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Nachgefragt bei: Dr. Miriam Houska
Twitter weiterempfehlen  25.07.2019

Houska: „Man muss nicht zwangsläufig sämtliche mit einem Klassiker-Etikett versehenen Werke gelesen haben“

ESV-Redaktion Philologie/LP
Beschäftigt sich mit Literaturkanons: Dr. Miriam Houska (Foto: privat)
Goethe, Shakespeare, Tolstoi, Dante, die Bibel – erinnern Sie sich an die Literaturlisten im Studium? Man war froh, schon ein paar Titel der endlos langen Liste gelesen zu habe. Aber ist ein solcher Kanon überhaupt sinnvoll? Und wie kann er bestimmt werden? Dr. Miriam Houska im Interview.
Liebe Frau Houska, welche Bücher sollten alle Menschen gelesen haben?
Miriam Houska:
Diese klassische Kanon-Frage wird durch den empfehlenden Charakter des konjunktivischen Sollens zumindest so weit relativiert, dass man sie – mit Einschränkungen – aus einer subjektiven Warte beantworten kann. Zunächst jedoch zu den Einschränkungen: Sie betreffen grundsätzlich den spätestens seit 1968 in der Kritik stehenden kontextlosen Allgemeingültigkeitsanspruch und autoritären Habitus einer vorgeschriebenen Lektüreauswahl, die ihre Kriterien nicht offenlegt, über die Problematik inner- und außertextueller Wertzuschreibungen bis hin zu Urteilen durch nationale bzw. kulturelle Brillen.

Zweischneidig: Kanon als Orientierungshilfe oder Hürde?

Vorgaben sind insofern heikel, als sie Leselust oft schon im Vorfeld dämpfen, vor allem, wenn sie institutionell gerahmt sind. Umgekehrt können Empfehlungen als Orientierungshilfe fungieren und eine ganz andere Lust, eine „Listen-Lust“, motivieren – ein Element nach dem anderen kann abgehakt werden, bis die Liste „fertig“ ist.
Nach diesen Präliminarien würde ich gerade in Zeiten einer gewissen Beliebigkeit, ohne individuelle Kanons streitig machen zu wollen, tatsächlich allen Menschen zumindest einen Kern an Werken der sogenannten Weltliteratur im Sinne eines Weltgedächtnisses, eines Weltkulturerbes ans Herz legen: Hierbei handelt es sich um international verbreitete Texte, die die Menschheit aufgrund ihrer thematischen Universalität und ihres Repräsentationspotentials zum Teil über Jahrhunderte begleiteten und prägten, durch Innovationen neue Traditionen begründeten, Einfluss nahmen bzw. nehmen auf die Entwicklung der Literatur selbst und bis heute anschlussfähig an „moderne“ Erfahrungen sind – man denke beispielsweise an Homers Odyssee, Cervantes’ Don Quijote, Shakespeares Hamlet, Goethes Werther, Defoes Robinson Crusoe, Tolstois Krieg und Frieden oder Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Diese „Klassiker“ zu lesen schließt jedoch nicht aus, seine Augen offen zu halten in Bezug auf bisher weniger bekannte Literatur – vor allem aus Afrika, Asien und der Karibik – und die Literatur der Gegenwart.

Kann man sagen, dass einige Bücher heutzutage zum Allgemeinwissen gehören? Können Sie Beispiele geben?
Miriam Houska: Als diskursives Konstrukt ist „Allgemeinwissen“, wie „Kanon“, ein fluides, dynamisches Konzept, von Kontingenz kann aber trotzdem nicht die Rede sein, wie unter anderem die oben genannten Beispiele zeigen. Arno Schmidt berechnet in Julianische Tage, dass man 3.000 bis 5.000 Bücher in seinem Leben lesen kann – eine im heutigen Kontext optimistische Schätzung, die einerseits mehr denn je die Wichtigkeit einer informierten Auswahl in den Vordergrund stellt, und andererseits die Notwendigkeit eines Überblicks betont: Man muss nicht zwangsläufig sämtliche mit einem Klassiker-Etikett versehenen Werke gelesen haben, aber zumindest sollte man um deren Rang Bescheid wissen, um Anspielungen, ästhetische Traditionen und Brüche sowie Basis-Plots und deren Variationen auch über Mediengrenzen hinweg zu verstehen – und auch genießen zu können.

Literaturkanon in interkulturellen Kontexten 09.07.2019
Ein Literaturkanon als Wegweiser
Die Textarbeit im DaF-Unterricht ist in besonderem Maße abhängig von interkulturellen Dynamiken. Trotzdem oder gerade deswegen stellt sich hier die scheinbar veraltete Frage nach literarischer Kanonisierung. Doch wie kann man eine solche Auswahl treffen? mehr …

Denken Sie, ein Literaturkanon für das Germanistik- bzw. Deutsch-als-Fremdsprache-Studium ist sinnvoll?
Miriam Houska: Jedes Fach braucht ein Textkorpus als gemeinsame Basis, in besonderem Maße natürlich eine Philologie. Ein solches Korpus kann jedoch immer nur eine Momentaufnahme sein, quasi ein Hintergrund, um neue Erkenntnisse besser einschätzen und einordnen zu können. Erscheint eine derartige Auswahl in Listenform, sollten die Entstehungsmodi idealerweise offengelegt und die Selektion begründet werden.

Worauf sollte dieser Kanon beruhen?
Miriam Houska: Ein Fachkanon könnte als Resultat eines partizipatorisch-demokratischen Verfahrens (verschiedene ExpertInnen, aber durchaus auch unter studentischer Beteiligung) für einen gewissen Zeitraum und für pragmatische Zwecke als Kernliste und alternativen bzw. weiterführenden Vorschlägen vorliegen. Als spannend könnte sich eine Art „Kanon-Spiel“ erweisen, bei dem in eine solche Liste online entweder von anderen Fachleuten oder von einem erweiterten Kreis aktiv eingegriffen werden kann – damit wäre eine weitere empirische Fundierung aus der Fachpraxis gegeben.

Welchen ‚heimlichen‘ Kanon haben Sie für Ihre Studie untersucht, und weshalb ist dieser ‚heimlich‘?
Miriam Houska: Während in der Deutschen Philologie Kanons trotz aller angebrachten Kanon-Skepsis als notwendiges Fachkorpus vorliegen, lassen sich solche Listen im interkulturellen Bereich des Deutschen als Fremdsprache eher selten bis gar nicht auffinden – zumindest nicht in expliziter, materialer Form. Erste, anekdotenhafte Untersuchungen, einzelne Bibliographien und eine Lehrwerkanalyse bekräftigten mich jedoch in meiner Hypothese, dass auch in DaF- bzw. in interkulturellen universitären Kontexten eine Auswahl an Werken für Studium, Forschung und Unterrichtspraxis getroffen, aber nicht festgeschrieben wird – daher ‚heimlicher‘ Kanon.

Unbewusster Kanon

Im Laufe meiner Studien (triangulierende Befragungen von ExpertInnen, LektorInnen und Studierenden) konnte gezeigt werden, dass diese Auswahl nicht ganz so heimlich vonstattengeht, sondern dass im Gegenteil trotz Kanonnegation ein fundamentales Textkorpus als Schnittmenge vorliegt, das über „Empfehlungen“ hinausgeht. Es müssen nicht notwendigerweise explizite, institutionelle Kanoninstanzen vorliegen, um aus einer Vielzahl individueller Selektionen einer Gruppe zum Teil unbewusst eine Art Kanon zu generieren – Kanon als Phänomen der invisible hands. Mir ging es darum, ein Bewusstsein solcher mittel- und langfristigen Effekte zu schärfen, die Notwendigkeit einer empirisch fundierten, informierten Textauswahl zu betonen und das kritische Wissen um Kanonisierungsfaktoren zu fördern.

Zum Abschluss eine private Frage: Was ist Ihr ganz persönlicher Kanon?
Miriam Houska: Diese Frage war auch der Ausgangspunkt meiner Untersuchungen, und bis zu einem gewissen Grad könnte ich selbst nach Jahren der Beschäftigung mit diesem Thema noch immer „Faust“ zitieren… „und bin so klug als wie zuvor…“. Nach wie vor finde ich die Suche nach Überschneidungen weltliterarischer Kanon-Listen aufregend und lese mit großer Lust neben Kanon-Listen „Lektüre-Navigatoren“ und „Life-long reading plans“. Neben diesem aus solchen Meta-Listen resultierenden weltliterarischen Kernkanon beschäftigt mich vor allem der germanistische Literaturkanon, aber auch andere, fachlich basierte Leselisten, zum Beispiel journalistische Autobiographien, oder themenzentrierte Lektüren stehen bei mir auf dem Plan – für mich zählen dabei besonders die Querverweise und intertextuellen Bezüge bis zur Gegenwartsliteratur.

Die Autorin
Dr. Miriam Houska studierte Germanistik, Deutsch als Fremdsprache, Anglistik/Amerikanistik, Publizistik-/ Kommunikationswissenschaft und Kunstgeschichte in Wien und New York. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin und im Rahmen von Lehraufträgen (FH Wien der WKW, Universität Wien, Masaryk Universität Brno, Goethe Institut Boston, Vorstudienlehrgang der Wiener Universitäten) ist sie international tätig.
Literaturkanon in interkulturellen Kontexten
Gegenstand dieses Buches sind die professionelle Literaturauswahl für den Unterricht sowie deren potentielle Kanonisierungseffekte. Konkret wird die Suche nach einem praktizierten „heimlichen“ Literaturkanon und nach der Kanonisierungspraxis in interkulturellen Kontexten des Deutschen als Fremdsprache am Fallbeispiel der LektorInnen des Österreichischen Austauschdienstes behandelt.
Diese Pilotstudie bringt subjektive Theorien von Lehrenden, ExpertInnen und Studierenden zusammen. Zudem wendet sie das Kanonmodell der „invisible hand(s)“ (Winko) erstmals auf den Bereich Deutsch als Fremdsprache an, um Kanonisierungsfaktoren zu finden und Handlungsempfehlungen abzuleiten.
Ein zentrales Ergebnis für die Praxis ist eine kontextuell reflektierende Kanonarbeit, in der einerseits Texte flexibel ausgewählt und andererseits didaktische Kriterien erarbeitet werden.

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
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