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Nachgefragt bei: Professor Dr. Thorsten Roelcke
Twitter weiterempfehlen  07.01.2020

Roelcke: „Fachsprachen unterscheiden sich von der Sprache im Alltag in vielerlei Hinsicht.“

ESV-Redaktion/Ln
Prof. Dr. Thorsten Roelcke beschäftigt sich seit vielen Jahrzehnten mit Kommunikation und Fachsprachen (Foto: privat)
Die Bedeutung von Fachsprachen rückt immer stärker in den Fokus der Bildungspolitik. Neben der Alltagssprache ist das Erlernen von spezifischen Fachsprachen wesentlich für den (Lern-) Erfolg der Beteiligten.
Lesen Sie im Folgenden ein Interview mit Herrn Professor Dr. Thorsten Roelcke, Autor des neu erschienenen Lehrbuchs zu „Fachsprachen“ im ESV.

Lieber Herr Roelcke, wozu brauchen wir Fachsprachen?

Thorsten Roelcke: Unsere moderne Gesellschaft ist durch eine zunehmende Differenzierung, Dynamisierung und Dezentralisierung von verschiedenen Tätigkeitsfeldern geprägt – so zum Beispiel in Technik und Handwerk, Wirtschaft und Verwaltung oder Forschung und Lehre. In all diesen Bereichen wird mit spezialisierten Kenntnissen und Fähigkeiten gearbeitet. Um diese Arbeit mit möglichst hohem Erfolg, aber auch nicht zu großem Aufwand zu gestalten, benötigen wir spezielle Ausdrucksweisen – die Fachsprachen.

Was unterscheidet eine Fachsprache von unserer Alltagssprache?

Thorsten Roelcke: Fachsprachen unterscheiden sich von der Sprache im Alltag in vielerlei Hinsicht. Am meisten bekannt und bewusst sind hier sicherlich Besonderheiten im Wortschatz: Fachwörter bzw. Termini tragen oft eine spezifische Bedeutung, die sie durch eine Definition erhalten, so etwa im Bereich des Rechts Eigentum als ‚rechtliche Herrschaft über eine Sache‘ und Besitz als ‚tatsächliche Herrschaft über eine Sache‘; bisweilen finden sich eigene Wortbildungen wie in der Technik beispielsweise Rasterelektronenmikroskop. Darüber hinaus ist für viele Fachtexte ein relativ komplexer Satzbau mit vielen Nebensätzen und verschiedenartigen Konjunktionen charakteristisch; auf der Ebene des Textes sind hier insbesondere ausgeprägte Gestaltungsmuster zu nennen, die eine bessere Orientierung erleichtern sollen, so etwa im Falle von Beipackzetteln zu Medikamenten, deren Aufbau sogar durch eine eigene Verordnung geregelt wird. Über solche sprachlichen Besonderheiten hinaus finden wir in vielen Fachtexten auch nichtsprachliche Elemente wie Formeln oder Graphiken, die ebenfalls verstanden werden müssen.

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Welche Herausforderungen stellen sich bei der Übersetzung von fachsprachlichen Texten?

Thorsten Roelcke: Die Übersetzung von Fachtexten steht vor erheblichen Herausforderungen: Dies gilt zum einen in sprachlicher Hinsicht, als nicht allein sprachliche, sondern auch und gerade fachsprachliche Übersetzungsäquivalente gefunden und in zielsprachlicher Orientierung eingesetzt werden müssen. Strukturelle Charakteristika einzelner Sprachen können diesen Prozess erschweren: Zu denken ist hier etwa an die Tendenz, in deutschsprachigen Texten Komposita zu verwenden, die in anderen Sprachen nicht als eigene Bildungen wiedergegeben werden können. Zum anderen stellt aber auch das erforderliche Fachwissen eine Herausforderung für fachliche Übersetzungen dar: Auch wenn in der Forschung diskutiert wird, über wie viel Fachwissen Fachübersetzende eigentlich verfügen müssen, steht außer Frage, dass es ganz ohne ein solches Wissen sicher nicht geht.

Momentan liegt der Fokus der Fachsprachenlinguistik vor allem auf den sozialen Bedingungen der Fachsprachen. Inwiefern tragen Fachsprachen zur sozialen Identitätsstiftung bei oder können sogar als „Gruppensprachen“ eingestuft werden?

Thorsten Roelcke: Fachliche Kommunikation erfolgt in spezialisierten menschlichen Tätigkeitsbereichen; dient sie dabei dem Erwerb von Lebensunterhalt, sprechen wir von beruflicher Kommunikation. Auch wenn dabei eine soziale Gruppe nicht unmittelbar im Vordergrund steht, sondern erst mittelbar durch die gemeinsame Tätigkeit entsteht, kann sie durchaus eine eigene Dynamik entfalten und eigene Interessen verfolgen.

Gemeinsame Identität durch Fachsprache

Berühmte Beispiele hierfür sind Kirchenbauhütten im Mittelalter oder Chirurgenkreise in modernen Krankenhäusern, die neben bzw. mit ihrer fachlichen Tätigkeit auch eine gemeinsame Identität entwickeln. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, sondern höchst sinnvoll, dass Fachsprachen als primär funktionale Sprachausprägungen zumindest sekundär auch als Gruppensprachen verstanden und entsprechend erforscht werden. Allerdings sollte eine solche soziolinguistische oder gar sprachsoziologische Betrachtungsweise nicht von den genuin sprachlichen und kommunikativen Aspekten wegführen.

Ihr Buch „Fachsprachen“ erscheint nun bereits in 4. Auflage im Erich Schmidt Verlag. Wie hat es sich seit der Erstauflage 1999 entwickelt?

Thorsten Roelcke: Die Fachsprachenlinguistik ist eine verhältnismäßig junge Disziplin, die überwiegend innerhalb der angewandten Sprachwissenschaft verankert ist. Dies gilt für die Terminologielehre, die seit den 1930er Jahren bis heute (etwa im Deutschen Institut für Normung, DIN) betrieben wird ebenso wie für die text- oder soziolinguistisch angelegte Fachsprachenforschung, die sich seit den 1970er Jahren immer weiter etabliert hat und nun eine feste Größe darstellt. Hinzu kommt die Didaktik von Fachsprachen im erst-, zweit- und fremdsprachlichen Bereich, die zahlreiche neue Tätigkeitsfelder eröffnet hat.

Herausforderungen der „Fachsprachen“

Die diversen Auflagen der „Fachsprachen“ strebten stets an, solche Entwicklungen aufzugreifen und aufzuarbeiten, standen jedoch immer vor mindestens zwei Herausforderungen: Zum einen gibt es bis heute viele fachsprachenlinguistische Diskurse, aber keine eigene Fachsprachenlinguistik unter einem gemeinsamen Dach: Hier musste ausgewählt werden, wobei mir insbesondere die Erfassung und Darstellung von strukturellen Erscheinungen fachlicher Sprache und Kommunikation immer sehr wichtig war und ist. Zum anderen neigt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit fachsprachlicher Kommunikation immer wieder zu einer gewissen Theorie- oder Modellierungsferne, was ihre Ergebnisse oftmals nur schwer zu beurteilen und miteinander zu vergleichen lässt. Hier versuchen die „Fachsprachen“, zum Teil auch neue Möglichkeiten zur Orientierung zu geben. Während die zweite Auflage des Bandes (2005) lediglich einige Korrekturen und Aktualisierungen enthielt, stellt die dritte Auflage (2010) eine vollständige Überarbeitung dar, in deren Rahmen fachsprachliche Beispiele noch stärker in den Gesamttext integriert wurden. In der nun vorliegenden vierten Auflage (2019) wurden die Kapitel zur Theorie, zur Systematik und zur Didaktik von Fachsprachen gründlich überarbeitet und wesentlich erweitert, diejenigen zur terminologischen Normung und zur Fachlexikographie gekürzt und zusammengefasst.

Was ist Ihre ganz persönliche Verbindung zu Fachsprachen?

Thorsten Roelcke: Die Beschäftigung mit Fachsprachen prägt meine Arbeit bereits seit meiner Promotionsphase, die mir im Rahmen einer sprachwissenschaftlichen Untersuchung von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ so einige Überraschungen beschert hat. Seither lassen mich Fragen, wie wir fachlich in Wissenschaft, Technik und Institutionen kommunizieren und wie Fachsprache diese Kommunikation, aber auch unser Denken und Handeln dabei selbst unterstützt bzw. beeinflusst, nicht mehr los. Inwieweit das meinen eigenen Fachsprachengebrauch prägt, müssen andere entscheiden.

Zur Person
Professor Dr. Thorsten Roelcke ist Leiter des Fachgebiets und des Masterstudiengangs „Deutsch als Fremd- und Fachsprache“ sowie Wissenschaftlicher Leiter der „Zentraleinrichtung Moderne Sprachen“ (ZEMS) an der Technischen Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen fachlicher Kommunikation, Deutsch als Fremdsprache sowie Geschichte der deutschen Sprache.

Fachsprachen

von Prof. Dr. Thorsten Roelcke

Die moderne Welt ist durch eine zunehmende Spezialisierung von Kenntnissen und Tätigkeiten geprägt. Diese Entwicklung schafft täglich neue Bedingungen und Herausforderungen für die Kommunikation in einzelnen fachlichen Bereichen wie im Alltag. Vor diesem Hintergrund führt der Band in die theoretischen und methodischen Grundlagen sowie in die empirischen Ergebnisse der älteren und jüngeren Erforschung fachsprachlicher Verständigung ein und regt zu einer selbständigen Beschäftigung mit diesem wichtigen Gebiet der angewandten Sprachwissenschaft an.

Das Buch umfasst systematische, pragmatische und historische Gesichtspunkte der deutschen Fachsprachen. Neben der begrifflichen Bestimmung und Gliederung von Fachsprachen und einem geschichtlichen Überblick geht es auch um deren Eigenschaften in Wortschatz und Grammatik sowie um die fachsprachliche Ausbildung in Schule und Beruf. Einige wissenschaftssprachliche Persiflagen, ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein umfangreiches Register runden diesen Band zu einer umfassenden Einführung in den sich zunehmend differenzierenden Bereich wissenschaftlicher und professioneller Verständigung ab.

In der 4. Auflage wurden über Aktualisierungen und Korrekturen im gesamten Text hinaus insbesondere die Kapitel zur Theorie, zur Systematik und zur Didaktik von Fachsprachen überarbeitet und erweitert; diejenigen zur terminologischen Normung und zur Lexikographie wurden gekürzt und zusammengefasst.

 


(ESV/vh)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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