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Nachgefragt bei: Dr. Arne Schumacher
Twitter weiterempfehlen  04.04.2019

Schumacher: „Das ist hohes übersetzerisches Niveau“

ESV-Redaktion Philologie
Schumacher schreibt über Humerys Übersetzung von Boethius’ „Consolatio Philosophiae“ (Foto: MERCUR/INDEED Photography)
Die „Consolatio Philosophiae“ von Boethius zu Themen der Ethik war im Mittelalter außerordentlich beliebt. Im 15. Jahrhundert übersetzte Konrad Humery den Text und wandte sich damit erstmals an ein volkssprachiges Laienpublikum. Die ESV-Redaktion sprach mit Dr. Arne Schumacher über diese Übersetzung.
Die „Consolatio Philosophiae“ wurde als eines der wichtigsten Werke der mittelalterlichen Ethik und als verbreiteter Schultext sie häufig kommentiert und in die Volkssprachen übertragen. Einer der Übersetzer war im 15. Jahrhundert der Mainzer Politiker Konrad Humery, der sich mit seiner Übersetzung „Tröstung der Weisheit“ an ein volkssprachiges Laienpublikum wendete. Im Erich Schmidt Verlag erscheint nun ein Band in der Reihe „Philologische Studien und Quellen“ von Dr. Arne Schumacher, der sich mit den Hintergründen und Besonderheiten der Übersetzung Humerys auseinandersetzt.

Lieber Herr Schumacher, die „Consolatio Philosophiae“ von Boethius ist eigentlich ein spätantikes philosophisches Werk. Worum geht es in diesem Werk und was hat es so attraktiv für das Mittelalter gemacht?

Arne Schumacher: Boethius war Philosoph und ein hochrangiger Politiker am Hofe Theoderichs des Großen. Er wurde jedoch des Hochverrats verdächtigt und zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung vor Augen (um 525 n. Chr.), schrieb er seinen berühmten Dialog, in dessen Verlauf der verzweifelte Protagonist Boethius von der allegorischen Gestalt der ‚Ärztin‘ Philosophie mit philosophischen Argumenten geheilt wird. Dabei erklärt die Philosophie ihrem Patienten zuerst die Nichtigkeit irdischer Güter und führt ihn dann zur Erkenntnis des wahren Guten, damit Boethius sein Schicksal letztlich ertragen lernt. Einerseits überführt die „Consolatio“ in ihrem Argumentationsgang die Bandbreite stoischer und neuplatonischer Themen und Motive ins Mittelalter, welche grundlegende Problemstellungen der christlichen Weltsicht einer Lösung annähern.

Dazu gehört zum Beispiel das Verhältnis von göttlicher Vorsehung und menschlicher Willensfreiheit, der Charakter des ‚Rades der Fortuna‘, erkenntnistheoretische Vorgänge oder die Antwort auf die Frage, warum die Tyrannen dieser Welt stets zum Scheitern verurteilt sind. Andererseits muss die antik-pagane Perspektive der „Consolatio“ im Mittelalter mit einigem Aufwand – zum Beispiel über Kommentare und Paratexte – für die zeitgenössischen Ansprüche aufbereitet werden, damit ihre Philosophie nicht mit dem christlichen Weltbild kollidiert. Wer im Mittelalter an den ethisch wertvollen ‚Kern‘ der „Consolatio“ gelangen und ihn christlich ‚verwertbar‘ machen wollte, der musste ihn sich also recht mühsam aneignen – das erklärt die kontinuierliche mittelalterliche Rezeption dieses philosophischen Referenztextes und gilt insbesondere für volkssprachige Übersetzungen, die zusätzlich noch sprachliche Verständnisansprüche bedienen mussten. In diesen Kontext gehört Konrad Humerys „Tröstung der Weisheit“.

Konrad Humery überführt also komplexe philosophische Themen eines gelehrten lateinischen Diskurses in die Volkssprache. Wer waren seine Adressaten?

Arne Schumacher: Humery hat seine Übersetzung in seiner Vorrede an ungebildete, lateinunkundige Laien adressiert, die im „Jammertal dieser Welt“ einiges an Druck und Leid ertragen müssten. Im Laufe der „Tröstung der Weisheit“ zeigt sich aber, dass sich das hohe inhaltliche und sprachliche Anspruchsniveau der Übersetzung nicht mit dem Ziel lebenspraktischen Trostes zur Deckung bringen lässt, wie es in der Vorrede formuliert ist.

Man muss hier also differenzieren: Die Übersetzung funktioniert nur bedingt als voraussetzungsloser Trosttext. Vielmehr sind Rezipienten zu denken, die zumindest rudimentär gebildet sind und mit der gegebenen literarischen Konfiguration der Übersetzung umgehen können. Schaut man sich die Provenienz der Überlieferungsträger der Übersetzung an, ergibt sich tatsächlich ein solches Rezeptionsumfeld. In einem Fall ist die „Tröstung der Weisheit“ im Umfeld städtischer Ratspolitik gelesen worden, zweimal in monastischen Kontexten – die dort vorfindlichen Rezipienten waren gebildet und literaturaffin und hatten die Voraussetzungen, auch den anspruchsvollen Passagen der Übersetzung folgen zu können.

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Übersetzen bedeutet immer zugleich auch Interpretieren und Deuten, Hinzufügen oder Weglassen. Ähnliches ist auch bei Humerys Übersetzung zu beobachten. Was hat Konrad Humery beabsichtigt und auf welche Themen hat er einen Schwerpunkt gelegt?

Arne Schumacher: Führt man sich den hohen intellektuellen Anspruch von Boethius’ „Consolatio“ vor Augen, kann man sich die Frage stellen: Warum ist die „Consolatio“ im Mittelalter überhaupt übersetzt worden, wenn der klar als gelehrt markierte Text aufgrund seiner philosophischen Ausrichtung in erster Linie diejenigen anspricht, die den Text auch in lateinischer Sprache hätten lesen können? Ich glaube, für Humery liegt ein Teil der Antwort – unbeachtet seiner topisch anmutenden Adressierung an ungebildete Trostbedürftige – darin, dass er die Leistungsfähigkeit der Volkssprache als Philosophie- und Wissenschaftssprache austestet.

Philosophie in der Volkssprache [...] betreiben

Zwar kann die gebildete Latinität des 15. Jahrhunderts mit der „Consolatio“ durchaus umgehen, dem volkssprachigen Diskurs fehlen aber die Voraussetzungen, um komplexe Begriffe wie zum Beispiel ‚imaginatio‘ oder ‚providentia‘ angemessen verständlich zu machen. Mit seiner zielkulturorientierten Art der Übersetzung, die viele Verständnishilfen gibt und philosophische Termini breit kontextualisiert, definiert Humery diese und andere Begriffe inklusive ihrer Verständnisvoraussetzungen in die Volkssprache hinein und entfaltet damit das philosophische Spektrum, dem sie entstammen, in einem neuen Verwendungszusammenhang. So ermöglicht Humery mit seiner Übersetzung das, was normalerweise dem Lateinischen vorbehalten ist: Philosophie in der Volkssprache zu betreiben und Sprache als gelehrtes Element der Theoriebildung zu nutzen.

Der Band enthält ausführliche Handschriftenbeschreibungen sowie eine Editionsprobe der „Tröstung der Weisheit“. Den Abschluss bilden farbige Abbildungen von verschiedenen überlieferten Handschriften des Werks. Können Sie den Leserinnen und Lesern etwas zur Editionsgeschichte und zum Erhalt des Originals von Humerys Übersetzung erzählen?

Arne Schumacher: Obwohl es eine inzwischen recht lange Forschungsgeschichte zu Humerys Übersetzung gibt, ist seine in drei Handschriften überlieferte „Tröstung der Weisheit“ bislang nicht kritisch ediert worden. Das liegt einerseits daran, dass die gute Übersetzungsqualität und die Konsequenzen von Humerys philosophischer Begriffsarbeit für die Volkssprache erst seit kurzem fokussiert werden. Es liegt aber vor allem auch daran, dass die textphilologischen Grundlagen der Übersetzung bislang nicht systematisch aufgearbeitet wurden. In meiner Untersuchung schenke ich diesem Aspekt deshalb besondere Beachtung.

Neben der Textqualität der drei Abschriften sowie der Überlieferungssituation ist ihre Paratextualität besonders wichtig. Denn erst wenn erkannt ist, wie das Verständnis der Übersetzung in ihren Überlieferungsträgern über ihre Paratexte gelenkt und semantisiert wird, kann man die zeitgenössische Wahrnehmung der „Tröstung der Weisheit“ rekonstruieren. Wie man Textualität und Paratextualität in einer Edition verbinden kann, zeigt die Editionsprobe.

Zum Abschluss eine etwas allgemeinere, persönliche Frage: Was macht es für Sie spannend, sich mit der Rezeptionsgeschichte einer mittelalterlichen Übersetzung eines spätantiken Werks zu beschäftigen?

Arne Schumacher: Folgt man Humerys Übersetzung, lässt sich beobachten, wie er sich und seinen Rezipienten einen Wissensbereich aneignet und erschließt, dessen Vorstellungen in der Zielkultur kaum vorhanden waren. Dass er dabei einen argumentativ stimmigen Text produziert, der den Gegenstand nicht banalisiert – das ist hohes übersetzerisches Niveau und deshalb begriffs- und wissensgeschichtlich relevant.

Konrad Humerys ‚Tröstung der Weisheit‘

Von Dr. Arne Schumacher

Der Mainzer Jurist und Diplomat Konrad Humery hat in den Jahren vor 1467 die „Consolatio Philosophiae“ des Boethius erstmals für ein breites Laienpublikum verdeutscht.
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dieser in drei Handschriften überlieferten deutschen Übersetzung. Sie weist nach, dass Humerys „Tröstung der Weisheit“ nicht nur lebenspraktischer Trosttext in der Volkssprache ist, sondern dass sie die philosophischen Implikationen des Ausgangstexts im Zuge einer anspruchsvollen, sprachlich-begrifflichen Annäherung ernst nimmt.

Dr. Arne Schumacher hat an der Ruhr-Universität Bochum Germanistik und Philosophie studiert. Er war dort von 2009 bis 2014 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Deutsche Literatur des hohen Mittelalters im europäischen Kontext und seit 2014 im DFG-Projekt 'Klassiker im Kontext. Zur Funktionsweise medialer Transferprozesse am Beispiel frühneuzeitlicher Klassikerverdeutschungen' angestellt. Arne Schumacher hat u.a. Beiträge zur volkssprachigen Antikenrezeption publiziert, mit der vorliegenden Untersuchung erfolgte die Promotion. Gegenwärtig arbeitet er für das Mercator Research Center Ruhr (MERCUR) als Projektmanager.


(ESV/Ln)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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