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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Nadine Pieck (HS Magdeburg-Stendal)
Twitter weiterempfehlen  16.10.2018

Pieck: „Wer Arbeit menschengerecht gestalten will, der muss die Organisation immer wieder verändern“

ESV-Redaktion Arbeitsschutz
Prof. Nadine Pieck: „BGM wird uns lange begleiten” (Foto: Viktoria Kühne)
Was kann beim Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement schieflaufen? Wie geht es besser? Nadine Pieck, Professorin für Gesundheitsförderung und Prävention sowie Autorin in der neuen Seminarreihe des Projekts „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt” (psyGA), gibt im Gespräch mit der ESV-Redaktion Antworten.
Nur ein Viertel aller Betriebe verfügt über ein Betriebliches Gesundheitsmanagement, kurz BGM. Warum sind es nicht mehr?

Nadine Pieck: Das ist ein Phänomen, das wir auch von der Gefährdungsbeurteilung kennen. BGM ist ein komplexes und anspruchsvolles Aufgabenfeld, das Unternehmen erst lernen müssen. Vor allem wenn man Routinen verändern und eine gesundheitsförderliche Haltung in die täglichen Abläufe integrieren will, kann das herausfordernd sein. Dazu kommt, dass Gesundheitsmanagement eine Querschnittsaufgabe ist. Und als solche ist es eingebunden in Interessenkonflikte und Aushandlungsprozesse. Ein richtig verstandenes BGM bedeutet also Organisationsentwicklung.

Was hat den Anstoß gegeben, die Seminarreihe zu entwickeln?

Nadine Pieck: Unser Grundverständnis von BGM ist ein ganzheitlicher Ansatz. Diese Haltung wollen wir auch den Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern vermitteln. Unsere Hauptzielgruppe sind Verantwortliche für das Gesundheitsmanagement in größeren Unternehmen, die andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter qualifizieren. Ein guter Ort um diese Akteure zu erreichen, sind Seminare oder die Arbeit in Netzwerken. Mit dem Seminarangebot wollen wir Räume schaffen, in denen die Akteure ihr eigenes Handeln reflektieren können.

„Ein Erfolgsfaktor ist auf jeden Fall die aktive Unterstützung durch das Management”

Um BGM umzusetzen brauchen Unternehmen Veränderungsbereitschaft. Was sind die Erfolgsfaktoren, damit der Wandel gelingt?

Nadine Pieck: Unternehmen sollten zunächst eine Bestandsaufnahme machen und sich mit ihren Arbeitsbedingungen auseinandersetzen. Ein Erfolgsfaktor ist auf jeden Fall die aktive Unterstützung durch das Management. Und es ist unverzichtbar, einen sinnvollen Zuschnitt festzulegen. Im Seminar haben wir dazu das Teilmodul „Gesundheitsmanagement als Veränderungsprozess“. BGM ist ein kontinuierlicher Prozess. Ein wichtiger Tipp ist deshalb, das Aufgabenfeld zu begrenzen. Also: Mit welchen Bereichen und mit welchen Themen wollen wir anfangen? Unternehmen sollten vermeiden, am Anfang alles zu wollen, sondern einen bearbeitbaren Ausschnitt wählen.

Nach welchen Kriterien würden Sie dieses Aufgabenfeld auswählen und wie würden Sie in den BGM-Prozess einsteigen?

Nadine Pieck: Ich würde mit einer Organisationseinheit mit mittlerem Schwierigkeitsgrad starten. Also am besten nicht mit dem Bereich, an den man sich schon seit Jahren nicht herantraut. Dazu würde ich mit Beteiligung der Beschäftigten, also zum Beispiel in Mitarbeiterbefragungen oder Arbeitssituationsanalysen, nach Handlungsbedarfen fragen. Anschließend gilt es gemeinsam mit den Führungskräften zu entscheiden, wo die Prioritäten liegen sollen. Es ist wichtig, diese Auftragsklärung mit den unterschiedlichen Akteuren gemeinsam zu machen.

Zur Person
Dr. Nadine Pieck ist seit 2016 Professorin für Gesundheitsförderung und Prävention im Betrieb - Stiftungsprofessur - an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zudem ist sie die  Koordinatorin im Forum Öffentlicher Dienst des Deutschen Netzwerks für betriebliche Gesundheitsförderung (DNBGF). Nadine Pieck hat Sozialwissenschaften an der Leibniz Universität Hannover studiert.

Um noch einmal auf das Thema Führung zurückzukommen: Was kann ich tun, um die Führungsebene gut einzubinden?

Nadine Pieck: Das Wichtigste ist, dass ich mit den Führungskräften im Gespräch bin. Eine Leitfrage sollte sein: Was sind wichtige Anliegen aus Sicht des Unternehmens? Um darauf eine Antwort zu finden, eignen sich zum Beispiel Workshops. Die Ergebnisse kann ich nutzen, um die nächsten Schritte und Prozesse abzuleiten. Mein Tipp ist: Gehen Sie nicht den Weg über das Papier. Sie sollten also nicht damit beginnen, ein Konzept aufzusetzen und erst danach die Beteiligung organisieren. Machen Sie stattdessen einen gemeinsamen Auftakt, um sich dem Thema anzunähern, und seien Sie auch offen für die Bedenken, die möglicherweise zur Sprache kommen. Anschließend können Sie gemeinsam festlegen, unter welchen Bedingungen die Organisation das Thema aufgreifen will.

Stichwort psychische Gesundheit: Welchen Beitrag kann BGM hier leisten?

Nadine Pieck: Der Auftakt für ein BGM ist immer eine Bestandsaufnahme. Ein BGM zeigt Ihnen, welche Belastungen und Ressourcen es im Unternehmen gibt. Dann sollten im nächsten Schritt Belastungen möglichst reduziert werden. In Bezug auf die Ressourcen sollte man sich als Gesundheitsmanagerin oder -manager fragen: Welche kann ich fördern? Was brauchen die Mitarbeitenden und ich an Ressourcen, um auch die Belastungen bewältigen zu können?

Insbesondere kleine Unternehmen haben beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement Berührungsängste. Was raten Sie ihnen?

Nadine Pieck: Ich finde das Motto „Weniger ist mehr“ hilfreich. Einfach mit einem Bereich anfangen, ihn auswerten, daraus lernen und es anschließend besser machen. Als Format sind Workshops auch für kleine und mittlere Betriebe gut geeignet. Mein Tipp ist auch: Genießen Sie Verschnaufpausen. Wenn Sie nach einem Veränderungsprozess feststellen, dass Sie in einem bestimmten Bereich gut aufgestellt sind, können Sie Bilanz ziehen. Es wird immer wieder neue Themen für das Betriebliche Gesundheitsmanagement geben. Das liegt allein schon daran, dass auch die Rahmenbedingungen sich ständig verändern. Ein BGM muss mitwachsen.

Wie schätzen Sie die Rolle von BGM in der Zukunft ein?

Nadine Pieck: BGM ist in jedem Fall ein Thema, das uns noch lange begleiten wird. Für Unternehmen ist es eine kontinuierliche Anstrengung, für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen. Es ist wichtig, sich ehrliches Feedback einzuholen und dann die Ursachen in den Bereichen zu verändern, in denen etwas nicht passt. Wer Arbeit menschengerecht gestalten will, der muss die Organisation immer wieder verändern. Dazu muss man reflektieren: Wo sind überhaupt Handlungsbedarfe, wie wirken sie sich aus? Das ist Organisationsentwicklung. Und dafür muss man Zeit einräumen.

Das Gespräch führte Dalia El Gowhary für die ESV-Redaktion.

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(ESV/deg)



Programmbereich: Arbeitsschutz

 
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