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Neues aus der Studienreihe Romania
Twitter weiterempfehlen  21.02.2019

Sartre: „L’homme est condamné à être libre.“

ESV-Redaktion Philologie
Der Inbegriff von Freiheit: Schwerelos im All (Foto: Fotolia/sdecoret)
Das Konzept von Freiheit ist zahlreichen Differenzierungen unterworfen. Obwohl die Verknüpfung von Freiheit mit Wahl offensichtlich scheint, muss sie hinterfragt werden und die Grenzen von Freiheit und Unfreiheit müssen stets neu verhandelt werden.
Beispielsweise kann aus dem Bedürfnis nach Sicherheit die Einschränkung von Freiheitsrechten resultieren. Im soeben erschienenen Band „Liberté e(s)t choix“, herausgegeben von Sieglinde Borvitz und Yasmin Temelli, beschäftigt sich die Beiträgerin Ursula Hennigfeld in ihrem Artikel „La France sera islamiste?“ mit Dystopien der Freiheit bei Rufin, Houellebecq und Sansal. Einleitend erläutert sie die Begriffe liberté und choix unter Rückgriff auf Jean-Paul Sartre und schafft so eine Basis für die weitere Analyse. Lesen Sie hier einen Auszug:
„[…] ‚Freiheit‘ wird im alltäglichen Sprachgebrauch vor allem als Gegenbegriff zu Sklaverei und Gefangenschaft verwendet und als ‚Freisein von fremder Gewalt‘ oder ‚Friede‘ (das heißt Schutz vor Gewalt) definiert. Im öffentlichen Leben gehören zu den bürgerlichen Grundrechten etwa die Pressefreiheit (liberté de la presse), Religionsfreiheit (liberté de culte), Redefreiheit (liberté d?expression), Bewegungsfreiheit (liberté de circulation) und Versammlungsfreiheit (liberté de réunion).
‚Freiheit‘ und der damit zusammenhängende Begriff der ‚Wahl‘ gehört darüber hinaus zu den zentralen Termini der Philosophie (zum Beispiel bei Aristoteles, Augustinus, Kant, Fichte, Sartre und Jonas). In der griechisch-römischen Antike ist ‚Freiheit‘ terminologisch noch nicht klar fassbar und artikuliert sich eher im Denken der Notwendigkeit (anánke), des Schicksals (moira, heimarméne, peproméne) und des Zufalls (týche) (vgl. Warnach/ Spaemann 1972: 1064).

Neues aus der Studienreihe Romania 22.02.2019
Jede Freiheit hat Grenzen
Rund zwanzig Mal kommt der Begriff „Freiheit“ im Grundgesetz vor und hat somit einen gewichtigen Anteil an unseren Grundrechten; auch in vielen anderen Rechtstexten ist Freiheit ein Grundprinzip, dass eingefordert wird und wurde. Nach Immanuel Kant kann die Freiheit des einen mit der Freiheit aller anderen zusammen bestehen. mehr …

Wahl ist nicht nur Erkennen, sondern auch Streben und Wollen

Wie schwierig Wahl und Freiheit zusammenzudenken sind, zeigt sich bei Aristoteles: Wahl ist nicht nur Erkennen, sondern auch Streben und Wollen (vgl. ebd.). Aristoteles unterscheidet die Freiheit der Wahl von der Freiheit der Spontaneität. Die Frage nach der Freiheit wird erst ab dem Mittelalter zum zentralen Thema. In der neuzeitlichen Philosophie umfasst ‚Freiheit‘ das Verhältnis des Lebewesens zu seiner Umwelt, willentliches Handeln des Menschen sowie eine menschliche Grundverfassung. Beim Begriff der ‚Wahl‘ wurde in der Geschichte der Philosophie terminologisch zwischen 1. Vorzugswahl (proairesis), bei der abgewogen wird, 2. Willkürwahl, zu der die Indifferenz (libertas indifferentiae) gehört und 3. (ab der Moderne) ethischer Wahl differenziert (vgl. Theunissen 2004: 19).
Prägend für den französischen Kontext dürfte vor allem die Freiheits-Konzeption Sartres sein, wie er sie in L’être et le néant (1943) formuliert: Sein und Handeln sind beim Menschen identisch, das Sein ist ein ständiges Sich-Entwerfen aus der Wahl der Möglichkeiten. Handeln bedeutet für Sartre zu wählen. Freiheit ist die Bedingung der Selbstkonstitution. Der Grundentwurf der Existenz (projet fondamental, projet originel) wird von Sartre auch als Urwahl (choix initial, projet initial) gefasst. Wahl und Bewusstsein sind für ihn dasselbe.

Die Freiheit ist nicht frei gewählt

Nur die Freiheit selbst ist nicht frei gewählt, sondern ein unhintergehbares Faktum. Lediglich die Existenz des Anderen setzt der Freiheit faktisch eine Grenze, das heißt, Freiheit wird durch die Freiheit der Anderen begrenzt. Der Zusammenhang zwischen Freiheit und Wahl besteht für Sartre in der Erkenntnis, dass selbst die Verweigerung einer Entscheidung als Entscheidung bewertet werden muss: „En outre, la liberté est liberté de choisir, mais non la liberté de ne pas choisir. Ne pas choisir, en effet, c’est choisir de ne pas choisir“ (Sartre 1943: 537).
Sartre zufolge trägt der zur Freiheit verdammte Mensch auch Verantwortung (responsabilité), für sich selbst und für die Welt, in der er lebt: [L]’homme, étant condamné à être libre, porte le poids du monde tout entier sur ses épaules: il est responsable du monde et de lui-même en tant que manière d’être. […] Il est donc insensé de songer à se plaindre, puisque rien d’étranger n’a décidé de ce que nous ressentons, de ce que nous vivons ou de ce que nous sommes (ebd.: 612).
Handeln ist also Ausdruck von Freiheit. Besonders mit Blick auf Houellebecqs Protagonisten ist es wichtig zu verstehen, dass passives Verhalten, das Vermeiden von Entscheidungen und auch der Selbstmord eine Wahl bedeuten: „me faire passif dans le monde, refuser d’agir sur les choses et sur les Autres, c’est encore me choisir, et le suicide est un mode parmi d’autres d’être-dans-le-monde“ (ebd.: 614).

Auch passives Verhalten ist eine Wahl

Das Bewusstsein der Freiheit zu verdrängen und so gewissermaßen vor sich selbst zu verbergen, nennt Sartre mauvaise foi. Sie dient dazu, eine unangenehme Wahrheit beiseitezuschieben oder an einem angenehmen Irrtum festzuhalten. […]“.

Liberté e(s)t choix
Verhandlungen von Freiheit in der französischen Literatur

Herausgegeben von Sieglinde Borvitz und Yasmin Temelli

Jede Freiheit hat Grenzen. Aber welche? Grenzen sind veränderlich und gerade die Literatur ist mit dem ihr eigenen Wissen ein Raum, in dem symbolische Konflikte ausgetragen werden. Für eine Nation wie Frankreich stellt Freiheit einen derart zentralen Wert dar, dass er in ihrem Wahlspruch Liberté, Égalité, Fraternité an erster Stelle verankert ist. Grundsätzlich stellt sich die Frage nach den vielschichtigen und nicht zuletzt widersprüchlichen Sinnzuschreibungen, welche die Freiheit (von etwas und zu etwas) erfahren kann und genau das steht im Zentrum des Bandes. Die hiesigen Beiträge zur französischen Literatur umfassen ein zeitliches Spektrum, welches von der Renaissance bis hin zu Positionen des extrême contemporain reicht.

Zu den Herausgeberinnen:
Sieglinde Borvitz ist Akademische Rätin für Romanistische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie studierte Italianistik, Frankreichstudien sowie Ost-und Südosteuropawissenschaften in Leipzig, Florenz und Paris. Zu ihren Forschungsinteressen gehören die moderne und zeitgenössische italienische und französische Literatur, visuelle Kultur, Studien zu Biopolitik und Gouvernementalität.
Yasmin Temelli ist Juniorprofessorin für iberoromanische Literatur- und Kulturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Lateinamerika an der Ruhr-Universität Bochum. Sie studierte Romanistik, Politologie und Medienwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Università degli Studi di Firenze. Zu ihren Forschungsinteressen zählen die Romanische Literat und Kultur und hier insbesondere Schnittstellen zwischen Literatur und Medizin, Gewaltforschung, Gender Studies sowie Biopolitik.

 

Programmbereich: Romanistik

 
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