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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Peter Klotz
Twitter weiterempfehlen  26.03.2019

Klotz: „Werten ist ein mentales sprachliches Werkzeug“

ESV-Redaktion Philologie
Experte für das „Werten“: Prof. Dr. Peter Klotz (Foto: privat)
Unser Alltag ist durchdrungen von Urteilen, Einschätzungen und Werten. Inwieweit das Werten auch Orientierung gibt und der Prozess des Wertens oft unbewusst abläuft, darüber sprach die ESV-Redaktion im Interview mit Professor Dr. Peter Klotz.
Herr Klotz, was verstehen wir allgemein unter „Werten“?

Peter Klotz: Interessanterweise gehen wir relativ häufig mit dem Begriff „Wert“ um, und der steht im Zentrum der vielen, auch gerade gegenwärtig ablaufenden Wertedebatten. Aber das mentale und vor allem sprachliche Handeln des Wertens findet nicht die Beachtung, die es meines Erachtens bräuchte. Das Werten hat es eigentlich nicht dazu gebracht, als Vorgang und als Verfahren in den Fokus gerückt zu werden. Denn die Frage stellt sich ja, wie es zu den schließlich akzeptierten Werten kommt. Werte dominieren als Gegenstand, über den nachgedacht und diskutiert wird, die öffentliche und private Kommunikation. Aber was wir auf dem Weg zu Einschätzungen, zu Werten und gar zu Urteilen affektiv, kognitiv und mental tun, ist wohl wegen der Alltäglichkeit dieses Handelns kaum oder nur selten im Blick.

Werten ist eine Orientierungssuche gegenüber der uns so vielfältig begegnenden Welt

 
Welche mentalen Vorgänge spielen beim Werten eine wichtige Rolle?
 
Peter Klotz: Das mentale Tun des Wertens reicht von der Auswahl einer Kugel Speiseeis bis zu einer Stellungnahme beim Thema Organspende. Werten ist im Grunde der Vorgang und das Verfahren des Orientierung-Suchens und der Positionsbestimmung. Was bei der Wahl der Eiskugel banal und so gut wie irrelevant, aber im Augenblick wichtig ist, wird bei der Positionsbestimmung zur Organspende eine komplexe mentale Prozedur, die uns spätestens bei der Sprachsuche dafür deutlich bewusst wird. Wir merken, dass unser sprachliches Handeln dann fast in jedem Wort steckt und dass dies kommunikativ zählt.

Werten ist also eine Orientierungssuche gegenüber der uns so vielfältig begegnenden Welt, es ist ein Sich-dazu-Verhalten, ein Sich-Verorten. Ebenso und damit einhergehend ist es ein mentales sprachliches „Werkzeug“, um sich selbst darzustellen, um andere – auf welche Weise auch immer – zu beeinflussen, und es dient dazu, um Normen und Einstellungen zu ringen.
 
Wo findet „Werten“ in der Kunst statt? Haben Sie ein konkretes Beispiel, an dem Sie es erläutern könnten?

Peter Klotz: Wenn in einem Klavierkonzert ein langer Triller auftaucht, es eine musikalische Entwicklung dorthin gegeben hat, dann wirkt das wie ein wertender Aufmerksam-Macher für das Folgende, und der Triller baut ebenso eine Spannung auf, wie er sie dann löst; wenn bei einem mittelalterlichen Gemälde Figuren groß, Farben besonders leuchtend gegen zum Beispiel Grau- und Brauntöne abgesetzt sind, dann verweisen sie wertend auf etwas, auf heilige Figuren zum Beispiel, oder wenn ein abstraktes Gemälde das Abbildhafte verweigert und ausschließlich auf die Farbfläche verweist, dann geht es nicht nur um einen damit verbundenen Affekt, sondern die Darstellung wertet sich selbst in ihrer Eigenart und ermöglicht eine wertende, eine intensivierende Begegnung mit solcher Farbigkeit, wie immer die dann ausfällt – ich denke zum Beispiel gerade an Mark Rothko.

„Theater als moralische Anstalt“

Wie unterscheidet sich das Werten in der Literatur vom Werten in der Kunst?

Peter Klotz: Dass in der Literatur und durch Literatur gewertet wird, versteht sich von selbst. Einmal schon durch die jeweilige Thematisierung, denn literarisches Thematisieren bedeutet ja immer ein fokussierendes Herausschneiden aus einer ebenso komplexen wie banalen Wirklichkeit, und dann durch die jeweilige Ausgestaltung: Wenn Franz Moor in Schillers „Räubern“ nach dem Wert der Erstgeburt fragt und diesen „Wert“ für ungerecht und durch sein Handeln gewissermaßen für ungültig erklärt, entwertet er sie, und da sich Karl Moor durch die väterliche Verstoßung entwertet fühlt, entwertet er die für ihn bislang geltenden Normen. Mit seinem weiteren Handeln entwertet er sich dann selbst, freilich nicht so sehr, dass er nicht neben Franz bestehen könnte.

Diese scheinbar individuellen Wertverletzungen verlangen geradezu nach allgemeinen, das Gesellschaftssystem betreffenden Bewertungen, und die Fragen nach einem anderen Wertesystem sind gestellt. Schon dieses frühe Schiller-Drama versteht das „Theater als moralische Anstalt“, das durch die bewegende Aufführung die Zuschauer zu einem bewussten Werten bringen will, wie man in diesem Aufsatz nachlesen kann. Kunst versteht sich in einem weiten Sinn fast immer wertend oder zumindest dazu anregend.
 
Die Vielfalt des Wertens 21.03.2019
Werten: Zur Praxis mentaler, pragmatischer und sprachlicher Orientierung
Was ist eigentlich „Werten“ und wie entstehen aus diesem Prozess heraus „Werte“? Gibt es eine Welt ohne Werte oder sind sie absolut signifikant für unsere Orientierung? mehr …

Was wäre der Mensch ohne das Werten: Könnten wir „wertfrei“ leben?


Peter Klotz: Werten ist als bewusstes und oft auch halb- oder unbewusstes Werten ein Humanum. Wir brauchen Orientierung, und durch wertende Orientierung finden wir uns ein Stück weit selbst; das führen uns die Jugendlichen in ihrer Entwicklung vor, und dies ist ja immer auch eine Chance der Gesellschaft, jene dadurch notwendig werdende Neubesinnung: was soll und muss weiter gelten, was sollte einen anderen Wert bekommen, was muss zu den bislang geltenden Werten hinzugenommen und was aufgegeben werden?

Jugendliche tun so etwas bisweilen auf ziemlich rigorose und provozierende Weise. Aber wir brauchen das Werten wegen der vielen Unsicherheiten im alltäglichen Geschehen um uns herum und in der Welt, und zwar sowohl wegen gewollter als auch wegen sich einfach vollziehender Veränderungen. Die derzeitige Konzentration auf den vom Menschen mit verursachten Klimawandel oder die fast schon ausufernde Auseinandersetzung mit dem, was man als Gendergerechtigkeit bezeichnet, oder die sprachdeterministischen Versuche der „politcal correctness“, die davon ausgeht, dass Sprache das Denken und Handeln ganz und gar bestimmen könne, was so nicht zutrifft, diese Konzentration auf solche Themen und solche Wandlungsprozesse verlaufen in hohem Maße wertend – wie sonst?

Freilich vollziehen sich jetzt gleichzeitig Veränderungen, die wir als solche noch nicht oder nur kaum wahrnehmen, und sie werden alsbald wertende Thematisierungen einfordern. Und dann werden möglicherweise die derzeitigen Themen dadurch erheblich relativiert, oder sie gewinnen noch an Bedeutung.

Wenn Sie jetzt meine letzte Antwort genau anschauen, dann entdecken Sie, dass ich soeben auch gewertet habe, nur ein wenig verdeckt durch die Alltäglichkeit meiner Antwort, und Sie hören heraus, dass ich auf ein neues Werten eigentlich schon warte. Was ich damit sagen will: ja, der Mensch braucht das Werten und die Werte, aber das meiste relativiert sich auch wieder, so dass wir von einem dynamischen soziokulturellem Kontinuum auszugehen haben.
 
In welchem Zusammenhang steht Ihr neuestes Werk „Werten“ zu Ihren Vorgängern „Beschreiben“ und „Modifizieren“?

Peter Klotz: Tatsächlich gibt es mehrere „rote Fäden“, die die drei Bücher verbinden. Da ist zum einen die Abfolge, dass Begegnung mit „Welt“ erst dann voll bewusst geschehen kann, wenn ich nicht gleich die Begegnung werte, sondern schaue, was ist, und mich der Mühe unterziehe, dies zu beschreiben, was immer ein wenig das Analysieren mit einschließt. Das kann im Wissen und Bewusstsein sogar zu einem sachbezogenen „Binnenreichtum“, wie ich das nennen möchte, führen. Früher oder später stellen sich die Notwendigkeit oder der Wunsch ein, Sicht und Redeweisen über die Dinge und Menschen in der Welt zu verändern und/oder zu differenzieren oder gar wegzulassen – es gilt, die Sicht und die Redeweisen zu modifizieren. Und schließlich wird das Werten bedeutend, weil man wissen will, wo man ist, weil man sich verorten und damit eine Perspektive gewinnen will, so dass man von dort aus bewusst in die Welt schauen kann.

Ein zweiter roter Faden ist die Betonung des Sprachlichen unter der Perspektive, dass Sprachgebrauch immer ein Handeln ist. Das ist in allen drei Büchern der möglichst konsequent eingehaltene pragmatische Ansatz.

Der philologische Versuch, sprachwissenschaftliche und literaturwissenschaftliche Textbegegnung wieder zusammenzuführen

Mit dem verbindet sich ein dritter roter Faden, nämlich die Orientierung nicht an Einzeläußerungen, sondern an Texten, nicht zuletzt an literarischen. Es ist der Versuch, textlinguistisch nicht kleinteilig, sondern vom mentalen Tun und somit von der Pragmatik her Textwissenschaft fortzuschreiben, also etwa im Sinne angewandter Sprach- und Textlinguistik. Dabei geht es mir besonders um Sprachaufmerksamkeit, die ihre konkreten Orte in der Morphologie, der Lexik, der Syntax und in der Textualität hat.

Der vierte rote Faden besteht, auch in Konsequenz zum bisher Geäußerten, in dem alten, wenn man so will philologischen Versuch, sprachwissenschaftliche und literaturwissenschaftliche Textbegegnung wieder ein wenig zusammenzuführen. Das gilt für alle drei Bücher. Für mich ist das ein funktionaler Ansatz, nämlich zu beobachten, was sich mit Sprache mental, affektiv und kognitiv sowie soziokulturell tun lässt: deshalb die Sprachnähe bei der Auseinandersetzung mit Texten.

Und schließlich möchte ich noch auf meinen fünften roten Faden hinweisen: Mir geht es immer auch um einen verantworteten und deshalb bewussten Sprachgebrauch, produktiv wie rezeptiv. Und so mag man auch die Abfolge Beschreiben, Modifizieren, Werten verstehen.

Werten

Von Prof. Dr. Peter Klotz

Werte und Wertsetzungen geben in allen Lebensbereichen Orientierung.
Wenig Beachtung aber finden die kognitiven, affektiven und vor allem die mentalen Vorgänge des Einschätzens, Wertens und Urteilens selbst, obwohl sie unseren Alltag beständig durchdringen. Da wir Orientierungen brauchen, beteiligen wir uns an diesen Handlungen und sind von ihnen betroffen.

Prof. Dr. Peter Klotz lehrte an den Universitäten München und Bayreuth im Fach Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Grammatik, Textlinguistik, schriftlicher Sprachgebrauch und sprachbezogene Literaturanalyse. Seine jüngeren Veröffentlichungen verbinden Sprachwissen, Pragmatik und Literaturbetrachtung, ablesbar zuletzt u. a. auch an den Veröffentlichungen „Beschreiben. Grundzüge einer Deskriptologie“ (2013) und „Modifizieren. Aspekte pragmatischer und sprachlicher Textgestaltung“ (2017).


 

 


(ESV/Pa)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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