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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Roland Innerhofer
Twitter weiterempfehlen  19.11.2018

Innerhofer: „Die Architektur spielt in der Literatur eine fundamentale Rolle“

ESV-Redaktion Philologie
Literatur- und Architekturexperte Prof. Dr. Roland Innerhofer (Foto: privat)
Die Jahrhundertwende und der 1. Weltkrieg erschütterten das 20. Jahrhundert maßgeblich, brachten aber ebenso das Neue Bauen und die Bauhaus-Bewegung hervor, in denen Architekten wie Bruno Taut auf die Bildfläche traten. Diese Zeit ist in Architektur oder Kunst in vielen verschiedenen Facetten festgehalten worden, aber auch in der deutschsprachigen Literatur, wie Prof. Dr. Roland Innerhofer im Interview mit der ESV-Redaktion erklärt.

Lieber Herr Innerhofer, wie sind Sie das erste Mal mit den Werken Bruno Tauts in Kontakt gekommen?


Roland Innerhofer: Als ich in den späten 70er Jahren öfter nach Berlin fuhr, faszinierten mich die Bauten von Onkel Toms Hütte und die Hufeisensiedlung, auf die mich Architekturkenner hinwiesen. Zugleich bin ich Taut über meine Beschäftigung mit der frühen deutschen Science Fiction, und zwar über die Schriften von Paul Scheerbart begegnet. Besonders dessen Glasarchitekturfiktionen wurden von Taut enthusiastisch aufgenommen und inspirierten seine phantastischen Bildzyklen „Alpine Architektur“ und „Der Weltbaumeister“. Die Spannbreite von Tauts Werk zwischen visionären Architekturfantasien und pragmatischem Siedlungsbau ist einzigartig.

Welche Rolle spielt Architektur in der Literatur?

Roland Innerhofer: Die Architektur spielt in der Literatur eine fundamentale Rolle. Denn sie erfüllt in literarischen Texten nicht nur eine symbolische Funktion. Architektur stellt Modelle und Ordnungen bereit, die das Denken und die Wahrnehmung, die Argumente und Diskurse ebenso wie Erinnerungen, Stimmungen, Vorstellungen und narrative Strukturen prägen. Architektur erscheint aber auch in ihrer Materialität als das Fremde, das sich der sprachlichen Darstellung entzieht, als eine Form von Erfahrung, die im symbolischen System der Sprache nur heraufbeschworen, aber nicht nachvollzogen werden kann.

„In der modernen Stadterfahrung wird der erlebte Raum dynamisiert”


Was ist das Besondere an der Architektur in der Literatur zwischen 1890–1930? Was hat sich in dieser Zeit vor allem verändert?

Roland Innerhofer: In dieser Zeit wird das Eindringen architektonischer Ästhetik, architektonischen Denkens und architektonischer Strukturen in literarische Texte ebenso unabweisbar wie das Einfließen literarischer und rhetorischer Muster in die Theorie und Praxis des architektonischen Planens und des Bauens. In einer neuen Raumästhetik, besonders in der modernen Stadterfahrung, wird der erlebte Raum dynamisiert. Mit dem Bewusstsein, dass sich Architektur erst durch die Wahrnehmung individueller oder kollektiver Subjekte konstituiert, gewinnen zunehmend partizipatorische Formen der Raum- und Dingerfahrung an Bedeutung. Während aber die Architektur diese Umbrüche nicht selten dazu nutzen will, das gesamte Leben der Menschen umzugestalten, ja sogar einen Neuen Menschen hervorzubringen, schärft die Literatur das Bewusstsein für das Maßlose und Bedrohliche solcher Allmachtsphantasien. 

Architektur aus Sprache 12.11.2018
Bruno Taut – Wer im Glashaus sitzt
Bruno Taut ist wohl einer der bekanntesten Architekten des Neuen Bauens, dessen Spuren auch heute noch in Berlin zu finden sind. Er war ein Vorreiter im Bereich des sozialen Wohnungsbaus; allein nach seinen Entwürfen wurden um die 12.000 Wohnungen in Berlin gebaut. mehr …

Wie unterschiedlich können Autor/-innen mit Architektur umgehen?

Roland Innerhofer: Das Schöne an der Literatur ist, dass sie alle erdenklichen Möglichkeiten des Umgangs mit der Architektur durchspielt. Sie kann, zum Beispiel in den Werken von Paul Scheerbart, als Instrument für eine imaginäre Umgestaltung des gesamten Erdballs dienen. Sie kann aber auch, wie bei Musil, als Verkörperung einer erstarrten Ordnung, einer Übermacht toter Geschichte dem Individuum entgegentreten. Sie kann, wie bei Kubin, unaufhaltsame Verfallsprozesse verbildlichen. Oder sie kann, wie bei Kafka, zum Paradigma des Undurchschaubaren und Unverfügbaren werden.

Worauf freuen Sie sich am meisten im Bauhaus-Jahr 2019?

Roland Innerhofer: Das hundertjährige Jubiläum der Gründung des Bauhauses wird mit einer Vielzahl an Ausstellungen, Aufführungen und Vorträgen begangen werden. Damit wird die einzigartige Synthese verschiedener Künste wie Architektur, Literatur, Theater, Musik, Tanz und Performance, die im Bauhaus, besonders in den Bauhausfesten verwirklicht und gelebt wurde, in Erinnerung gerufen. Mein soeben erschienenes Buch passt bestens zu diesen Feierlichkeiten, denn es zeigt die Korrespondenzen und die produktiven Spannungen zwischen Literatur und Architektur in der klassischen Moderne seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Deutlich wird dabei die Relevanz dieser historischen Positionen für die Gegenwart. Das mit Leser/-innen meines Buches zu diskutieren – darauf freue ich mich am meisten.

Architektur aus Sprache

Von Prof. Dr. Roland Innerhofer

Was die Architekturtheorie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte – die Bedeutung von Raumwahrnehmung und Raumgefühl – spielte für die literarische Architekturdarstellung immer schon eine zentrale Rolle. Ausgehend von dieser Annäherung der beiden Künste verknüpft dieses Buch erstmals die Geschichte der modernen Architekturtheorie mit der Architekturthematik in ausgewählten literarischen Werken des frühen 20. Jahrhunderts.
Die gegenseitige Erhellung und Irritation von Sprach- und Baukunst rückt kanonische Werke der klassischen Moderne, von Paul Scheerbart, Hans Henny Jahnn, Alfred Kubin, Franz Kafka, Alfred Döblin, Thea von Harbou bis zu Robert Musil, in ein neues Licht. Durch ihre Andersartigkeit regt die Architektur die Literatur dazu an, Möglichkeitsräume zu imaginieren: Spielräume des Unvorhergesehenen und Unvorhersehbaren.

Prof. Dr. Roland Innerhofer, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien, beschäftigt sich mit Literatur des 19.–21. Jahrhunderts, Phantastik und Utopie sowie Korrespondenzen zwischen Literatur – Technik – Architektur – Film. Publikation zum Thema: Bauformen der Imagination. Ausschnitte einer Kulturgeschichte der architektonischen Phantasie (hg. mit Karin Harrasser), Wien 2006.


(ESV/pa)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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