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Die Banken hatten sich auf die Prüftestate von EY verlassen. (Foto: BillionPhotos.com/stock.adobe.com)
Wirecard-Untersuchungsausschuss

Kreditgeber hatten lange keine Zweifel an Wirecard-Bilanzen

ESV-Redaktion Management und Wirtschaft
15.01.2021
Im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags wurden jetzt Vertreter der Banken befragt, die dem insolventen Zahlungsdienstleister Wircard Geld geliehen hatten.
Zu den Zeugen zählten Manager der Commerzbank, berichtet der Informationsdienst des Bundestags (hib). Ab dem Jahr 2003 habe man mit Wirecard eine geschäftliche Beziehung unterhalten, sagte demnach Markus Chromik, Chief Risk Officer der Commerzbank. Zweifel an der durch die Wirtschaftsprüfer testierten Bilanz habe man viele Jahre nicht gehabt. Angesichts der vorgelegten Zahlen habe man im Rahmen des Konsortiums der Kreditgeber Kredite von knapp 200 Millionen Euro ausgereicht.

Fortlaufend negative Presse über Wirecard seien jedoch Anlass gewesen, das interne Monitoring und die Gespräche mit dem Management von Wirecard zu verstärken. Die Bemühungen bei der Kreditprüfung seien weit über das hinaus gegangen, was üblich sei. Die Commerzbank sei dann zu dem Schluss gekommen, dass die gegen Wirecard erhobenen Vorwürfe die Rückzahlung des Kredits nicht gefährdeten.

Zertifizierte WP-Abschlüsse Voraussetzung für Kreditvergabe

„Es gab zu keinem Zeitpunkt Anlass, davon auszugehen, dass die Kreditmaterialität gefährdet war“, sagte Martin Zielke, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Commerzbank AG. Außerdem hätten immer wieder ordentliche zertifizierte Abschlüsse der Wirtschaftsprüfer vorgelegen. Das sei eine wesentliche Voraussetzung für die Kreditvergabe. „Darauf verlassen wir uns bei unserer Arbeit“, betonten beide Banker.

Dass es bei Wirecard Unregelmäßigkeiten geben könnte, will Chromik erstmals im Frühjahr 2018 bei einer Sitzung des Kreditkomitees erfahren haben. Bald habe sich der Verdacht erhärtet, „dass da etwas anders dargestellt wurde“ als es gewesen sei. Die Bank habe sich schließlich entschieden, das Engagement bei Wirecard innerhalb eines Jahres, bis Frühjahr 2019, zu beenden. Ausschlaggebend seien die sich verdichtenden Hinweise auf Geldwäsche gewesen.

Bayern LB zog sich bei Wirecard 2018 zurück

Marcus Kramer, Mitglied des Vorstands der Bayern LB, berichtete hib zufolge, wie er und sein Haus zwischen 2016 und 2018 zu der Überzeugung gelangten, sich nach zwei Jahren aus dem kreditgebenden Konsortium zurückzuziehen. Mit dem kleinsten Anteil von zunächst 45 und schließlich 60 Millionen Euro sei man Teil eines Konsortiums international renommierter Banken gewesen.

Mit der Zeit hätten die Ungereimtheiten rund um Wirecard zugenommen, die Zweifel bei der Bayern LB seien gewachsen, führte Kramer aus. 2018 sei seine Bank dann nicht mehr bereit gewesen, ein Folgeengagement über 150 Millionen Euro einzugehen. Das Geschäftsmodell von Wirecard habe zu viele Fragen aufgeworfen und mit den Konditionen des neuen Vertrags sei man nicht mehr einverstanden gewesen.

Man sei allerdings trotz negativer Presse über Wirecard jahrelang nicht davon ausgegangen, dass in dem Unternehmen kriminelle Energien am Werk seien. In einem schnell wachsenden Unternehmen laufe oft am Anfang nicht alles perfekt, da gehe es zunächst um Wachstum und man ziehe die internen Strukturen dann nach. Den von den Wirtschaftsprüfern zertifizierten Berichten habe man vertraut. „Wenn wir einen Erstbericht sehen, haben wir überhaupt keine Zweifel, dass das, was darin steht, nicht stimmt.“

KfW Ipex-Bank: Auf EY-Testate verlassen

„Einen beispiellosen Fall der Fälschung eines Drittels der Bilanzsumme“ nannte hib zufolge Klaus Michalak, Vorsitzender der Geschäftsführung der KfW Ipex-Bank, die Vorgänge bei Wirecard. Die KfW Ipex-Bank habe im September 2018 der Wirecard AG einen 100-Millionen-Euro-Kredit gewährt. Man habe sich im Nachhinein gefragt, „ob wir alles richtig gemacht haben“ und eine Innenrevision begonnen. Auf der einen Seite sei da die negative Presseberichterstattung renommierter Organe wie der Financial Times gewesen, die man rezipiert habe. Auf der anderen Seite habe man sich stets auf die von EY testierten jährlichen Bilanzen verlassen.

Die Ausschussmitglieder interessierte, inwieweit der Aufsichtsrat und die ihm angehörenden beiden Staatssekretäre mit Entscheidungen der Bank gegenüber dem Kunden Wirecard befasst waren. Michalak: Zum ersten Mal, als publik wurde, dass Wirecard 2020 keine testierte Jahresbilanz mehr bekommen sollte. Man habe dann die Bafin und den eigenen Aufsichtsrat informiert und Strafanzeige gegen das Wirecard-Management bei der Staatsanwaltschaft gestellt.

Reformen prüfen und Empfehlungen geben

Der neunköpfige Untersuchungsausschuss soll das Verhalten der Bundesregierung und der ihr unterstehenden Behörden im Zusammenhang mit den Vorkommnissen um Wirecard untersuchen. Er soll zudem prüfen und Empfehlungen geben, inwiefern Schlussfolgerungen zu ziehen sind in puncto
  • Reform der Finanzaufsicht,
  • Reform der Wirtschaftsprüfung und Bilanzkontrolle – vor allem im Hinblick auf die Unabhängigkeit der Wirtschafts- und Abschlussprüfer, die Trennung von Beratung und Prüfung, die Haftung von Abschlussprüfern und die Zielsetzung von Abschlussprüfungen und der Rechnungslegung,
  • Reform der Geldwäscheaufsicht und eine Weiterentwicklung der Geldwäsche-Richtlinie,
  • effektive Strafverfolgung bei Bilanzbetrugsfällen und
  • Offenlegung über den Austausch zwischen Interessenvertretern und der Bundesregierung und ihren Geschäftsbereichsbehörden.
Die Berichterstattung aus dem Ausschuss und dem Plenum finden Sie hier.

(ESV/fab)

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Programmbereich: Management und Wirtschaft