Sartre: âLâhomme est condamnĂ© Ă ĂȘtre libre.â
â[âŠ] âFreiheitâ wird im alltĂ€glichen Sprachgebrauch vor allem als Gegenbegriff zu Sklaverei und Gefangenschaft verwendet und als âFreisein von fremder Gewaltâ oder âFriedeâ (das heiĂt Schutz vor Gewalt) definiert. Im öffentlichen Leben gehören zu den bĂŒrgerlichen Grundrechten etwa die Pressefreiheit (libertĂ© de la presse), Religionsfreiheit (libertĂ© de culte), Redefreiheit (libertĂ© dÊŒexpression), Bewegungsfreiheit (libertĂ© de circulation) und Versammlungsfreiheit (libertĂ© de rĂ©union).
âFreiheitâ und der damit zusammenhĂ€ngende Begriff der âWahlâ gehört darĂŒber hinaus zu den zentralen Termini der Philosophie (zum Beispiel bei Aristoteles, Augustinus, Kant, Fichte, Sartre und Jonas). In der griechisch-römischen Antike ist âFreiheitâ terminologisch noch nicht klar fassbar und artikuliert sich eher im Denken der Notwendigkeit (anĂĄnke), des Schicksals (moira, heimarmĂ©ne, pepromĂ©ne) und des Zufalls (tĂœche) (vgl. Warnach/ Spaemann 1972: 1064).
| Neues aus der Studienreihe Romania | 22.02.2019 |
| Jede Freiheit hat Grenzen | |
| Rund zwanzig Mal kommt der Begriff âFreiheitâ im Grundgesetz vor und hat somit einen gewichtigen Anteil an unseren Grundrechten; auch in vielen anderen Rechtstexten ist Freiheit ein Grundprinzip, dass eingefordert wird und wurde. Nach Immanuel Kant kann die Freiheit des einen mit der Freiheit aller anderen zusammen bestehen. mehr ⊠| |
Wahl ist nicht nur Erkennen, sondern auch Streben und Wollen
Wie schwierig Wahl und Freiheit zusammenzudenken sind, zeigt sich bei Aristoteles: Wahl ist nicht nur Erkennen, sondern auch Streben und Wollen (vgl. ebd.). Aristoteles unterscheidet die Freiheit der Wahl von der Freiheit der SpontaneitĂ€t. Die Frage nach der Freiheit wird erst ab dem Mittelalter zum zentralen Thema. In der neuzeitlichen Philosophie umfasst âFreiheitâ das VerhĂ€ltnis des Lebewesens zu seiner Umwelt, willentliches Handeln des Menschen sowie eine menschliche Grundverfassung. Beim Begriff der âWahlâ wurde in der Geschichte der Philosophie terminologisch zwischen 1. Vorzugswahl (proairesis), bei der abgewogen wird, 2. WillkĂŒrwahl, zu der die Indifferenz (libertas indifferentiae) gehört und 3. (ab der Moderne) ethischer Wahl differenziert (vgl. Theunissen 2004: 19).PrĂ€gend fĂŒr den französischen Kontext dĂŒrfte vor allem die Freiheits-Konzeption Sartres sein, wie er sie in LâĂȘtre et le nĂ©ant (1943) formuliert: Sein und Handeln sind beim Menschen identisch, das Sein ist ein stĂ€ndiges Sich-Entwerfen aus der Wahl der Möglichkeiten. Handeln bedeutet fĂŒr Sartre zu wĂ€hlen. Freiheit ist die Bedingung der Selbstkonstitution. Der Grundentwurf der Existenz (projet fondamental, projet originel) wird von Sartre auch als Urwahl (choix initial, projet initial) gefasst. Wahl und Bewusstsein sind fĂŒr ihn dasselbe.
Die Freiheit ist nicht frei gewÀhlt
Nur die Freiheit selbst ist nicht frei gewĂ€hlt, sondern ein unhintergehbares Faktum. Lediglich die Existenz des Anderen setzt der Freiheit faktisch eine Grenze, das heiĂt, Freiheit wird durch die Freiheit der Anderen begrenzt. Der Zusammenhang zwischen Freiheit und Wahl besteht fĂŒr Sartre in der Erkenntnis, dass selbst die Verweigerung einer Entscheidung als Entscheidung bewertet werden muss: âEn outre, la libertĂ© est libertĂ© de choisir, mais non la libertĂ© de ne pas choisir. Ne pas choisir, en effet, câest choisir de ne pas choisirâ (Sartre 1943: 537).Sartre zufolge trĂ€gt der zur Freiheit verdammte Mensch auch Verantwortung (responsabilitĂ©), fĂŒr sich selbst und fĂŒr die Welt, in der er lebt: [L]âhomme, Ă©tant condamnĂ© Ă ĂȘtre libre, porte le poids du monde tout entier sur ses Ă©paules: il est responsable du monde et de lui-mĂȘme en tant que maniĂšre dâĂȘtre. [âŠ] Il est donc insensĂ© de songer Ă se plaindre, puisque rien dâĂ©tranger nâa dĂ©cidĂ© de ce que nous ressentons, de ce que nous vivons ou de ce que nous sommes (ebd.: 612).
Handeln ist also Ausdruck von Freiheit. Besonders mit Blick auf Houellebecqs Protagonisten ist es wichtig zu verstehen, dass passives Verhalten, das Vermeiden von Entscheidungen und auch der Selbstmord eine Wahl bedeuten: âme faire passif dans le monde, refuser dâagir sur les choses et sur les Autres, câest encore me choisir, et le suicide est un mode parmi dâautres dâĂȘtre-dans-le-mondeâ (ebd.: 614).
Auch passives Verhalten ist eine Wahl
Das Bewusstsein der Freiheit zu verdrĂ€ngen und so gewissermaĂen vor sich selbst zu verbergen, nennt Sartre mauvaise foi. Sie dient dazu, eine unangenehme Wahrheit beiseitezuschieben oder an einem angenehmen Irrtum festzuhalten. [âŠ]â.| Zu den Herausgeberinnen |
| Sieglinde Borvitz ist Akademische RĂ€tin fĂŒr Romanistische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Heinrich-Heine-UniversitĂ€t DĂŒsseldorf. Sie studierte Italianistik, Frankreichstudien sowie Ost-und SĂŒdosteuropawissenschaften in Leipzig, Florenz und Paris. Zu ihren Forschungsinteressen gehören die moderne und zeitgenössische italienische und französische Literatur, visuelle Kultur, Studien zu Biopolitik und GouvernementalitĂ€t. Yasmin Temelli ist Juniorprofessorin fĂŒr iberoromanische Literatur- und Kulturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Lateinamerika an der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum. Sie studierte Romanistik, Politologie und Medienwissenschaften an der Heinrich-Heine-UniversitĂ€t DĂŒsseldorf und der UniversitĂ degli Studi di Firenze. Zu ihren Forschungsinteressen zĂ€hlen die Romanische Literat und Kultur und hier insbesondere Schnittstellen zwischen Literatur und Medizin, Gewaltforschung, Gender Studies sowie Biopolitik. |
Programmbereich: Romanistik