Verständigungsprobleme. Sie verstehen die nicht explizit ausgedrückten Bedeutungen und Sinnzusammenhänge, weil sie über Informationen verfügen, die uns nicht zugänglich sind. Im ersten Beispiel leugnet Linnea mit ihrer negativen Antwort nicht die von Cyndy explizit festge­stellte Exi­stenz des Buchladens, sondern widerspricht dem implizit gemachten Vorschlag ihrer Mutter, hineinzugehen. Sie bezieht sich also mit „no“ nicht auf das, was Cyndy ausdrücklich gesagt, sondern auf das, was sie implizit gemeint hat.

„Wir handeln permanent mit Sprache“

Im zweiten Beispiel versteht Cyndy Joes Äußerung als Bitte, ihm das Auto zu überlassen. Statt direkt mit „yes“ oder „no“ zu antworten, gibt sie die Begründung für ihre Antwort, die wir als Außenstehende jedoch nicht eindeutig als Zustimmung oder Ablehnung interpretieren können, weil uns das notwendige Situationswissen fehlt.

Dass wir permanent mit Sprache handeln, zeigt das Beispiel „I hereby declare this exhibition open“, das als erfolgreicher Vollzug der Handlung, die Ausstellung zu eröffnen, bestimmte Bedingungen erfüllen muss. Diese sind Gegenstand der Pragmatik; beispielsweise kann die Handlung der Eröffnung nicht durch die Äußerungen “I declared this exhibition open“ oder „He declares this exhibition open“ vollzogen werden.

Nicht explizit geäußerte, aber gleichwohl verstandene Bedeutungen finden sich (in unterschiedlichem Maße) in allen Äußerungen. Aus der brieflichen Mitteilung „I have to finish grading student papers and get ready for Christmas visits from my three children“ folgern wir unter anderem: (a) that the writer has already started (and is therefore still) grading student papers, (b) that the writer has children und (c) that the writer has most likely not more than three children. Nicht gesagte Bedeutungen wie in (a) nennt man in der Pragmatik Präsuppositionen, solche wie in (b) semantische Implikationen und solche wie in (c) konversationelle Implikaturen.

Man kann Ihr Lehrbuch mit Fug und Recht schon als Klassiker bezeichnen, denn es erscheint nun bereits in der 3. Auflage. Was haben Sie gegenüber den vorherigen Auflagen verändert?

Wolfram Bublitz: Zum einen berücksichtigt die Neuauflage in besonderer Weise die mittlerweile beeindruckend breite Forschung zu Identität und Beziehungsarbeit mit einem eigenen Kapitel. Eine Einführung in die englische Pragmatik zu verfassen, ohne auf diesen zentralen Forschungsgegenstand einzugehen, ist nicht mehr zeitgemäß. Dieses neue Kapitel ebnet den Weg für eine anschließende Vertiefung verwandter Forschungsdesiderata in der Sozio- und Diskurslinguistik, in der qualitativen Soziologie und Diskurspsychologie. Zum zweiten sind die meisten Kapitel im Licht neuerer Forschungserkenntnisse aktualisiert worden. Und zum dritten haben wir den gesamten Text inhaltlich gestrafft und stilistisch überarbeitet, um Lesbarkeit und Anschaulichkeit zu verbessern.

Englische Pragmatik 11.01.2019
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Herr Hoffmann, Sie sind nun bei dieser Neuauflage als Co-Autor dazu gestoßen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit und welche Kapitel haben Sie beigesteuert?

Christian R. Hoffmann: Als ehemaliger Mitarbeiter und Doktorand von Herrn Bublitz ist mir natürlich sowohl die Pragmatik als linguistische Teildisziplin als auch das vorliegende Buch in seiner ursprünglichen Form bestens vertraut. Ich habe die „Englische Pragmatik“ stets in meiner wissenschaftlichen Lehre und Forschung verwendet und in ihren chronologischen Entwicklungsstadien aktiv begleitet. Vor diesem Hintergrund habe ich mich sehr gefreut, dass mich Herr Bublitz vor einiger Zeit als Co-Autor eingeladen hat, die neue Auflage gemeinsam mit ihm zu gestalten. Wir haben die einzelnen Kapitel zusammen revidiert, um sie, wenn nötig, an aktuelle Erkenntnisse pragmatischer Forschung anzupassen. Zudem habe ich das neue Kapitel zur Identität und Beziehungsarbeit beigesteuert, das einem Forschungsgebiet angehört, mit dem ich mich seit längerem intensiv beschäftige.

Sie sprechen in dem Buch auch über die „Angemessenheit“ von sprachlichen Äußerungen. Ein Hörer empfindet eine Äußerung dann als angemessen, wenn der Sprecher in seinen Augen die richtigen Worte gewählt und den richtigen Ton getroffen hat. ‚Richtig‘ bedeute,  dass er face-konform und image-konform agiere. Können Sie dies unseren Leserinnen und Lesern erläutern?

Christian R. Hoffmann: Das Prinzip der Angemessenheit entspringt einer einfachen Beobachtung. Ständig führen wir in unserem Alltag Gespräche mit höchst unterschiedlichen Personen. Dabei passen wir unser Gesprächsverhalten stets an die jeweils neue Gesprächssituation an, indem wir verschiedenen situativen Faktoren Rechnung tragen, etwa unserem kommunikativen Interesse, der Art und Anzahl der Gesprächspartner, dem Ort und der Zeit des Gesprächs, usw. Der US-amerikanische Soziologe Erving Goffman hat für diesen natürlichen Anpassungseffekt die nützliche Metapher des Lebens als Theaterstück bemüht, demzufolge wir uns regelmäßig auf unterschiedlichen Bühnen (Situationen) wiederfinden, um dort verschiedenen sozialen Rollen (Verhaltensweisen) zu entsprechen.

Das Leben als Theaterstück

Dabei suchen wir uns diese Rollen in der Regel nicht allein aus. Vielmehr erwarten unsere Gesprächspartner ein ganz bestimmtes, situationsangemessenes Rollenverhalten von uns, etwa als Mutter, als Dozentin, als Freundin, usw. Goffman benutzt für diese Rollenerwartungen, die sich Personen in Gesprächen gegenseitig zuweisen, den Begriff des ‚Gesichts‘ (face).

Das face (mitunter auch image genannt) wird durch ablehnende oder affirmative Reaktionen der Gesprächspartner im Gesprächsverlauf sichtbar und lässt sich somit erfassen und analysieren. Bestätigen wir als Sprecherinnen und Sprecher die Rollenerwartungen der Gruppe, indem wir unser sprachliches Verhalten daran ausrichten, so agieren wir face-konform.

Gelingt uns dies nicht, so gerät das, uns von der Gruppe zugewiesene, face ins Wanken. Unser Verhalten wird als unangemessen empfunden, so dass es kommunikativ neu verhandelt werden muss; schließlich steht hier unsere Identität auf dem Spiel! Die Pragmatik bietet verschiedene Methoden an, die identitätskonstituierenden Verhandlungen, Erwartungen und Zuschreibungen zu erfassen, um sie anschließend kritisch deuten zu können.

Der Begriff der Angemessenheit ist in der Pragmatik ein durchaus schillernder Begriff. So wird er auch in der pragmatischen Höflichkeitsforschung in leicht abgewandelter Bedeutung verwendet. Angemessenheit in diesem Sinne (appropriateness, politic behaviour) stellt eine Bewertungskategorie dar, die es uns erlaubt, den Grad an Höflichkeit bestimmter sprachlicher Äußerungen zu bemessen. Äußerungen, die wir weder als höflich noch als unhöflich, sondern lediglich als üblich oder gewöhnlich einschätzen, werden mit dem Prädikat angemessen versehen. Angemessenheit kann also der Bewertung sprachlicher Höflichkeit dienen oder, wie einleitend erklärt, auf die Identitätsarbeit in Gesprächen verweisen.

An wen richtet sich Ihre Einführung vor allem, welche Leserinnen und Leser hatten Sie beim Schreiben des Buchs vor Augen?

Wolfram Bublitz & Christian R. Hoffmann: Es gibt keine andere Einführung, die sich der Pragmatik aus anglistischer Perspektive widmet, in deutscher Sprache verfasst ist, den allerneuesten Forschungsstand reflektiert und sich an eine über keinerlei oder nur geringe pragmatische Vorkenntnisse verfügende Leserschaft wendet. Unser Lehrbuch geht von einem breiten Pragmatikbegriff aus, rezipiert eine großen Stofffülle und präsentiert nicht nur anschaulich die wesentlichen Inhalte und Zusammenhänge, sondern vertieft sie reflektierend und differenzierend. Stoffauswahl und methodischer Ansatz sind speziell auf das BA/MA- und Lehramtsstudium abgestimmt. Der Band richtet sich in erster Linie an Studierende (und Dozierende) der anglistischen Sprachwissenschaft, kann aber auch mit Gewinn in der germanistischen oder romanistischen Linguistik verwendet werden. Der Stoff ist verständlich formuliert (unter Verwendung einer deutsch-englischen Doppelterminologie) und wird übersichtlich (Schaubilder, Kästen, Zusammenfassungen) und anschaulich mit einer Fülle von authentischen Beispielen präsentiert. Der Orientierung dienen zudem ein Glossar der wichtigsten Fachtermini, ein Sachindex und ein ausführliches (und für diese Neuauflage aktualisiertes) Literaturverzeichnis.
 
Englische Pragmatik

Prof. Dr. Wolfram Bublitz, Dr. Christian R. Hoffmann

Die Sprachwissenschaft hat nicht nur mit syntaktischer Wohlgeformtheit und phonetischem Wohlklang zu tun, sondern auch mit dem angemessenen Gebrauch von Sprache. Die Pragmatik befasst sich mit den Prinzipien dieses Gebrauchs. Sie untersucht, wie wir mit Sprache handeln, um uns in Szene zu setzen, unsere Interessen durchzusetzen, Mitmenschen zu beeinflussen oder Gefühle kundzutun. Nicht immer tun wir dies direkt. Statt explizit zu sagen, was wir meinen, spielen wir darauf an, legen es nahe, unterstellen es oder lassen es nur durchblicken. Witze und Gedichte, Werbung und fiktionale Texte, Empfehlungsschreiben und Alltagsgespräche kann man nur verstehen, wenn man ‚zwischen den Zeilen liest‘.

Prof. Dr. Wolfram Bublitz: Professor i. R. für Englische Sprachwissenschaft (zuletzt Universität Augsburg). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Pragmatik, die Text- und Diskursanalyse sowie die Computervermittelte Kommunikation.

Dr. Christian R. Hoffmann: Akademischer Rat am Lehrstuhl für englische Sprachwissenschaft (Universität Ausgburg). Sein Forschungsinteresse gilt neben der Pragmatik, der (kritischen) Diskurslinguistik, der Korpusstilistik sowie der sprachlichen Analyse von Film- und Fernsehsprache.

 

 


(ESV/pa, bp)

Programmbereich: Anglistik und Amerikanistik

 
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