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Nachgefragt bei: Christina Kuhn und Anne Sass
Twitter weiterempfehlen  23.10.2018

„Lernen braucht Beziehung“

ESV-Redaktion Philologie
Befürworten berufsorientierten Sprachunterricht: Christina Kuhn und Anne Sass (Fotos: privat)
Die Berufswelt ändert sich: Zugezogene unterstützen den Arbeitsmarkt und brauchen dabei vor allem auch sprachliche Unterstützung. Zu den neuen Möglichkeiten und Herausforderungen im berufsorientierten Fremdsprachenunterricht äußern sich Christina Kuhn und Anne Sass.
Liebe Frau Kuhn, liebe Frau Sass, warum wird berufsorientierter Fremdsprachenunterricht immer wichtiger?

Christina Kuhn: Der Bedarf an in der Arbeitswelt einsetzbaren Fremdsprachenkenntnissen ist sicherlich mit Megatrends wie der Globalisierung, Digitalisierung und Migration verbunden. Immer mehr Menschen bleiben nicht mehr ihr gesamtes (Berufs-)Leben lang an einem Arbeitsplatz, in einem Unternehmen, ja nicht einmal mehr in einem Land. Der EU-Binnenmarkt eröffnet zum Beispiel einen internationalen Arbeitsmarkt mit vielen Chancen. Auch die Arbeitswelt selbst hat sich verändert. Die grenzüberschreitende Güterproduktion erfordert Fremdsprachenkenntnisse auf allen Hierarchieebenen in Unternehmen. Flexiblere Formen der Zusammenarbeit, wie zum Beispiel Projektarbeit, setzen mehr auf das Know-how als auf die Herkunft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die zeitlich befristete Arbeit in international zusammengesetzten Teams ist keine Seltenheit mehr.

„Die Perspektive der Lernenden hat sich verändert“

Berufsorientierte Fremdsprachenkenntnisse sind dann ein Erfolgsfaktor für die Zusammenarbeit, das heißt der Bedarf an einem entsprechend ausgerichteten Unterricht steigt. Außerdem gilt es, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möglichst schnell in die Arbeitswelt zu integrieren. Und auch die Perspektive der Lernenden hat sich verändert: Junge Menschen wünschen sich beim Erwerb einer Fremdsprache eine klare Zielorientierung, um bereit zu sein, in die Fremdsprache zu investieren.

Diese und noch viele andere Tendenzen führen dazu, dass immer mehr Menschen Fremdsprachen am Arbeitsplatz benötigen und dann mit konkreten berufsbezogenen Bedarfen und Zielen Kurse besuchen, die von Beginn des Sprachenlernens an die Arbeitswelt berücksichtigen.

Was sind die größten Herausforderungen beim berufsorientierten Fremdsprachunterricht?

Anne Sass: Wie Fremdsprache Deutsch, Heft 59 zeigt, gibt es nicht den berufsorientierten Fremdsprachenunterricht. Eine der größten Herausforderungen ist ganz bestimmt die Heterogenität der Zielgruppen und Lernziele, aber auch die Nachhaltigkeit. Es geht zum einen darum, einen bedarfsorientierten und an beruflich relevanten Situationen ausgerichteten Unterricht anzubieten, zum Beispiel zu trainieren, wie ich am ersten Tag im Praktikum Vorgesetzte, aber auch die Kolleginnen und Kollegen begrüße, wie ich bei Unklarheiten nachfrage oder auch wie ich meine Kompetenzen und Fähigkeiten darstelle. Zum anderen sollte der Unterricht die Lernenden in die Lage versetzen, auch nach Kursende weiterzulernen, indem sie zum Beispiel Kommunikationssituationen am Arbeitsplatz als Lerngelegenheit wahrnehmen und weiter an der Sprache arbeiten. Das heißt, dass es für den berufsorientierten Unterricht häufig kein vorgefertigtes Programm gibt und viele Lehrende – bestenfalls gemeinsam mit den Teilnehmenden – passende Lehrmaterialien entwickeln bzw. authentische Materialien didaktisieren müssen.

Heute gehen noch viele Lehrende davon aus, dass es sich bei berufsorientiertem Fremdsprachenunterricht um Fachunterricht handelt, bei dem sie sich nicht auskennen. Und die Lernenden glauben ebenfalls, dass sie langweiligen, für ihren Alltag wenig relevanten Fachwortschatz lernen müssen. Die Herausforderung ist, diese Vorannahmen aufzubrechen und dem einen kommunikativ ausgerichteten Unterricht entgegenzusetzen.

Wie wirken sich Digitalisierung und Globalisierung auf den Unterricht und den Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden aus?

Christina Kuhn: Die Globalisierung, wirkt sich, wie schon dargestellt, dahingehend aus, dass Lernende mehr und spezifischere Angebote möchten; dies fordert von den Lehrenden eine höhere Kompetenz, passgenaue Lernangebote zu entwickeln und umzusetzen.
Darüber hinaus haben durch die digitalen Medien nicht nur Lernende im Zielsprachenland, sondern rund um den Globus Zugang zu Materialien in der Zielsprache. Die Lernenden, die mit dieser Vielfalt umgehen können, sind in der Lage, sich selbstständig und autonom Sprachkenntnisse anzueignen. Ein durch Medien unterstützter ungesteuerter Spracherwerb kann Lernende aber auch überfordern und frustrieren.

„Autonomes Lernen soll gefördert werden“

Anne Sass: Die Lehrenden sind daher auch gefordert, den Umgang mit digitalen Materialien zu üben und das zielgerichtete, autonome Lernen zu fördern. Auch das erfordert umfangreiche methodisch-didaktische Kenntnisse. Außerdem verändert dies grundlegend das Schüler-Lehrer-Verhältnis, denn die Lernenden können jederzeit Wissen im Internet recherchieren – der Wissensvermittler hat also ausgedient! Der Lehrende moderiert den Lernprozess und arbeitet gemeinsam mit den Lernenden daran, die kommunikativen Kompetenzen für zukünftige berufsorientierte Situationen zu entwickeln.

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Wie kann man den individuellen sprachlichen Hintergründen der Lernenden im Fremdsprachunterricht heutzutage gerecht werden?

Anne Sass: Da gibt es natürlich keine Einheitslösung. Wichtig ist aber in jedem Fall, die Lernenden mit ihren persönlichen Zielen und Wünschen ernst zu nehmen. Dazu gehört es, immer wieder den Lernstand und Lernprozess zu evaluieren und Feedback zu geben. Das Schlagwort Binnendifferenzierung wird ja dann oft verwendet; das wird aber häufig so verstanden, dass die Lehrenden wie Dompteure im Zirkus unterschiedliche Niveaus gleichzeitig bedienen sollen, was – wenn überhaupt – nur mit sehr viel (unbezahlter!) Mehrarbeit gelingt. Es geht daher nicht darum, noch mehr und noch differenziertere Arbeitsblätter zu erstellen, sondern um individuelle Förderung, zum Beispiel durch Sprachcoaching und Förderung der Interaktion und Kooperation der Lernenden im Kursraum und darüber hinaus. Denn Lernen braucht Beziehung. Die Ansätze zur Vermittlung von berufsorientiertem Deutsch, die wir in Fremdsprache Deutsch, Heft 59 aufzeigen, bieten hier vielfältige methodische Ansätze.

Sie geben einen Einblick in die sogenannte Szenario-Methode – könnten Sie erläutern, was sich hinter dem Konzept dieser Methode verbirgt?

Anne Sass: Die Szenario-Methode ist ein umfassendes Unterrichtskonzept, das sich sehr gut für berufsorientierte Lerninhalte eignet. Zunächst werden die Bedarfe der Zielgruppe ermittelt. Wenn zum Beispiel eine Lerngruppe auf das Thema „Erster Tag im Praktikum“ vorbereitet werden soll, werden alle relevanten Themen und Sprachhandlungen im Sprachkurs erarbeitet; zum Beispiel „den Chef/die Chefin begrüßen, über die Anreise sprechen, Fragen zur Firma stellen können, eine Arbeitsaufgabe verstehen und Rückfragen stellen, die neuen Kolleginnen und Kollegen begrüßen, mit den Kolleginnen und Kollegen in der Kantine Small Talk machen“.

Wenn die Lernenden diese Situationen sprachlich bewältigen können, wird das Szenario durchgeführt; die Lernenden erhalten „ein Drehbuch“ für eine realitätsnahe Situation und können diese in mehreren Schritten bearbeiten, zum Beispiel einen Termin per E-Mail bestätigen, Kolleginnen und Kollegen begrüßen und nach zu erledigenden Aufgaben fragen. So wenden die Lernenden ihre zuvor erworbenen Kenntnisse gezielt und realitätsnah an. Eine gemeinsame Auswertung des Szenarios rundet den Unterricht ab und dient dazu, die nächsten Schritte abzuleiten, zum Beispiel: Was ist schon gut gelungen? Was sollte in jedem Fall wiederholt werden? Welche Themen oder Lerninhalte müssen vertieft werden? Was sind die nächsten relevanten Themen, die bearbeitet werden müssen?

Wie reagieren Lernende auf solche interaktiven Unterrichtskonzepte?

Christina Kuhn: Wenn die Lernziele transparent sind und dem Niveau der Lernenden entsprechen, reagieren viele begeistert auf diese Formen der Sprachvermittlung, denn sie erleben, wie sie mit den erlernten sprachlichen Mitteln kommunikative Situationen – wie aus dem wirklichen Leben – bewältigen können.

„Lernende sind als interaktiv sprachlich-handelnde Persönlichkeiten gefragt“

Dennoch kann es sein, dass Lernende zunächst irritiert sind, dass sie in einem solchen Sprachkurs nicht einfach nur Grammatik und (Fach-)Wortschatz pauken, sondern als interaktiv sprachlich-handelnde Persönlichkeiten gefragt sind.

Verraten Sie uns Ihre persönlichen Geheimrezepte für einen gelungenen Fremdsprachenunterricht?

Christina Kuhn: Mal was Neues ausprobieren, in der Vorbereitung den Unterrichtsprozess immer wieder gedanklich durchspielen, neugierig bleiben und sich auch mal positiv überraschen lassen…

Anne Sass: Und zusätzlich: den Teilnehmenden auf Augenhöhe begegnen, die Lernstile, Lerngewohnheiten und Sprachlernerfahrungen der Lernenden einbeziehen, Kompetenzen vermitteln, statt nur Sprachwissen. Lerntechniken und -strategien ausbauen, um selbstständiges Weiterlernen zu ermöglichen.

Und letztendlich – weniger ist mehr, das heißt wenige relevante sprachliche Mittel üben, die brauchbar, verstehbar und lernbar sind. Außerdem dürfen der fachliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und die regelmäßige eigene Fortbildung nicht fehlen!

Zu den Personen

Dr. Christina Kuhn
ist Akademische Rätin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, im Leitungsteam der Arbeitsstelle für Lehrwerkforschung und Materialentwicklung (ALM) und Lehrwerkautorin. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind Deutsch für den Beruf, Lehren und Lernen mit digitalen Medien, Lehrwerkforschung und Curriculumentwicklung.
Anne Sass ist Sprachtrainerin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, für Lehreraus- und Fortbildung, Coaching und Supervision. Ihre Arbeitsschwerpunkte im Bereich DaF/DaZ sind berufsbezogenes Deutsch, Interkulturelle Sensibilisierung und Lehrerfortbildung Methodik/Didaktik.


Fremdsprache Deutsch Heft 59 (2018): Berufsorientiertes Deutsch

Herausgegeben von Goethe-Institut, Prof. Dr. Christian Fandrych, Dr. Imke-Carolin Mohr, Prof. Dr. Ingo Thonhauser, Prof. Dr. Britta Hufeisen, Dr. Rainer E. Wicke

Verantwortliche Heftherausgeberinnen: Dr. Christina Kuhn, Anne Sass

Berufliches Handeln gelingt nur mit Kommunikation. Durch Globalisierung, Technisierung und Migration werden in unterschiedlichen beruflichen Kontexten anwendbare fremdsprachlich-kommunikative Kompetenzen für immer mehr Menschen zum zentralen Bestandteil beruflicher Handlungsfähigkeit und beruflichen Erfolgs. Um der Vielfalt der Kommunikationssituationen und Textsorten in der Arbeitswelt gerecht zu werden, reicht es nicht aus, den Lernenden fachsprachliche Kenntnisse zu vermitteln. Es sind vielmehr innovative Unterrichtsformen notwendig, die lernerorientiert und bedarfsgerecht die kommunikativen und interkulturellen Kompetenzen der Lernenden von Beginn des Sprachenlernens an berufsorientiert fördern.


(ESV/lp)

Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache

 
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