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Neues aus der Studienreihe Romania
Twitter weiterempfehlen  22.02.2019

Jede Freiheit hat Grenzen

ESV-Redaktion Philologie
Auch Freiheit hat Grenzen (Foto: Fotolia/reimax 16)
Rund zwanzig Mal kommt der Begriff „Freiheit“ im Grundgesetz vor und hat somit einen gewichtigen Anteil an unseren Grundrechten; auch in vielen anderen Rechtstexten ist Freiheit ein Grundprinzip, dass eingefordert wird und wurde. Nach Immanuel Kant kann die Freiheit des einen mit der Freiheit aller anderen zusammen bestehen.
Praktisch steht die Freiheit des Einzelnen aber oft im Gegensatz zu der der anderen oder schränkt sie zumindest ein. Sie wird begrenzt. Auch ist ein Wandel im Stellenwert von Freiheit zu beobachten. Im Band „Liberté e(s)t choix. Verhandlungen von Freiheit in der französischen Literatur“ werden die mit Freiheit verbundenen Facetten wie beispielsweise Zensur, Glauben und Religion, Grenzen von Entscheidungen und Verantwortung und der Stellenwert von Freiheit an sich in einem zeitlichen Spektrum von der Renaissance bis zur extrême contemporain unter die Lupe genommen. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Beitrag „Freiheit, Gleichheit, Arbeitsgestalt. Die Freiheit des Einzelnen und der Sog des Totalitarismus bei Henri Barbusse und Ernst Jünger“ von Johannes Waßmer, der ein verändertes Freiheitsverständnis nach dem Ersten Weltkrieg skizziert.

„[…] Henri Barbusse kritisiert in seinen Kriegs- und Nachkriegsschriften Freiheit in einer ungleichen Welt. Gleichheit wird zum Schlüsselbegriff im Denken Barbusses; in ihrem Namen entfernt er sich von einem individualistischen Freiheitsbegriff, wie ihn John Stuart Mill vertritt, und nähert sich ideologisch an totalitäre Vorstellungen staatlicher Strukturen an. Für Ernst Jünger gilt Vergleichbares. Zwar wertet er den Begriff der Freiheit in Der Arbeiter und später in Der Weltstaat nicht so offensichtlich ab wie Barbusse, unterwirft ihn aber in mindestens gleichem Maße dem totalitären Anspruch des Kollektivs beziehungsweise der ‚organischen Gemeinschaft‘ und deutet ihn um: Freiheit als Arbeit ersetzt die bürgerliche Vorstellung politischer Freiheit. Den freien Bürger substituiert Jünger durch die Gestalt des Arbeiters, in der – Barbusse nicht unähnlich – die sozialen Stände nivelliert werden.

Freiheit und Gleichheit – Freiheit und Arbeit

Wie sehr das totalitäre Denken Jüngers und Barbusses konvergieren, verdeutlicht Jüngers anerkennendes Urteil über die ‚totale Mobilmachung‘ in Frankreich im Ersten Weltkrieg, die der Deutschlands überlegen gewesen sei, und für die er Henri Barbusse exemplarisch anführt:

Wir sahen, daß in Deutschland der Geist des Fortschritts nur unvollkommen mobil gemacht werden konnte. Wie dies etwa in Frankreich bei weitem günstiger lag, erkennen wir unter tausend anderen Beispielen an dem von Barbusse. Dieser, an sich ein ausgesprochener Gegner des Krieges, sah doch keine andere Möglichkeit, seinen Ideen zu entsprechen, als diesen Krieg zunächst zu bejahen, da er sich in seinem Bewußtsein als ein Kampf des Fortschritts, der Zivilisation, der Humanität, ja des Friedens selbst gegen ein all diesem widerstrebendes Element spiegelt (Jünger 2015c: 136).

Das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv wandelt sich also bei beiden Autoren im Zuge des Bemühens um eine Sinndeutung des Ersten Weltkriegs entscheidend. Es verschiebt sich von einem an Kant oder Mill geschulten Freiheitsverständnis zu einer Irrelevanz der Freiheit. An ihre Stelle tritt die organisierte Gemeinschaft, die sich im Arbeitsplan oder im Programm der Internationalen ausbuchstabiert. Ernst Jünger und Henri Barbusse konzipieren Freiheit komplementär.

Neues aus der Studienreihe Romania 21.02.2019
Sartre: „L’homme est condamné à être libre.“
Das Konzept von Freiheit ist zahlreichen Differenzierungen unterworfen. Obwohl die Verknüpfung von Freiheit mit Wahl offensichtlich scheint, muss sie hinterfragt werden und die Grenzen von Freiheit und Unfreiheit müssen stets neu verhandelt werden. mehr …

Das Individuum wird dem Kollektiv geopfert

Ideologisch entsprechen sie aufgrund ihrer weltanschaulichen Positionen zwar entgegengesetzten Polen, in ihrem Entwurf von Freiheit jedoch findet ihre Ideologie einen gemeinsamen Kern. Beide Autoren opfern das Individuum auf dem Altar des Kollektivs und setzen an ihre Stelle das, was Mill Mitte des 19. Jahrhunderts befürchtet hatte: den totalitären Anspruch einer Gemeinschaft. Mill stellt im fünften Kapitel von Über die Freiheit zwei Grundregeln auf:

Erstens, dass das Individuum der Gemeinschaft nicht für seine Handlungen verantwortlich ist, soweit diese nur seine Interessen betreffen. […] Zweitens, dass für solche Handlungen, die den Interessen anderer zuwiderlaufen, das Individuum verantwortlich ist und die Gesellschaft ihm eine soziale oder gesetzliche Strafe auferlegen kann, wenn sie der Meinung ist, dass die eine oder die andere zu ihrem Schutz nötig sei (Mill 2009: 267).

Sowohl Jünger als auch Barbusse setzen diese Grundregeln nicht außer Kraft, sondern erklären, dass alle Interessen des Individuums sich auf die Gleichheit aller (Barbusse) beziehungsweise auf den Organismus des Staats (Jünger) beziehen und das Individuum daher für jede seiner Handlungen dem Kollektiv Rechenschaft schuldig ist. Jünger führt zwar nach dem Zweiten Weltkrieg den Typus des Waldgängers als Korrektiv ein und Barbusse argumentiert im Namen der Humanität und des Pazifismus. Doch der Freiheit des Individuums im Sinne Mills schreiben beide Schriftsteller keinen eigenen Wert zu. Ihr Ringen um eine Sinndeutung des Ersten Weltkriegs führt zu totalitären Antworten: entweder im Namen der Gleichheit oder im Namen des Arbeiters. Im Sog des Totalitarismus jedoch hat Freiheit keinen Platz.“

Liberté e(s)t choix

Verhandlungen von Freiheit in der französischen Literatur

Herausgegeben von Sieglinde Borvitz und Yasmin Temelli

Jede Freiheit hat Grenzen. Aber welche? Grenzen sind veränderlich und gerade die Literatur ist mit dem ihr eigenen Wissen ein Raum, in dem symbolische Konflikte ausgetragen werden. Für eine Nation wie Frankreich stellt Freiheit einen derart zentralen Wert dar, dass er in ihrem Wahlspruch Liberté, Égalité, Fraternité an erster Stelle verankert ist. Grundsätzlich stellt sich die Frage nach den vielschichtigen und nicht zuletzt widersprüchlichen Sinnzuschreibungen, welche die Freiheit (von etwas und zu etwas) erfahren kann und genau das steht im Zentrum des Bandes. Die hiesigen Beiträge zur französischen Literatur umfassen ein zeitliches Spektrum, welches von der Renaissance bis hin zu Positionen des extrême contemporain reicht.

Zu den Herausgeberinnen:
Sieglinde Borvitz
ist Akademische Rätin für Romanistische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie studierte Italianistik, Frankreichstudien sowie Ost-und Südosteuropawissenschaften in Leipzig, Florenz und Paris. Zu ihren Forschungsinteressen gehören die moderne und zeitgenössische italienische und französische Literatur, visuelle Kultur, Studien zu Biopolitik und Gouvernementalität.

Yasmin Temelli ist Juniorprofessorin für iberoromanische Literatur- und Kulturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Lateinamerika an der Ruhr-Universität Bochum. Sie studierte Romanistik, Politologie und Medienwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Università degli Studi di Firenze. Zu ihren Forschungsinteressen zählen die Romanische Literat und Kultur und hier insbesondere Schnittstellen zwischen Literatur und Medizin, Gewaltforschung, Gender Studies sowie Biopolitik.


(ESV/lp)

Programmbereich: Romanistik

 
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