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Roth: „Drei Viertel der Verbraucher wollen umweltfreundliche Getränkeverpackungen” (Foto: privat)
Nachgefragt bei: Sascha Roth (NABU Bundesverband)

Roth: „Deutschland könnte 400.000 Tonnen Plastikmüll und 1,5 Millionen Tonnen CO2 einsparen”

ESV-Redaktion Recht
20.06.2017
Wer kennt es nicht, das Einwegpfand für Plastikflaschen, das 2003 eingeführt wurde. Doch hat der Gesetzgeber seine damaligen Ziele erreicht? Im Interview mit der ESV-Redaktion zeigt Sascha Roth vom Naturschutzbund Deutschland die Schwachstellen dieser Reform auf und bietet Lösungen an.


Herr Roth, warum hat der Gesetzgeber damals das verpflichtende Einwegpfand, etwa fr Plastikflaschen und Dosen eingefhrt?


Sascha Roth: Die rot-grne Bundesregierung verfolgte damals das Ziel, durch ein Zwangspfand auf bestimmte Einweggebinde die Vermllung der Landschaften - kurz: Littering - durch immer mehr Einwegplastik zu begrenzen. Gleichzeitig sollte der Trend zu immer mehr Einweg auf dem Getrnkemarkt gestoppt werden und ein Anteil von Mehrweg- und kologisch vorteilhaften Einwegverpackungen von 80 Prozent erreicht werden. Ersteres hat man weitestgehend erreicht. Aber der Einwegtrend bleibt bis heute ungebrochen: Der Anteil von Mehrweggebinden ist von 2004 bis 2014 von knapp 67 auf rund 45 Prozent zurckgegangen.

Die neue Einweg-Pfandpflicht galt unter anderem fr Einwegflaschen aus Plastik oder fr Dosen aus Alu und Weiblech fr Bier oder Wasser. Spter kam die Pfandpflicht fr Getrnke ohne Kohlensure dazu. Wein oder Sekt sind nun wieder ausgenommen. Welchen Sinn macht es, Einweg-Pfandpflichten am Inhalt und nicht am Material festzumachen?

Sascha Roth: Zwei Aspekte sprechen gegen eine allgemeine Einweg-Pfandpflicht: Einwegglas fr Wein, Sekt und Spirituosen zu bepfanden, damit der Kunde diese wieder zurck bringt, knnte schnell kologisch negativ zu Buche schlagen. Hier ist der Gang zum Altglascontainer sinnvoller, bevor neue komplizierte Rckgabe- und Transportlogistik getrennt von den Plastikflaschen aufgebaut werden muss. Und Plastik ist nicht gleich Plastik: PET-Flaschen fr Sfte haben z.B. eine sogenannte Sauerstoffbarriere. Werden diese zusammen mit Mineralwasser-PET gesammelt, verschlechtert sich die Recyclingfhigkeit der Flaschen stark. Eine klare Trennung kann noch nicht berall gewhrleistet werden.

Warum sind Mehrwegsysteme kologisch gegenber Einweg-Systemen vozuziehen?

Sascha Roth: Sie sind je nach Material zwischen 25 (Plastik) und 50-mal (Glas) wiederbefllbar, danach recycelbar und sparen damit groe Mengen an Rohstoffen und Energie ein. Einweg-Plastikflaschen sind, anders als die Werbung vermittelt, keine wirklichen Kreislaufflaschen. Nur ca. ein Drittel der zurckgegebenen Flaschen wird wieder zu neuen Flaschen. Der Rest geht in Folien oder Textilprodukte, die dann meist nicht mehr recycelt werden knnen. Am besten entscheidet sich der umweltbewusste Kunde deshalb fr Glas-Mehrweg aus der Region.

Zur Person
Sascha Roth ist Politikwissenschaftler und Referent fr Umweltpolitik des NABU-Bundesverbandes.

Sie kritisieren den sogenannten Pfandschlupf, der nach wie vor besteht. Was verstehen Sie darunter?


Sascha Roth:Pfandschlupf ist der Gewinn fr die rund 720 Millionen Flaschen und Dosen, die im Jahr nicht zurckgegeben werden, und der bei den Hndlern und Abfllern verbleibt. Hier reden wir von 180 Millionen Euro im Jahr.

Wer auf Einweg setzt, profitiert vom Pfandschlupf

Das heit konkret, wer profitiert davon?

Sascha Roth: Es profitieren genau die, welche die frhere Verpackungsverordnung belasten wollte, um zu Mehrweg umzuschwenken. Vor allem Discounter, die zu 100 Prozent auf Einweg setzen und zum groen Teil Eigenmarken abfllen, freuen sich ber die Mehreinnahmen. Zu Beginn konnte der Preis fr Mineralwasser im Einweg wegen der Gewinne aus dem Schlupfso niedrig gehalten werden, dass die Mehrwegabfller nicht mehr konkurrieren konnten. Ein umweltfreundliches Umdenken wird so nicht erreicht. Wer auf Einweg setzt, profitiert vom Pfandschlupf und vom Verkauf der PET- und Aluminiumballen. Die Einnahmen aus dem Verkauf dieser Wertstoffe belaufen sich deutschlandweit auf ca. 68 Millionen Euro.

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Ist die aktuelle Gesetzeslage trotz des neuen Verpackungsgesetzes damit nicht immer noch lckenhaft und entbindet der Gesetzgeber vor allem die Discounter nicht aus ihrer Verantwortung?

Sascha Roth: Genau das ist das Problem, das in der Politik nicht gesehen wird. Der Gesetzgeber setzt auf eine unverbindliche Mehrwegquote von 70 Prozent. Das Nicht-Erreichen hat keine weiteren Konsequenzen. Diese Wunschquote wird also nichts ndern. Das Gesetz sieht eine schwache Kennzeichnungspflicht fr Einweg am Regal vor. Beim Discounter mit 100 Prozent Einweg reicht dann ein Hinweisschild im ganzen Markt. Verbraucheraufklrung sieht anders aus. Das Thema Pfandschlupf war nie Bestandteil der politischen Debatte zum Verpackungsgesetz. Wir brauchen aber eine Zweckbindung fr die Einnahmen aus dem Schlupf.

Wie sollten die Gelder, die hierdurch frei werden, eingesetzt werden?

Sascha Roth: Sie mssen fr die Frderung von Mehrwegprojekten eingesetzt werden, indem etwa Abfller, die auf Mehrweg setzen wollen, untersttzt werden. Das ist ohne Weiteres mglich. Dnemark hat zum Beispiel beim Pfandschlupf von Anfang an mitgedacht und setzt die Einnahmen fr Umweltprojekte ein. Dort wird das Pfandclearing auch staatlich betrieben und die Finanzstrme knnen klar nachvollzogen werden im Gegensatz zum deutschen intransparenten System, in dem die Profiteure verborgen bleiben. Das Geld darf nicht bei Einwegabfllern und Hndlern verbleiben. Wir drfen nicht vergessen, dass nicht zurckgegebene Flaschen und Dosen meist entweder im Gelben Sack oder in der Restmlltonne landen und dort wieder Entsorgungskosten verursachen. Kurz gesagt, die Einwegunternehmen bekommen Geld, die Entsorgungskosten tragen Andere.

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Zudem schlagen Sie eine Getrnkeverpackungssteuer vor. Wie hoch sollte diese sein und was verspricht sich der NABU davon? Soll diese Steuer die bisherigen Pfandsysteme ersetzen?

Sascha Roth: Anstatt auf eine Ausweitung der Pfandpflicht zu setzen, fordern wir die Einfhrung einer Getrnkeverpackungssteuer und eine klare Kennzeichnung fr Einwegflaschen auf der Verpackung statt am Regal.

Erreichen wir durch eine Getrnkeverpackungssteuer eine Quote von 80 Prozent an Mehrweggetrnken und Getrnkekarton, dann knnten wir in Deutschland ber 400.000 Tonnen Plastikmll und 1,5 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Die Einwegflasche aus Plastik wrde so um ca. 9,4 Cent teurer als heute.

Die Steuer soll das bisherige Pfandsystem aber nicht ersetzen, denn das Einwegpfand sorgt dafr, dass Plastik und Alu nicht in die Umwelt geworfen, sondern sortenrein gesammelt und recycelt werden. Sie brauchen also zwei Manahmen fr zwei Umweltziele: Das Pfand vermeidet das Littering, die Steuer reduziert Einweg und strkt Mehrweg.

Befrchten sie nicht, dass Getrnkeindustrie und Handel diese Abgabe auf den Endverbraucher umlegen und am Ende der Verbraucher die Zeche zahlt?

Sascha Roth: Der Endverbraucher kann die Steuer durch die Wahl seiner Getrnkeverpackung ja umgehen. Wenn er sich fr Mehrweg entscheidet, zahlt er weniger Steuer als fr die Einwegalternative. Seine Entscheidung fr Mehrweg wird dadurch gefrdert. Bei einer reprsentativen Umfrage, haben sich ca. die Hlfte der Verbraucher fr die Einfhrung einer Getrnkeverpackungssteuer ausgesprochen. Drei Viertel der Verbraucher wnschen sich umweltfreundliche Getrnkeverpackungen in ihrem Markt. Die Kunden haben es verstanden, nun mssen Hndler und Abfller nachziehen.
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(ESV/bp)

Programmbereich: Umweltrecht und Umweltschutz